{"id":904764,"date":"2026-03-29T02:58:16","date_gmt":"2026-03-29T02:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/904764\/"},"modified":"2026-03-29T02:58:16","modified_gmt":"2026-03-29T02:58:16","slug":"ein-leben-als-junger-schwuler-mann-im-leipzig-der-spaeten-ddr-zeit-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/904764\/","title":{"rendered":"Ein Leben als junger schwuler Mann im Leipzig der sp\u00e4ten DDR-Zeit \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Themen in der deutsch-deutschen Erinnerung, die existieren scheinbar gar nicht. Sie werden ignoriert, ausgeblendet, f\u00fcr nicht so wichtig erachtet. Das f\u00e4llt sogar Galeristen auf \u2013 wie Tobias Wachter, der die Verkaufsgalerie Irrgang Fine Arts in Berlin betreibt. Ihm hatte der Leipziger Architekt und Grafiker Bernd Sikora seine alten Zeichenmappen zur Begutachtung anvertraut.<\/p>\n<p>Darin auch die zwischen 1962 und 1989 entstandenen Zeichnungen, die von einem Thema erz\u00e4hlen, das mit Blick auf die DDR kaum einmal wahrgenommen wird. Da wollte Wachter schon gern Genaueres wissen: Wie war das eigentlich mit dem Schwulsein in der DDR?<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/387a550f842b476cb2905a2734d4f906.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/03\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/03\/1\" alt=\"\"\/>\t\t\t\t\t\t<\/p>\n<p>Dar\u00fcber kann Sikora erz\u00e4hlen. Denn das war ja sein Leben. Und da ihn Wachter bat, dar\u00fcber ein Buch zu schreiben, hat er es getan. Nicht allumfassend. Denn erz\u00e4hlen kann man ja nur, was man selbst erlebt hat. Deswegen spielt Leipzig in diesem Buch die Hauptrolle. Und dabei nicht einmal die Schwulenszene selbst, die mit ihren Treffpunkten und Lieblingsbars freilich am Rande auch auftaucht.<\/p>\n<p>Orte, die \u2013 wie auch Sikora bald merkte \u2013 unter aufmerksamster \u00dcberwachung standen. Weshalb er sich meistens lieber davon fernhielt. Denn die eigene sexuelle Veranlagung konnte schnell zum Mittel der Erpressung werden. Da kannte die allgegenw\u00e4rtige Stasi keine Skrupel.<\/p>\n<p>Stimmt: Sie taucht wieder einmal auf. Sie r\u00fcckte dem jungen Architekten und freischaffenden K\u00fcnstler auch direkt auf die Pelle, drohte, lockte, deutete an. Auch wenn Homosexualit\u00e4t \u2013 anders als im Westteil Deutschlands \u2013 in der DDR nicht strafbar war. Das wurde sie erst, wenn sich entsprechend veranlagte M\u00e4nner an Minderj\u00e4hrigen vergriffen.<\/p>\n<p>Etwas, was Sikora am Beispiel \u00fcbergriffiger Trainer, aber auch gewaltt\u00e4tiger V\u00e4ter ins Bild bringt. V\u00e4ter, die das Schwulsein ihrer S\u00f6hne damit bestraften, dass sie sie vergewaltigten. Auch das gab es.<\/p>\n<p>Auf sich allein gestellt in Leipzig<\/p>\n<p>Aber es wird trotzdem deutlich, dass sich die Schwulenszene im Osten sp\u00fcrbar von der des Westens unterschied. Und damit auch Spiegelbild eines durchaus anderen, freieren Verst\u00e4ndnisses von Sexualit\u00e4t war. Trotz allem. Auch wenn das Mobbing und Verleumdung nicht ausschloss, wie der Held der Geschichte, den Sikora Sebastian Berger genannt hat, am Beispiel seiner Zeit in der Grafikklasse der HGB schildert. Aber man merkt dabei schon, dass das ein schlichtweg historisches Erbe ist, das auch unsere Gegenwart noch kennt.<\/p>\n<p>Denn um die andere Sexualit\u00e4t seiner Mitmenschen zu respektieren, braucht es ein gewisses Selbstbewusstsein. Das viele Mitmenschen einfach nicht haben. Sie verwandeln ihre Verunsicherung in Misstrauen, Verachtung und Aggression.<\/p>\n<p>Sodass Sebastian sehr schnell merkt, wie man ausgegrenzt und mit Ger\u00fcchten \u00fcberzogen wird, wenn diese Typen Lunte riechen. Gleichzeitig steckt er ohnehin mehrfach in einem Zwiespalt, denn da hat er gerade seine Arbeit als Architekt an den Nagel geh\u00e4ngt, seine Familie ist in den Westen geflohen. Er muss jetzt also allein zurechtkommen.<\/p>\n<p>Und dann ist da noch die Suche nach einem richtigen Freund und Lebensgef\u00e4hrten. Dass er seine Leidenschaft f\u00fcr h\u00fcbsche M\u00e4nner ausgerechnet in der Stra\u00dfenbahn entdeckt, l\u00e4sst schon ahnen, dass das kein wirklich leichtes Unterfangen ist, auch wenn die entsprechenden Kapitel gespickt sind mit erotischen Abenteuern. Begegnungen, die alles versprechen und dann doch ins Leere laufen.<\/p>\n<p>Bis Hans in sein Leben tritt, mit gepacktem Koffer, und einfach einzieht und bleiben will. Letztlich geht es da den Schwulen nicht anders als den Heterosexuellen: Bis man den Richtigen gefunden hat, l\u00e4uft man durch alle H\u00f6hen und Tiefen der Gef\u00fchle. Manchmal wird eine Freundschaft f\u00fcrs Leben draus, manchmal eine Riesenentt\u00e4uschung, ein wortloser Abbruch. Manchmal ein\u00a0 gemeinsames Lebensprojekt.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig nimmt Sikora die Leser mit in die durchaus zwiesp\u00e4ltigen und kontroversen Jahrzehnte, in denen die DDR ein zugemauertes Land war. Ein \u201eSystem, das keine Freiheit kennt\u201c, wie es im Klappentext hei\u00dft. Was so nicht stimmt. Das Buch selbst widerlegt es.<\/p>\n<p>Freiheit bekommt man nicht geschenkt<\/p>\n<p>Denn auch in der DDR suchten und fanden Menschen R\u00e4ume der Freiheit, schufen sie aus eigener Kraft, wie eben Sebastian, der ganz bewusst auf eine R\u00fcckkehr in eine Anstellung verzichtete und sich ein Netzwerk aus Vertrauten und Bekannten schuf, in dem er seinen k\u00fcnstlerischen Neigungen nachgehen konnte. Jahrelang begleitete ihn auch ein Buchprojekt, das er gemeinsam mit Hans vorantrieb \u2013 ein Buch \u00fcber die zerst\u00f6rerischen Folgen des Bergbaus im S\u00fcden von Leipzig. Gutachter und Zensoren verz\u00f6gerten die Publikation immer wieder, bis das Buch doch noch erschien.<\/p>\n<p>Freir\u00e4ume boten auch die vernachl\u00e4ssigten Geb\u00e4ude in der Stadt. Die dem Verfall preisgegebenen H\u00e4user waren oft die Chance f\u00fcr junge Leute, sich ein selbstbestimmtes Leben zu organisieren. Bis dann nach der \u201eWende\u201c die alten Besitzer kamen und die Mieter herausklagten.<\/p>\n<p>Auch das wird am Ende noch Thema. Denn bevor die Deutsche Einheit die R\u00fcckkehr der alten Besitzer (und neuen K\u00e4ufer) erm\u00f6glichte, hatten die st\u00e4dtischen Planer auch das Waldstra\u00dfenviertel zum Abriss vorgesehen und zur Neubebauung mit den auf der Schnellstra\u00dfe entstandenen Typenbauten. Was einer der Urpr\u00fcnge jenes Protests war, der 1988 und 1989 Gestalt annahm: der Kampf gegen die \u201esozialistischen\u201c Abrisspl\u00e4ne und um den Erhalt der einmaligen geschlossenen Gr\u00fcnderzeitbebauung.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt war ja die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Volksbaukonferenz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">1. Volksbaukonferenz im Januar 1990<\/a> in Leipzig. Der folgte zwar keine 2. Volksbaukonferenz. Die noch verantwortlichen Planer wollten sich von ihren alten Pl\u00e4nen nicht abbringen lassen.<\/p>\n<p>Mit der Deutschen Einheit war das Thema freilich sowieso entschieden. Jetzt bestimmte das Geld und das Waldstra\u00dfenviertel wurde zu einem echten Gr\u00fcnderzeitjuwel \u2013 mit freilich entsprechend h\u00f6heren Mieten. Da mussten auch Sebastian und Hans sich eine neue Bleibe suchen.<\/p>\n<p>Uralte Vorurteile<\/p>\n<p>Sikora erz\u00e4hlt die ganze Geschichte sehr detailliert. Denn sie ist ja eng an seine eigene Biografie angelehnt, auch wenn er die meisten Personen in dieser Erz\u00e4hlung umbenennt, au\u00dfer die bis heute Ber\u00fchmten. Es wird trotzdem mehr als eine pers\u00f6nliche Geschichte, denn mit jedem Zeitabschnitt werden auch die Lebens- und \u00dcberlebensbedingungen in Leipzig greifbar, bekommt man Einblicke in den Kulturbetrieb, in die oft sehr rudiment\u00e4ren Wohnbedingungen, aber auch in die Selbstbehauptung der Menschen, die sich auch wegen ihrer sexuellen Orientierung nicht einsch\u00fcchtern lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und da Sikora auch Sebastians Reisen nach Ostberlin schildert, wird auch deutlich, dass es die eine, heterogene Schwulenszene in der DDR gar nicht gab, dass man sich als junger Schwuler aus Leipzig in der Berliner Szene regelrecht fremd und abgewiesen f\u00fchlen konnte.<\/p>\n<p>Anders fremd, als es in der s\u00fcdlichen Provinz der Fall war. Denn je kleiner ein Kaff, umso eher wurde ein junger Schwuler ausgegrenzt, bekam alle provinziellen Vorurteile zu sp\u00fcren und musste auch mit entsprechenden \u00dcbergriffen rechnen. Was auch ein Grund daf\u00fcr war, dass junge Homosexuelle lieber in die Gro\u00dfst\u00e4dte abwanderten. Was Dramen um Liebe und Vertrauen nicht ausschloss. Im Gegenteil. Von einigen wird auch in diesem Buch erz\u00e4hlt. Auch von einigen Schicksalen, die tragisch endeten, weil die jungen M\u00e4nner in ihrer Suche nach Liebe scheiterten.<\/p>\n<p>R\u00e4ume der Freiheit<\/p>\n<p>Aber Sikora schildert eben auch Freundschaftskreise, in denen das gegenseitige Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die zuweilen prek\u00e4re Lage der Andern lebte, wo man sich half und unterst\u00fctzte. Zuspruch gab. Und damit wird eben auch ein Aspekt von Freiheit in der DDR sichtbar, der mit den immer wieder neu kolportierten Erz\u00e4hlungen vom \u00dcberwachungsstaat ignoriert wird: dass Freiheit nicht auf der Stra\u00dfe liegt, sondern geschaffen und erobert wird durch Menschen, die sich diese Freir\u00e4ume bauen.<\/p>\n<p>Freiheit ist kein passives Geschenk, auch wenn das einige Leute nur zu gern glauben und dann entt\u00e4uscht an der Kasse stehen. Freiheit ist der Mut, das eigene Leben \u2013 gegen alle Widerst\u00e4nde \u2013 selbst zu gestalten. Eine Freiheit, die viele junge Leute in der (sp\u00e4ten) DDR f\u00fcr sich in Anspruch nahmen \u2013 in v\u00f6llig verschiedenen Szenen, die sich oft nicht einmal \u00fcberschnitten.<\/p>\n<p>Aber genau aus diesen Szenen und Netzwerken wuchs der Mut von 1989, sich von der misstrauischen Staatsmacht nichts mehr gefallen zu lassen. Was ununterbrochen mitschwingt, auch wenn das in den Jahrzehnten vor 1989 so noch nicht \u00f6ffentlich sp\u00fcrbar war. Es sei denn, man suchte sich diese Netzwerke und Freundeskreise, wo man auf Gleichgesinnte traf. Und wo man einen Teil dessen ausleben konnte, was einem pers\u00f6nlich wirklich wichtig war. Dass das auch f\u00fcr Schwule in Leipzig so m\u00f6glich war, erz\u00e4hlt diese Geschichte.<\/p>\n<p>Und so mancher Leser im Westen wird vielleicht sogar staunen, dass das so m\u00f6glich war. Aber das ist vielleicht die Lektion, die irgendwann verstanden werden m\u00fcsste: dass man den Staat nicht mit den Menschen verwechseln darf, die darin lebten und ihre R\u00e4ume der Freiheit selbst erschaffen mussten.<\/p>\n<p><strong>Bernd Sikora \u201eAufgewacht\u201c<\/strong>, Vergangenheitsverlag, Berlin 2025, 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt Themen in der deutsch-deutschen Erinnerung, die existieren scheinbar gar nicht. 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