{"id":897480,"date":"2026-03-26T06:07:16","date_gmt":"2026-03-26T06:07:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/897480\/"},"modified":"2026-03-26T06:07:16","modified_gmt":"2026-03-26T06:07:16","slug":"drohnen-statt-diplom-wie-russland-studenten-fuer-den-fronteinsatz-wirbt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/897480\/","title":{"rendered":"Drohnen statt Diplom? \u2013 Wie Russland Studenten f\u00fcr den Fronteinsatz wirbt"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nIm Sommer 2025 verk\u00fcndete der russische Machthaber Wladimir Putin, dass die Truppen unbemannter Luftfahrtsysteme in der russischen Armee zu einer eigenst\u00e4ndigen Teilstreitkraft ausgebaut werden sollen. Er begr\u00fcndete dies mit der immer gr\u00f6\u00dferen Rolle von Drohnen an der Front. Deren wachsende Bedeutung im Krieg unterstrich Verteidigungsminister Andrej Beloussow einige Monate sp\u00e4ter: Aktuell werden damit &#8222;bis zu 80 Prozent der Kampfaufgaben erf\u00fcllt&#8220;.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung0\" class=\"jumpLabel\">Helfen Studenten gegen Soldatenmangel?<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDoch die Schaffung einer eigenen Teilstreitkraft f\u00fcr Drohneneinheiten erfolgt vor dem Hintergrund eines akuten Soldatenmangels. Genau das k\u00f6nnte einer der Hauptgr\u00fcnde sein, warum der russische Staat nun verst\u00e4rkt um Studierende wirbt, erkl\u00e4rt der Milit\u00e4rexperte David Sharp. &#8222;Studenten sind junge, gesunde Menschen und daher ohnehin besonders f\u00fcr den Einsatz als Soldaten geeignet. Zudem verf\u00fcgen viele von ihnen \u00fcber technische Kenntnisse oder Erfahrung mit Computerspielen \u2013 beides gefragte F\u00e4higkeiten in Drohneneinheiten.&#8220; Das unterscheide sie deutlich von M\u00e4nnern mit niedrigerem Bildungsniveau, die gr\u00f6\u00dftenteils im Zuge der Teilmobilmachung 2022 eingezogen wurden.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie neue Rekrutierungskampagne unter Studierenden sei inzwischen allgegenw\u00e4rtig, berichtet Timur Tukhvatullin. Er ist Co-Gr\u00fcnder des Exilprojekts &#8222;Molnia&#8220;, das sich f\u00fcr die Rechte von Studenten in Russland einsetzt und ihnen Beratung anbietet. Seine Einsch\u00e4tzung deckt sich mit einer Z\u00e4hlung betroffener Universit\u00e4ten und Berufsschulen, die vom studentischen Medienprojekt Groza und der NGO &#8222;Bewegung der bewussten Kriegsdienstverweigerer&#8220; durchgef\u00fchrt wurde. Demnach sind es landesweit mindestens 194 Einrichtungen, die unter Studierenden f\u00fcr einen Dienst in den Drohneneinheiten werben. Die Dunkelziffer d\u00fcrfte jedoch noch h\u00f6her sein: Auch der Osteuropa-Redaktion ist eine weitere Rekrutierungsveranstaltung bekannt, die an der Lomonossow-Universit\u00e4t in Moskau stattgefunden haben soll.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung1\" class=\"jumpLabel\">Rekrutierung im H\u00f6rsaal: Druck und Drohungen<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nF\u00fcr den Staat sind Studierende ein durchaus attraktives Ziel: Menschen, die sich bereits im Bildungssystem befinden, lie\u00dfen sich leichter mit Rekrutierungsma\u00dfnahmen erreichen, meint Jekaterina Schulmann, russische Politikwissenschaftlerin im deutschen Exil. &#8222;F\u00fcr den russischen Staat ist es praktisch. Studenten sind bereits erfasst und unter Kontrolle: Ihre Aufenthaltsorte und Stundenpl\u00e4ne sind bekannt.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nLaut zahlreichen Berichten werden Studierende w\u00e4hrend der Unterrichtszeit gruppenweise zu Rekrutierungsveranstaltungen eingeladen. Teilweise kommt es auch zu Einzelgespr\u00e4chen. Als Rekrutierer treten dabei sowohl eingeladene Vertreter des Milit\u00e4rs als auch Lehrkr\u00e4fte der jeweiligen Einrichtungen auf. Doch es bleibe nicht bei blo\u00dfer Aufkl\u00e4rungsarbeit, sagt Timur Tukhvatullin von &#8222;Molnia&#8220;.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;An einigen Universit\u00e4ten wird direkter Druck auf Studenten ausge\u00fcbt \u2013 unter Androhung einer Exmatrikulation. Uns sind F\u00e4lle bekannt, in denen Studierenden nicht erlaubt wurde, ihre Pr\u00fcfungen abzuschlie\u00dfen oder Studienr\u00fcckst\u00e4nde aufzuarbeiten, mit der Begr\u00fcndung, dass sie einen Milit\u00e4rvertrag unterschreiben und in den Krieg ziehen m\u00fcssten.&#8220;\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\">Als Drohnenpilot sicher? Von wegen!<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nStudierenden werde versprochen, der Milit\u00e4rvertrag gelte f\u00fcr sie nur ein oder zwei Jahre, danach k\u00f6nnten sie ihr Studium fortsetzen, erkl\u00e4rt Timur Tukhvatullin. Au\u00dferdem sollen sie als Drohnenpiloten weit von der Front entfernt eingesetzt werden. Doch das seien L\u00fcgen, die sich leicht entlarven lie\u00dfen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Spezielle Milit\u00e4rvertr\u00e4ge f\u00fcr Studierende gibt es nicht. Es handelt sich um ganz normale Vertr\u00e4ge mit dem Verteidigungsministerium&#8220;, sagt der Menschenrechtler. Entsprechend gebe es keine Garantie daf\u00fcr, dass Studierende tats\u00e4chlich in Drohneneinheiten eingesetzt und nicht anderen Truppenteilen zugewiesen w\u00fcrden. Vor allem aber weist Timur Tukhvatullin darauf hin, dass in Russland de jure weiterhin die Mobilmachung gilt, wodurch die Milit\u00e4rvertr\u00e4ge faktisch unbefristet sind und nicht gek\u00fcndigt werden k\u00f6nnen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch der Milit\u00e4rexperte David Sharp widerspricht den Aussagen der Anwerber \u00fcber die angebliche Sicherheit von Drohnenpiloten im Krieg. Es komme zwar auf den eingesetzten Drohnentyp an, doch h\u00e4ufig bef\u00e4nden sich Drohnenpiloten nur wenige hundert Meter oder einige Kilometer von der Frontlinie entfernt.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Die Jagd auf Operatoren ist eine der wichtigsten Aufgaben auf beiden Seiten der Front. Denn Drohnen sind erstens die Augen des Gegners und zweitens vermutlich die gef\u00e4hrlichste Waffe im aktuellen Krieg. Solche Operatoren zu neutralisieren hei\u00dft, eigene Leben zu retten. Daher hat es h\u00f6chste Priorit\u00e4t, sie mithilfe verschiedener Aufkl\u00e4rungsmittel aufzusp\u00fcren und mit allen verf\u00fcgbaren Mitteln zu bek\u00e4mpfen.&#8220;\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung3\" class=\"jumpLabel\">Bilanz der Aktion: Wenig Resonanz, viel Angst<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nTimur Tukhvatullin r\u00e4t allen Studierenden, den Vertrag auf keinen Fall zu unterschreiben. Sollte die Universit\u00e4tsverwaltung mit Exmatrikulation drohen, handele es sich meist nur um Einsch\u00fcchterungsversuche, sofern keine triftigen Gr\u00fcnde f\u00fcr eine Exmatrikulation vorliegen. Doch selbst eine Exmatrikulation sei bei Weitem besser, als an die Front geschickt zu werden und mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder zur\u00fcckzukehren.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDass sich Studierende der m\u00f6glichen Konsequenzen eines solchen Milit\u00e4rvertrags bewusst sind, zeigt sich auch an der geringen Zahl der Rekrutierten, von denen Timur Tukhvatullin \u00fcber Kommilitonen erf\u00e4hrt: &#8222;Die Zahl ist so gering, dass man bislang von dem Scheitern dieser Kampagne sprechen kann.&#8220;\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung4\" class=\"jumpLabel\">Patriotismus hei\u00dft nicht zwingend Regimetreue<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nSeine Einsch\u00e4tzung deckt sich mit einer offenbar heimlich mitgeschnittenen Audioaufnahme, die im Netz kursiert. Darin ist offenbar Maria Kirsanova, Leiterin einer Verkehrstechnik-Fachschule in Nowosibirsk, zu h\u00f6ren. Sie soll ihre Sch\u00fcler \u00f6ffentlich ger\u00fcgt haben, weil sie sich weigerten, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben:\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Die Klassenlehrer sagen mir: kein Einziger \u2013 alle haben Angst. Man sieht ja, wie sehr ihr euer Leben sch\u00e4tzt! Ich war mir sicher, dass ihr 18-J\u00e4hrigen \u2013 alle 400 \u2013 als Erste losziehen w\u00fcrdet, um euer Vaterland zu verteidigen. Aber offenbar gibt es unter euch keine Patrioten.&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nJekaterina Schulmann, die mehrere Jahre in Russland als Professorin t\u00e4tig war, sagt dazu: Studierende seien das wertvollste Gut Russlands, und es gebe nur wenige von ihnen, da die junge Generation insgesamt zahlenm\u00e4\u00dfig klein sei.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Wissenschaftlerin selbst wurde in Russland als sogenannte &#8222;ausl\u00e4ndische Agentin&#8220; eingestuft, erhielt ein Berufsverbot als Lehrkraft und musste schlie\u00dflich ihr Land verlassen. Sie hat eine ganz andere Vorstellung davon, was Patriotismus bedeutet, als Maria Kirsanova. An die russischen Studierenden, die derzeit in Russland sind, richtet Jekaterina Schulmann folgende Worte: &#8222;Indem ihr euch selbst rettet, tut ihr das Beste f\u00fcr Russland \u2013 das ist das Patriotischste, was ihr tun k\u00f6nnt.&#8220;\n<\/p>\n<p>Unser Autor<\/p>\n<p>\nGeboren 1996 im Altai-Krai in Westsibirien, studierte Evgenii Dupelinskii Journalismus an der Lomonossow-Universit\u00e4t Moskau und Medienwissenschaft im Master an der Bauhaus-Universit\u00e4t Weimar. Er arbeitete mehrere Jahre als Lokaljournalist in Th\u00fcringen, absolvierte das MDR-Talenteprogramm &#8222;MDR fresh&#8220; und ist heute als freier Journalist t\u00e4tig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Sommer 2025 verk\u00fcndete der russische Machthaber Wladimir Putin, dass die Truppen unbemannter Luftfahrtsysteme in der russischen Armee&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":897481,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[4013],"tags":[3802,331,332,197159,6017,197158,13,1635,4046,81,14,15,51025,4043,4044,850,307,859,860,12,861,8709,103],"class_list":["post-897480","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-russland","tag-studenten","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-news","tag-drohneneinheiten","tag-front","tag-frontrekrutierung","tag-headlines","tag-jugend","tag-krieg","tag-mdr","tag-nachrichten","tag-news","tag-rekrutierung","tag-russia","tag-russian-federation","tag-russische-foederation","tag-russland","tag-sachsen","tag-sachsen-anhalt","tag-schlagzeilen","tag-thueringen","tag-universitaeten","tag-welt"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116293982480317515","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/897480","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=897480"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/897480\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/897481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=897480"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=897480"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=897480"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}