{"id":887410,"date":"2026-03-22T07:05:15","date_gmt":"2026-03-22T07:05:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/887410\/"},"modified":"2026-03-22T07:05:15","modified_gmt":"2026-03-22T07:05:15","slug":"vernachlaessigt-in-der-kita-fuenf-stunden-im-kinderwagen-kein-essen-kein-spielen-kein-wickeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/887410\/","title":{"rendered":"Vernachl\u00e4ssigt in der Kita: F\u00fcnf Stunden im Kinderwagen \u2013 \u201eKein Essen, kein Spielen, kein Wickeln\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Eine Mutter aus der Region Stuttgart macht \u00f6ffentlich, was ihrem Sohn widerfahren ist. Sie m\u00f6chte Eltern dazu aufrufen, mutig zu sein, wenn sich ihr Kind in der Kita nicht wohlf\u00fchlt.<\/p>\n<p>Maya f\u00e4llt es schwer \u00fcber das zu reden, was ihrem Sohn widerfahren ist. Mit Tr\u00e4nen in den Augen sitzt sie in der hintersten Ecke des kleinen Caf\u00e9s, um nicht von zu vielen Personen gesehen zu werden. Maya, die eigentlich anders hei\u00dft, will anonym bleiben, weil sie Konsequenzen f\u00fcr ihre Kinder bef\u00fcrchtet, die irgendwann in dem kleinen Ort, in dem sie wohnt, zur Schule gehen werden. Doch sie gehe diesen Schritt, weil sie die Dinge \u00f6ffentlich machen wolle, sagt sie dann mit fester Stimme. Denn das Thema Kindeswohlgef\u00e4hrdung werde noch immer tabuisiert. <\/p>\n<p>Mayas Sohn war etwa eineinhalb Jahre alt, als er in die <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Kita\" title=\"Kita\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kita<\/a> kam. Die gr\u00f6\u00dftenteils <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.landesjugendamt-baden-wuerttemberg-mehr-meldungen-zu-potenziellen-kindeswohlgefaehrdungen-in-kitas.aed510b5-79d9-464b-81ab-aba570767737.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">jungen Erzieherinnen seien komplett \u00fcberfordert gewesen<\/a>. Die Bezugserzieherin habe innerhalb weniger Monate dreimal gewechselt, ihr Kind habe nie Vertrauen aufbauen k\u00f6nnen. Immer wieder sei ihr Sohn einfach im Kinderwagen abgestellt worden, teilweise die gesamte Betreuungszeit, also f\u00fcnf lange Stunden. \u201eKein Essen, kein Spielen, kein Wickeln\u201c, sagt Maya. Als die Eltern das Personal darauf ansprachen, habe dieses abgewiegelt: Der Kinderwagen sei ein \u201eSafe Space\u201c f\u00fcr den Jungen. <\/p>\n<p>Doch ihr Sohn sei kein fr\u00f6hliches Kind mehr gewesen. Er habe den Kopf mehrmals am Tag auf den Boden geschlagen, sich die Haare ausgerissen, sei nachts zwanzigmal aufgewacht. \u201eWir haben versucht, eine gemeinsame L\u00f6sung mit der Einrichtung zu finden. Aber die Erzieherinnen erkannten keinen Fehler in ihrem Verhalten, allein unser Kind hatte angeblich alles zu verantworten.\u201c <\/p>\n<p>So definiert die Bundes\u00e4rztekammer Kindesmisshandlung <\/p>\n<p>Die Bundes\u00e4rztekammer definiert auf ihrer Internetseite Kindesmisshandlung als \u201eHandlungen und Unterlassungen, die Kinder oder Jugendliche dem Risiko eines k\u00f6rperlichen oder psychischen Schadens aussetzen\u201c. Dabei muss der Schaden von den verantwortlichen Personen nicht beabsichtigt sein. <\/p>\n<p>Spezielle Formen der Kindesmisshandlung sind die k\u00f6rperliche und seelische Vernachl\u00e4ssigung. Gemeint ist damit laut Bundes\u00e4rztekammer, dass sich Verantwortliche nicht angemessen zum Beispiel um die Ern\u00e4hrung oder Hygiene der ihnen Anvertrauten k\u00fcmmern oder deren Bed\u00fcrfnis nach Anerkennung und Geborgenheit missachten.<\/p>\n<p>Johannes Heibel, Gr\u00fcnder der bundesweit aktiven \u201eInitiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch\u201c kennt solche F\u00e4lle. In einem 2024 ver\u00f6ffentlichten Buch hat er viele Erfahrungsberichte gesammelt. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.personalmangel-in-kitas-zustaende-sind-inakzeptabel-und-beguenstigen-uebergriffiges-verhalten.b35cfb34-5aae-422d-b2ce-66405abb719f.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">In einem Interview mit unserer Zeitung<\/a> sagte er: \u201eEs gibt \u00fcberall b\u00f6se Menschen. Das Hauptproblem sind aber Systeme, die \u00dcbergriffe erst m\u00f6glich machen.\u201c Wenn es mehr Kontrollen g\u00e4be, w\u00fcrde auch weniger passieren, ist er \u00fcberzeugt. \u201eZurzeit aber l\u00e4uft es eher darauf hinaus, den Betrieb \u00fcberhaupt aufrecht zu erhalten. Durch den Mangel an Personal ist das f\u00fcr den Betreiber jeden Tag eine Herausforderung.\u201c<\/p>\n<p>Der Kommunalverband f\u00fcr Jugend und Soziales (KVJS) Baden-W\u00fcrttemberg erhebt j\u00e4hrlich die Daten zu Beeintr\u00e4chtigungen des Kindeswohls in Kitas. Im Jahr 2024 lagen dort 427 entsprechende Meldungen vor, bei denen Mitarbeitende einer Einrichtung verantwortlich gewesen sein sollen. \u201eEine direkte Verbindung zu einer angespannten Personalsituation kann daraus jedoch nicht abgeleitet werden, da \u2013 je nach Einzelfall \u2013 auch andere Gr\u00fcnde urs\u00e4chlich sein k\u00f6nnen\u201c, stellt Sima Arman-Beck klar. Sie ist die Leiterin der KVJS-Pressestelle.<\/p>\n<p> Auf diese Warnsignale sollten Eltern achten <\/p>\n<p>Sima Arman-Beck r\u00e4t Eltern, auf Ver\u00e4nderungen bei ihrem Kind zu achten. Wenn ein Kind nicht gern oder nicht mehr gern in die Kita gehe, unruhig werde oder viel weine, sollten Erziehungsberechtigte aufmerksam werden. Manche Kinder reagierten auch mit Schlafst\u00f6rungen oder Albtr\u00e4umen auf herausfordernde Situationen. \u201eEs kann allerdings nicht automatisch eine Kausalit\u00e4t zwischen dem Verhalten des Kindes und einer Vernachl\u00e4ssigung durch das Personal der Kita hergestellt werden. Die aufgef\u00fchrten Symptome k\u00f6nnen vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde haben\u201c, betont die Pressesprecherin. <\/p>\n<p>Eltern sollten sich bei Sorgen oder Unsicherheit direkt an die Fachkr\u00e4fte oder die Einrichtungsleitung wenden, r\u00e4t Sima Arman-Beck. Sofern es sich um den Verdacht der Vernachl\u00e4ssigung handele, sei der Tr\u00e4ger der richtige Ansprechpartner. Gemeinsam mit der Einrichtungsleitung und dem Personal sei er f\u00fcr die Gew\u00e4hrleistung des Kindeswohls in der Einrichtung verantwortlich.<\/p>\n<p> \u201eUns wurde Rufsch\u00e4digung vorgeworfen\u201c <\/p>\n<p>In Mayas Fall hat das zu keinem Ergebnis gef\u00fchrt. Die Einrichtungsleitung habe von Anfang an abweisend und herablassend reagiert. Sie und ihr Partner wollten eine unabh\u00e4ngige sozialp\u00e4dagogische Fachkraft hinzuziehen, die h\u00e4tte vermitteln sollen. Doch die Einrichtungsleitung habe das verhindert. \u201eWir wurden eingesch\u00fcchtert und uns wurde Rufsch\u00e4digung vorgeworfen\u201c, erz\u00e4hlt die Mutter. <\/p>\n<p>Irgendwann haben die Eltern die Rei\u00dfleine gezogen und den Sohn nicht mehr zur Kita gebracht. Eine Alternative hatten sie nicht, sie betreuten ihn abwechselnd zu Hause im Homeoffice. Das sei keine leichte Situation gewesen, aber ihrem Kind sei es von da an besser gegangen. Vom ersten Tag an, an dem es nicht mehr in die Kita musste, habe es sich keine Haare mehr rausgerissen und den Kopf nicht mehr unkontrolliert auf den Boden geschlagen. Nach einiger Zeit habe es auch wieder besser geschlafen. <\/p>\n<p>   <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/media.media.e8884c28-1312-47e4-9d20-0ddaf1e3b154.original1024.media.jpeg\"\/>     Die Eltern betreuten das Kind abwechselnd im Homeoffice.    Foto: Symbolbild dpa    <\/p>\n<p>Im Nachhinein fragt sich Maya, warum sie nicht fr\u00fcher reagiert hat. Sie mache sich Vorw\u00fcrfe, dass ihr Sohn so lange habe leiden m\u00fcssen. Doch irgendwie habe sie den Fachkr\u00e4ften auch vertraut \u2013 oder vertrauen wollen, sie habe auf eine gute L\u00f6sung gehofft. <\/p>\n<p> Hier hat Maya Hilfe gefunden <\/p>\n<p>Maya m\u00f6chte nicht, dass wir die Kita mit den Vorw\u00fcrfen konfrontieren. Ihr Anliegen ist es, andere Eltern dazu aufzurufen, mutig zu sein, und nicht zu warten, wenn sie das Gef\u00fchl haben, dass es ihrem Nachwuchs in einer Einrichtung nicht gut geht. Ihren Fall dem \u00f6rtlichen Jugendamt zu melden, das hat sie sich nicht getraut. Das sei schwierig, in einer Kommune, in der jeder jeden kenne. Stattdessen fand sie Hilfe bei einer Familienberatungsstelle des Landkreises, in dem sie lebt \u2013 \u201eschnell und unkompliziert\u201c, wie sie sagt. \u201eDort habe ich mich sofort geh\u00f6rt und gesehen gef\u00fchlt.\u201c Eine Mitarbeiterin sei nur wenige Tage nach ihrem ersten Anruf f\u00fcr ein ausf\u00fchrliches Gespr\u00e4ch vorbeigekommen. <\/p>\n<p>Maya r\u00e4t Eltern, ihre Beobachtungen zu dokumentieren. Wann hat sich das Kind wie verhalten und was hat es gesagt? Haben andere Eltern in der Kita etwas beobachtet und mitgeteilt? Und wie hat das Fachpersonal reagiert , wenn es auf eventuelle Probleme angesprochen wurde? Es brauche ein Protokoll, um gut vorbereitet in ein Gespr\u00e4ch mit der Leitung gehen zu k\u00f6nnen. Denn dann k\u00f6nne niemand mehr wegschauen. Das Ziel m\u00fcsse es sein, das Thema Kindeswohlgef\u00e4hrdung endg\u00fcltig aus der Tabu-Zone zu holen.<\/p>\n<p> Meldungen zu Kindeswohlgef\u00e4hrdungen steigen <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Meldepflicht<\/strong><br \/>Tr\u00e4ger von Kindertageseinrichtungen sind dazu verpflichtet, \u201eEreignisse oder Entwicklungen, die geeignet sind, das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu beeintr\u00e4chtigen\u201c zu melden. Dritte, zum Beispiel Eltern, k\u00f6nnen solche Vorf\u00e4lle melden, sie m\u00fcssen es aber nicht. Die zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde ist der Kommunalverband f\u00fcr Jugend und Soziales (KVJS). <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <b>Zahlen<\/b> 2024 gingen beim KVJS aus 10.087 Einrichtungen in Baden W\u00fcrttemberg insgesamt 1052 Meldungen ein. Im Jahr 2023 waren es 797 Meldungen, ein Jahr zuvor 674 Meldungen gewesen. Daten f\u00fcr 2025 liegen noch nicht vor.<\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Gr\u00fcnde<\/strong><br \/>Die Ursachen f\u00fcr die gestiegenen Zahlen sind vielschichtig. Der KVJS hat zuletzt verst\u00e4rkt auf die Meldepflicht der Tr\u00e4ger hingewiesen und viele Fachveranstaltungen angeboten. In der \u00d6ffentlichkeit und Politik hat der Kinderschutz an Bedeutung gewonnen, was zu einer Sensibilisierung gef\u00fchrt hat. Auch der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Fachkr%C3%A4ftemangel\" title=\"Fachkr\u00e4ftemangel\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fachkr\u00e4ftemangel<\/a> k\u00f6nnte eine Rolle spielen. Festzustellen bleibt aber auch, dass es mehr Kitas gibt, die Zahl der betreuten Kinder gestiegen ist und die Betreuungszeiten l\u00e4nger geworden sind. Diese Zahlen m\u00fcssen ins Verh\u00e4ltnis gesetzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Eine Mutter aus der Region Stuttgart macht \u00f6ffentlich, was ihrem Sohn widerfahren ist. 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