{"id":883826,"date":"2026-03-20T19:44:31","date_gmt":"2026-03-20T19:44:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/883826\/"},"modified":"2026-03-20T19:44:31","modified_gmt":"2026-03-20T19:44:31","slug":"ns-erinnerung-berlin-oefen-fuer-den-massenmord","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/883826\/","title":{"rendered":"NS-Erinnerung \u2013 Berlin: \u00d6fen f\u00fcr den Massenmord"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img319845\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/319845.jpeg\" alt=\"Noch verh\u00fcllt: 27 Jahre nach dem Beschluss des Bezirksparlaments dazu erinnert in Sch\u00f6neberg eine Plakette an die Verstrickungen der Kori GmbH mit dem NS.\"\/><\/p>\n<p>Noch verh\u00fcllt: 27 Jahre nach dem Beschluss des Bezirksparlaments dazu erinnert in Sch\u00f6neberg eine Plakette an die Verstrickungen der Kori GmbH mit dem NS.<\/p>\n<p>Foto: nd\/G\u00fcnter Piening<\/p>\n<p>Es ist einer dieser Fr\u00fchlingstage, an denen sich der Gleisdreieckpark von seiner sch\u00f6nsten Seite zeigt. Radfahrer*innen kreuzen die Wege von Jogger*innen, Kinder toben auf dem Spielplatz und Spazierg\u00e4nger*innen str\u00f6men von der Dennewitzstra\u00dfe ins Gr\u00fcne. Nur wenigen d\u00fcrfte auffallen, dass es hier Hausnummern 34 und 36 gibt \u2013 aber keine Nummer 35.<\/p>\n<p>Das soll sich nun \u00e4ndern. 81 Jahre nach der Befreiung bekommt Tempelhof-Sch\u00f6neberg eine Gedenktafel, die an die Rolle der Ofenbaufirma Kori bei den systematischen Massent\u00f6tungen des NS-Regimes erinnert. Ihr Firmensitz befand sich in der Dennewitzstra\u00dfe 35.<\/p>\n<p>Bis Ende der 1930er Jahre war Kori ein unauff\u00e4lliger Betrieb. Das Unternehmen produzierte Heizungsanlagen und industrielle Verbrennungs\u00f6fen. Das gro\u00dfe Gesch\u00e4ft begann mit dem nationalsozialistischen Programm zur Vernichtung des sogenannten \u00bbunwerten Lebens\u00ab. Kori-\u00d6fen galten als effizient und preiswert. Firmengr\u00fcnder Heinrich Kori forcierte die Lockerung der strengen Vorschriften f\u00fcr Krematorien. Diese sollten nicht prim\u00e4r nach piet\u00e4tvollen Kriterien betrieben werden, sondern nach wirtschaftlichen.<\/p>\n<p>Effizienz f\u00fcr den Massenmord<\/p>\n<p>Diese Haltung traf auf die Interessen des NS-Regimes. Man suchte nach technischen L\u00f6sungen, um die steigende Zahl der Ermordeten in den T\u00f6tungsanstalten und Lagern verschwinden zu lassen. St\u00e4dtische Krematorien beschwerten sich bereits \u00fcber die enorme Zahl angelieferter Leichen.<\/p>\n<p>Massenmord scheut \u00d6ffentlichkeit. T\u00f6tung und Verbrennung direkt auf dem Gel\u00e4nde der Anstalten erschienen deshalb als praktikable L\u00f6sung. So drang aus den Lagern m\u00f6glichst wenig nach au\u00dfen. Auch Kori-Besch\u00e4ftigte, die die \u00d6fen einbauten, wurden zu \u00bbbesonderer Verschwiegenheit \u00fcber die auszuf\u00fchrende Arbeit\u00ab verpflichtet, wie die Gesch\u00e4ftsleitung der SS-Neubauleitung zusicherte.<\/p>\n<p>Kori entwickelte ein Modell, das sich f\u00fcr einen dauerhaften Massenbetrieb eignete. Der erste Gro\u00dfkunde war die \u00bbAktion T4\u00ab in der Berliner Tiergartenstra\u00dfe 4, die <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1198065.erinnerungskultur-oma-schweigt-vom-krieg.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">das sogenannte \u00bbEuthanasieprogramm\u00ab<\/a> organisierte.<\/p>\n<p>Kori belieferte fast alle Heil- und Pflegeanstalten im Deutschen Reich, zun\u00e4chst mit mobilen, sp\u00e4ter mit fest installierten Verbrennungs\u00f6fen. Rund 70\u2009000 Menschen wurden bis August 1941 in den sechs von Kori belieferten T4-Anstalten ermordet und verbrannt. Aufgrund \u00f6ffentlicher Proteste wurde die systematische Ermordung durch Gas offiziell eingestellt. Die \u00d6fen blieben in Betrieb, denn weitere rund 200\u2009000 Patient*innen starben bis 1945 durch \u00dcberdosierungen, Hunger und \u00bbVernachl\u00e4ssigung\u00ab. Die durch Kori erm\u00f6glichte reibungslose \u00bbAbwicklung\u00ab der T4-Morde gilt Historiker*innen heute als wichtiger Probelauf f\u00fcr die Konzentrationslager.<\/p>\n<p>Das Berliner Unternehmen verdiente weiter. Bergen-Belsen, Dachau, Flossenb\u00fcrg, Majdanek, Mauthausen, Melk, Mittelbau-Dora \u2013 diesseits der Oder gab es kaum ein Konzentrationslager ohne Kori-\u00d6fen. Teilweise standen sie dicht nebeneinander, etwa in Sachsenhausen, wo f\u00fcnf Anlagen installiert wurden.<\/p>\n<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img319846\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/319846.jpeg\" alt=\"\u00d6fen der Kori GmbH standen in fast jedem KZ, wie im niederl\u00e4ndischen Vught.\"\/><\/p>\n<p>\u00d6fen der Kori GmbH standen in fast jedem KZ, wie im niederl\u00e4ndischen Vught.<\/p>\n<p>Foto: Wikimedia Commons\/Sterkebak CC BY 2.5<\/p>\n<p>F\u00fcr Annegret Sch\u00fcle, Leiterin des Erinnerungsortes Topf &amp; S\u00f6hne in Erfurt und eine der wenigen Expertinnen f\u00fcr die Geschichte der Leichenverbrennung in den T4-Anstalten und KZs, hatte Kori \u00bbeine Schl\u00fcsselfunktion im systematischen Mordprogramm\u00ab. Koris Anlagen waren billig und weit verbreitet, \u00bb<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1147123.ns-aufarbeitung-die-dritte-schuld.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Topf &amp; S\u00f6hne<\/a> konzentrierte sich dagegen auf die Steigerung der Leistungsf\u00e4higkeit der \u00d6fen und sorgte damit f\u00fcr den reibungslosen Ablauf der Massenvernichtung in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau.\u00ab<\/p>\n<p>Die treibenden Kr\u00e4fte hinter den Gesch\u00e4ften mit dem NS-T\u00f6tungssystem waren Hugo He\u00dfler, der ab 1936 die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung \u00fcbernahm, und Georg Kori, ein Neffe des Firmengr\u00fcnders. He\u00dfler trat 1933 der NSDAP bei, Georg Kori 1934 der SS. Diese N\u00e4he zum Berliner Machtapparat verschaffte dem Unternehmen wirtschaftliche Vorteile.<\/p>\n<p>Nach 1945: das gro\u00dfe Vergessen<\/p>\n<p>Trotz der engen Verstrickung \u00fcberstand He\u00dfler die sogenannte Entnazifizierung weitgehend unbeschadet. Die Alliierten konzentrierten ihre Ermittlungen auf unmittelbare T\u00e4ter sowie auf gro\u00dfe R\u00fcstungs- und Chemiekonzerne. Mittelst\u00e4ndische Betriebe, die das NS-System technisch am Laufen gehalten hatten, gerieten selten ins Visier.<\/p>\n<p>Kori wurde zun\u00e4chst unter alliierte Verwaltung gestellt, He\u00dfler vor\u00fcbergehend seines Postens enthoben. Doch Untersuchungen zur Rolle des Unternehmens in den T4-T\u00f6tungsanstalten oder den Konzentrationslagern fanden nicht statt. Die Produktion lief weiter \u2013 nun allerdings mit Kirchenheizungen statt Krematorien.<\/p>\n<p>1948 kehrte He\u00dfler rehabilitiert an die Spitze des Unternehmens zur\u00fcck. Den eigentlichen Zweck der \u00d6fen nicht gekannt zu haben, konnte er behaupten, weil das Firmenarchiv durch eine Bombe zerst\u00f6rt war. Erst viel sp\u00e4ter fanden sich Vertragsunterlagen, die das Wissen der Verantwortlichen \u00fcber den Einsatz der Anlagen belegten.<\/p>\n<p>Mit der R\u00fcckkehr He\u00dflers begann das gro\u00dfe Vergessen. Kori konnte ungest\u00f6rt weiterarbeiten. 1976 verlagerte das Unternehmen seinen Sitz nach Neuk\u00f6lln. 1998 ging Kori in Konkurs und verschwand aus dem \u00f6ffentlichen Ged\u00e4chtnis. 1999 beschloss die Bezirkverordnetenversammlung Sch\u00f6neberg zwar, eine Mahntafel anzubringen. Mehr als 25 Jahre wurde die Umsetzung auf die lange Bank geschoben mit dem Hinweis, es fehle noch an historischer Forschung.<\/p>\n<p>Erinnerung \u2013 anderswo<\/p>\n<p>Anders verlief die Auseinandersetzung in Erfurt. Bereits in den 1990er Jahren begann eine Diskussion dar\u00fcber, wie dieser Teil der lokalen Geschichte sichtbar gemacht werden kann. Auch wenn es lange Widerstand dagegen gab, am ehemaligen Unternehmensstandort einen Erinnerungsort zu schaffen, so war doch die Firmenbrache wie eine \u00bboffene Wunde, an der sich immer wieder die Diskussion entz\u00fcndete\u00ab, so Annegret Sch\u00fcle. Sie begann 2002 an der Gedenkst\u00e4tte <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1198418.buchenwald-lastschriften-der-vergangenheit.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Buchenwald <\/a>die Rolle der Firma im NS-Mordprogramm systematisch zu erforschen. Daraus entstand schlie\u00dflich die heutige Erinnerungs- und Bildungsst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Schon die erste Wanderausstellung zu Topf &amp; S\u00f6hne ging auch auf die Gesch\u00e4fte des Berliner Konkurrenten Kori ein, erinnert sich Sch\u00fcle. Doch die Quellenlage war schwieriger. Seit 2011, als der Erinnerungsort Topf &amp; S\u00f6hne er\u00f6ffnet wurde, in der auch Koris Rolle dokumentiert wird, bestand dort das Interesse, auch die Forschung zur Bedeutung des Sch\u00f6neberger Unternehmens f\u00fcr das NS-Vernichtungsprogramm voranzutreiben.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>\u00bbWas h\u00e4tte ich in dieser Situation getan? Diese Auseinandersetzung kann eine einzelne Gedenktafel nicht leisten.\u00ab<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\nAnnegret Sch\u00fcle<br \/>&#13;<br \/>\nLeiterin Erinnerungsort Topf &amp; S\u00f6hne<\/p><\/blockquote>\n<p>2022 erschien der von der Stadt Erfurt in Auftrag gegebene Sammelband \u00bbDie H. Kori GmbH\u00ab. Im Vorwort steht eine klare Botschaft in Richtung Berlin: Man hoffe, dass das Buch \u00bbden politischen und zivilgesellschaftlichen Prozess unterst\u00fctzt, den von Kori aufgegebenen Standort Dennewitzstra\u00dfe 35 zu einem sichtbaren Ort der Erinnerung zu machen\u00ab.<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter weiht der Bezirk am 20. M\u00e4rz nun eine Gedenktafel in der Dennewitzstra\u00dfe ein. Aber reicht eine etwa 100 mal 50 Zentimeter gro\u00dfe Metallplatte f\u00fcr einen \u00bbOrt der Erinnerung\u00ab an ein Unternehmen, das das System der Massent\u00f6tungen perfektioniert hat? \u00bbHistorische Orte zu markieren, ist ein wichtiger Anfang\u00ab, sagt Annegret Sch\u00fcle. F\u00fcr eine weitere Auseinandersetzung brauche es jedoch R\u00e4ume der Dokumentation, Bildung und Diskussion. Die Besucher*innen des Erfurter Erinnerungsortes seien immer wieder erschrocken, wenn sie an Dokumenten nachvollziehen, mit welcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit Ingenieure, Kaufleute und Verwaltungsangestellte zu T\u00e4tern wurden. \u00bbUnd sie fragen sich: Warum ist das so und wie ist es heute? Was h\u00e4tte ich in dieser Situation getan? Diese Auseinandersetzung kann eine einzelne Gedenktafel nicht leisten.\u00ab<\/p>\n<p>Dass in Berlin ein solcher Lernort entstehen wird, ist derzeit unwahrscheinlich. Bezirksb\u00fcrgermeister J\u00f6rn Oltmann (Gr\u00fcne) sieht f\u00fcr \u00bbweitergehende Formen des Gedenkens\u00ab das Land Berlin in der Pflicht. Bei der zust\u00e4ndigen Senatsverwaltung f\u00fcr Kultur hei\u00dft es, man sei \u00bb2023 und 2024 beratend\u00ab t\u00e4tig gewesen \u2013 eine F\u00f6rderung sei nicht geplant.<\/p>\n<p>Es ist wieder ein sonniger M\u00e4rztag<a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1192797.deporstation-von-berliner-juden-gleis-n-der-vergessene-ausgangspunkt-in-den-tod.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> im Gleisdreieckpark<\/a>. In der Dennewitzstra\u00dfe 35 erinnert nun eine Tafel aufmerksame Passant*innen an den Ofenbauer Kori. Aber warum \u00fcbernahm ein b\u00fcrgerliches mittelst\u00e4ndisches Unternehmen so widerspruchslos eine Schl\u00fcsselfunktion im Vernichtungssystem? Warum konnten die Verantwortlichen nach 1945 weitgehend unbehelligt weiterarbeiten? Und was sagt uns das heute, wo Ausgrenzung und Entmenschlichung wieder akzeptabel und ethische Grenzen l\u00f6chrig werden? Wer Antwort auf diese Fragen sucht, wird sie auch k\u00fcnftig nicht in Berlin finden. Er wird nach Erfurt fahren m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"wp-block-ppi-ndarticlecommet\">Annegret Sch\u00fcle (Hg.), Die H.Kori GmbH. Eine Berliner Ofenbaufirma und der nationalsozialistische Massenmord. Leipzig 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Noch verh\u00fcllt: 27 Jahre nach dem Beschluss des Bezirksparlaments dazu erinnert in Sch\u00f6neberg eine Plakette an die Verstrickungen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":883827,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,7137,30,9681,9682,1940,57,1938,861],"class_list":["post-883826","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-berlin","tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","tag-aktuelle-news-aus-berlin","tag-berlin","tag-berlin-news","tag-deutschland","tag-erfurt","tag-germany","tag-holocaust","tag-konzentrationslager","tag-nachrichten-aus-berlin","tag-nationalsozialismus","tag-news-aus-berlin","tag-thueringen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116263221275668806","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/883826","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=883826"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/883826\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/883827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=883826"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=883826"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=883826"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}