{"id":898757,"date":"2026-03-26T17:56:20","date_gmt":"2026-03-26T17:56:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/898757\/"},"modified":"2026-03-26T17:56:20","modified_gmt":"2026-03-26T17:56:20","slug":"forschung-wie-klang-der-dom-von-aachen-zur-zeit-karls-des-grossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/898757\/","title":{"rendered":"Forschung: Wie klang der Dom von Aachen zur Zeit Karls des Grossen?"},"content":{"rendered":"<p>\n                Teaserbild-Quelle: FH Aachen | Arnd Gottschalk\n            <\/p>\n<p><strong>Wie klang es im Dom von Aachen, als er vor 1200 Jahren geweiht wurde? Oder als Karl der Grosse hier seine letzte Ruhe fand? Ein Forschungsteam der FH Aachen will solche Geheimnisse l\u00fcften. Helfen sollen dabei auch Exkursionen nach M\u00fcstair und ins Elsass.<\/strong><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/161524_1.jpg\" alt=\"Akustikmessungen im Dom von Aachen.\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"font-size-14 mt-2 mb-0\">Quelle: FH Aachen | Arnd Gottschalk<\/p>\n<p class=\"font-size-14 mb-4\">Martin Zerwas bei den Messungen im Aachener Dom.<\/p>\n<p>Kurz nach 18 Uhr im Dom von Aachen. Die Schl\u00e4ge der Glocke des Westturms sind verhallt und\u00a0 die T\u00fcre hinter den letzten Besuchern ins Schloss gefallen. Es ist still. Die Nachbeleuchtung taucht Oktogon und Chorhalle in fahles Licht. \u00abMesspunkt 31. Ich bin bereit\u00bb, t\u00f6nt es aus einem Funkger\u00e4t. Martin Zerwas von der FH Aachen antwortet: \u00abDann starte ich jetzt die Messung.\u00bb Er dr\u00fcckt ein paar Tasten auf seinem Laptop: Ein dr\u00f6hnendes Bassgewummer f\u00fcllt das Gotteshaus, innert Sekunden schwillt es zum schrillen Kreischen an.\u00a0 Dann herrscht wieder Ruhe. Der Bildschirm des Computers leuchtet gr\u00fcn auf. \u00abDie Messung hat geklappt\u00bb, stellt der Professor mit Lehrgebiet \u00abNachhaltig Konstruieren &amp; Bauphysik\u00bb fest. \u00abJetzt k\u00f6nnen wir am n\u00e4chsten Messpunkt weitermachen.\u00bb<\/p>\n<p>Ziel der der akustischen Messungen, die Zerwas zusammen mit den Masterstudierenden Medayin \u00d6zen und Selin Kayku hier durchf\u00fchrt: Eine Klangkarte des Doms erstellen\u00a0 \u2013 und herausfinden, wie sich der Schall zwischen teils 1200 j\u00e4hrigen Mauern ausbreitet und wie er an verschiedenen Stellen wahrgenommen wird. Insgesamt hat Zerwas\u2019 Team rund 600 Messungen vorgenommen. Dazu wurden die Ger\u00e4uschquelle und die Mikrophone jeweils unterschiedlich positioniert, die Klangfolge blieb derweil hingegen immer dieselbe, sie deckte 45 Frequenzen zwischen 20 und 20.000 Hertz ab. \u00abDas ist ungef\u00e4hr wie bei einem H\u00f6rtest\u00bb, sagt Zerwas. Der entsprechende Fachbegriff nennt sich \u00ablogarithmischer Sinus-Sweep\u00bb. Pro Messung werden 18 Werte erfasst, darunter auch die Nachhallzeit. Wie Zerwas erkl\u00e4rt, kommen dabei 3-D-Mikrofone zum Einsatz. \u00abSo k\u00f6nnen wir auch festhalten, aus welcher Richtung der Schall kommt.\u00bb<\/p>\n<p>Auf dem Karlstrohn ist die Akustik besser als auf der Empore<\/p>\n<p>Die raumakustische Erforschung des Doms nahm lange vor den eigentlichen Messungen ihren Anfang: Auf der Basis dreidimensionaler Geb\u00e4udepl\u00e4ne sind Akustiksimulationen erstellt worden. Um diese zu verifizieren und verfeinern, braucht es die Messungen. Denn die Faktoren, die den Raumklang beeinflussen sind vielf\u00e4ltig: die Gr\u00f6sse des Raums und die Form von Decken und W\u00e4nden, aber auch die Oberfl\u00e4chenbeschaffenheit und das Mobiliar. Wenn die Stuhlreihen im Oktogon besetzt seien, etwa bei einer Messe oder einem Konzert, ver\u00e4ndere sich das akustische Verhalten, so Zerwas. Mit Hilfe der Simulation l\u00e4sst sich eine geplante Beschallungsanlage vorab virtuell testen und akustisch beurteilen.<\/p>\n<p>\n        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/161522_1.jpg\" alt=\"Karlstrtohn\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"font-size-14 mt-2 mb-0\">Quelle: Jebulon, eigenes Werk, CC0<\/p>\n<p class=\"font-size-14 mb-4\">Der Karlstrohn im Dom von Aachen: Hier ist die Akustik besonders gut.<\/p>\n<p>Das Team um Zerwas ist mit den Ergebnissen der Messungen zufrieden,<br \/>\nvor allem drei Befunde erachten die Fachleute als besonders<br \/>\naufschlussreich. So ist etwa die Akustik am Karlsthron bemerkenswert:<br \/>\n\u00abDie Sprachverst\u00e4ndlichkeit ist dort bis zu 25 Prozent besser als im<br \/>\nDurchschnitt von Empore und Oktogon\u00bb, sagt Zerwas. Die Ursache daf\u00fcr<br \/>\nliegt laut dem Wissenschaftler in der freien Sichtlinie und den fr\u00fchen<br \/>\nReflexionen durch das Gew\u00f6lbe im R\u00fccken. Die konkreten Ausl\u00f6ser daf\u00fcr<br \/>\nsollen allerdings noch zus\u00e4tzliche Simulationen kl\u00e4ren. Der zweite<br \/>\nBefund: Anders als in\u00a0 300 vergleichbar grossen Kirchen ist die<br \/>\nNachhallzeit beim Aachener Dom auff\u00e4llig kurz. Und als dritte<br \/>\nBesonderheit stellt Zerwas\u2019 Team fest, dass Oktogon und Chorhalle<br \/>\nakustisch stark miteinander interagieren: Die zwei\u00a0 Bereiche verhielten<br \/>\nsich anders als ein gleich grosser homogener Raum. Ein Befund, der f\u00fcr<br \/>\ndie historische Klangsimulation bedeutsam sei, heisst es dazu in der<br \/>\nMedienmitteilung der FH Aachen.<\/p>\n<p>Neben der wissenschaftlichen<br \/>\nAnalyse und Darstellung der Raumakustik stellt sich das Forschungsteam<br \/>\nnoch eine Frage: Wie hat es im Dom zur Zeit Karls des Grossen geklungen?<br \/>\n Zumal sich der Bau im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat: Zu Beginn<br \/>\nbestand er lediglich aus dem Oktogon, das damals eine andere Kuppel<br \/>\nhatte. Zudem waren die W\u00e4nde und Decken im unteren Bereich mit Verputz<br \/>\nversehen, die pr\u00e4chtigen Mosaiken erhielt das Gotteshaus erst Ende des<br \/>\n19. Jahrhunderts, im Zuge von Renovationsarbeiten. \u2013\u00a0<\/p>\n<p>Dem Klang des Doms im Val M\u00fcstair und im Elsass auf der Spur<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/161525_1.jpg\" alt=\"Akustikmessungen im Dom von Aachen\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"font-size-14 mt-2 mb-0\">Quelle: FH Aachen | Arnd Gottschalk<\/p>\n<p class=\"font-size-14 mb-4\">Die Messungen wurden an unterschiedlichsten Positionen durchgef\u00fchrt; auch driekt unter der Kuppel.<\/p>\n<p>Mit<br \/>\n entsprechender Software l\u00e4sst sich der Klang, den Karl der Grosse und<br \/>\nsein Hofstaat im Dom erlebt haben, simulieren. Um ihm noch besser auf<br \/>\ndie Spur zu kommen, wollen Zerwas und sein Team diesen Sommer oder<br \/>\nHerbst zwei Forschungsreise nach Graub\u00fcnden und ins Elsass unternehmen.<br \/>\nDas Ziel in der Schweiz: das vermutlich von Karl dem Grossen gestiftete<br \/>\nKloster Sankt Johann im Val M\u00fcstair. Es stammt wie der Aachener Dom aus<br \/>\nder Karolingerzeit stammt. Sowohl die Klosterkirche als auch die<br \/>\nHeiligkreuzkapelle \u00e4hneln mit ihrer urspr\u00fcnglichen Bauweise dem Oktogon<br \/>\nin Aachen. Wie Zewas erkl\u00e4rt, will er hier mehr \u00fcber die akustischen<br \/>\nEigenschaften des karolingischen Putzes herausfinden, der dort erhalten<br \/>\nist.\u00a0 Vergleichsmessungen plant Zervas auch in der Abteikirche<br \/>\nOttmarsheim im Elsass: Schliesslich gilt ihr oktogonaler Zentralbau aus<br \/>\ndem fr\u00fchen 11. Jahrhundert als unmittelbarer Nachfolgebau der Aachener<br \/>\nPfalzkapelle; zwar mit kleineren Dimensionen aber der gleichen<br \/>\nGrundstruktur.\u00a0<\/p>\n<p>Von der Exkursion nach Frankreich und in die<br \/>\nSchweiz verspricht sich Team, dass sie die dabei gewonnen Erkenntnisse<br \/>\nbei der Erstellung einer historischen Klangsimulation des Doms helfen.<br \/>F\u00fcr<br \/>\n Zerwas ist das gesamte Projekt \u00abetwas ganz Besonderes\u00bb: Schliesslich<br \/>\nsei der Aachener Dom ein Bauwerk, das wegweisend f\u00fcr die<br \/>\narchitektonische Entwicklung im mittelalterlichen Europa gewesen sei.\u00a0<\/p>\n<p>Ein Dom f\u00fcr einstimmige greogrianische Ges\u00e4nge<\/p>\n<p>\u00a0Mit<br \/>\n der Frage des akustischen Charakters sind nicht zuletzt auch<br \/>\n\u00dcberlegungen spirituell-kultureller Art verbunden. Karl der Grosse baute<br \/>\n seine Marienkirche als Abbild des Himmlischen Jerusalem, das die<br \/>\nBer\u00fchrung des Irdischen mit dem Himmlischen symbolisierte.<br \/>\nGregorianische Chor\u00e4le &#8211;\u00a0 einstimmige liturgische Ges\u00e4nge- kommen bei<br \/>\ndieser Bauform besonders gut zur Geltung. \u201eEinige Jahrhunderte sp\u00e4ter,<br \/>\nmit dem Aufkommen der gotischen Bauweise, entwickelte sich der polyphone<br \/>\n Gesang in der Liturgie\u201c, so\u00a0 Martin Zerwas \u2013 dies k\u00f6nne damit zu tun<br \/>\nhaben, dass gotische Kathedralen eine andere Akustik gehabt h\u00e4tten. (mai\/mgt)<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/161523_1.jpg\" alt=\"Dom von Aachen\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"font-size-14 mt-2 mb-0\">Quelle: CEphoto, Uwe Aranas \u00a9 CEphoto, Uwe Aranas, CC BY-SA 3.0,<\/p>\n<p class=\"font-size-14 mb-4\">1978 ist das Ensemble von Dom und Kaiserpfalz als erstes deutsches Bauwerk in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen. Der Zentralbau des Doms, das Oktogon, wurde in seiner urspr\u00fcnglichen Form zwischen 793 und 813 errichtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Teaserbild-Quelle: FH Aachen | Arnd Gottschalk Wie klang es im Dom von Aachen, als er vor 1200 Jahren&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":898758,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1853],"tags":[1424,2250,3364,29,548,663,3934,597,197454,30,2989,13,14,15,1209,197453,12,193],"class_list":{"0":"post-898757","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-aachen","8":"tag-aachen","9":"tag-architektur","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-eu","13":"tag-europa","14":"tag-europe","15":"tag-forschung","16":"tag-gef_hintergrund","17":"tag-germany","18":"tag-geschichte","19":"tag-headlines","20":"tag-nachrichten","21":"tag-news","22":"tag-nordrhein-westfalen","23":"tag-rub_baupraxis","24":"tag-schlagzeilen","25":"tag-wissenschaft"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116296770853982232","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/898757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=898757"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/898757\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/898758"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=898757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=898757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=898757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}