{"id":882796,"date":"2026-03-20T09:59:13","date_gmt":"2026-03-20T09:59:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/882796\/"},"modified":"2026-03-20T09:59:13","modified_gmt":"2026-03-20T09:59:13","slug":"sighard-gille-aufbauen-und-krachen-lassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/882796\/","title":{"rendered":"Sighard Gille \u2013 Aufbauen und krachen lassen"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img319852\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/319852.jpeg\" alt=\"Auf der Leinwand sprechen Haltungen, Gesten und Physiognomien: Sighard Gille bei der Arbeit.\"\/><\/p>\n<p>Auf der Leinwand sprechen Haltungen, Gesten und Physiognomien: Sighard Gille bei der Arbeit.<\/p>\n<p>Foto: dpa\/ZB\/Waltraud Grubitzsch<\/p>\n<p>Alle besoffen, die ganze Brigade! Einer der Zecher tanzt auf dem Tisch, w\u00e4hrend eine leicht bekleidete Frau einem anderen um den Hals f\u00e4llt. Zu den gro\u00dfen Errungenschaften der sozialistisch-realistischen Malerei geh\u00f6rte, dass sie den arbeitenden Menschen nicht mehr als Opfer kapitalistischer Machtverh\u00e4ltnisse darstellte, sondern als Akteur der Geschichte. Einer, der mit Hammer, Schaufel oder Maurerkelle das Fundament einer neuen Gesellschaft errichtet.<\/p>\n<p>In den 1970er Jahren jedoch hat dieses Aufbruchspathos an Zugkraft verloren. Sighard Gille geh\u00f6rt zu den letzten lebenden Vertretern der DDR-Kunst, die neue Motive aus der Welt der Werkt\u00e4tigen begr\u00fcndet haben. Tats\u00e4chlich zeigt seine \u00bbBrigadefeier\u00ab von 1977 die flei\u00dfigen Handwerker ganz anders. Nicht als Anpacker, nein, als fr\u00f6hlich verschworene Clique, die das Leben und die Fr\u00fcchte ihres Tuns genie\u00dft. Allerdings hatte der Sch\u00f6pfer des proletarisch-dionysischen Realismus die Rechnung ohne die Traditionalisten gemacht. Hier werde die Arbeiterklasse verraten, unkten Kritiker. Nachdr\u00fccklich empfahl das Kulturministerium, die Arbeit nicht wie geplant bei der bevorstehenden VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden einzureichen.<\/p>\n<p>Dann bekam Gille Besuch von seinem akademischen Lehrer Bernhard Heisig. Der riet, das Partybild mit einer zweiten Szene, die den Bautrupp bei der Arbeit an einem Ger\u00fcst zeigt, zu verbinden. Dank der Erweiterung zum Diptychon beruhigten sich die erhitzten Funktion\u00e4rsgem\u00fcter. Nun war die Botschaft zumindest akzeptabel: Wer aufgebaut hat, darf es auch mal krachen lassen.\u00a0<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich feierte Gille seinen 85. Geburtstag. Aus diesem Anlass untersucht Uwe M. Schneede, ehemals Chef der Hamburger Kunsthalle, in einer kompakten Werkmonografie, welche \u00e4sthetischen Freir\u00e4ume sich der K\u00fcnstler im Laufe seines Lebens geschaffen hat. Sei es im sozialistischen Systemkorsett, sei es auf dem profitw\u00fctigen Kapitalisten-Kunstmarkt nach 1989. Gilles vitaler Neoexpressionismus z\u00e4hlt zur zweiten Generation der alten Leipziger Schule um Werner T\u00fcbke, Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig. Als Professor an der renommierten Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst begleitete er den \u00dcbergang zur neuen Leipziger Schule um Starmaler Neo Rauch.<\/p>\n<p>Geboren im nords\u00e4chsischen Eilenburg, fand Gille schon fr\u00fch zu seinem Medium: \u00bbIch habe als Kind auffallend wenig gesprochen\u00ab, verriet er einmal. Zeichnen habe ihm eine Mitteilungsm\u00f6glichkeit jenseits der Sprache er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst in einer Fotografenlehre, dann an der Kunsthochschule nutzt Gille die Beredsamkeit des K\u00f6rpers. Er l\u00e4sst Haltungen, Gesten und Physiognomien reden. Ein fr\u00fches Selbstportr\u00e4t betont mit buschigem Hakenschnurrbart die fleischige Mundpartie. Hier will sich einer durchbei\u00dfen! Zur Zeit der Ausb\u00fcrgerung von Wolf Biermann entsteht 1976\/77 das Bild \u00bbF\u00e4hre\u00ab. Aufrecht in einem schmalen Kahn steht ein eng umschlungenes Paar, in dem man den K\u00fcnstler und seine sp\u00e4tere Frau Ina erkennen mag. Das drohend aufgerissene Fischmaul veranschaulicht jene Unsicherheit, die damals viele Intellektuelle in der DDR empfanden. Zugleich aber verr\u00e4t die monumentale Intimit\u00e4t der Liebenden die Absicht, den Verh\u00e4ltnissen zu trotzen.\u00a0<\/p>\n<p>Dieser \u00bbGestus des Dennoch\u00ab, wie Schneede es formuliert, bringt jeden Farbstrich Gilles zum Vibrieren. Programmatischen R\u00fcckhalt geben ihm unangepasste Positionen der Vergangenheit. Die deftigen Akte eines Lovis Corinth, die nerv\u00f6se Psychologie Oskar Kokoschkas, das dekonstruierte Welttheater Max Beckmanns.<\/p>\n<p>Auf kunsttheoretische Debatten will Schneede sich dabei nicht einlassen. Er packt Gille bei seiner intuitiven Direktheit, die nichts von verschl\u00fcsselten Symbolen h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wichtigster Ausdruckstr\u00e4ger ist der, um den es in jeder Kunstform geht: der Mensch. Die schwebende Figurensymphonie, die der K\u00fcnstler an die Decke des Leipziger Gewandhauses pinselte, erz\u00e4hlt auf 700 Quadratmetern von modernen Befindlichkeiten. Dazu geh\u00f6ren Gro\u00dfstadt, Kultur oder Gesellschaft, aber auch anthropologische Konstanten wie Todesangst und die Suche nach der Utopie.<\/p>\n<p>Schneedes Darstellung folgt der Chronologie, weshalb sich das Ganze mitunter etwas buchhalterisch liest. Doch schlie\u00dflich lautet der Titel \u00bbZeitbilder\u00ab. Politische Wetterwechsel sind an Gilles Kunst niemals spurlos vor\u00fcbergegangen. Vom Klima der Perestroika angeregt, durchbricht sein Pinsel in den 80ern vollends das ideologische Geh\u00e4use. Pl\u00f6tzlich werden auch im Osten die Bilder wilder. Groteske \u00dcberzeichnungen und Kontraste zwischen erdigen und knalligen Farben bereiten den neuen Individualismus nach der Wende vor.<\/p>\n<p>Mit dem Mauerfall erwacht das Interesse f\u00fcr westliche Subkulturen, wie sie etwa das h\u00f6llenrote Antlitz von Frank Zappa \u00fcberm\u00fctig feiert. Doch hinter dem Euphoriker bleibt der Mahner aktiv. Die grotesk fette Schwarzrotgold-Schminke eines Selbstportr\u00e4ts aus dem Fu\u00dfball-WM-Jahr 2006 artikuliert Vorbehalte gegen den anschwellenden Nationalismus.<\/p>\n<p>Obschon Gille die mit der Einheit gewonnene Reisefreiheit bejaht, tappt er nicht in die neoliberale Honigfalle. Metaphorisch illustriert eine Hundemeute, die Keilrahmen zerfleischt, den animalischen Renditehunger, der seit den 90ern den globalisierten Kunstmarkt erfasst hat \u2013 womit er die Kunst selbst verschlingt, weil am Ende nur noch lukrative Trends bedient werden.<\/p>\n<p>Was die kluge Zusammenschau von sechs produktiven Jahrzehnten offenbart, lie\u00dfe sich als Dauer im kreativen Wechsel bezeichnen. Letztlich ist Gille ein Gestaltwandler. Einer, der unentwegt kulturelle Umgebungsimpulse aufnimmt, ohne dabei seinen roten Faden zu verlieren: die kritische Distanz.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Uwe M. Schneede: Sighard Gille. Zeitbilder \u2013 Werke aus 50 Jahren. E.A. Seemann. 112 S., geb., 30 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Auf der Leinwand sprechen Haltungen, Gesten und Physiognomien: Sighard Gille bei der Arbeit. 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