{"id":91261,"date":"2025-05-07T09:41:11","date_gmt":"2025-05-07T09:41:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/91261\/"},"modified":"2025-05-07T09:41:11","modified_gmt":"2025-05-07T09:41:11","slug":"zu-konstruierte-coming-of-age-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/91261\/","title":{"rendered":"Zu konstruierte Coming of Age-Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Gemischte Gef\u00fchle hinterl\u00e4sst \u201eDas Herzflorett\u201c, der autofiktionale Roman von  Marica Bodro\u017ei\u0107  \u00fcber eine Kindheit, in der B\u00fccher und Literatur den Ausweg aus einem gewaltt\u00e4tigen famili\u00e4ren Umfeld sind<br \/>\nVon <a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/public\/mitarbeiterinfo.php?rez_id=2174\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Monika Grosche<\/a><a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/rss\/ma\/2174\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" height=\"16\" border=\"0\" alt=\"RSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/rss.gif\" style=\"vertical-align:bottom;margin-left:5px;\"\/><\/a><br \/>\n <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"vgw-img\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/b22f2b09fdf648198e6fcb5a618bd2b3.gif\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><br \/>\n<a class=\"icon\" href=\"#biblio\">Besprochene B\u00fccher \/ Literaturhinweise<\/a><\/p>\n<p class=\"rez\">Das kleine M\u00e4dchen Pepsi lebt auf dem Hof ihres Gro\u00dfvaters in der Herzegowina. Auch wenn das Landleben beschwerlich ist, liebt sie die umgebende Natur, die Tiere und den flimmernden Schlaf des Sommers. Doch das einfache Gl\u00fcck ist getr\u00fcbt, denn ihre Eltern sind aus Geldnot als \u201eGastarbeiter\u201c ins ferne Deutschland gezogen. Beide arbeiten in Hessen und verbringen nur in den Sommerferien ein paar Wochen mit den drei Kindern auf dem einsamen Hof. Pepsis Traum, das ganze Jahr mit den Eltern zusammenzuleben, scheint unerf\u00fcllbar zu sein, vielmehr muss sie zeitweise auch noch bei anderen Verwandten wohnen. Auch hier f\u00fchlt sie sich fremd und allein, nur die Verbundenheit zur Pflanzen- und Tierwelt geben ihr ein Gef\u00fchl des Aufgehobenseins. <\/p>\n<p>Nach langen Bitten holen die Eltern die Geschwister in das kleine Dort im Taunus, wo sie alle zusammen in einer Einzimmerwohnung leben. Kaum angekommen, will Pepsi auch bereits wieder zur\u00fcck in die Heimat. Nichts von dem, was sie sich erhofft hatte, tritt ein. Statt eines liebevollen Familienlebens halten Mutter und Vater nur Schl\u00e4ge und Zurechtweisungen f\u00fcr sie bereit. Der Vater ist ein starker Trinker und verbringt seine Tage am liebsten in der Gesellschaft einer Schnapsflasche. Seine Kinder sind ihm l\u00e4stig, seine Frau ist Anlass f\u00fcr Beschimpfungen und Pr\u00fcgel. Doch so sehr sich die beiden auch bekriegen, in ihrer K\u00e4lte und ihrem Erfindungsreichtum in Bezug auf drakonische Bestrafungen der Kinder f\u00fcr geringste \u201eVerfehlungen\u201c sind sie sich einig. Die Mutter, verbittert von der Brutalit\u00e4t ihres Mannes und zerm\u00fcrbt von ewigen Putzjobs, l\u00e4sst genauso ihren Frust an den Geschwistern aus, wie ihr cholerischer Mann. Insbesondere Pepsi ist st\u00e4ndig auf der Hut, was ihr aber nicht viel hilft, denn schon ihre Art zu Schauen reizt die Mutter bis aufs Blut. <\/p>\n<p>Dennoch hat das neue Leben f\u00fcr Pepsi aber auch positive Seiten. Je mehr sie die deutsche Sprache beherrscht, desto mehr erlebt sie die Macht der Bildung, die Magie von B\u00fcchern und Literatur. Dies weckt in ihr den Wunsch, Abitur zu machen und zu studieren, was ihr nat\u00fcrlich verwehrt wird, weil sie ein M\u00e4dchen ist. Doch Pepsi gibt nicht auf und verfolgt beharrlich ihren Bildungsweg, denn sie f\u00fchlt in sich, dass sie zu einem freien Leben berufen ist. Sie nutzt die Literatur als Waffe gegen ihre lebensverachtende Umwelt und vermag es so, den Zw\u00e4ngen des Elternhauses zu entkommen. <br \/>Sogar der Vergewaltigung durch einen serbischen Cousin kann sie durch heftigen k\u00f6rperlichen Widerstand entgehen \u2013 und ab da wei\u00df sie, dass sie in ihrem Leben alleine klarkommen wird und alles Bisherige von sich absch\u00fctteln kann\u2026&#13;<\/p>\n<p class=\"rez\">Doch trotz dieser inhaltlich interessanten Coming of Age-Geschichte will der Funke bei Marica Bodro\u017ei\u0107s f\u00fcnftem Roman nicht recht \u00fcberspringen. Wom\u00f6glich hat gerade die autofiktionale F\u00e4rbung der Geschichte nicht gut getan. Denn die Protagonistin wirkt \u2013 bei aller Empathie, die man beim Lesen f\u00fcr sie entwickelt \u2013 seltsam konstruiert und statisch. Dies ist insbesondere der Tatsache geschuldet, das sie nicht wirklich als kindliche Erz\u00e4hlerin r\u00fcberkommt, sondern Tonfall und Gedankenwelt eher der einer Erwachsenen entsprechen. Hier schimmert wohl zu sehr die innere Stimme der erwachsenen Marica Bodro\u017ei\u0107s durch. <\/p>\n<p>Dass man trotzdem bei der Lekt\u00fcre \u201ebei der Stange bleibt\u201c, ist der erz\u00e4hlerischen Eleganz der Autorin zu verdanken, deren Talent als Lyrikerin deutlich sp\u00fcrbar wird. Dies jedoch ist gleichzeitig ein Manko: Dass die Protagonistin einen Ausweg aus der Tristesse ihres Alltags sucht, indem sie sich und die Welt in Metaphern denkt und diese analysiert, ist beim Lesen eher erm\u00fcdend \u2013 umso mehr, als es f\u00fcr ein kleines M\u00e4dchen eher unglaubw\u00fcrdig und zu abgekl\u00e4rt wirkt. <\/p>\n<p>Ebenso st\u00f6rt auf Dauer, dass sie immer tapfer, aufrecht und so sehr bei sich selbst ist. Zumindest alle Lesenden, die selbst eine traumatisierende, unverstandene Kindheit erlebt haben, wissen, dass dies ziemlich realit\u00e4tsfern ist und sie weder als Heranwachsende noch als Erwachsene diese traumwandlerische Verbindung zu sich selbst erlebt haben kann, wie das Pepsi angeblich zuteilwird.<\/p>\n<p>Dennoch ist es eine interessante Geschichte \u00fcber die Sehnsucht nach einem besseren Leben vor dem Hintergrund jugoslawischer Arbeitsmigration und \u00fcber die Kraft der Literatur, die einem einsamen Kind zeigt, dass au\u00dferhalb des Kartons, in dem man sitzt, eine ganze Welt darauf wartet, entdeckt zu werden.<\/p>\n<p><a name=\"biblio\"\/><\/p>\n<tr>\n<td height=\"1\" bgcolor=\"#FF9900\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/spacer.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\"\/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td height=\"1\" bgcolor=\"#FF9900\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/spacer.gif\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\"\/><\/td>\n<\/tr>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gemischte Gef\u00fchle hinterl\u00e4sst \u201eDas Herzflorett\u201c, der autofiktionale Roman von Marica Bodro\u017ei\u0107 \u00fcber eine Kindheit, in der B\u00fccher und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":91262,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-91261","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114465897462476373","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91261"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91261\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/91262"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}