{"id":89907,"date":"2025-05-06T21:00:10","date_gmt":"2025-05-06T21:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/89907\/"},"modified":"2025-05-06T21:00:10","modified_gmt":"2025-05-06T21:00:10","slug":"bremer-kokain-prozess-gibt-einblicke-in-die-arbeit-der-drogenmafia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/89907\/","title":{"rendered":"Bremer Kokain-Prozess gibt Einblicke in die Arbeit der Drogenmafia"},"content":{"rendered":"<p>Bild: Radio Bremen | Fenja Holsten<\/p>\n<p class=\"article-intro\">Beim Verfahren am Bremer Landgericht wurden erstmals Daten des verschl\u00fcsselten Messenger-Dienstes &#8222;SkyECC&#8220; ausgewertet. Der Hauptangeklagte wurde zu neun Jahren Haft verurteilt.<\/p>\n<p>Diese Geschichte beginnt mit einer Entdeckung, die belgische Ermittler wohl zuf\u00e4llig in Antwerpen machen. Bei einer Drogenrazzia im Hafen finden sie Telefone mit der Verschl\u00fcsselungs-App &#8222;SkyECC&#8220;. Auch in anderen Verfahren organisierter Kriminalit\u00e4t war dieser Messenger-Dienst schon aufgefallen. Und so vermuten die Ermittler, dass mithilfe des Chatprogramms Drogengesch\u00e4fte abgewickelt werden.<\/p>\n<p>Die Belgier schlie\u00dfen sich mit niederl\u00e4ndischen und franz\u00f6sischen Kollegen zusammen. Nach jahrelanger Arbeit gelingt es ihnen, die Server zu knacken, auch Gruppenchats k\u00f6nnen sie heimlich mitlesen. Nach eigenen Angaben fangen die Ermittler rund eine Milliarde Nachrichten von 170.000 Nutzern ab.<\/p>\n<p>&#8222;Au\u00dfergew\u00f6hnliches Verfahren&#8220;<\/p>\n<p>2021 gibt Europol dann \u00f6ffentlich bekannt, den Messengerdienst geknackt zu haben. Europaweit kommt es zu Anklagen und Verurteilungen. Nun haben diese Ermittlungen auch am Bremer Landgericht zu einem ersten Urteil gef\u00fchrt. Der Hauptangeklagte ist zu neun Jahren Haft verurteilt worden, ein Gehilfe zu zwei Jahren und zehn Monaten, drei weitere Angeklagte werden freigesprochen.<\/p>\n<p>&#8222;Ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Verfahren geht heute zu Ende&#8220;, mit diesen Worten beginnt der Vorsitzende Richter Jan Stegemann seine etwa anderthalbst\u00fcndige Urteilsbegr\u00fcndung. Au\u00dfergew\u00f6hnlich sei einerseits die schiere Menge an Drogen, um die es hier geht: 1.200 Kilogramm Kokain, die gr\u00f6\u00dfte je in Bremen verhandelte Summe.<\/p>\n<p>Direkter Kontakt zum Drogen-Broker<\/p>\n<p>Au\u00dfergew\u00f6hnlich ist auch, wie nah die Ermittler dieses Mal den Hinterm\u00e4nnern der Drogengesch\u00e4fte gekommen sind. Denn der 40 Jahre alte Hauptangeklagte stand in direktem Kontakt mit einem Kokain-Broker in Belgien. Von diesen Brokern gibt es offenbar nur sehr wenige. Sie organisieren den Handel mit den Kartellen in S\u00fcdamerika. <\/p>\n<p>Das alles wissen die Ermittler dank der &#8222;SkyECC&#8220;-Daten, die auch erfahrenen Ermittlern noch Neues verraten. Die Kriminalhauptkommissarin Renate M. etwa k\u00fcmmert sich seit Jahren beim Bundeskriminalamt um Organisierte Kriminalit\u00e4t. An einem Verhandlungstag Anfang Januar sagt sie im Bremer Verfahren als Zeugin aus.<\/p>\n<p>Ein \u201eDatenschatz\u201c f\u00fcr Ermittler<\/p>\n<p>Ein wahrer &#8222;Datenschatz&#8220; seien die Chats, so die BKA-Frau. Die Kriminellen h\u00e4tten sich sicher gef\u00fchlt, h\u00e4tten offen kommuniziert. So konnten die Ermittler mitlesen, nachvollziehen, wie die Deals abliefen: Von der Bestellung bis hin zu den Fotos von Sektflaschen, die nach einem erfolgreichen Deal im Chat gepostet wurden.<\/p>\n<p>Oft bedienen sich die Banden dabei legaler Firmen, um ihre Drogengesch\u00e4fte zu verschleiern. So war es auch im Bremer Fall. Die Firmen bestellten in S\u00fcdamerika echte Waren: Zitronen, Fliesen oder Speisesalz. Versteckt in diesen Containern gelangte das Kokain unauff\u00e4llig nach Europa. So gut getarnt, dass die illegale Ladung von Scannern am Hafen nicht erkannt wurde.<\/p>\n<p>Kokain wurde getarnt als Zitronen, Fliesen, Speisesalz<\/p>\n<p>Interessant war auch f\u00fcr die langj\u00e4hrige BKA-Ermittlerin, wie arbeitsteilig die verschiedenen Mafia-Organisationen im internationalen Drogenhandel zusammenarbeiten. Da bestelle keineswegs jede kriminelle Organisation f\u00fcr sich, so die Ermittlerin. \u201eWenn es um richtig viel Rauschgift ging, haben die alle zusammengearbeitet.\u201c<\/p>\n<p>Im Bremer Verfahren wurde der Broker, der die Drogen in S\u00fcdamerika beschaffte, nur &#8222;42&#8220; genannt \u2013 nach den Endziffern seiner &#8222;SkyECC&#8220;-Kennung. &#8222;42&#8220; operierte offenbar von Belgien aus. Der Hauptangeklagte in Bremen stand mit dem Hintermann im st\u00e4ndigen Kontakt, koordinierte f\u00fcr den Broker die Deutschland-Gesch\u00e4fte.<\/p>\n<p>Skrupellose Hinterm\u00e4nner<\/p>\n<p>Und obwohl der Hauptangeklagte gegen Ende des Bremer Verfahrens umfassend und \u00fcber Tage auspackt, verr\u00e4t er eines nicht: Wer genau sich hinter &#8222;42&#8220; verbirgt. Aus gutem Grund: Die Hinterm\u00e4nner der Drogenmafia gelten als \u00e4u\u00dferst skrupellos.<\/p>\n<p>Doch wie finden die Drogenbosse immer neue Menschen, die sich auf solche Gesch\u00e4fte einlassen? Die F\u00e4lle der beiden nun in Bremen Verurteilten zeigen das beispielhaft. Der Hauptangeklagte etwa: ein intelligenter, gut ausgebildeter Mann, der in seiner Heimat Albanien als Anwalt arbeitete.<\/p>\n<p>Angeklagte handelten aus Geldnot<\/p>\n<p>Wegen der Korruption dort verlie\u00df er seine Heimat, versuchte sein Gl\u00fcck in Deutschland. Hier gr\u00fcndete er eine Baufirma, doch dann wurde er von seinem Gesch\u00e4ftspartner \u00fcbers Ohr gehauen, hatte Geldprobleme. Da kam ein alter Bekannter aus Albanien auf ihn zu: Ob er nicht f\u00fcr ihn arbeiten wolle. F\u00fcr 5.000 Euro Monatsgehalt koordinierte er nun die Drogengesch\u00e4fte der Mafia.<\/p>\n<p>Oder das Beispiel seines Gehilfen, ein Landwirt aus Kolumbien, der seine Vorgeschichte vor Gericht so beschrieb: Wegen des Klimawandels seien die Ernten schlechter ausgefallen, gleichzeitig wurde das Saatgut teurer. Der Mann hoffte auf Besserung, lieh sich bei den falschen Leuten Geld, konnte die Schulden nicht zur\u00fcckzahlen. Damit war er dem Kartell ausgeliefert. Der einzige Ausweg: Er sollte nach Europa fliegen, eine Drogenlieferung nach Hamburg \u00fcberwachen. Hier ging er deutschen Fahndern ins Netz.<\/p>\n<p>Staatsanwaltschaft pr\u00fcft weitere Daten<\/p>\n<p>Dass die Ermittler bei &#8222;SkyECC&#8220; in derart gro\u00dfem Stil verschl\u00fcsselte Kommunikation absch\u00f6pften, hatte erhebliche Zweifel an der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit ausgel\u00f6st. Doch die sind wohl \u2013 \u00e4hnlich wie beim Vorg\u00e4nger-Dienst Encrochat \u2013 ausger\u00e4umt. Schon im Januar dieses Jahres hatte der Bundesgerichtshof keine Bedenken, die Daten zu verwerten. Auf diese Entscheidung hat sich nun auch das Bremer Landgericht bezogen.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise kommen auf die Bremer Justiz bald weitere Verfahren zu. K\u00fcrzlich sei ein gr\u00f6\u00dferes Paket mit &#8222;SkyECC&#8220;-Daten bei der Bremer Staatsanwaltschaft eingegangen, best\u00e4tigt Sprecher Frank Passade auf Nachfrage von buten un binnen. Dieses werde nun gepr\u00fcft. Ob und in welchem Umfang daraus Anklagen entstehen, k\u00f6nne man zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen.<\/p>\n<p>Die Verfahren im Zusammenhang mit dem Messenger-Dienst Encrochat hatten Staatsanwaltschaft und Landgericht \u00fcber viele Jahre massiv belastet. Ob &#8222;SkyECC&#8220; ein \u00e4hnliches Ausma\u00df erreichen wird, bezweifeln inzwischen viele in der Bremer Justiz. Trotzdem ist es gut m\u00f6glich, dass am Bremer Landgericht schon bald weitere &#8222;SkyECC&#8220;-Verfahren starten \u2013 mit weiteren Einblicken in die Arbeit der internationalen Drogenmafia.<\/p>\n<p>Mehr zum Thema Drogenschmuggel in Bremen:<\/p>\n<p class=\"article-legal-broadcast-reference\"><strong>Dieses Thema im Programm:<\/strong><br \/>\nbuten un binnen, 6. Mai 2025, 19:30 Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bild: Radio Bremen | Fenja Holsten Beim Verfahren am Bremer Landgericht wurden erstmals Daten des verschl\u00fcsselten Messenger-Dienstes &#8222;SkyECC&#8220;&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":89908,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1824],"tags":[2420,3364,29,22061,30,18706,1269],"class_list":{"0":"post-89907","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bremen","8":"tag-bremen","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-drogendealer","12":"tag-germany","13":"tag-landgericht-bremen","14":"tag-prozess"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114462905099753429","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89907","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89907"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89907\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/89908"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89907"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89907"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89907"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}