{"id":873223,"date":"2026-03-16T15:06:15","date_gmt":"2026-03-16T15:06:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/873223\/"},"modified":"2026-03-16T15:06:15","modified_gmt":"2026-03-16T15:06:15","slug":"gedenktag-so-feiert-der-norden-siegfried-lenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/873223\/","title":{"rendered":"Gedenktag: So feiert der Norden Siegfried Lenz"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die Deutschstunde\u201c, Lenz erfolgreichstes Werk, erschien 1968 rechtzeitig zur Studentenrevolte: eine Auseinandersetzung der Flak-Generation mit dem Nationalsozialismus. Der Roman um einen Mitl\u00e4ufer des Nazi-Regimes stand monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. Seinen Autor Siegfried Lenz, geboren vor 100 Jahren, machte es international bekannt.<\/p>\n<p>1955 erschien \u201eSo z\u00e4rtlich war Suleyken\u201c<\/p>\n<p>In \u201eDeutschstunde\u201c setzt der diensteifrige Polizist Jepsen das NS-Malverbot gegen seinen Freund durch, den Maler Nansen: Es geht um Pflichtbewusstsein und dessen nationalsozialistische Perversion. Nansen war dem Expressionisten Emil Nolde nachempfunden und erst lange nach Erscheinen des Romans wurde bekannt, dass der wahre Nolde kein aufrechter Individualist und Faschismus-Kritiker war wie Nansen im Roman, sondern Nationalsozialist, Antisemit und Bewunderer Adolf Hitlers, obwohl die Nazis ihn als \u201eentarteten K\u00fcnstler\u201c verboten.<\/p>\n<p>Siegfried Lenz (1926-2014) z\u00e4hlt zu den wichtigsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Bereits 1955 hatte er einen erfolgreichen Erz\u00e4hlband ver\u00f6ffentlicht: Mit \u201eSo z\u00e4rtlich war Suleyken\u201c setzte er den Fischern und Holzfl\u00f6\u00dfern, Handwerkern und Bauern seiner masurischen Heimat ein liebevoll-ironisches Denkmal. Sein Werk umfasst Romane, Kurzgeschichten, Erz\u00e4hlungen, H\u00f6rspiele, Essays, Reden und Theaterst\u00fccke.<\/p>\n<p>Nach Kriegsende lebte Lenz in Bargteheide<\/p>\n<p>In Lyck, dem heutigen E\u0142k, wurde er am 17. M\u00e4rz 1926 als Sohn eines Zollbeamten geboren. Sein Vater starb fr\u00fch, seine Mutter zog weg und \u00fcberlie\u00df ihn der Gro\u00dfmutter. Seine \u201ezweite Familie\u201c wurde das nationalsozialistische \u201eDeutsche Jungvolk\u201c. Unter seinen Mitsch\u00fclern war er auch unter dem Spitznamen \u201eSeemann\u201c bekannt. Lenz liebte das Wasser.\u00a0<\/p>\n<p>Nach dem Notabitur 1943 meldete sich Lenz freiwillig bei der Kriegsmarine. Am 20. April 1944 wurde er in die NSDAP aufgenommen, am 2. Mai ging er an Bord. Sp\u00e4ter nach D\u00e4nemark abkommandiert, desertierte er kurz vor Kriegsende und kam in britische Kriegsgefangenschaft. Diese letzten Kriegstage verarbeitete er sp\u00e4ter in der Erz\u00e4hlung \u201eEin Kriegsende\u201c.<\/p>\n<p>Ehrenb\u00fcrger Hamburgs und Schleswig-Holsteins<\/p>\n<p>Aus britischen Zeitungen erfuhr Lenz von den Gr\u00e4ueltaten der Nationalsozialisten. Nach dem Krieg lebte Lenz von 1946 bis 1949 in Bargteheide in Schleswig-Holstein. 1947 schrieb er sich an der Hamburger Universit\u00e4t f\u00fcr ein Studium der Anglistik, Philosophie und Literaturwissenschaft ein, brach es aber ab und ging 1948 als Volont\u00e4r zur Tageszeitung \u201eDie Welt\u201c in Hamburg, zog in die Hansestadt. Bei der \u201eWelt\u201c lernte er seine sp\u00e4tere Ehefrau Liselotte kennen, mit der er 56 Jahre lang bis zu ihrem Tod verheiratet war.\u00a0<\/p>\n<p>Lenz war Ehrenb\u00fcrger Hamburgs und Schleswig-Holsteins. Deshalb wird das Jubil\u00e4um seines 100. Geburtstags noch bis Ende M\u00e4rz mit vielen Veranstaltungen gefeiert. Am 17. M\u00e4rz, dem Geburtstag selbst, findet vom Friedhof Gro\u00df Flottbek aus eine 13 Kilometer lange Wanderung vom Grab \u00fcber das letzte Wohnhaus des Autors (erster Abschnitt: 7 Kilometer) bis an die Elbe zu Orten aus dem Roman \u201eDer Mann im Strom\u201c statt. Treffpunkt ist um 10.30 Uhr die Bushaltestelle Flottbeker Drift (Teilnahme: sechs Euro).<\/p>\n<p>Mit dem Maler Oskar Kokoschka befreundet<\/p>\n<p>Am Geburtstag des Ehrenb\u00fcrgers von Hamburg und der polnischen Stadt E\u0142k findet auch die Vernissage einer deutsch-polnischen Ausstellung \u00fcber den Autor statt, die das Historische Museum in E\u0142k\u200a erstellt hat. Gezeigt wird sie in der Galerie der Alfred-Toepfer-Stiftung \u00a0(Georgsplatz 10). Zur Er\u00f6ffnung werden G\u00e4ste aus Polen erwartet. Die Schau beleuchtet in Schrift und Bild verschiedene Aspekte des Lenz\u2019schen Lebens und Werkes (Eintritt frei, Anmeldung: meyer@toepfer-stiftung.de).<\/p>\n<p>Einen Tag sp\u00e4ter wird eine zweite Ausstellung, \u201eLenz im Bild\u201c in der Freien Akademie der K\u00fcnste in Hamburg er\u00f6ffnet. Siegfried Lenz und der Maler Oskar Kokoschka waren einander freundschaftlich wie k\u00fcnstlerisch verbunden. Kokoschka illustrierte Lenz\u2019 Erz\u00e4hlung \u201eEinstein \u00fcberquerte die Elbe bei Hamburg\u201c, Lenz er\u00f6ffnete eine Ausstellung anl\u00e4sslich von Kokoschkas 90.\u2006Geburtstag. Kennengelernt haben sie sich durch Heinz Spielmann \u2013 Kunsthistoriker, Kurator und ehemaliger Museumsdirektor. Zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung \u201eLenz im Bild\u201c erinnert er sich an Begegnungen der beiden Akademiemitglieder. (Reservierung www.fadk.de).\u00a0<\/p>\n<p>\u201eDer \u00dcberl\u00e4ufer\u201c im Altonaer Theater<\/p>\n<p>Ebenfalls in der Freien Akademie wird durch das Mobile Kino unter dem Titel \u201eFlexibles Flimmern\u201c am 24. und 25. M\u00e4rz die Kinoverfilmung der \u201eDeutschstunde\u201c von Christian Schwochow von 2019 gezeigt (jeweils 18.30 Uhr, 14 Euro, Reservierung unter: newsletter@flexiblesflimmern.de). Der Film l\u00e4uft dar\u00fcber hinaus am 22. M\u00e4rz im Studio Filmtheater am Dreiecksplatz in Kiel. Weitere Veranstaltungen bis Ende M\u00e4rz befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten des Lebens von Siegfried Lenz (www.hamburgliest.de).\u00a0<\/p>\n<p>In Schleswig-Holstein gibt es am 17. M\u00e4rz die \u201eDeutschstunde\u201c als Theaterst\u00fcck im Stadttheater Rendsburg (18 Uhr). \u201eDer \u00dcberlaufer\u201c von Siegfried Lenz feiert als Theaterst\u00fcck am 15. M\u00e4rz an den Hamburger Kammerspielen seine Premiere und wird dort im Rahmen der seit 2014 laufenden Reihe \u201eLenz auf die B\u00fchne\u201c bis zum 25. April gezeigt. Einen besonderen Lenz-Abend gibt es zudem am 28. M\u00e4rz im Altonaer Theater. Dort lesen die Schauspieler Kristian Bader, Hans L\u00f6w, Bjarne M\u00e4del, Anna Sch\u00e4fer und Catrin Striebeck unter der \u00dcberschrift \u201eDeutschstunde. Ein Tag. Ein Roman\u201c von 14 bis 22.15 Uhr aus dem bekanntesten Werk.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eNicht schlecht\u201c kommentierte Thomas Mann<\/p>\n<p>Am 18. M\u00e4rz ehrt Jan Christophersen Lenz mit einer Lesung im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel. Der Abend wird am Folgetag im Hans-Christiansen-Haus in Flensburg wiederholt. Feridun Zaimoglu liest \u201eseinen Lenz\u201c am 19. M\u00e4rz im Storm-Haus in Husum (19.30 Uhr). Im ganzen Norden gibt es bis Ende M\u00e4rz eine ganze Reihe weiterer Veranstaltungen (www.literaturhaus-sh.de\/programm\/Lenz100.html).<\/p>\n<p>Sein erster Roman \u201eEs waren Habichte in der Luft\u201c erschien 1951, und trug ihm den Kommentar \u201eNicht schlecht\u201c von Thomas Mann ein. Im Roman erz\u00e4hlte Lenz von der erfolglosen Flucht eines russischen Lehrers vor dem aufkommenden Kommunismus 1918 nach Finnland. 1952 stie\u00df Lenz zur \u201eGruppe 47\u201c, der Vereinigung renommierter gesellschaftskritischer Nachkriegs-Autoren.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzer von Willy Brandt<\/p>\n<p>Trotz seines Welterfolgs mit der \u201eDeutschstunde\u201c hielt Lenz seinen Roman \u201eDas Heimatmuseum\u201c f\u00fcr sein wichtigstes Buch. Darin erz\u00e4hlt er von einem masurischen Landsmann, der sich gegen den Missbrauch des \u201eHeimat\u201c-Begriffs wehrt, indem er das von ihm selbst erbaute Museum zerst\u00f6rt. Diese Abrechnung mit NS-Gauleiter Erich Koch und dessen versp\u00e4teter R\u00e4umung Ostpreu\u00dfens im Zweiten Weltkrieg erschien erst 1978.<\/p>\n<p>Da war der Autor l\u00e4ngst eine \u00f6ffentliche Person. Schon bei den Bundestagswahlen 1965 trat er als Redner f\u00fcr die Sozialdemokraten auf. 1970 begleiteten der Masure Lenz und der Danziger G\u00fcnter Grass Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags nach Polen. Beide Schriftsteller hatten sich erfolgreich f\u00fcr eine Verst\u00e4ndigung mit den sozialistischen Staaten Osteuropas und f\u00fcr eine Auss\u00f6hnung mit Polen eingesetzt.<\/p>\n<p>Friedenspreis- und Goethepreistr\u00e4ger<\/p>\n<p>Als Autor hatte Lenz nach eigenen Worten \u201eeinen Pakt mit dem Leser\u201c geschlossen. Er galt zwar als traditioneller Erz\u00e4hler mit wohlkalkulierter Spannung, doch experimentierte er auch. 1988 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, 1999 mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Lenz glaubte immer an die humanisierende Kraft der Literatur. Seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Autor war er sich bewusst, wie seine Essays unter dem Titel \u201eElfenbeinturm und Barrikade\u201c belegen. \u00a0Typisch f\u00fcr ihn seien \u201edie W\u00e4rme, das Menschenfreundliche\u201c, charakterisiert ihn der Literaturkritiker J\u00f6rg Magenau.<\/p>\n<p>\u201eOmbudsmann des menschlichen Anstands\u201c<\/p>\n<p>Am 7. Oktober 2014 ist Lenz in Hamburg gestorben. Bei der \u00f6ffentlichen Trauerfeier im Michel nannte ihn sein Freund Helmut Schmidt (SPD), einen \u201eOmbudsmann des menschlichen Anstandes\u201c. \u201eBeide waren Herzens-Hanseaten\u201c, sagt Magenau. \u201eLenz bewunderte die Verantwortlichkeit des Politikers, Schmidt bewunderte umgekehrt die Fantasie des Schriftstellers.\u201c<\/p>\n<p>Mit Material von Claudia Sch\u00fclke\/dpa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Deutschstunde\u201c, Lenz erfolgreichstes Werk, erschien 1968 rechtzeitig zur Studentenrevolte: eine Auseinandersetzung der Flak-Generation mit dem Nationalsozialismus. 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