{"id":91614,"date":"2025-05-07T12:54:18","date_gmt":"2025-05-07T12:54:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/91614\/"},"modified":"2025-05-07T12:54:18","modified_gmt":"2025-05-07T12:54:18","slug":"vom-gedenken-zur-inszenierung-wie-der-kreml-den-9-mai-vereinnahmt-demokratie-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/91614\/","title":{"rendered":"Vom Gedenken zur Inszenierung: Wie der Kreml den 9. Mai vereinnahmt \u2013 Demokratie und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Millionen Russen erhielten im April dieses Jahres \u00fcber das staatliche Online-Portal Gosuslugi einen elektronischen Brief: Man solle durch Spenden an Veteranen \u201eDankbarkeit zeigen\u201c \u2013 eine Initiative der Stiftung \u201eErinnerung an Generationen\u201c, unterst\u00fctzt von der Sberbank. Es sei \u201eein Zeichen des Respekts und der Anerkennung gegen\u00fcber denen, die uns die Zukunft geschenkt haben\u201c, hie\u00df es in der patriotisch aufgeladenen Botschaft.<\/p>\n<p>Diese Aktion ist nur ein Beispiel von unz\u00e4hligen Projekten, Konzerten, Flashmobs, Wettbewerben, Film- und Theatervorf\u00fchrungen, Schulolympiaden, Umz\u00fcgen und sogar Online-Spielen, die in diesem Jahr in ganz Russland stattfinden. Denn am 9. Mai \u2013 in Russland wird der Sieg \u00fcber Nazi-Deutschland an diesem Tag gefeiert, weil die Kapitulation sp\u00e4tabends am 8. Mai 1945 unterzeichnet wurde, nach Moskauer Zeit also bereits am 9. Mai \u2013 j\u00e4hrt sich der Triumph der Sowjetunion \u00fcber das nationalsozialistische Deutschland zum 80. Mal. In Russland ist dieser Tag als \u201eTag des Sieges\u201c ein staatlich gefeiertes Gro\u00dfereignis.<\/p>\n<p>Der 9. Mai war f\u00fcr Generationen von Russen ein zutiefst emotionales Datum \u2013 ein Symbol des gemeinsamen, ungeheuren Leidens und des historischen Sieges \u00fcber den Nationalsozialismus. 27 Millionen Menschenleben kostete dieser Krieg, der in Russland \u201eGro\u00dfer Vaterl\u00e4ndischer Krieg\u201c genannt wird. Es waren unaussprechliche Verluste: Keine Familie blieb vom Trauma verschont. Auch ich bin mit dieser Bedeutung aufgewachsen. Ich erinnere mich, wie wir an diesem Tag jedes Jahr meinen Gro\u00dfvater besuchten. Im Krieg war er ein einfacher Fahrer gewesen. Er \u00fcberlebte, kehrte 1945 heim. Mehr wei\u00df ich leider nicht \u2013 denn er konnte nie dar\u00fcber sprechen. Ich erinnere mich nur, dass er an jedem 9. Mai weinte. Und an seine zitternden H\u00e4nde, als er schweigend das obligatorische Gl\u00e4schen Wodka auf seine gefallenen Kameraden hob.<\/p>\n<p>Wie es in einem alten sowjetischen Lied hei\u00dft, das die meisten Russen heute noch auswendig kennen: \u201eTag des Sieges \u2013 es ist Freude mit Tr\u00e4nen in den Augen.\u201c Die Wunde, die der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg in Russland hinterlassen hat, ist auch nach 80 Jahren nicht geheilt. \u201eDer Krieg ist immer weiter entfernt, doch mein Herz schmerzt nur noch st\u00e4rker und st\u00e4rker\u201c, schrieb ein russischer Dichter.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Was einst Trauerarbeit war, dient heute der Machtdemonstration.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In den letzten Jahren ist allerdings mit wachsendem Unbehagen zu beobachten, wie sich dieser Gedenktag ver\u00e4ndert \u2013 wie er zunehmend politisch vereinnahmt, medial inszeniert, ideologisch aufgeladen und von staatlicher Propaganda \u00fcberformt wird. Statt die Wunde zu heilen, wird sie regelrecht aufgerissen. Was einst Trauerarbeit war, dient heute der Machtdemonstration. Der 9. Mai soll Loyalit\u00e4t mobilisieren \u2013 das kollektive Erinnern verwandelt sich in einen staatlich durchinszenierten Kriegsfetisch.<\/p>\n<p>Ein Paradebeispiel daf\u00fcr ist die Bewegung \u201eDas unsterbliche Regiment\u201c, die 2012 in der sibirischen Stadt Tomsk von lokalen Journalisten als Graswurzel-Initiative ins Leben gerufen wurde. Damals zogen B\u00fcrger mit Portr\u00e4ts ihrer Vorfahren, die im Krieg gek\u00e4mpft hatten, durch die Stra\u00dfen \u2013 still, w\u00fcrdevoll, ganz ohne Parolen. Es ging um Familiengeschichten, um eine kollektive Chronik des Schmerzes. Das Projekt gewann schnell an Popularit\u00e4t. Bereits 2015 nahmen rund zw\u00f6lf Millionen Russen an den Friedensm\u00e4rschen des \u201eUnsterblichen Regiments\u201c in verschiedenen St\u00e4dten teil. Doch mit dem Erfolg kam die staatliche Vereinnahmung.<\/p>\n<p>Heute organisiert der Staat das \u201eUnsterbliche Regiment Russlands\u201c \u2013 mit Pathos, B\u00fchnenprogramm und zentralen Marschrouten. Das urspr\u00fcngliche Projekt ist kaum noch zu erkennen. Viele Menschen wissen gar nicht mehr, welcher Bewegung sie folgen. Statt Trauer und Dankbarkeit dominieren nun nationale St\u00e4rke und Kampfgeist.<\/p>\n<p>Auf Bannern und Plakaten tauchen nicht mehr nur (Ur-)Gro\u00dfv\u00e4ter auf \u2013 sondern auch Stalin, Lenin und neuerdings gefallene K\u00e4mpfer aus dem Krieg gegen die Ukraine. Der Held von 1945 verschmilzt mit dem \u201eVerteidiger von 2022\u201c. In Schulveranstaltungen der Regierungspartei \u201eEiniges Russland\u201c lautet das Motto: \u201eDie Gro\u00dfv\u00e4ter haben gesiegt \u2013 wir werden auch siegen!\u201c Slogans wie \u201eNach Berlin!\u201c kleben auf Autos oder sogar Kinderwagen. Die Botschaft ist klar: Russland k\u00e4mpft wieder gegen den Faschismus \u2013 diesmal in der Ukraine.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Der Gedenktag ist heute regelrecht durchtr\u00e4nkt von Militarismus.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Gedenktag ist heute regelrecht durchtr\u00e4nkt von Militarismus, wobei die ideologische Aufladung mitunter absurde Formen annimmt. In der Geburtsklinik der sibirischen Stadt Kemerowo wurden Neugeborene zum 9. Mai in winzigen Milit\u00e4runiformen mit roten Sternen auf der M\u00fctze fotografiert \u2013 \u201ePatriotismus von der Wiege an\u201c, titelte die Komsomolskaja Prawda begeistert. In einer Schule in der Region Nischni Nowgorod veranstalteten Sch\u00fcler ein \u201eKonzert f\u00fcr das Unsterbliche Regiment\u201c \u2013 allerdings nicht f\u00fcr ein Publikum, sondern f\u00fcr eine leere Aula voller Portr\u00e4ts gefallener Soldaten. Herzber\u00fchrend und ergreifend, nannten das die Organisatoren. In Wladiwostok marschierten Grundschulkinder bei einer Parade unter dem Motto \u201eUrenkel des Sieges\u201c \u2013 gekleidet in Uniformen, die verschiedene Zweige des Milit\u00e4rs darstellen sollten. Dar\u00fcber berichtete mit Stolz der Gouverneur der Region auf seinem Telegram-Kanal.\u00a0<\/p>\n<p>Der 9. Mai war \u00fcber Jahrzehnte hinweg eines der wenigen Symbole, das ein zutiefst gespaltenes Land einte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion blieb der Sieg \u00fcber den Nationalsozialismus einer der letzten identit\u00e4tsstiftenden Bezugspunkte f\u00fcr das neue Russland. Doch bereits 1995 begann die schleichende Militarisierung des Gedenktags, als man die Tradition der Milit\u00e4rparaden wieder aufnahm. Und ab 2012 \u2013 mit der sichtbar rechtskonservativen Ausrichtung des Kremls \u2013 wurde auch die Politisierung des Feiertags intensiviert.<\/p>\n<p>Heute droht der urspr\u00fcngliche Sinn des 9. Mai zu verschwinden. Das Motto \u201eNie wieder Krieg!\u201c, mit dem Generationen sowjetischer B\u00fcrger aufwuchsen, ist ersetzt worden durch den Spruch: \u201eWir k\u00f6nnen es wiederholen!\u201c Wie ein russischer Journalist neulich schrieb: \u201eDer wichtigste und heiligste Feiertag f\u00fcr viele Russen ist zu einem Tag der Peinlichkeit geworden.\u201c Der Kreml hat sich diesen Tag einverleibt \u2013 und ihn damit seiner Volkst\u00fcmlichkeit beraubt.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Viele Russen sind des allgegenw\u00e4rtigen Kriegsnarrativs \u00fcberdr\u00fcssig.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Doch paradoxerweise besch\u00e4digt das Regime damit auch seine letzte symbolische Klammer. Denn viele Russen sind des allgegenw\u00e4rtigen Kriegsnarrativs \u00fcberdr\u00fcssig. Sie sehnen sich nach einem 9. Mai, der an Frieden erinnert \u2013 nicht an neue Fronten. In den russischen sozialen Netzwerken wird der Ton zunehmend kritisch. Ein Kommentar zu einer \u201epatriotischen\u201c Aktion bringt es auf den Punkt: \u201eWann werden sie endlich begreifen, dass die Menschen vor 80 Jahren gek\u00e4mpft haben, damit niemand mehr jemals eine Milit\u00e4runiform tragen muss?!\u201c Diese Frage hallt auch in mir nach \u2013 lauter als jede Parade.<\/p>\n<p>Laut offiziellen Angaben leben heute gerade einmal noch rund 7 000 Veteranen des Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieges. Auch sie werden zunehmend instrumentalisiert \u2013 dienen als Staffage oder werden durch junge M\u00e4nner mit Orden ersetzt, die diese nicht f\u00fcr den Kampf gegen Hitler, sondern f\u00fcr die sogenannte \u201emilit\u00e4rische Spezialoperation\u201c in der Ukraine erhalten haben. Die neue Ikonografie des Gedenkens ist vollzogen. Doch der wichtigste Feiertag Russlands droht damit zu einer hohlen H\u00fclle zu werden: laut, pathetisch, zutiefst entkernt.<\/p>\n<p>Es gibt noch eine Tradition am 9. Mai: eine Schweigeminute zum Gedenken an die Gefallenen. Fernseh- und Radiosender k\u00fcndigen sie mit den Worten an: \u201eKeiner ist vergessen, nichts ist vergessen.\u201c 60 Sekunden lang h\u00f6rt man nur einen Pulsschlag, sieht die Flamme am Grabmal des unbekannten Soldaten an der Kremlmauer.<\/p>\n<p>In unserer Familie war es \u00fcblich, aufzustehen und so der Opfer zu gedenken. Voriges Jahr habe ich mich dabei ertappt, wie ich die Schweigeminute vergessen habe. Vielleicht ein unbewusster Bruch mit einem Ritual, das mir nicht mehr geh\u00f6rt \u2013 weil es Teil der Inszenierung geworden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Millionen Russen erhielten im April dieses Jahres \u00fcber das staatliche Online-Portal Gosuslugi einen elektronischen Brief: Man solle durch&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":91615,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[24215,331,332,2415,35146,13,14,57,4438,15,111,4043,4044,850,307,12,2657],"class_list":{"0":"post-91614","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-80-jahre","9":"tag-aktuelle-nachrichten","10":"tag-aktuelle-news","11":"tag-feiertag","12":"tag-gedenktag","13":"tag-headlines","14":"tag-nachrichten","15":"tag-nationalsozialismus","16":"tag-nazis","17":"tag-news","18":"tag-putin","19":"tag-russia","20":"tag-russian-federation","21":"tag-russische-foederation","22":"tag-russland","23":"tag-schlagzeilen","24":"tag-zweiter-weltkrieg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114466656282779307","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91614"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91614\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/91615"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}