{"id":90103,"date":"2025-05-06T22:47:09","date_gmt":"2025-05-06T22:47:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/90103\/"},"modified":"2025-05-06T22:47:09","modified_gmt":"2025-05-06T22:47:09","slug":"mode-im-museum-wenn-im-louvre-der-populismus-ausbricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/90103\/","title":{"rendered":"Mode im Museum: Wenn im Louvre der Populismus ausbricht"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Suche nach neuem Publikum umgarnt der Louvre nun auch die Modefans. Kleider von Dior bis Prada treten in den Wettbewerb mit der Sammlung. Dabei gibt es einen klaren Sieger. Ein stiller Star droht dagegen fast \u00fcbersehen zu werden: ein Meister des Mittelalters.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Der Louvre ist sehr viel mehr als die Summe Tausender von Kunstwerken aus Tausenden von Jahren, vom Altertum bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Und er ist eben auch nicht nur die peinvoll umlagerte, ohne jede Aura als Selfie-Beute missbrauchte <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255266062\/Mona-Lisa-zieht-um.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/kultur\/article255266062\/Mona-Lisa-zieht-um.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eMona Lisa\u201c<\/a>, kaum erkennbar aus der Schlangenferne hinter fies verspiegeltem Sicherheitsglas. So wie schon die ihr gegen\u00fcber h\u00e4ngende \u201eHochzeit zu Kana\u201c, das monumentale, zehn mal sieben Meter messende Prachtst\u00fcck Veroneses \u2013 das Spitzenwerk der venezianischen Malerei wurde von Napoleon 1797 aus dem Refektorium des Klosters San Giorgio Maggiore geraubt \u2013 bei den Event-Touristen kaum Beachtung findet. Aber so geht es im Louvre vielen anderen Artefakten.<\/p>\n<p>Etwa der riesigen Abteilung f\u00fcr europ\u00e4isches Kunstgewerbe im Richelieu-Fl\u00fcgel und dem Sully-Fl\u00fcgel an der Rue de Rivoli. Der ganze erste, meist nur wenig besuchte erste Stock ist angef\u00fcllt mit byzantinischen Kelchen, Meissener Porzellan, Renaissance-Ritterr\u00fcstungen, Juwelen, Elfenbein-Schnitzereien, Tapisserien, dem gar nicht lottrigen Bett einer Kurtisane, Rokoko-M\u00f6beln, Kleinbronzen bis hin zu den verschwenderischen, lange vom hier residierenden Finanzministerium genutzten Festr\u00e4umen Napoleons III. im \u00fcppigsten Second-Empire-Stil. <\/p>\n<p>Hier freilich wuselt und rumort es seit einigen Wochen ganz gewaltig, denn die Kuratoren waren so clever, diesen gern verwaisten Abteilungen Leben einzuhauchen, indem sie zus\u00e4tzlich das ausstellen, was garantiert Menschen ins Museum bringt: Mode. So treten jetzt unter dem Motto \u201eLouvre Couture\u201c auf dem verwirrenden, kilometerlangen Parcours aus S\u00e4len und Kabinetten 100 Signaturst\u00fccke von Modedesignern wie Ala\u00efa bis Yamamoto aus den Jahren von 1961 bis heute in \u2013 wie es so vornehm hei\u00dft \u2013 \u201eden Dialog\u201c mit den meist kleinformatigen, zum Teil uralten Meisterwerken der Menschheit.<\/p>\n<p>Die Schneider und Modeh\u00e4user liehen ihre Archivst\u00fccke gern aus, nobilitiert doch der Stempel Louvre selbst noch Luxusmarken wie Balenciaga, Dior, Moschino oder Prada. Also schnattert eine Gruppe Touristinnen wild fotografierend zwischen den roten Samtportieren einer napoleonischen Rotunde, wo sehr effektvoll ein kleines Kleidchen aus ebenfalls roter Seide mit \u00fcppigen Goldtressen in Szene gesetzt ist: Karl Lagerfeld entwarf es 2004 f\u00fcr Chanel. Da stehen schr\u00e4ge Alexander-McQueen-Schuhe zwischen Majolika-Platten mit Meeresgetier, von antiken Bronzebeschl\u00e4gen nimmt eine Dolce-&amp;-Gabbana-Kreation von 2014 deren m\u00e4andernde Muster wieder auf, und ein Versace-Ensemble \u00e4hnelt verbl\u00fcffend Bettportieren im Neorenaissance-Stil <\/p>\n<p>Manches ist witzig miteinander verbunden, anderes eher krampfig zwanghaft. Und weil die luftig-duftig-puffigen Stoffteilchen zwischen der F\u00fclle an Schnitzereien und Taufkr\u00fcgen, Leuchtern und Prunkwaffen, venezianischen Gl\u00e4sern und b\u00f6hmischen Humpen eher dezent verteilt sind, irren viele verzweifelt nach Designer-Namen Ausschau haltend durch die Sammlungen oft anonymer Sch\u00f6pfer: Denn Infobl\u00e4tter mit den genauen Kleiderpositionen sind Mangelware.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal hat der Louvre solches versucht, und auch hier ist jetzt also diese Barriere gefallen. Bisher waren solcher \u00fcberv\u00f6lkerten Schauen dem im gleichen Geb\u00e4ude residierenden Mus\u00e9e des Arts D\u00e9coratifs vorbehalten. Meist nur im Keller, im kommerziell genutzten Caroussel de Louvre, wurde bisher Modenschauen gezeigt. Jetzt aber dr\u00e4ngeln sich huchzend und hachzend, in jedem Falle wohlig seufzend vor allem Frauen vor den hochpreisigen Tr\u00e4umen in T\u00fcll und Leder, Samt und Plissee, Seide, Samt und Chiffon von Versace und Saint Laurent, Dries van Noten, Gautier, Schiaparelli, Givenchy und Viktor &amp; Rolf. Waffen\u00e4hnliche Loubutin-Pumps stehen neben Schaftstiefeln, LV-Koffer bauen sich hinter Biedermeier-Ballt\u00e4schchen auf. Paco Rabannes Metallkleid prangt neben Kettenhemden. Eine andere, von Marabufedern umflatterte Lagerfeld-Kreation nimmt eine geschwungene, zart verzierte Kommode als Designerjacken-Vorbild. <\/p>\n<p>Doch man sieht auch: Vieles ist von den Modemachern nicht nur als Inspiration variiert, verfremdet und weitergedacht worden. Manches wurde einfach auch mangels Copyright-Schutz einfach geklaut und wiederverwendet. Die Mode, schnelllebig und hektisch, zum Teil mit mehreren Kollektionen pro Jahr, sie ist eben doch nur Kunstgewerbe, obwohl sich ihre stolzen Sch\u00f6pfer gern als K\u00fcnstler teuer bezahlen lassen. Etwa wenn sich <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/maria-grazia-chiuri\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/themen\/maria-grazia-chiuri\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Maria Grazia Chiuri<\/a> f\u00fcr ihre Dior-Sommerkollektion 2023 von Caterina de\u2019 Medici und der Renaissance nur m\u00e4\u00dfig inspiriert zu eigenen Kreationen verleiten l\u00e4sst. Hier wird an mancher engen Ecke das edel abweisende, ein imagin\u00e4r erh\u00f6hendes Podest zwischen dem Normalem und dem Besonderen aufrechterhaltendes Museum dann doch zum billigen Jahrmarkt aus der besten Handyposition abzubildender Eitelkeiten. Die freilich, auch in der Form von Spendengalas, viele zus\u00e4tzliche Einnahmen verhei\u00dfen. <\/p>\n<p>Goldgrund hat wieder Konjunktur<\/p>\n<p>Wie viel ruhiger, vornehmer, konzentrierter, versunkener und doch innerlich \u00e4hnlich, ob so viel \u2013 einzigartig! \u2013 jauchzender Betrachterfreude, geht es in einem anderen Louvre-Fl\u00fcgel zu, dem nach Denon benannten an der Seine, am Ende der ber\u00fchmten italienischen Galerie. Da zeigt man, quasi als Kerngesch\u00e4ft, in nur einem Raum eine au\u00dferordentliche europ\u00e4ische, eben general\u00fcberholte Kostbarkeit: die grandiose, drei Meter hohe \u201eMaest\u00e0\u201c, die Madonna mit Kind, welche Cimabue f\u00fcr die Kirche San Francesco in Pisa geschaffen hatte. Es war wiederum Napoleon, der sie 1813 in den Louvre holte. Sp\u00e4ter wollten die Italiener die alte, fragile, kaum transportf\u00e4hige Tafelmalerei nicht wieder zur\u00fcck. Fr\u00fche Bilder auf Goldgrund hatten damals gerade so gar keine Konjunktur.<\/p>\n<p>Dabei gilt Cimabue, der eigentlich Cenni di Pepo hie\u00df und von dem nur das vermutliche Sterbejahr 1302 kennt, als der Begr\u00fcnder der abendl\u00e4ndischen Malerei. Obwohl aus dem Dunkel der Geschichte von dem \u201eOchsenkopf\u201c Genannten nur zehn Tafelbilder gesichert sind; eine Freskengruppe in Assisi und Mosaike in Florenz wie in Pisa werden ihm zudem zugeschrieben. Rund 40 Bilder und Artefakte sind nun um die zwei Cimabues des Louvre versammelt: Es herrscht die Stille and\u00e4chtiger Kennerschaft. Kaum wagen es die wenigen Anwesenden, zu fotografieren, w\u00e4hrend drau\u00dfen, in der Italienergalerie, das Besucherleben brodelt.<\/p>\n<p>Den einen der beiden herrlich restaurierten, wieder zum inneren Strahlen gebrachten Cimabues sah man \u00fcbrigens noch nie: ein kleines Tafelbild \u00fcber die Verspottung Christi, einst Teil eines Diptychons, dessen beiden anderen erhaltenen Tafeln (von einst acht) aus London und New York angereist sind. 2019 wurde es in einem Auktionsinventar erkannt, und \u2013 als nationales Kulturgut nicht ausf\u00fchrbar \u2013 vom Louvre f\u00fcr 24 Millionen Euro gekauft. Jetzt leuchten beide Bilder kostbar in Gold und Blau. Wir stehen hier an den Quellen der heutigen Kunst, die eine naturalistische werden wollte. Was dann der j\u00fcngere Giotto durchf\u00fchrte, der die starre Ikonografie des Mittelalters endg\u00fcltig hinter sich lie\u00df. <\/p>\n<p>Doch der Beginn der Perspektive, das Ringen um faltige Bekleidung als Stoff nicht als steife R\u00fcstung, die Aufl\u00f6sung des Goldgrunds in der weltlichen Landschaft, das lebensechte Arrangement von Figuren, insbesondere im liebevollen Miteinander von Gottesmutter und Sohn, aber auch die individuelle Darstellung der sie umziehenden Engel, das erlebt man alles bereits bei Cimabue. Doch sieht man hier nicht Primitivismus, sondern bereits h\u00f6chstes Raffinement, sogar in der Gestaltung des \u201eMaest\u00e0\u201c-Rahmens mit pseudoarabischen Schriftzeichen. Und vier weitere Cimabue-Bilder zeigen seine Kunst in so nie gesehene Vollst\u00e4ndigkeit. Plus Giottos \u00e4hnlich gro\u00dfer, einst neben der \u201eMaest\u00e0\u201c h\u00e4ngenden Stigmatisierung des Heiligen Franziskus, ebenfalls von den Italienern in Unkenntnis dem Louvre auf immer \u00fcberlassen. <\/p>\n<p>Hier geht es ebenfalls um Mode, um Kleidung, Manier, Farbe und Faltung, doch auf weniger popul\u00e4re Art. Die allerdings nicht mehr aufzuhalten ist, gerade nicht in Paris, wo vor den meisten Ausstellungen lange Schlange stehen, obwohl doch best\u00e4ndig vor Ort so unermesslich viel Kunst zu erleben ist. Erst vor Kurzem gab es diese Divergenz auch zwischen Grand und Petit Palais. Im einen gastierte in viel zu engen R\u00e4umen eine prollig vollgestopfte Dolce-&amp;-Gabbana-Schau. Die zeigte schlagend, wie primitiv die beiden Schneider vor allem die reiche Kunst- und Kulturgeschichte ihrer italienischen Heimat ausschlachten, bis hin zu den Trachten der B\u00e4uerinnen bei Beerdigungen. Alles ist hier nur Requisit f\u00fcr kreischige Inszenierungen, Dekor auf simplen Kleidern, die von unbekannten Arbeiterinnen mit Perlennachstickereien von Raphael- und Caravaggio-Gem\u00e4lden aufgepimpt wurden. Wei\u00dfes Barock wird zum Hochzeitsalbtraum, spanischer Katholizismus zur bigotten Handtaschen-Anbeterei. <\/p>\n<p>Eigentlich absto\u00dfend, h\u00e4tte sie nicht wutsensibilisiert \u2013 f\u00fcr ausgerechnet die erste franz\u00f6sische Jusepe-de-Ribera-Retrospektive im st\u00e4dtischen Museum gegen\u00fcber, mit 100 Bildern des r\u00f6mischen \u201eSpagnoletto\u201c von Bettlern und Heiligen aus der ganzen Welt. So superb und subtil kann katholische Glaubensinszenierung eben auch sein. Dezent ist dagegen sogar die Kleiderstrecke im Louvre. Doch eine Erf\u00fcllung ist einzig Cimabue. <\/p>\n<p>\u201eCouture. Kunstobjekte, Modeobjekte\u201c, bis 21. Juni 2025; \u201eCimabue neu sehen. Zu den Urspr\u00fcngen der italienischen Malerei\u201c, bis 12. Mai 2025, Mus\u00e9e du Louvre, Paris<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Auf der Suche nach neuem Publikum umgarnt der Louvre nun auch die Modefans. 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