{"id":880801,"date":"2026-03-19T14:26:23","date_gmt":"2026-03-19T14:26:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/880801\/"},"modified":"2026-03-19T14:26:23","modified_gmt":"2026-03-19T14:26:23","slug":"mannheimer-liedertafel-chorsingen-ist-balsam-fuer-die-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/880801\/","title":{"rendered":"Mannheimer Liedertafel: Chorsingen ist Balsam f\u00fcr die Seele"},"content":{"rendered":"<p>Gemeinschaftliches Singen ist eine Medizin ohne Nebenwirkungen. Das Wundermittel wird mittlerweile auch all jenen angeboten, die sich nicht an einen Chor binden wollen.<\/p>\n<p>Da stehen 30 Erwachsene im Kreis und g\u00e4hnen \u2013 freiwillig. Frauen, M\u00e4nner, J\u00fcngere, \u00c4ltere in Jeans, Sweatshirts oder Strickpullis. Offiziell ist es eine Stimm\u00fcbung, inoffiziell der Feierabend-Start. Die Mannheimer Liedertafel l\u00e4dt einmal im Monat zum freien <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.marinechor-aus-aulendorf-rolling-home-von-den-weltmeeren-zurueck-nach-oberschwaben.00fd15d7-6b1f-40fb-9c46-4c005ce5d669.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Chorsingen<\/a> in ihr Stammhaus ein, das sie 1870 selbst in der Innenstadt erbaut hat und bis heute besitzt. Niemand muss Vereinsmitglied sein. <\/p>\n<p>\u201eWir wollen Leute ansprechen, die sich nicht an einen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Chor\" title=\"Chor\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Chor<\/a> binden wollen, aber trotzdem Lust am <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.der-stuttgarter-chorleiter-john-outland-die-sehnsucht-nach-applaus.a5b8fa94-c2d7-4693-80d5-6e99d83089b2.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">gemeinsamen Singen <\/a>haben\u201c, sagt der Initiator Justus Voget. Der 79-j\u00e4hrige pensionierte Gymnasiallehrer f\u00fcr Mathematik und Religion steht schon eine Stunde vor Beginn hinter der Theke, legt Laugengeb\u00e4ck auf die Teller und poliert die Sektgl\u00e4ser. Der Saal verspr\u00fcht mit seinen messingverzierten Deckenlampen und dem beigen Linoleumboden den rauen Charme der 1950er Jahre.<\/p>\n<p>\u201eJeder soll erleben, wie seine Stimme klingt\u201c <\/p>\n<p>Punkt 18 Uhr \u00fcbernimmt die Chorleiterin Magdalena Zgla, ihr Mann Marek Szendzielorz begleitet sie am Fl\u00fcgel. Jetzt hei\u00dft es Arme und Beine aussch\u00fctteln, Schultern lockern. Erst werden nur Silben intoniert, dann das Revolutionslied \u201eDie Gedanken sind frei\u201c. Die 27-j\u00e4hrige Magdalena Zgla erl\u00e4utert: \u201eWir wollen nicht nur irgendwelche T\u00f6ne \u00fcben, sondern jeder soll erleben, wie seine Stimme klingt, und den Rhythmus und die Gemeinschaft sp\u00fcren.\u201c Schiefe T\u00f6ne werden nicht bewertet, h\u00f6chstens mit einem freundlichen Grinsen honoriert. Alle sind hier willkommen, schlie\u00dflich ist <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Singen\" title=\"Singen\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Singen<\/a> kein Hobby wie T\u00f6pfern oder Nordic Walking. Es steckt in unseren Genen, weckt Emotionen und verbindet uns miteinander.<\/p>\n<p>Britta Bischoff, gr\u00fcner Pulli und grauer Pferdeschwanz, schwebt einem nach der Probe strahlend entgegen. \u201eSingen beseelt mich, ich kann gar nicht genau sagen, was es ist\u201c, erz\u00e4hlt die 63-J\u00e4hrige. Sie betreut ehrenamtlich ein paar \u00e4ltere Damen: \u201eDa hat es heute \u00c4rger gegeben und ich musste einfach Luft ablassen.\u201c Seit zwei Jahren ist Bischoff immer wieder hier. Sie sch\u00e4tzt es, dass man sich nicht an die Gruppe binden muss. <\/p>\n<p>Anita Wiegert, zierlich, dunkle schulterlange Haare und ebenfalls Teilnehmerin des freien Chorsingens, hat die stimmungsaufhellende Wirkung von Gesang w\u00e4hrend der Pandemie an sich selbst erlebt. Die 71-J\u00e4hrige, die fr\u00fcher als Sozialp\u00e4dagogin im Jugendamt gearbeitet hat, traf sich damals regelm\u00e4\u00dfig mit Freunden in einem Mannheimer Schrebergarten. Mit Guter-Laune-<a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Musik\" title=\"Musik\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Musik<\/a> wie dem Schlager \u201eUnd immer wieder geht die Sonne auf\u201c von Udo J\u00fcrgens oder \u201eWonderful World\u201c von Louis Armstrong haben sie gemeinsam ihre Sorgen vertrieben. <\/p>\n<p>\u201eIch bin mit einem negativen Gef\u00fchl dorthin gegangen, weil mich die ganze Situation so frustriert hat \u2013 und war gl\u00fccklich, als ich wegging\u201c, erinnert sie sich. Zu Hause hat sie dann die alten CDs mit den Songs herausgesucht und laut eingestimmt.<\/p>\n<p>Schon Babys experimentieren mit ihrer Stimme. Vom ersten Lebensjahr an versuchen Kleinkinder, einfache Melodien nachzuahmen, besonders wenn sie oft Lieder h\u00f6ren. Wer seine Stimmb\u00e4nder zum Schwingen bringt, aktiviert nichts anderes als seine angeborene musikalische Ausstattung. Gleichzeitig wirkt Musik wie eine Wellness-Kur von innen \u2013 ohne Bademantel und teure \u00d6le. Gl\u00fcckshormone fluten den K\u00f6rper, Herzschlag und Atem beruhigen sich, Muskelverspannungen l\u00f6sen sich. <\/p>\n<p>F\u00fcr Waltraud Schwarz ist Singen mehr als Wissenschaft: \u201eDie Stimme ist Ausdruck meiner Seele\u201c, sagt sie. Die Musiktherapeutin und Operns\u00e4ngerin aus Muggensturm bei Baden-Baden besch\u00e4ftigt sich schon ihr ganzes Leben damit. \u201eAls Kind habe ich aus purer Lebensfreude gesungen, aber auch wenn ich traurig war oder mich einsam gef\u00fchlt habe. Als Erwachsene fand ich im Chor Gemeinschaft. Meine Ausbildung zur S\u00e4ngerin hat mich zu meiner Pers\u00f6nlichkeit gemacht\u201c, erz\u00e4hlt sie am Telefon. <\/p>\n<p> Singen als Medizin? <\/p>\n<p>Ist gemeinschaftliches Singen eine Medizin ohne Nebenwirkungen gegen die digitale Vereinsamung und tr\u00fcbe Gedanken? \u201eMan ist dabei ganz im Hier und Jetzt und kann Lasten abwerfen\u201c, beschreibt Schwarz die Wirkungsweise. Und es liegt im Trend: Laut einer Studie des Deutschen Musikinformationszentrums von 2025 singen 16,3 Millionen Menschen in Deutschland oder spielen ein Instrument, zwei Millionen mehr als noch vor vier Jahren. Die Dunkelziffer der Dusch-Ten\u00f6re d\u00fcrfte weitaus h\u00f6her liegen. <\/p>\n<p>Vor allem Projektch\u00f6re und Mitsing-Events boomen, w\u00e4hrend die Traditionsvereine tendenziell schrumpfen. \u201eDie Sehnsucht nach Gemeinschaft, wie sie im Chorsingen erfahrbar wird, ist generell sehr gro\u00df. Gleichzeitig m\u00f6chten sich die Menschen weniger direkt und langfristig an Vereine und Strukturen binden\u201c, erkl\u00e4rt Nicole Eisinger, Sprecherin des Deutschen Chorverbands, die auf den ersten Blick widerspr\u00fcchliche Entwicklung. M\u00f6glicherweise ist die Gemeinschaft auf Zeit das neue Vereinsleben. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/media.media.0c90472c-9f76-4e79-be79-383d1fe29a7f.original1024.media.jpeg\"\/>     Die Mannheimer Chorleiterin Magdalena Zgla und ihr Mann Marek Szendzielorz, der sie am Fl\u00fcgel begleitet    Foto: Astrid M\u00f6slinger    <\/p>\n<p>Ob man den richtigen Ton trifft oder nicht, h\u00e4ngt nicht nur vom Geh\u00f6r ab, sondern auch von der \u00dcbung. Wer von klein auf Lieder tr\u00e4llert, ist erwiesenerma\u00dfen im Vorteil. Gehirnscans zeigen, wie au\u00dfer der Stimme auch die Nervenbahnen zwischen Stimmb\u00e4ndern und Geh\u00f6r trainiert werden \u2013 je \u00f6fter, desto besser sind sie vernetzt. Ein positiver Nebeneffekt: singfreudige Menschen h\u00f6ren feiner heraus, wie andere klingen \u2013 fr\u00f6hlich, w\u00fctend oder verunsichert. <\/p>\n<p>Auch Justus Voget von der Mannheimer Liedertafel landete nicht zuf\u00e4llig im Chor. Er stammt aus einem Pfarrhaus, in dem Musik eine gro\u00dfe Rolle gespielt hat. Das pr\u00e4gt ihn bis heute. \u201eIch habe immer Musik im Kopf. Schon als Jugendlicher hie\u00df es immer: Man h\u00f6rt dich schon drei Stra\u00dfen weiter pfeifen.\u201c<\/p>\n<p>Trotzdem: alle Menschen k\u00f6nnen singen. \u201eEs ist nur die Frage, wie wir es bewerten. Was finden wir sch\u00f6n, was nicht\u201c, sagt die Musiktherapeutin Schwarz. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchren schlechte Erfahrungen und Traumata zu Blockaden. Man traut sich dann nicht, einfach mal loszuschmettern. Manche Patienten glauben, so Schwarz, dass ihre Stimmb\u00e4nder nicht funktionieren oder anatomische Probleme bestehen. Doch meist lautet die Diagnose nur \u201eSinghemmung\u201c.<\/p>\n<p>\u201eIch hatte eine Altsaxophonistin, die keinen Ton richtig traf\u201c, berichtet sie von einem Fall aus ihrer Praxis. Bald stellte sich heraus, dass die Frau als Kind weder selbst gesungen hat, noch haben die Eltern ihr Wiegenlieder vorgesungen. Zwei Jahre lang dauerte es, bis sie lernte, die T\u00f6ne zu treffen und die Tonh\u00f6he zu halten. \u201eAuch ihre Pers\u00f6nlichkeit ist dadurch gereift\u201c, versichert Schwarz.<\/p>\n<p> Musik als Gl\u00fccksmoment \u2013 bis zum Schluss  <\/p>\n<p>Wie tief das musikalische Empfinden im Menschen verankert ist, erlebt die Therapeutin im Kontakt mit Schwerkranken. Sogar Alzheimer-Patienten, die nicht mehr wissen, wer sie sind und nicht mehr sprechen k\u00f6nnen, fallen Liedtexte ein, wenn man ihnen sie vorsingt. \u201eDas Ohr ist das erste Sinnesorgan, das sich \u00f6ffnet, und das letzte, das sich bei Sterbenden schlie\u00dft\u201c, ist Schwarz \u00fcberzeugt. Bei einer Wachkoma-Patientin habe sie anfangs nur get\u00f6nt, ganz ohne Text, und sp\u00e4ter eine kleine Melodie gesummt. \u201eIhr Atem wurde schneller, das Gesicht besser durchblutet\u201c, erinnert sie sich. Musik als Gl\u00fccksmoment \u2013 bis zum Schluss.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in den Mannheimer Musiksaal im dritten Stock: Die bunt zusammengew\u00fcrfelten Chors\u00e4nger intonieren inzwischen einen Kanon in mittlerer Konzertlautst\u00e4rke. Der Spa\u00df ist bis zu den hinteren Pl\u00e4tzen zu sp\u00fcren. Zum Schluss gibt Magdalena Zgla noch eine letzte Aufgabe: Pl\u00e4tze tauschen. Waren zuvor alle nach Stimmlage verteilt, stehen jetzt pl\u00f6tzlich Sopran neben Alt, Frauen neben M\u00e4nnern. \u201eIch m\u00f6chte damit noch einmal den Klang ver\u00e4ndern\u201c, sagt sie. In einem Chor formt und wandelt sich dieser bekanntlich st\u00e4ndig. Und wenn die einzelnen Stimmen dann zu einem Gesamtklang verschmelzen, entsteht ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, das positive Impulse freisetzt.<\/p>\n<p>Dieser Effekt ist auch in Mannheim sichtbar. Nach der Stunde bleibt die Gruppe eine ganze Weile zusammen, die Stimmung ist gel\u00f6st. \u201eManchmal sind die Leute nicht mehr zu bremsen\u201c, berichtet Justus Voget schmunzelnd. \u201eIn solchen Situationen sage ich ihnen: Nicht im Treppenhaus singen, sonst schimpfen die Mieter.\u201c <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gemeinschaftliches Singen ist eine Medizin ohne Nebenwirkungen. 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