{"id":891005,"date":"2026-03-23T17:24:15","date_gmt":"2026-03-23T17:24:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/891005\/"},"modified":"2026-03-23T17:24:15","modified_gmt":"2026-03-23T17:24:15","slug":"raumteiler-projekt-generationen-wg-fuer-studierende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/891005\/","title":{"rendered":"\u00bbRaumTeiler\u00ab-Projekt \u2013 Generationen-WG f\u00fcr Studierende"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img319969\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/319969.jpeg\" alt=\"F\u00fcr beide Parteien ein Gewinn: Die Doktorandin Kardelen G\u00f6k\u00e7eda\u011f wohnt in Leipzig bei der Rentnerin Dorothea Stier.\"\/><\/p>\n<p>F\u00fcr beide Parteien ein Gewinn: Die Doktorandin Kardelen G\u00f6k\u00e7eda\u011f wohnt in Leipzig bei der Rentnerin Dorothea Stier.<\/p>\n<p>Foto: Martin Reischke<\/p>\n<p>Ein Einfamilienhaus am s\u00fcd\u00f6stlichen Rand von Leipzig, der Wohnzimmertisch ist gedeckt. Es gibt Kaffee, Tee und selbstgemachten Apfelsaft. Am Tisch sitzen Kardelen G\u00f6k\u00e7eda\u011f, langes, dunkles Haar, offener Blick, und Dorothea Stier, eine schlanke Frau, der man ihre 75 Jahre nicht ansieht. Vor mehr als 30 Jahren ist sie mit ihrem Mann und den drei Kindern hierhergezogen. Sie bl\u00e4ttert in einem alten Fotoalbum: \u00bbDas Haus ist handgestrickt, das ist immer gewachsen\u00ab, erz\u00e4hlt die Rentnerin. \u00bbWir haben die T\u00fcren eingebaut, wir haben die Fenster eingebaut, wir haben fast alles selbst gemacht.\u00ab Doch die Kinder sind l\u00e4ngst fort, ihr Mann vor einigen Jahren gestorben. \u00bbIch bin kein Mensch f\u00fcrs Alleinsein\u00ab, sagt Stier. \u00bbEs ist sch\u00f6ner, wenn man nach Hause kommt, und es ist jemand da.\u00ab<\/p>\n<p>Kardelen G\u00f6k\u00e7eda\u011f hat gerade ihr Studium in Budapest beendet. Nun will die T\u00fcrkin in Leipzig promovieren. Die Zusage von der Uni f\u00fcr ihre Doktorandinnenstelle in Kommunikations- und Medienwissenschaften hat sie schon. Jetzt braucht sie nur noch eine Wohnung. Also schreibt sie der Hochschule. \u00bbIch habe mir die Optionen angeguckt, aber die waren alle zu teuer\u00ab, erz\u00e4hlt die 33-J\u00e4hrige. \u00bbDeswegen habe ich noch mal gefragt, was ich machen sollte.\u00ab<\/p>\n<p>So erf\u00e4hrt sie vom \u00bbRaumTeiler\u00ab-Projekt des Studentenwerks: Leipziger*innen teilen ihre Wohnung oder ihr Haus mit Studierenden gegen eine g\u00fcnstige Miete oder Hilfe im Alltag. Zuerst muss G\u00f6k\u00e7eda\u011f Fragen beantworten zu ihren Interessen und Vorlieben: Welche Fremdsprachen spricht sie? Hat sie selbst Haustiere? Ist es f\u00fcr sie ok, wenn die andere Seite ein Haustier hat? Und: Welche Hilfeleistungen w\u00fcrde sie \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>Das Projekt ist bitter n\u00f6tig: Erst am Montag ver\u00f6ffentlichte das Moses Mendelssohn Institut aktuelle Zahlen, denen zufolge die Mieten f\u00fcr WG-Zimmer erneut gestiegen sind. 83 Prozent der Studierenden leben in Universit\u00e4tsst\u00e4dten, in denen die Mieten \u00fcber der Baf\u00f6g-Wohnkostenpauschale von 380 Euro liegen. Zu Beginn des Sommersemesters lag die Miete f\u00fcr ein WG-Zimmer demnach im Bundesdurchschnitt bei 512 Euro monatlich, ein Plus von knapp vier Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr. Vielerorts ist sie noch weit h\u00f6her.<\/p>\n<p>Kardelen G\u00f6k\u00e7eda\u011f hat Gl\u00fcck: Sie bekommt den Kontakt zu Dorothea Stier. Die beiden Frauen tauschen sich per Mail aus, um sich kennenzulernen und Details zu kl\u00e4ren. Schlie\u00dflich kommt G\u00f6k\u00e7eda\u011f im Fr\u00fchjahr 2025 nach Leipzig. Ihre Mutter begleitet sie. Doch zuerst geht alles schief \u2013 Stier steht am Bahnhof, aber der Zug hat Versp\u00e4tung. Schlie\u00dflich fahren G\u00f6k\u00e7eda\u011f und ihre Mutter mit dem Taxi zum Haus von Stier, wo die Rentnerin schon aufgeregt wartet.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>&#13;<\/p>\n<p>Zu Beginn des Sommersemesters lag die Miete f\u00fcr ein WG-Zimmer im Bundesdurchschnitt bei 512\u2005Euro monatlich \u2013 ein Plus von knapp vier Prozent gegen\u00fcber dem Vorjahr.<\/p>\n<p>&#13;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Jetzt k\u00f6nnen sie dar\u00fcber lachen. Am Anfang muss G\u00f6k\u00e7eda\u011f erst einmal Deutsch lernen. Zun\u00e4chst verst\u00e4ndigen sich die Frauen vor allem mit \u00dcbersetzungsprogrammen, manchmal hilft auch eine Nachbarin, die Englisch spricht. Heute reden Stier und G\u00f6k\u00e7eda\u011f Deutsch miteinander.<\/p>\n<p>Die Frau, ohne die Stier und G\u00f6k\u00e7eda\u011f sich wohl nie begegnet w\u00e4ren, hei\u00dft Celina Bohmann. Sie arbeitet f\u00fcr das Studentenwerk Leipzig und hat das Projekt \u00bbRaumTeiler\u00ab aufgebaut. Es gab Zeiten, da herrschte viel Leerstand in Leipzig, doch die sind in der gr\u00f6\u00dften Stadt Sachsens lange vorbei. \u00bbDas Thema steigende Mieten ist in den vergangenen f\u00fcnf Jahren f\u00fcr die Studentinnen und Studenten immer wichtiger geworden\u00ab, sagt Bohmann. \u00bbAuch die Wartezeiten f\u00fcr Pl\u00e4tze in den Wohnheimen des Studentenwerks sind oft sehr lang.\u00ab<\/p>\n<p>Inzwischen haben Studentenwerke in mehreren Bundesl\u00e4ndern das Modell \u00bbWohnen f\u00fcr Hilfe\u00ab etabliert, \u00fcber das Studierende bei Privatleuten \u2013 vor allem Familien, Alleinstehenden und \u00e4lteren Menschen \u2013 unterkommen. Im Gegenzug leisten sie abh\u00e4ngig von der Zimmergr\u00f6\u00dfe eine bestimmte Stundenanzahl an Unterst\u00fctzung im Alltag \u2013 etwa Hilfe beim Einkauf, im Garten oder bei Arztbesuchen. In Leipzig h\u00e4tten sie das Konzept etwas angepasst, erz\u00e4hlt Bohmann, \u00bbso dass man sowohl gegen eine g\u00fcnstige Miete als auch gegen Unterst\u00fctzung kurz- oder l\u00e4ngerfristig zusammenwohnen kann\u00ab. Vielen Studierenden hilft das Modell auch als \u00dcbergangsl\u00f6sung, bis sie eine WG oder eine bezahlbare Wohnung gefunden haben.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat Bohmann schon 29 \u00bbWohnpaare\u00ab vermittelt. Am Anfang steht immer ein Hausbesuch bei den Wohnraumgebern. \u00bbDa schaue ich mir dann an, ob das Zimmer in Ordnung ist und bespreche die rechtlichen Rahmenbedingungen\u00ab, sagt Bohmann \u2013 etwa, dass die Erlaubnis zur Untervermietung an die Studentinnen und Studenten von der Hausverwaltung oder dem Vermieter best\u00e4tigt werden muss, wenn der Wohnraumgeber selbst in einer Mietwohnung lebt.<\/p>\n<p>Manche Interessenten muss Bohmann auch ablehnen \u2013 zum Beispiel, wenn die Wohnung nicht den Hygienestandards des Studentenwerks entspricht oder wenn von den Studierenden Pflegeaufgaben erwartet werden, da diese grunds\u00e4tzlich ausgeschlossen sind. \u00bbAuch wenn sich ein \u00e4lterer Herr explizit eine junge Studentin als Mitbewohnerin w\u00fcnschen w\u00fcrde und sich nicht von diesem Gedanken abbringen lie\u00dfe, w\u00e4re er f\u00fcr das Projekt nicht der Richtige\u00ab, sagt Bohmann. Mit Dorothea Stier dagegen ist sie sich schnell einig geworden.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Einfamilienhaus im S\u00fcdosten von Leipzig. Drau\u00dfen scheint die Wintersonne, Kardelen G\u00f6k\u00e7eda\u011f und Dorothea Stier gehen raus in den gro\u00dfen Garten mit den vielen Obstb\u00e4umen. Viele \u00c4pfel, Birnen und Pflaumen h\u00e4tten sie im vergangenen Jahr geerntet, erz\u00e4hlt Stier. G\u00f6k\u00e7eda\u011f gelangt durch einen separaten Eingang in ihr Zimmer: ein paar Stufen hinab, vorbei an einer Vorratskammer mit Konserven und einem Trockenraum gelangt man zu ihrem Zimmer, das rund 15 Quadratmeter gro\u00df ist: ein Kleiderschrank, ein gro\u00dfes Bett, ein B\u00fccherregal, am Fenster ein gem\u00fctlicher Sessel. Auf dem Regal steht ein Minetta-Radio aus DDR-Zeiten, auch die M\u00f6bel sind in die Jahre gekommen. \u00bbManchen alten Kram von mir muss sie halt erdulden\u00ab, sagt Stier und lacht. Nur den Flachbildfernseher gegen\u00fcber vom Bett hat G\u00f6k\u00e7eda\u011f mitgebracht.<\/p>\n<p>300 Euro Miete zahlt die Doktorandin pro Monat \u2013 und damit deutlich weniger als f\u00fcr die meisten WG-Zimmer in Leizpig. Neben dem Zimmer gibt es Dusche und Toilette, au\u00dferdem eine kleine K\u00fcche. Aber lieber kocht sie eine Etage h\u00f6her, in der hellen K\u00fcche neben dem Wohnzimmer. \u00bbDas ist mein Lieblingsplatz\u00ab, sagt G\u00f6k\u00e7eda\u011f und weist mit der Hand auf den Tisch mit der Bank und den Holzst\u00fchlen: \u00bbDer Blick ist sehr sch\u00f6n, besonders wenn es Schnee gibt.\u00ab Am Wochenende sitzen die beiden hier, trinken Kaffee, essen zusammen \u2013 oder spielen mit Stiers Enkeln Malefiz auf einem selbst gebastelten Spielbrett. Sie sind auch schon zusammen weggefahren, waren auf einem Festival im benachbarten Leipziger Ortsteil Liebertwolkwitz.<\/p>\n<p>nd.DieWoche \u2013 unser w\u00f6chentlicher Newsletter<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/319970.jpeg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"170\"\/><\/p>\n<p>Mit unserem w\u00f6chentlichen Newsletter <strong>nd.DieWoche<\/strong> schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die <strong>Highlights<\/strong> unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/newsletter\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier das kostenlose Abo holen<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn G\u00f6k\u00e7eda\u011f Besuch mitbringt, sprechen sich die Frauen ab. \u00bbEs ist wundersch\u00f6n, jemanden im Haus zu haben\u00ab, sagt Stier. \u00bbEs knackt oft im Geb\u00e4lk. Und als ich allein war, war das f\u00fcr mich ganz schlimm. Ich bin dann nachts aufgestanden, habe gehorcht und geguckt. Das ist jetzt viel besser, weil ich wei\u00df, dass ich nicht alleine bin.\u00ab Auch G\u00f6k\u00e7eda\u011f ist zufrieden: \u00bbEs ist gut, wenn ich nach Hause komme, die Lichter sehe und wei\u00df, dass jemand zu Hause ist\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<p>In der Woche f\u00e4hrt die Doktorandin jeden Morgen eine halbe Stunde in die Stadt. Abends auf dem R\u00fcckweg muss sie f\u00fcr die letzten Kilometer einen Rufbus nehmen. Dass sie am Stadtrand wohnt, weit weg vom Zentrum, vor dem Haus nur noch das Feld, st\u00f6rt sie nicht: \u00bbMit f\u00fcnf oder sechs Leuten eine WG zu teilen, ist nicht mein Ding\u00ab, sagt die ruhige Frau. \u00bbHier habe ich meine Privatsph\u00e4re.\u00ab<\/p>\n<p>G\u00f6k\u00e7eda\u011f hat einen unbefristeten Mietvertrag \u2013 und will bleiben, bis die Doktorarbeit fertig ist. Hilfe im Alltag braucht Dorothea Stier noch keine. Aber das Wissen um die Anwesenheit der jungen Mitbewohnerin gibt ihr Sicherheit. \u00bbIch gucke nach ihr, wenn ich denke, es geht ihr nicht gut \u2013 und sie guckt nach mir, wenn sie denkt, dass es mir nicht gut geht\u00ab, sagt Stier. \u00bbIm Moment bin ich froh, dass ich alles noch gut kann, aber wenn Kardelen drei Jahre hier bleibt, wei\u00df ich nicht, wie ich mich entwickele. Wenn man \u00e4lter ist, dann ist das ja doch alles ein bisschen fraglich.\u00ab<\/p>\n<p>Aber statt voll Sorge in die Zukunft zu schauen, freut sich die Rentnerin \u00fcber die vielen neuen Eindr\u00fccke und Erlebnisse, die ihr das Zusammenleben mit der jungen Frau beschert. Sogar Silvester haben sie gemeinsam gefeiert. Eines von Stiers Kindern war mit den Enkeln zu Besuch, und G\u00f6k\u00e7eda\u011fs Mutter, die auch angereist war, hat f\u00fcr alle gekocht. Noch heute stehen die Gew\u00fcrze aus der T\u00fcrkei im K\u00fcchenschrank in Leipzig: Paprika und Minze. Dorothea Stier denkt gerne an diesen Abend zur\u00fcck: \u00bbMan lernt da so vieles Neues kennen. Das finde ich toll.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr beide Parteien ein Gewinn: Die Doktorandin Kardelen G\u00f6k\u00e7eda\u011f wohnt in Leipzig bei der Rentnerin Dorothea Stier. 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