{"id":914869,"date":"2026-04-02T04:09:16","date_gmt":"2026-04-02T04:09:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/914869\/"},"modified":"2026-04-02T04:09:16","modified_gmt":"2026-04-02T04:09:16","slug":"mit-veit-sprenger-in-der-welt-der-honks-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/914869\/","title":{"rendered":"Mit Veit Sprenger in der Welt der Honks \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Leipziger wird eine Geschichte in diesem B\u00fcchlein besonders ins Auge fallen. \u201eG\u00fcstrow\u201c hei\u00dft sie, handelt aber nicht in G\u00fcstrow, sondern schildert etwas, was einige Teilnehmer der Leipziger Buchmesse erleben. Und was der Rostocker Hochschullehrer und Autor Veit Sprenger so oder so \u00e4hnlich vielleicht beim letzten Mal erlebt hat, als er die Leipziger Buchmesse besuchte. Bei Veit Sprenger muss man aufpassen. Seine Phantasie neigt zu Abfl\u00fcgen und Abwegen. Und aus einer kleinen Staugeschichte wird ein verwirrendes Abenteuer mit Pferden im Kofferraum.<br \/><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/4381ce43e21f40ddaeea99cdb4477587.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" alt=\"\"\/><br \/>Auch wenn das Ausgangsmotiv vielen Messebesuchern vertraut sein d\u00fcrfte. Denn nicht nur Stra\u00dfenbahnen und S-Bahnen sind rappelvoll, wenn das Messepublikum am Abend wieder Richtung Innenstadt strebt. Auch an den Ausfahrten der Parkpl\u00e4tze wird es eng. Wer da noch eine Lesung in einer kleinen Location in der City hat, der f\u00e4hrt am besten rechtzeitig los und quatscht sich nicht noch beim Verlassen der Halle fest. Und selbst dann brauchen Fahrer und Beifahrer Geduld. In diesem Fall lenkt der Verleger selbst das Auto, das f\u00fcr gew\u00f6hnlich als Transporter f\u00fcr die Pferde des Verlegers dient. Auf dem Beifahrersitz der phantasiebegabte Autor, hinten die Malerin, die die sch\u00f6nen Buchcover verzapft. So weit, so normal. W\u00fcrde sich die Fahrt Richtung Innenstadt nicht als veritables Staudrama entpuppen.<\/p>\n<p>Man erkennt sein Leipzig nicht gleich wieder. Aber man darf mitfiebern, st\u00f6hnen und mit den F\u00fc\u00dfen trappeln. Und man darf sich wundern , welche Schleifen m\u00f6glich sind, wenn so ein vom Termin getriebenes Tr\u00fcppchen in den Blechlawinen feststeckt und sich aus dem Handschuhfach die durstigen Pferde melden.<\/p>\n<p>Und so geht das eigentlich in allen Geschichten, die Veit Sprenger f\u00fcr dieses B\u00fcchlein gesammelt hat: Mitten in der Story hebt die Handlung ab, wird skurril, traumhaft, manchmal auch so schr\u00e4g, dass man sich im Sessel festhalten muss. Oder das zarte Gef\u00fchl bekommt, mitten in eine abgedrehte Traumsequenz hineingeraten zu sein.<\/p>\n<p>Kafka l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Im Vorwort sinniert Sprenger noch \u00fcber die Frage, ob er das Buch nicht einfach \u201eHonks\u201c h\u00e4tte betiteln k\u00f6nnen. Denn etliche seiner Figuren benehmen sich so unglaublich, dass man geneigt ist, ihre Lebensf\u00e4higkeit zu bezweifeln. Das geht mit einem chinesischen Revolutionsf\u00fchrer los, der erst einmal ein ganzes Dorf auseinandernehmen l\u00e4sst, um darin irgendwie so etwas wie den absoluten Geist der Revolution zu finden. Zwar wei\u00df niemand wirklich, was ein Honk ist, aber diese Leute als Typen zu beschreiben, die von ihrer Arbeit keine Ahnung haben und einfach wild drauflos dilettieren, kommt der Sache vielleicht recht nahe. \u201eMan k\u00f6nnte sie als Berufsunt\u00e4tige beschreiben\u201c, meint Sprenger. Und all die verpeilten Diktatoren des 20. Jahrhunderts geh\u00f6ren wohl dazu.<\/p>\n<p>Es ist ein bezaubernder Gedanke, auch einmal so \u00fcber Macht und ihren Missbraucht durch Nichtsk\u00f6nner nachzudenken.<\/p>\n<p>Aber die meisten Geschichten in diesem Band spielen eher in unserer Sph\u00e4re hier unten, in der Welt der ganz gew\u00f6hnlich Berufsunt\u00e4tigen und Verpeilten. Da geht es in \u201eGesch\u00e4ft geplatzt\u201c um einen stinkreichen Zausel, der aber ganz offensichtlich von einem bei\u00dfenden Gestank begleitet wird. In \u201eAusw\u00fcchse\u201c bekommen es die Angestellten einer Firma, in der st\u00e4ndig irgendwelche brenzligen Konferenzen stattfinden, mit seltsamen K\u00f6pfen zu tun, die aus dem Konferenztisch wachsen. In der n\u00e4chsten Geschichte besucht ein neugieriger Mensch eine \u201eKlinik der gebrochenen Herzen\u201c in Teheran, in der man sein Herz reparieren lassen kann, wenn es aus \u00dcberlastung oder Falschbenutzung kaputtgegangen ist.<\/p>\n<p>Au\u00dfer Kontrolle<\/p>\n<p>In der Geschichte \u201eIn Gesellschaft\u201c begegnet man einem Wohnungsinhaber, der seine gro\u00dfe Wohnung anderen Leuten zum Partymachen \u00fcberl\u00e4sst und irgendwie zum Fremdk\u00f6rper in der eigenen Bude wird. Es sind solche knapp neben die Wirklichkeit platzierten Geschichten, die einen mitnehmen in Welten, die so kafkaesk sind, dass man sich an seine \u00e4ltesten Versagens\u00e4ngste erinnert. Was passiert, wenn wir die Kontrolle \u00fcber unser eigenes Leben verlieren? Wie geht es einem Scharfrichter, der seine Aufgaben heimlich erledigen muss und Angst hat, vom Publikum gelyncht zu werden? Und was, wenn das einsam gelegene Hochhaus am Stadtrand etwas ganz anderes ist als nur eine der \u00fcblichen traurigen Seniorenresidenzen, sondern die ganzen in den letzten Jahrhunderten aussortierten G\u00f6tter dort ihren Lebensabend fristen und sehnlichst auf ein paar verirrte Gl\u00e4ubige warten?<\/p>\n<p>Und in der Geschichte, die auch f\u00fcr den Buchtitel herhielt, schl\u00fcpft der Erz\u00e4hler ganz und gar in die Rolle eines Vogels, der dem neugierigen Frager erkl\u00e4rt, wie viel Arbeit es macht, jedes Fr\u00fchjahr ein ordentliches Vogelkonzert auf die Beine zu stellen. Und welche Partitur jeder einzelne Vogel darin singt, auch wenn die Menschen f\u00fcr diese gelungene Vielstimmigkeit gar keinen Sinn haben. Man trifft sich \u00fcbrigens zur Konzertabstimmung bei der n\u00e4chstgelegenen U-Bahn-Station. Und wie es in einem modernen, \u201everschlankten\u201c Knast aussehen k\u00f6nnte, das wird am Beispiel des ordnungsliebenden Herrn Siestrup in der Geschichte \u201eErstes Kapitel\u201c erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Und sp\u00e4testens da wird klar: Das sind alles Geschichten, die eigentlich die Narreteien unserer Gegenwart aufgreifen und so nur ein klein wenig ins Absurde abdriften lassen. In Routinen, die einem erstaunlich bekannt vorkommen, weil sie den Routinen einer Wirklichkeit \u00e4hneln, in der eine Menge Leute mit dem Vort\u00e4uschen emsiger Betriebsamkeit ihr Geld verdienen und anderen Leuten mit gelebter Arbeitsverweigerung das Leben schwer machen. Es ist eine Welt nur knapp neben unserer.<\/p>\n<p>Die Honks sind unter uns<\/p>\n<p>Aber das ist kein Trost. Die Honks sind unter uns. Jeder ist schon mal einem begegnet und hat dieses Gef\u00fchl empfunden, das man erf\u00e4hrt, wenn man mit Leute zu tun bekommt, die wie Gespenster aus der Kulisse auftauchen und einen mit offenherziger Ignoranz klar machen, dass sie ganz und gar nicht vorhaben, irgendetwas von dem zu begreifen, was man von ihnen will. Honks eben.<\/p>\n<p>Aber sie kommen zum Gl\u00fcck nicht in allen Geschichten vor. Und manchmal laufen sie selbst wie Gespenster durch ihre Story und nehmen alle seltsamen Vorg\u00e4nge hin, als m\u00fcsste das so sein. Als w\u00e4ren sie geradezu erzogen worden dazu, auch noch die bl\u00f6dsinnigsten Erwartungen zu erf\u00fcllen und dabei so zu tun, als w\u00e4re das ganz normal.<\/p>\n<p>Da irrt man mit ihnen zwar manchmal durch riesige Wohnungen, \u00f6ffnet T\u00fcren in R\u00e4ume, in denen komische Dinge passieren. Aber eigentlich sucht man so ganz beil\u00e4ufig die ganze Zeit nach der versteckten T\u00fcr, die einen zur\u00fcck in die richtige Wirklichkeit f\u00fchrt. So, wie man das in manchen wilden Tr\u00e4umen ja auch macht. Nur gibt es in Sprengers Geschichten diese T\u00fcr nicht. So, wie es sie auch in der Wirklichkeit nicht gibt, in der wir leben und in abstrusen Vorg\u00e4ngen oft genug selbst zum Honk gemacht werden. In Schleifen gefangen, aus denen wir nur entkommen, indem wir den Konferenzsaal schleunigst verlassen und uns lieber drau\u00dfen im Freisitz einen extrastarken Espresso holen, um endlich aufzuwachen aus dem, was irgendwelche Honks einem als Selbstverst\u00e4ndlichkeit immer wieder zumuten.<\/p>\n<p><strong>Veit Sprenger \u201eDurch die G\u00e4rten, sehr weit links\u201c<\/strong>, Literatur Quickie Verlag, Hamburg 2026, 20 Euro<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"F\u00fcr Leipziger wird eine Geschichte in diesem B\u00fcchlein besonders ins Auge fallen. \u201eG\u00fcstrow\u201c hei\u00dft sie, handelt aber nicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":914870,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[70,7209,3364,29,88285,30,71,1803,859],"class_list":["post-914869","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-buchmesse","tag-buchvorstellung","tag-de","tag-deutschland","tag-erzaehlungen","tag-germany","tag-leipzig","tag-rezension","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116333154604660470","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/914869","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=914869"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/914869\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/914870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=914869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=914869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=914869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}