{"id":904198,"date":"2026-03-28T21:12:41","date_gmt":"2026-03-28T21:12:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/904198\/"},"modified":"2026-03-28T21:12:41","modified_gmt":"2026-03-28T21:12:41","slug":"essen-singen-und-tanzen-bis-es-regnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/904198\/","title":{"rendered":"Essen, Singen und Tanzen, bis es regnet"},"content":{"rendered":"<p>        In Zentralasien, Iran und Kurdistan wird der astronomische Fr\u00fchlingsbeginn am 21. M\u00e4rz wie Neujahr gefeiert (Navruz\/Nauryz). Unser Autor war in Taschkent und hat beobachtet, wie in Usbekistan die warme Jahresh\u00e4lfte begr\u00fc\u00dft wird.<\/p>\n<p>Navruz ist, wie der Fr\u00fchling insgesamt, eine Phase der Ver\u00e4nderung, und wie Ver\u00e4nderungen es so in sich haben, brauchen sie ein wenig Anlaufzeit. Am 21. M\u00e4rz, um 11 Uhr morgens, ist es in Taschkent also noch recht still. Vor dem Innenministerium, am Monument der Kosmonauten, haben sich ein paar junge Leute zum Skaten getroffen. Verst\u00e4ndlich, bei 22 Grad Au\u00dfentemperatur, Mitte M\u00e4rz. Ungew\u00f6hnlich nur, sich vor einem sozialistischen Betonkoloss ohne Rampen oder Stufen zum Skaten zu treffen, aber am Tag davor und danach fanden sich hier ebenfalls Skater zusammen.<\/p>\n<p>Vielleicht geht es ja um die Kulisse, um ein bisschen Show, hier direkt vor den einbetonierten Figuren, die das Weltall im Blick haben. Ein bisschen Raum f\u00fcr Tr\u00e4umen und Hoffen muss sein, f\u00fcr all die Phantasien, die sich \u00fcber den grauen Winter angesammelt haben. Und die pl\u00f6tzlich Gestalt annehmen oder zumindest freundlicher ausschauen k\u00f6nnen, wenn die Sonne einen warmen Blick darauf wirft.<\/p>\n<p>Tradition, die mit der Zeit geht<\/p>\n<p>Klar ist auch: \u201eVolksfeste\u201c wandeln sich selbst im Laufe der Zeit und sind in einer Welt sozialer Medien, individualisierter Lebensf\u00fchrung und globaler Wettbewerbsorientierung nicht nur Pflege von Tradition und Vergangenheit, sondern auch Objekte von Kommerzialisierung mit entsprechender Vereinzelung. Auf der O\u2019zbekiston Ovozi ko\u2019chasi, der Stra\u00dfe der Stimme Usbekistans, die sich hinter dem symbolischen Prestige-Hotel Usbekistan befindet, wird das besonders deutlich. Von kollektiven Br\u00e4uchen ist hier nichts zu sehen, solange die obligatorische Coca-Cola-Werbung auf jeder Freifl\u00e4che nicht Ausdruck eines gesellschaftlichen Marktethos sein soll.<\/p>\n<p>In der Digital Corner spielen Menschen mit KI-Filtern und auf der B\u00fchne findet gerade der Soundcheck f\u00fcr eine Popmusik-Band statt. Auch die Verk\u00e4ufer:innen an den Souvenirst\u00e4nden wirken, als seien sie noch in winterlicher Trance. Besonders belaufen ist die Stra\u00dfe ebenfalls nicht. Vermutlich ist es auch hier noch zu fr\u00fch. Alles wirkt auf den Abend ausgelegt, um die Inszenierung der Tradition an das anzupassen, was Feiertage eben auch sind: Urlaubs- und Reisetage, an denen viele einfach ausschlafen oder raus aus dem Alltag fahren wollen.<\/p>\n<p>Andererseits ist Navruz \u2013 damit tritt man niemandem zu nahe \u2013 kein Tag, der sich seine Bedeutung durch eine sensibel gepflegte Legende oder andere spirituell aufgeladenen Geschichten erarbeitet h\u00e4tte. Es wird keiner martialischen Schlacht, keiner nationalen Trag\u00f6die, pers\u00f6nlicher Heldentaten oder kollektiven Leids gedacht. Wenn man so will, feiern die Menschen etwas sehr Einfaches: dass die Blumen bl\u00fchen, die Sonne scheint, die Tage l\u00e4nger werden, die B\u00e4ume wieder belaubt sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/12_Navruz-Tashkent_01.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-74750\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/12_Navruz-Tashkent_01.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"630\"  \/><\/a>Dass der Winter rum und der Fr\u00fchling da ist. Ein Naturfest, k\u00f6nnte man sagen, eins, bei dem nicht die Gr\u00f6\u00dfe des Menschen und seine konstruiert heldenhafte wie leidvolle Vergangenheit im Mittelpunkt stehen, sondern die Wiedergeburt der Landschaften, der W\u00e4lder, der aus dem Winterschlaf erwachenden Tiere, und die Zeit, in der die Abende wieder entspannt drau\u00dfen verbracht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein \u00fcberregionales Fest<\/p>\n<p>Nur, wie feiert man denn jetzt den \u00dcbergang in die warme Jahresh\u00e4lfte? Das Fest, das seine Urspr\u00fcnge in der persischen Kultur hat, wird heute vor allem in Iran, Kurdistan, Afghanistan und den Staaten Zentralasiens gefeiert. Unter Kurd:innen ist es \u00fcblich, \u00fcber ein Lagerfeuer zu springen. In Iran geh\u00f6rt es zur Tradition, den Tisch mit sieben Gegenst\u00e4nden zu decken, die \u2013 im lateinischen Transkript \u2013 mit dem Buchstaben \u201es\u201c anfangen. Sieben Gegenst\u00e4nde f\u00fcr das Leben, die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft sowie die drei Existenzformen Mensch, Tier und Pflanzen.<\/p>\n<p>In Usbekistans Hauptstadt findet sich die Antwort im Navruz Park. Vor dem Eingangstor am Riesenrad hat sich eine Band in Volkstrachten zusammengefunden, in kittelartiger Seide mit gr\u00fcnen, roten und wei\u00dfen Streifen und goldenen Karneys in den H\u00e4nden, einem Blasinstrument aus der usbekischen Volksmusik.<\/p>\n<p>Es ist laut und un\u00fcbersichtlich. Aber der Menschenmenge zu urteilen, die sich um die Band versammelt hat, scheint es sich um eine lebendigere, klassischere Form des Fr\u00fchlingsempfangs zu handeln: Dutzende \u00e4ltere Frauen und M\u00e4nner tanzen sich gegenseitig zu, mit geschwungenen Handbewegungen, langsamen Rhythmen und vor allem: Sie lachen so frei dazu wie Kinder, die monatelang etwas auswendig gelernt haben und selbst ganz erstaunt sind, wie gut ihre Performance vor dem Publikum funktioniert. Ein touristisch anmutendes Paar, von der Leichtigkeit der T\u00e4nze beschwingt, traut sich ebenfalls in die Mitte und f\u00e4llt dort, wenn man es wohl mit ihnen meint, nicht weiter auf.<\/p>\n<p>Das usbekische Navruz-Gericht: Sumalak<\/p>\n<p>\u201eZu Navruz kehren wir ein bisschen zu unserer Kindheit zur\u00fcck\u201c, erz\u00e4hlt Timur, ein junger Usbeke mit gescheiteltem Haar und sch\u00fcchternem Blick. \u201eWir tanzen, wir essen, wir gehen aus, spielen Spiele, treffen unsere Freunde und Familie.\u201c Das wichtigste Gericht sei Sumalak, ein dunkler Pudding mit \u00e4hnlicher Konsistenz und Geschmack wie Pekmez, der s\u00fc\u00dfe, aus Obst gewonnene Sirup der t\u00fcrkischen K\u00fcche. F\u00fcr Sumalak wird keimendes Getreide mit Fl\u00fcssigkeit solange auf niedriger Hitze umger\u00fchrt, bis sich die St\u00e4rke des Getreides abbaut und zu Zucker wird. \u201eDie Vorbereitungen f\u00fcr Sumalak finden schon 24 Stunden vor Navruz statt. Der Pudding wird \u00fcber die gesamte Nacht und den fr\u00fchen Morgen umger\u00fchrt. Jeder sollte es mal ausprobieren.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt aber nat\u00fcrlich nicht nur Zucker an Navruz, zumal Eid, das Zuckerfest nach dem Ende des Fastenmonats Ramadan, in diesem Jahr auch noch einen Tag vorher stattfand. Im Navruz Park wird am 21.03 auch kiloweise Plov, Halim (ein Brei aus Weizen, Milch und Fleisch) und Somsa verkauft. Und wenn man so in die Gesichter der Menschen schaut, entsteht der Eindruck, dass es genau darum geht: Gut zu essen, frei zu tanzen, fr\u00f6hlich zu singen, um die Schwere des Winters hinter sich zu lassen, zumindest solange, bis es wieder regnet. In der Nacht auf den 22.03. nieselt es auf Taschkent herunter.<\/p>\n<p>Bahtiyor, ein anderer junger Mann, der einen Stand mit Seidentextil betreut, guckt fr\u00f6hlich in die Sonne. Die Bedeutung von Navruz, da m\u00fcsse er kurz \u00fcberlegen. Dann denkt er eine halbe Minute nach, mitten in der nicht minder kommerziellen Umgebung des Navruz Parks, und kommt zu einem salomonischen Urteil: \u201eJede usbekische Familie freut sich auf Navruz. Denn Navruz ist die Zeit, die man mit der Familie verbringt. Viele unserer br\u00fcderlichen Nationen k\u00f6nnen sich etwas von der Tradition abschauen\u201c, sagt er in selbstbewusstem Ton. Wenn er damit die Tradition kollektiver Gl\u00fcckseligkeit an einem Tag im Jahr meint, dann will man ihm ohne Einw\u00e4nde zustimmen.<\/p>\n<p>Yannik Ye\u015filg\u00f6z<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In Zentralasien, Iran und Kurdistan wird der astronomische Fr\u00fchlingsbeginn am 21. M\u00e4rz wie Neujahr gefeiert (Navruz\/Nauryz). 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