{"id":879278,"date":"2026-03-18T23:56:43","date_gmt":"2026-03-18T23:56:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/879278\/"},"modified":"2026-03-18T23:56:43","modified_gmt":"2026-03-18T23:56:43","slug":"pilotprojekt-in-dortmund-bodycams-in-notaufnahme-schutz-oder-risiko","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/879278\/","title":{"rendered":"Pilotprojekt in Dortmund: Bodycams in Notaufnahme &#8211; Schutz oder Risiko?"},"content":{"rendered":"<p>Dortmund (dpa) &#8211; Kleine Kamera, gro\u00dfe Hoffnung &#8211; doch wie gro\u00df kann die Wirkung sein? Angesichts t\u00e4glicher Beleidigungen und einer Zunahme gewaltt\u00e4tiger \u00dcbergriffe auf das Personal in Notaufnahmen tragen Mitarbeiter am Klinikum Dortmund nun Bodycams. Sie sollen hochkochende Konflikte mit Patienten und Wartenden m\u00f6glichst im Keim ersticken, so die Idee.<\/p>\n<p class=\"contextmenu caption\">Klinik sieht positive Effekte<\/p>\n<p>Nach ersten Erfahrungen in dem dreimonatigen Pilotprojekt sieht die Klinik bereits positive Effekte. Fachleute bef\u00fcrchten jedoch, dass der Einsatz der kleinen Kameras in einem so sensiblen Bereich wie der Notaufnahme auch Nebenwirkungen haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Seit rund einem Monat k\u00f6nnen Mitarbeiter in den vier Notaufnahmen des gro\u00dfen Klinikums die kleinen Kameras am Kittel tragen &#8211; und einschalten, wenn sich im Empfangsbereich Konflikte mit Wartenden oder Patienten erkennbar zuspitzen. W\u00e4hrend medizinischer Behandlungen oder in vertraulichen Gespr\u00e4chen bleiben sie aus. <\/p>\n<p>Die Kamera d\u00fcrfe zudem nur nach deutlicher Ank\u00fcndigung aktiviert werden, betont die Klinik. Zus\u00e4tzlich zu weiteren Sicherheitsma\u00dfnahmen &#8211; wie einem Sicherheitsdienst oder Deeskalationstrainings &#8211; wolle man damit den Besch\u00e4ftigten ein Mittel an die Hand geben, das im Idealfall deeskalierend wirke oder bei einem Konflikt zumindest Beweise sichern k\u00f6nne, sagt der Arbeitsdirektor des Klinikums Michael K\u00f6tzing. <\/p>\n<p class=\"contextmenu caption\">Es wird gebissen, geschlagen, getreten <\/p>\n<p>Laut einer Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft aus dem vergangenen Jahr berichten 66 Prozent der Krankenh\u00e4user von einer Zunahme der Gewalt &#8211; besonders betroffen sind demnach Notaufnahmen. Das Klinikum Dortmund ist da keine Ausnahme. <\/p>\n<p>Beleidigungen seien in der Notaufnahme an der Tagesordnung. \u201eDass gebissen, geschlagen und getreten wird\u201c, so K\u00f6tzing, komme so h\u00e4ufig vor, dass man es nicht ignorieren k\u00f6nne. Zwar benehme sich nur ein verschwindend geringer Teil der Patienten daneben, f\u00fcr diese F\u00e4lle brauche es aber ein wirksames Mittel der Pr\u00e4vention. <\/p>\n<p class=\"contextmenu caption\">Experte: Kamera wirkt auch auf Tr\u00e4ger <\/p>\n<p>Kriminologen, die sich mit der Wirkung von Bodycams befasst haben, f\u00fcrchten aber auch einige Nebenwirkungen: \u201eSich eine Bodycam an die Brust zu heften und zu glauben, das l\u00f6se Konflikte, wird nicht funktionieren\u201c, sagt Prof Dr. Stefan Kersting von Hochschule f\u00fcr Polizei und \u00f6ffentliche Verwaltung NRW. Er hat den Einsatz von Bodycams bei der nordrhein-westf\u00e4lischen Polizei untersucht.<\/p>\n<p>Dabei wurde beobachtet, dass Polizisten und Polizistinnen mit Bodycams sogar h\u00e4ufiger t\u00e4tlich angegriffen wurden als ihre Kollegen ohne Kamera. \u201eDie Kamera wirkt nicht nur auf das polizeiliche Gegen\u00fcber, sie wirkt auch auf den Tr\u00e4ger der Bodycam\u201c, sagt Kersting. <\/p>\n<p class=\"contextmenu caption\">Deeskalierend &#8211; oder sogar provozierend? <\/p>\n<p>So habe sich gezeigt, dass die Polizeikr\u00e4fte nach dem Einschalten der Kameras h\u00e4ufig in eine \u201eformale Verwaltungssprache\u201c verfielen, statt ihren Ton und ihre Ausdrucksweise an die Situation und den Adressaten anzupassen &#8211; und damit Gewalt gegen sie eher h\u00e4ufiger wurde. Damit die Bodycam wirklich ihr Deeskalationspotential entfalte, brauche es eine enge kommunikative Begleitung, betont Kersting daher. <\/p>\n<p>Dem Einsatz in der Notaufnahme steht er skeptisch gegen\u00fcber: Dorthin k\u00e4men die Menschen, wenn es ihnen schlecht gehe &#8211; k\u00f6rperlich, seelisch oder beides. \u201eUnd dann ist da diese Kamera im Spiel. Das kann erst recht provozierend wirken, egal ob sie eingeschaltet ist oder nicht\u201c, f\u00fcrchtet er. Allein die Sichtbarkeit einer Kamera ver\u00e4ndere die Interaktion. Zu einer \u00e4hnlichen Einsch\u00e4tzung kam der Kriminologe auch bei dem geplanen <a href=\"https:\/\/www.die-glocke.de\/regionales\/artikel\/sicherheit-wann-bodycams-fuer-zugbegleiter-sinnvoll-sind-1772642407\" target=\"_blank\" class=\"contextmenu inlinelink\" idref=\"X0.3231627123297479\" rel=\"nofollow noopener\">Bodycam-Einsatz f\u00fcr Zugpersonal<\/a>.<\/p>\n<p class=\"contextmenu caption\">Studienlage uneindeutig <\/p>\n<p>Auch die Kriminologen und Soziologen Simon Egbert und Jasper Janssen von der Fakult\u00e4t f\u00fcr Soziologie der Universit\u00e4t Bielefeld, die seit mehreren Jahren zu Bodycams bei der Polizei forschen, weisen auf die uneindeutige Studienlage zur Pr\u00e4ventionswirkung der Bodycams hin: W\u00e4hrend einzelne Studien durchaus Deeskalationspotential feststellten, gebe es auch Befunde, die auf das Gegenteil hindeuteten, so Janssen. \u201eRelativ sicher k\u00f6nnen wir festhalten, dass der Pr\u00e4ventionseffekt, wenn \u00fcberhaupt, nur dort existiert, wo die Personen eine gewisse rationale Klarheit mitbringen\u201c, fasst Janssen den Forschungsstand zusammen. <\/p>\n<p>In der Notaufnahme, so bef\u00fcrchten auch die Bielefelder Forscher, drohen die Kameras die Kommunikation dagegen eher zu belasten: \u201eDie Kamera ist ja auch ein Symbol f\u00fcr grunds\u00e4tzliches Misstrauen\u201c, sagt Egbert. \u201eDas Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen Patient und medizinischem Personal wird dann gest\u00f6rt oder l\u00e4sst sich gar nicht erst aufbauen.\u201c<\/p>\n<p class=\"contextmenu caption\">Bodycam greift nicht an Wurzel <\/p>\n<p>Das Klinikpersonal vor Gewalt zu sch\u00fctzen sei fraglos ein wichtiges Anliegen, aber: \u201eDie zugrunde liegenden Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Zunahme der Gewalt geht man dann nicht an\u201c, kritisiert er. Die l\u00e4gen wom\u00f6glich tiefer. \u201eAber lange Wartezeiten oder Beschaffungskriminalit\u00e4t im Umfeld einer Notaufnahme bek\u00e4mpfen Sie nicht mit einer Bodycam.\u201c Stattdessen drohe eine \u201eNormalisierung von Kameras in immer mehr R\u00e4umen\u201c, f\u00fcgt sein Kollege Janssen hinzu. <\/p>\n<p>In den Notaufnahmen des Dortmunder Klinikums weisen die Verantwortlichen aber auf erste gute Erfahrungen hin: Es habe in den ersten Wochen der insgesamt dreimonatigen Testphase bereits mehrere Anl\u00e4sse gegeben, in denen die blo\u00dfe Ank\u00fcndigung, die kleine Kamera am Kittel anzuschalten, beim Beruhigen einer sich hochkochenden Situation geholfen habe, schildert Thorsten Stohmann, Leiter der Zentralen Notaufnahme. Auch berichten Kollegen, dass sie sich durch die Kamera sicherer f\u00fchlten. <\/p>\n<p class=\"contextmenu caption\">Gro\u00dfes Interesse an Dortmunder Projekt <\/p>\n<p>Eine Verunsicherung bei der \u00fcberwiegend friedlichen und herzlichen Klientel in den Notaufnahmen sei auch nicht zu sp\u00fcren, betonen den die Klinikverantwortlichen. Schlie\u00dflich seien die Kameras zum einen standardm\u00e4\u00dfig ausgeschaltet, der Umgang mit etwaigen Aufnahmen unterliegt strengen Datenschutzregeln. Er erlebe stattdessen ein \u201eunfassbar hohes Verst\u00e4ndnis auf Seiten der Patientinnen und Patienten\u201c, schildert Stohmann. <\/p>\n<p>Arbeitsdirektor K\u00f6tzing glaubt ebenfalls an den Erfolg des Projektes: Fest stehe schon jetzt, dass es einen Nerv getroffen habe. \u201eIch kann mich nicht retten vor Anfragen\u201c, sagt er. Viele Krankenh\u00e4user warteten nach seiner Einsch\u00e4tzung nur auf die Erkenntnisse aus dem Dortmunder Projekt. <\/p>\n<p>Texte und Fotos von die-glocke.de sind urheberrechtlich gesch\u00fctzt.<br \/>\n            Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dortmund (dpa) &#8211; Kleine Kamera, gro\u00dfe Hoffnung &#8211; doch wie gro\u00df kann die Wirkung sein? 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