{"id":875668,"date":"2026-03-17T14:17:13","date_gmt":"2026-03-17T14:17:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/875668\/"},"modified":"2026-03-17T14:17:13","modified_gmt":"2026-03-17T14:17:13","slug":"ich-glaube-so-viel-ist-gar-nicht-in-die-gruetze-gegangen-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/875668\/","title":{"rendered":"\u00bbIch glaube, so viel ist gar nicht in die Gr\u00fctze gegangen\u00ab \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>\u200bDer G\u00f6rlitzer Autor Lukas Rietzschel geh\u00f6rt zu den wichtigsten Stimmen deutscher Gegenwartsliteratur. Sein soeben erschienener dritter Roman \u00bbSanditz\u00ab spielt wie schon die beiden vorigen (\u00bbMit der Faust in die Welt schlagen\u00ab, \u00bbRaumfahrer\u00ab) in Rietzschels Lausitzer Heimat. Mehr noch als in den beiden Vorg\u00e4ngertexten lotet der Autor in \u00bbSanditz\u00ab mit seinen Figuren aus, wie Geschichte in der Gegenwart fortwirkt. Faulkners ber\u00fchmtes Diktum \u00bbDas Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen.\u00ab schwebt als Geist durch die Seiten. Vor dem Hintergrund der Leipziger Buchmesse hat der kreuzer mit Rietzschel \u00fcber seinen neuen Roman, aber auch den Zustand unserer Gegenwart gesprochen.\u200b<\/p>\n<p><strong>\u00bbErstaunlich, dass man so weit oben stehen und dennoch nichts erkennen kann.\u00ab\u00a0<\/strong><strong>Der erste Satz Ihres neuen Romans fasst ein Lebensgef\u00fchl zusammen. Wir sind weit gekommen, erleben atemberaubenden technischen Fortschritt. Warum <\/strong><strong>scheint trotzdem gerade jetzt so vieles in die Gr\u00fctze zu rutschen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube, so viel ist gar nicht in die Gr\u00fctze gegangen. Dieses europ\u00e4ische Projekt, die Friedenssicherung. Wenn man die Vollinvasion der Ukraine einmal ausklammert, ist es ein absolutes Novum in der Menschheitsgeschichte, dass in weiten Teilen Europas ganze Generationen ohne Krieg aufgewachsen sind. Das war nicht selbstverst\u00e4ndlich. Wenn ich an meine Eltern denke: deren Eltern und Gro\u00dfeltern haben Krieg nicht einfach mitbekommen, sondern haben ihn durchlebt. Klar, es dauert alles viel zu lange. Dass wir das mit dem Klimawandel nicht hinkriegen. Die schreiende Ungerechtigkeit, dass es Menschen gibt, die absurd viel Geld haben \u2013 und f\u00fcr andere reicht es nicht zum \u00dcberleben. Ich bin eigentlich gar kein Zweckoptimist. So wie ich jetzt klinge \u2013 das sage ich mir viel zu selten selbst. Aber die absolute Armut nimmt ab. Kriegerische Konflikte werden weniger. Da wird etwas besser \u2013 aber in so kleinen Schritten, dass wir es in unserem kleinen Menschenleben nicht immer \u00fcberblicken k\u00f6nnen. F\u00fcr uns ist die Gegenwart immer die anstrengendste und schlimmste \u00fcberhaupt. Wenn man mit Historikern spricht, dann sagen die einem: Gegenwart war immer herausfordernd. Ich glaube, dass es im Kern darum geht, eine Resilienz zu entwickeln und eine Haltung zu bewahren, die einen nicht \u00fcbermannt. Das ist ja auch in meinem Roman so. Viele Figuren darin sind unter die R\u00e4der gekommen. Aber sie versuchen, ihre Gegenwart zu bew\u00e4ltigen. Wie sie es tun, sind nicht meine Schl\u00fcsse, auch nicht wie ich denke, dass man es tun sollte. Aber irgendeine Form zu w\u00e4hlen ist schon mal besser, als gar nichts zu tun. Mir ist sympathisch, wenn jemand nicht resigniert. Ich finde Stillstand sehr viel beunruhigender. <\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00bbIch finde, Kritik beginnt beim System\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong><br \/>Bei Ihnen selbst geht es temporeich zu: Auf die Urauff\u00fchrung Ihrer Tschechow-\u00dcberschreibung Girschkarten folgte ein Villa-Baldi-Stipendium in Italien; jetzt die Roman-Ver\u00f6ffentlichung. Trotzdem haben Sie das vergangene Jahr f\u00fcr sich als schrecklich bezeichnet. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin wahnsinnig konsterniert von vielen gesellschaftlichen Debatten. Vieles wird zu absolut, zu leichtfertig daher gesagt. Dieses permanente Reden von \u00bbSpaltung\u00ab ist intellektuell unterfordernd und ohne neue Impulse. Mein Eindruck ist: Das wird als Selbstvergewisserung daher gesagt. Demokratiegef\u00e4hrdend und polarisiert \u2013 das sind immer die anderen. Man selbst ist nie Teil davon. Auf der anderen Seite ersch\u00f6pft mich, dass das so oft mit dem Osten verkn\u00fcpft ist. <br \/>Mich st\u00f6rt, dass diese Diskussion beim Individuum ansetzt. Nat\u00fcrlich tragen Individuen Verantwortung. Aber das eigentliche Problem ist doch, wie unsere Demokratien funktionieren, wie auch unser Wirtschaftssystem funktioniert. Im Kern st\u00f6rt mich, dass wir die Individuen pathologisieren, und immer fragen: \u00bbWo dr\u00fcckt denn der Schuh?\u00ab. Aber die grunds\u00e4tzlichen Schiefst\u00e4nde und Regressionen \u2013 die fallen dann unter den Tisch. Das kann ich nicht akzeptieren. Das ist mir zuwider. Ich finde, Kritik beginnt beim System, bei der Organisation und auch bei diesem Staat, bei seinem Wirtschaftssystem, und nicht in erster Linie unten. Das erscheint mir ungerecht. <\/p>\n<p><strong><br \/>Sie haben k\u00fcrzlich eine sp\u00f6ttische Bemerkung \u00fcber den deutschen Familien- und Gesellschaftsroman gemacht \u2013 und legen jetzt selbst einen vor.<\/strong><\/p>\n<p><a name=\"_Hlk224553559\">\u00bbSanditz\u00ab\u00a0<\/a>ist f\u00fcr mich ein gro\u00dfer Versuch, zu kondensieren, was mich in den letzten Jahren besch\u00e4ftigt hat. Da war klar, es wird nicht reichen, das in einer Figur, in einem Erz\u00e4hlstrang zu erz\u00e4hlen. Es war mein Wunsch, \u00fcber mehrere Figuren zu erz\u00e4hlen und ganz viel abzubilden mit wechselnden Perspektiven und vielen kleinen Mini-Geschichten. Ich bin nun einmal im deutschsprachigen Raum literarisch sozialisiert. Und w\u00fcrde schon sagen, dass es hier einen gewissen Fetisch gibt, was diese Art von Literatur betrifft. Amerikanische Literatur ist da anders. Da stehen nicht immer so die Familien im Zentrum\u2026<\/p>\n<p><strong><br \/>Einspruch! John Steinbecks \u00bbFr\u00fcchte des Zorns\u00ab, auf den Sie als literarisches Vorbild verweisen, ist ein Familienroman. Und nicht der Einzige der US-Literaturgeschichte. <\/strong><\/p>\n<p>Stimmt. Aber das Individuum und seine Reise entdecke ich in der amerikanischen Literatur h\u00e4ufiger. Klar ist da immer auch eine Familie im Hintergrund. Ich muss den Gedanken anders formen. Die klassische Thomas-Mann-Buddenbrooks-Annahme lautet: Wenn wir diese Familie verstehen, verstehen wir die Gesellschaft im Kleinen. Dahinter steht die soziologisch-politische Ansicht, dass die Familie der kleinste gemeinsame Nenner der Gesellschaft ist. Und mit der Familie erz\u00e4hlen wir das Land und die Zeit, die sie durchlebt. Davon bin ich nicht frei. Mir gef\u00e4llt dieser Gedanke auch. Au\u00dferdem ist es wahnsinnig naheliegend, eine Familie zu beschreiben, weil wir alle aus einer kommen. In meinen Texten steckt nat\u00fcrlich viel, was ich kenne und erlebt habe. Ich komme auch aus einer christlich gepr\u00e4gten, protestantischen Familie. Mir sind diese Gemeinschaften sehr bekannt, das Hausmusische. Ich musste mir nicht wahnsinnig was abbrechen, um das erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Ich kann mich dar\u00fcber belustigen, dass sich der deutsche Literaturbetrieb an diesen Erz\u00e4hltraditionen abarbeitet \u2013 aber ich nehme mich da nicht aus. Mir fehlen die Fantasie und die Methodik, um das grunds\u00e4tzlich zu \u00e4ndern.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00bbWenn wir alle nur noch auf uns gestellt sind \u2013 was bleibt dann?\u00ab<\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong><br \/>In \u00bbSanditz\u00ab spiegelt sich, wie die protestantische Tradition die Besch\u00e4digungen der Gesellschaft durch Diktatur abgemildert hat. Was l\u00f6st das aus, wenn Kirche und andere gewachsene Strukturen heute vor unseren Augen zerbr\u00f6seln? <\/strong><\/p>\n<p>Mich beunruhigt das. Und weil es mich so besch\u00e4ftigt, wollte ich es durchdringen in einer Geschichte. Dem Liberalismus kann ich grunds\u00e4tzlich\u00a0nichts Negatives abgewinnen. Es geht um Befreiung von allen Zw\u00e4ngen, kritisches Hinterfragen von Instanzen, das Individuum steht im Zentrum\u2026 Aber wenn das Individuum sich von allem befreit hat, von Herkunft, Ideologie, Religion, von Klassen-, und sogar von Geschlechtszugeh\u00f6rigkeiten, wenn alles aufgel\u00f6st ist \u2013 steht das Individuum ein bisschen allein da, losgel\u00f6st, vereinzelt, einsam. <br \/>Im Roman ist Tom die Figur, bei der ich mich mit dieser Beobachtung besch\u00e4ftigt hat. Dagegen steht Roland, der eine Generation \u00e4lter ist. Die beiden kommen zu gegenl\u00e4ufigen Erkenntnissen. Roland hat verstanden: Das Ich ist das Zentrum von allem. Das Ich von all diesen Ideologien des 20. Jahrhunderts zu befreien \u2013 das ist das Einzige, was man tun kann. Wenn das einzelne gesch\u00fctzt wird, ist jeder gesch\u00fctzt. Was ich bei Roland beobachte, ist die Auseinandersetzung des Ichs mit dem Kollektiv \u2013 und die Losl\u00f6sung des Ichs aus dem Kollektiv. Das kann man auf die Kirche \u00fcbertragen, auf Parteien, Gewerkschaften. Bei Tom ist es genau umgekehrt. Er erlebt die Losl\u00f6sung des Ichs aus dem Kollektiv und sucht eigentlich schon wieder nach einem. Tom hat den kritischen Punkt des Liberalismus verstanden \u2013 und sieht am Ende des Tunnels eine Frage, die die Corona-Pandemie bei ihm noch verst\u00e4rkt: Wenn wir alle nur noch auf uns gestellt sind \u2013 was bleibt dann? Wenn nicht mal meine Familie mich noch h\u00e4lt \u2013 was folgt darauf? Bei ihm entdecke ich die Sehnsucht nach einem Kollektiv, Zugeh\u00f6rigkeit, nach irgendeiner Art von Wertma\u00dfstab. Ob das dann die Kirche ist, oder wenigstens noch das K\u00e4mpfen f\u00fcr eine Idee, in seinem Fall f\u00fcr Selbstverteidigung, gegen eine schreiende Ungerechtigkeit eines Aggressors: Das ist Tom f\u00fcr mich. Und diese beiden Figuren mit ihren gegenl\u00e4ufigen Ideen von Politisierung haben mich \u00fcberhaupt bewogen, diesen Text zu schreiben. <\/p>\n<p><strong><br \/>\u00bbSanditz\u00ab bekommt am Ende einen \u00fcberraschenden, m\u00e4rchenhaften Zug. Einer der Protagonisten findet das Gl\u00fcck \u2013 ganz pl\u00f6tzlich und v\u00f6llig unerwartet.<\/strong><\/p>\n<p>Das M\u00e4rchenhafte am Ende hat auch mit dem Anfang zu tun, der auch eine Legende aufgreift. Am Ende h\u00e4tte auch eine Geschichte stehen k\u00f6nnen von einem, der alles Schei\u00dfe findet und AfD w\u00e4hlt. Aber darauf hatte ich einfach keine Lust. Ich wollte auch einfach eine sch\u00f6ne Geschichte schreiben. Die Figur des Dirk sieht: Ich kann meine Umgebung ver\u00e4ndern, und mich selbst auch. Man kann ein sch\u00f6nes Leben f\u00fchren \u2013 auch in einer beschissenen Zeit. Das geht. Das muss auch m\u00f6glich sein. Wunder geschehen. Dinge sind ver\u00e4nderbar, nichts ist zwangsl\u00e4ufig. Nichts muss so bleiben, wie es ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u200bDer G\u00f6rlitzer Autor Lukas Rietzschel geh\u00f6rt zu den wichtigsten Stimmen deutscher Gegenwartsliteratur. 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