{"id":872939,"date":"2026-03-16T12:28:14","date_gmt":"2026-03-16T12:28:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/872939\/"},"modified":"2026-03-16T12:28:14","modified_gmt":"2026-03-16T12:28:14","slug":"leipziger-buchmesse-der-graeber-von-hendrik-otremba-das-ende-und-darueber-hinaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/872939\/","title":{"rendered":"Leipziger Buchmesse \u2013 \u00bbDer Gr\u00e4ber\u00ab von Hendrik Otremba; Das Ende und dar\u00fcber hinaus"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img319610\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/319610.jpeg\" alt=\"Schon 2026 eindrucksvoll: die Ruinen Berlins. Hier der Rest der Ringbahnbr\u00fccke der Stadtautobahn A100.\"\/><\/p>\n<p>Schon 2026 eindrucksvoll: die Ruinen Berlins. Hier der Rest der Ringbahnbr\u00fccke der Stadtautobahn A100.<\/p>\n<p>Foto: dpa<\/p>\n<p>Krieg und Faschismus haben Berlin zerst\u00f6rt und die Stadt in ein Ruinenmeer verwandelt. Aber es ist nicht 1945, sondern 2196. Von Tempelhof aus startet die letzte Raumf\u00e4hre zum Planeten Nektar\u2005II, wohin sich viele Menschen in den letzten Jahren gefl\u00fcchtet haben. Nur noch wenige Verlorene bleiben zur\u00fcck auf der von Krieg und Umwelthavarien gezeichneten Erde. Unter ihnen ist Oswalth Kerzenrauch, der durch das zerst\u00f6rte Berlin wandert, aber im Gegensatz zu allen anderen Menschen aus unbekannten Gr\u00fcnden nicht sterben kann und schon seit 250\u2005Jahren am Leben ist.<\/p>\n<p>\u00bbDer Gr\u00e4ber\u00ab, Hendrik Otrembas neuer Roman, sprengt g\u00e4ngige Genre-Konventionen und handelt von nichts weniger als vom Ende der menschlichen Zivilisation und fragt nach einer Perspektive jenseits des Anthropoz\u00e4ns. Trotzdem ist es durch und durch ein Berlin-Roman. Zusammen mit dem eigenwilligen Anti-Helden Oswalth Kerzenrauch, der schon zigfach ermordet wurde und trotzdem weiterlebt, kann der Leser durch diese Stadt der Zukunft laufen und spotlightartig ihre Geschichte der kommenden 200\u2005Jahre miterleben.<\/p>\n<p>Wenn er nicht gerade durch Neuk\u00f6lln l\u00e4uft oder anderswo durch Ruinen Berlins klettert, ist Kerzenrauch in einem Abbruchhaus in der Oranienstra\u00dfe zu finden. Dort wohnen auch andere \u00dcberlebende, die in zerschlissenes schwarzes Leder gekleidet Orgien feiern oder auch mal aus Spa\u00df ganze Wohnblocks hochjagen.<\/p>\n<p>Der Einzelg\u00e4nger Kerzenrauch l\u00e4sst sein langes Leben Revue passieren, das irgendwo in der Provinz begann kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dreh- und Angelpunkt seiner Erinnerungen ist seine Tochter Luzie, die er allein im Berlin des ausgehenden 20.\u2005Jahrhunderts gro\u00dfzieht und die sp\u00e4ter als alte Frau stirbt. Im 21.\u2005Jahrhundert eskalieren die gesellschaftlichen und politischen Verh\u00e4ltnisse, brachiale autorit\u00e4re Gewalt nimmt zu. Kerzenrauch landet irgendwann auch in einem Folterkeller, wird vermeintlich ermordet, kann aus einem Massengrab fl\u00fcchten und erlebt einen alles zerst\u00f6renden Krieg in Berlin.<\/p>\n<p>\u00bbDer Gr\u00e4ber\u00ab hei\u00dft auch ein Song <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1172114.gruppe-messer-hendrik-otremba-welten-sollen-aufeinanderprallen.html?sstr=otremba\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">auf dem ersten Soloalbum von Otremba<\/a>, der S\u00e4nger der Band Messer ist und au\u00dferdem bildender K\u00fcnstler. Sein Roman entfaltet seine enorme lyrische Kraft dadurch, dass vieles nur angedeutet wird.<\/p>\n<p>Das Besondere ist, dass Otremba keinen klassischen Science-Fiction-Mustern folgt. Wer da politisch gegen wen k\u00e4mpft, welche L\u00e4nder oder Fraktionen in alles zerst\u00f6renden Kriegen die Gesellschaften zerst\u00f6ren und massenhaft Menschen sterben lassen, wird nicht erz\u00e4hlt. Nur dass es passiert, das macht Otremba auf eine verst\u00f6rend direkte und vorstellbare Weise klar. Alles str\u00f6mt durch die Erinnerungen von Oswalth Kerzenrauch, in manchmal halbseitigen, vor sich hin m\u00e4andernden S\u00e4tzen, die aber einen enormen erz\u00e4hlerischen Sog entwickeln.<\/p>\n<p>In Tempelhof verabschiedet sich Oswalth von seiner \u00fcber 60-j\u00e4hrigen Geliebten, die nach Nektar\u2005II fliegen will. Er bleibt zur\u00fcck, kann die Erde nicht verlassen, muss manisch das Grab seiner Tochter besuchen und will weiter erfolgreich sein Geheimnis der Unsterblichkeit wahren. Dabei denkt er umherstreifend \u00fcber vergangene Jahrzehnte und Jahrhunderte nach, in denen er unter anderem als Terrorist gegen die Regierung k\u00e4mpfte, mehr schlecht als recht seine Tochter gro\u00dfzog, als Obdachloser in Berlin lebte und den erst schleichenden und dann immer schneller werdenden vielf\u00e4ltigen Verfall \u2013 wirtschaftlich, sozial und politisch \u2013 miterlebte.<\/p>\n<p>Nichts scheint sich auf dem Planeten, der langsam von einem gr\u00fcnlichen Moos \u00fcberwuchert wird, zu ver\u00e4ndern \u2013 bis zwei Besucher aus Nektar\u2005II auf der Erde landen. Einer ist der Dichter Shabbatz Krekov, der auch schon in Otrembas Roman \u00bbKachelbads Erbe\u00ab auftaucht. Der andere ist Canta Luna, eine der ersten extraterrestrischen Menschen von Nektar\u2005II. Sie wollen die Erde erkunden, die Ruinen kennenlernen, wissen, was von der Erde noch existiert. Oswalth f\u00fchrt sie herum, teilt mit ihnen Sehns\u00fcchte, Verlust und Schmerz.<\/p>\n<p>Der Dichter Krekov wird eine Art Anf\u00fchrer einer anarchisch-postapokalyptischen Gemeinde, die marodierend durch die Ruinen zieht. Mit Canta Luna beginnt der 250\u2005Jahre alte Oswalth Kerzenrauch eine romantische Liebesbeziehung. Soll er den Planeten doch verlassen und sich in eine Kryokammer legen, um Lichtjahre entfernt ein neues Leben zu beginnen? Oder wird er irgendwann der letzte Mensch auf einer zerst\u00f6rten Erde sein, wenn alle anderen l\u00e4ngst gestorben sind und die Sonne kollabiert?<\/p>\n<p>Da die Gewalt auf der Erde nie abrei\u00dft, ist auch die Liebe von Kerzenrauch und Canta Luna in Gefahr. Sie fliehen gemeinsam auf ein Raumschiff, um ganz am Ende eine verbl\u00fcffende Entdeckung zu machen. Auch wenn dieser dystopische Roman ungemein d\u00fcster ist, rei\u00dft er mit erz\u00e4hlerischer Wucht hinter der Finsternis einen utopischen Horizont auf. Gro\u00dfartig!<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Hendrik Otremba: Der Gr\u00e4ber. M\u00e4rz-Verlag, 280\u2005S., geb., 24\u2005\u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Schon 2026 eindrucksvoll: die Ruinen Berlins. Hier der Rest der Ringbahnbr\u00fccke der Stadtautobahn A100. 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