{"id":90898,"date":"2025-05-07T06:19:14","date_gmt":"2025-05-07T06:19:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/90898\/"},"modified":"2025-05-07T06:19:14","modified_gmt":"2025-05-07T06:19:14","slug":"der-von-deutschland-entfachte-zweite-weltkrieg-endete-1945-mit-der-kapitulation-in-einer-villa-in-be","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/90898\/","title":{"rendered":"Der von Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg endete 1945 mit der Kapitulation in einer Villa in Be"},"content":{"rendered":"<p>Zur Kapitulation schreitet Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in makelloser Uniform mit Marschallsstab \u00fcber das pr\u00e4chtige Parkett in den Saal. Die Gener\u00e4le der Alliierten warten. Zu reden gibt es nichts. Man verliest dem Oberkommandierenden der Wehrmacht die Urkunde. Keitel zieht den Lederhandschuh von der rechten Hand, setzt seine Unterschrift. Die Oberkommandierenden von Marine und Luftwaffe signieren ebenfalls. Dann werden alle deutschen Offiziere herausgef\u00fchrt. Die Sieger feiern mit Krimsekt und Wodka bis in die Morgenstunden. Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945. Der Zweite Weltkrieg in Europa ist offiziell vorbei.<\/p>\n<p>Mit diesen Unterschriften in der Pionierschule Berlin-Karlshorst enden nicht nur sechs Jahre deutschen Angriffskriegs mit Abermillionen Toten. Es enden zw\u00f6lf Jahre Nazi-Diktatur mit ihrem m\u00f6rderischen Rassenwahn, der allein sechs Millionen Juden und 500.000 Sinti und Roma den Tod brachte. Vorbei Spitzelei und Unterdr\u00fcckung, der ideologische Terror gegen jede Art von Kritik oder Anderssein. \u00dcberstanden auch der Gegenangriff der Alliierten &#8211; Sowjetunion, USA, Gro\u00dfbritannien und Frankreich. Sie haben die Nazis gemeinsam in die Knie gezwungen. Endlich die Befreiung und die Chance zum Neuanfang. Oder?<\/p>\n<p>Nicht einmal jeder Zweite sieht eine \u00abBefreiung\u00bb<\/p>\n<p>80 Jahre sp\u00e4ter ist die Antwort f\u00fcr viele in Deutschland noch immer nicht eindeutig. Das Forschungsinstitute Yougov und Sinus haben gerade noch einmal nachgefragt. 45 Prozent der rund 2.200 Befragten, also nicht einmal jeder und jede Zweite, empfinden den 8. Mai 1945 als Befreiung. 15 Prozent sehen ihn eher als Niederlage. F\u00fcr 27 Prozent steht das Datum f\u00fcr beides &#8211; Befreiung und Niederlage. Die \u00fcbrigen 13 Prozent machen keine Angaben.<\/p>\n<p>In den Wirren der letzten Kriegstage ist dieser Zwiespalt noch viel gr\u00f6\u00dfer. Wirklich als Befreiung h\u00e4tten nur wenige das Kriegsende erlebt, erkl\u00e4rt Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur. Dazu z\u00e4hlen die KZ-\u00dcberlebenden, die Millionen nach Deutschland verschleppten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die \u00fcberzeugten NS-Gegner. \u00abF\u00fcr die meisten Deutschen bedeutete der 8. Mai Zusammenbruch, Niederlage und eine ungewisse Zukunft\u00bb, schreibt Kaminsky zum 80. Jahrestag des Kriegsendes.<\/p>\n<p>\u00abDiese schrecklichen, schrecklichen Dinge\u00bb<\/p>\n<p>\u00abJetzt muss ich mich sch\u00e4men, dass ich eine Deutsche bin\u00bb, erinnert sich auf dem \u00abZeitzeugenportal\u00bb Anne Louise Reichhardt, die zu Kriegsende in Berlin von den Verbrechen in den Konzentrationslagern erfuhr. \u00abNeben dem Schrecklichen, was der Krieg gebracht hat, war dieser furchtbare, verzweiflungsvolle Gedanke, dass wir Deutschen diese schrecklichen, schrecklichen Dinge verschuldet und verursacht und veranlasst haben. Das hat mich aufs Tiefste niedergedr\u00fcckt.\u00bb<\/p>\n<p>Hinzu kommt Not, Zerst\u00f6rung und die Angst vor der Rache der Sieger. Allein auf Berlin haben alliierte Bomber bei mehr als 360 Angriffen 100.000 Tonnen Sprengstoff abgeworfen. Von urspr\u00fcnglich 1,5 Millionen Berliner Wohnungen sind 1945 rund 600.000 zerst\u00f6rt oder massiv besch\u00e4digt. In das zertr\u00fcmmerte Land kommen durch Flucht und Vertreibung bis zu 14 Millionen Menschen.<\/p>\n<p>\u00abDer allt\u00e4gliche \u00dcberlebenskampf, die Sorge um Angeh\u00f6rige, um Obdach und Nahrung, lie\u00dfen kaum Zeit zur Reflexion \u00fcber die Ursachen des verlorenen Krieges, \u00fcber dessen Beginn, \u00fcber die anhaltende Zustimmung, die Hitlers Diktatur bis zuletzt best\u00e4tigte\u00bb, sagt der Berliner Historiker Wolfgang Benz in einem Vortrag vor wenigen Tagen.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abAb da leben\u00bb<\/p>\n<p>Einfach abhaken: Die Westdeutschen k\u00fcmmern sich um ihr Wirtschaftswunder, den Ostdeutschen wird versichert, sie seien ja sowieso antifaschistisch. \u00abIch wollte \u00fcberhaupt nichts mehr damit zu tun haben\u00bb, sagt die Bremerin Anneliese Leinemann dem \u00abZeitzeugenportal\u00bb. \u00abAls der Krieg zu Ende war, war ich 22 und hatte eigentlich nur Schreckliches erlebt. Und ich wollte ab da leben.\u00bb<\/p>\n<p>Seit acht Jahrzehnten geht es so im Zickzack zwischen Erinnerung und Mahnung, Vergessen und Verdr\u00e4ngen. Schon 1949 sagt Theodor Heuss, kurz vor seiner Wahl zum ersten Bundespr\u00e4sidenten, der 8. Mai stehe f\u00fcr eine \u00abParadoxie\u00bb: \u00abWeil wir erl\u00f6st und vernichtet in einem gewesen sind.\u00bb Aber erst 1985 dringt Bundespr\u00e4sident Richard von Weizs\u00e4cker durch mit der Botschaft: \u00abDer 8. Mai war ein Tag der Befreiung\u00bb.<\/p>\n<p>\u00dcberzeugt sind trotzdem nicht alle. Mitte der 1980er Jahre rankt sich der \u00abHistorikerstreit\u00bb um die Einmaligkeit der NS-Verbrechen. Dem damaligen CSU-Chef Franz-Josef Strau\u00df wird 1987 das Zitat zugeschrieben: \u00abWir sind eine normale, t\u00fcchtige, leistungsf\u00e4hige Nation, die das Ungl\u00fcck hatte, zweimal schlechte Politik an der Spitze ihres Landes zu haben.\u00bb Und der Ausspruch: \u00abWir wollen nicht dauernd unter dem Schatten Hitlers und seiner Verbrechen leben.\u00bb 1995 emp\u00f6rt man sich \u00fcber die Darstellung von Verbrechen in der \u00abWehrmachtsausstellung\u00bb.\u00a0<\/p>\n<p>2017 fordert der AfD-Politiker Bj\u00f6rn H\u00f6cke eine \u00aberinnerungspolitische Wende um 180 Grad\u00bb. 2018 sagt sein Parteikollege Alexander Gauland: \u00abHitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer \u00fcber 1000-j\u00e4hrigen Geschichte.\u00bb Die \u00abSchlussstrich\u00bb-Debatte wiederholt sich in immer neuen Variationen. Im Oktober 2024 unterst\u00fctzen in der Studie \u00abGedenkansto\u00df Memo\u00bb erstmals mehr Menschen den \u00abSchlussstrich\u00bb, als ihn ablehnen: Das Ergebnis lautet 38,1 Prozent zu 37,2 Prozent.<\/p>\n<p>Gewissheiten \u00abst\u00e4rker in Gefahr denn je\u00bb<\/p>\n<p>Der Historiker Benz, Jahrgang 1941, malt deshalb ein d\u00fcsteres Szenario: Die Gewissheit, dass Niederlage und Scheitern des NS-Regimes den Weg zur Demokratie freimachten, sei heute \u00abst\u00e4rker in Gefahr denn je\u00bb, sagt Benz. \u00abUnvorstellbar zur Zeit der Weizs\u00e4cker-Rede, dass eine rechtsradikale Partei im Bundestag 20 Prozent der Mandate innehat und sie nutzt, historische Tatsachen zu leugnen, \u00fcberholte Vorstellungen von v\u00f6lkischem Nationalismus zu propagieren, Ausgrenzung und Hass gegen andere, gegen stigmatisierte Fremde zu predigen.\u00bb Angefeuert von \u00abrechten Demagogen\u00bb stellten viele die Demokratie infrage, warnt Benz, fr\u00fcher Leiter des Zentrums f\u00fcr Antisemitismusforschung an der TU Berlin.<\/p>\n<p>Sein Fachkollege Christoph Mei\u00dfner vom Museum Berlin-Karlshorst, dem historischen Ort der Kapitulation der Wehrmacht 1945, sieht im 80. Jahrestag hingegen die Chance, Fragen zu stellen. \u00abDas gro\u00dfe Manko ist tats\u00e4chlich, dass es dar\u00fcber nie eine intensive gesamtgesellschaftliche Debatte gegeben hat\u00bb, sagt Mei\u00dfner. Weizs\u00e4cker und andere h\u00e4tten das Wort der Befreiung eingef\u00fchrt. Aber wer hat sich befreit gef\u00fchlt? Befreit von was? Befreit durch wen? \u00abWas wollen wir f\u00fcr eine Geschichte dieses 8. Mai erz\u00e4hlen?\u00bb, fragt der Historiker.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt aus Mei\u00dfners Sicht f\u00fcr die Formel \u00abNie wieder\u00bb, die f\u00fcr jeden etwas anderes bedeute. \u00abNie wieder Holocaust? Nie wieder Krieg? Nie wieder Faschismus, nie wieder Nationalsozialismus, nie wieder Diktatur?\u00bb Jeder f\u00fclle den Appell, wie es gerade passe &#8211; mit Blick auf Antisemitismus, auf Militarismus, auf Waffenlieferungen an die Ukraine und den russischen Angriffskrieg. Die Debatte m\u00fcsse zu Ende gef\u00fchrt werden, meint Mei\u00dfner. Auch wenn es 80 Jahre gedauert hat, dann besser jetzt als nie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zur Kapitulation schreitet Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in makelloser Uniform mit Marschallsstab \u00fcber das pr\u00e4chtige Parkett in den Saal.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":90899,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[331,3924,332,3922,37443,3364,20051,29,9825,30,13,12898,37444,14,3923,15,3921,12,2130,10668],"class_list":{"0":"post-90898","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-deutschland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-deutschland","10":"tag-aktuelle-news","11":"tag-aktuelle-news-aus-deutschland","12":"tag-berlin-karlshorst","13":"tag-de","14":"tag-deutschen","15":"tag-deutschland","16":"tag-diktatur","17":"tag-germany","18":"tag-headlines","19":"tag-kapitulation","20":"tag-morden","21":"tag-nachrichten","22":"tag-nachrichten-aus-deutschland","23":"tag-news","24":"tag-news-aus-deutschland","25":"tag-schlagzeilen","26":"tag-villa","27":"tag-weltkrieg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114465103063076671","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=90898"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90898\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/90899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=90898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}