{"id":920199,"date":"2026-04-04T07:55:15","date_gmt":"2026-04-04T07:55:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/920199\/"},"modified":"2026-04-04T07:55:15","modified_gmt":"2026-04-04T07:55:15","slug":"rosenstolz-ein-musical-wie-berlin-dreckig-und-peinlich-aber-wenigstens-ehrlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/920199\/","title":{"rendered":"Rosenstolz: Ein Musical wie Berlin \u2013 dreckig und peinlich, aber wenigstens ehrlich"},"content":{"rendered":"<p>Endlich sei es da, das definitive Berlin-Musical. Als h\u00e4tte es \u201eLinie 1\u201c, \u201eHinterm Horizont\u201c und so weiter nie gegeben. Nach dem Tod der S\u00e4ngerin AnNa R. versucht sich Peter Plate von Rosenstolz an ihrer gemeinsamen Ost-West-Geschichte. Eine Seite kommt dabei zu kurz.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen, und dein Mund ist viel zu gro\u00df.\u201c So textete schon vor Jahrzehnten Hildegard Knef z\u00e4rtlich-schnoddrig \u00fcber ihre Heimatstadt. Und man w\u00e4hnt sich, sieht man erstmals den tr\u00fcbseligen Tr\u00fcmmerhaufen, der mit schwebenden Fenstern und fliegenden W\u00e4nden als Berliner Vereinigungskulisse im Theater des Westens dient, eher in deren Ruinenfilm \u201eDie M\u00f6rder sind unter uns\u201c als in einem in Prenzlauer Berg spielenden Nachwendemusical.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.stage-entertainment.de\/musicals-shows\/wir-sind-am-leben-berlin?gad_source=1&amp;gad_campaignid=22589064938&amp;gbraid=0AAAAADjZvpD5z1TAViaLtOgZflJ4z4Ibg&amp;gclid=Cj0KCQjwpv7NBhCzARIsADkIfWzYJGanBMOvbJ9dD7R_JpomqQYGcV2XHQUUYMCcGVcQUDn_TlG9xWIaAsJOEALw_wcB\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.stage-entertainment.de\/musicals-shows\/wir-sind-am-leben-berlin?gad_source=1&amp;gad_campaignid=22589064938&amp;gbraid=0AAAAADjZvpD5z1TAViaLtOgZflJ4z4Ibg&amp;gclid=Cj0KCQjwpv7NBhCzARIsADkIfWzYJGanBMOvbJ9dD7R_JpomqQYGcV2XHQUUYMCcGVcQUDn_TlG9xWIaAsJOEALw_wcB&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eWir sind am Leben\u201c<\/a>, so hei\u00dft es, und da reckt sich in der Titeloptik auch gleich der sogenannte Telespargel am Alexanderplatz. Aber sonst ist erstaunlich wenig Berlin-Spezifik drin in diesem, der Hit-Titelsong verr\u00e4t es schon, Musiktheater in der daf\u00fcr eigens gepachteten B\u00fchnenikone neben dem Bahnhof Zoo der beiden Rosenstolz-Komponisten Peter Plate und Ulf Leo Sommer. \u201eDie Schlampen sind m\u00fcde\u201c, ein weiterer Rosenstolz-Erfolgsstandard ist auch dabei, hier entpuppt er sich, schaut man ins Publikum, als \u00dcberlebenshymne der Reinickendorferin in der zweiten Lebensh\u00e4lfte. Die 21 weiteren Nummern sind neu.<\/p>\n<p>\u201eEine Geschichte \u00fcber Familie, Freiheit &amp; das Lebensgef\u00fchl im Berlin der fr\u00fchen 90er-Jahre\u201c, wird von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck versprochen, die f\u00fcr Buch und Regie verantwortlich zeichnen. Es wird schon eingel\u00f6st \u2013 und doch nicht wirklich. Den viel Osten wird da zwar behauptet, aber ist nicht lebensecht zu greifen. Das gro\u00dfe, vielf\u00e4ltige Berlin kommt kaum vor, jenseits dieser Bubble aus queerer Community, Club und Darkroom, vor allem aber Ersatzfamilien-WG im besetzten Haus, wo man \u2013 wie einst die DDR ihr Sorgentelefon\u00a0\u2013 nun im \u201eKonsum Hoffnung\u201c in der Dauerschleife seelenquasselt und sich in den Schicksalsf\u00e4den der damals noch analogen Telefonh\u00f6rer verf\u00e4ngt. Auch Politik, Wiedervereinigungs-Groove oder -Schmerz gibt es nicht.<\/p>\n<p>Leider h\u00e4ngt es oftmals dramaturgisch durch, sind die Figuren arg klischeehaft entwickelt, passen die Anschl\u00fcsse nicht, bleiben Song-Enden einfach im Raum stehen. Der Dreistundenabend ist vorwiegend eine Abfolge von Powerballaden, von Joshua Lang im bew\u00e4hrten Vorw\u00e4rtstreibesound arrangiert. F\u00fcr eine integrale, individuelle Musicalpartitur fehlt immer noch der Atem und das Handwerk. Mit nur f\u00fcnf Musikern ist da wenig Klangabwechslung, obwohl man sich mal kurz Karibiksound f\u00fcr den Boyfriend Nando (Daniel Pohlen) aus Havanna oder Gitarrenplingeln f\u00fcr ein \u00e4lteres Paar aus \u00fcberemphatischer Allesversteherin Brigitte (Lucille-Mareen Mayr) und damenrocktragendem Gef\u00e4hrten (Nik Breidenbach) g\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Selbstgebastelt, aber auch grundsympathisch<\/p>\n<p>Es soll auch eine definitive Aids-Geschichte werden, auf die Berlin, so wie auf das definitive \u201eBerlin-Musical\u201c (das es im \u00dcbrigen als Westvariante seit 1986 mit dem Gripstheater-Hit \u201eLinie 1\u201c l\u00e4ngst gibt), angeblich immer noch wartet. Und auch von der HIV-Front nichts Neues, nur die t\u00f6dliche Kausalkette Ansteckung, Zur\u00fcckweisung, melodramatisches Sterben, Trauerfeiervers\u00f6hnung. Diesmal trifft es Bruno, dem der bew\u00e4hrt charismatische J\u00f6rn-Felix Alt trotzig-verletzlichen Stra\u00dfenk\u00f6tercharme verleiht. Der steht, bis ihn die Dietrich ins Transenparadies holt, als Marlene in der \u00e4rmlichen Drag Revue seine falsche Frau, wo er die \u201eSupernovadiscoslut\u201c nur momentelang auf synthiesph\u00e4rische Pet-Shop-Boys-H\u00f6hen f\u00fchren darf, wei\u00df aber nach der Schwulenseuchendiagnose bestimmt: \u201eIch werd nicht weinen.\u201c Was alle nat\u00fcrlich ausf\u00fchrlich tun. <\/p>\n<p>Da gibt es in der WG neben Doris als wirklich stimmiger BRD-\u00d6ko-Eso-Glucke die beiden Lesben Ramona (Johanna Spantzel) und Brigitte (Kathie Damerow), die mit einem Kind eben nicht zu einer Familie werden und die beiden, aus Wittenberg geflohenen Geschwister Mario (bl\u00e4sslicher Twink im Dauer-Coming-Out: Markus Spagl) und Nina (famose Belterin: Celina Dos Santos), die sich dank eines schmierigen Managers zum Popsternchen hochschl\u00e4ft, es aber auf der B\u00fchne nur zur strapsetragenden Madonna von der Krummen Lanke bringt. Ein wenig zu sehr schimmern hier auch immer wieder die Biografien von Peter Plate und seiner j\u00fcngst verstorbenen Rosenstolz-Partnerin <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255721474\/AnNa-R-Nachruf-auf-eine-die-jedes-Lied-in-die-schoensten-Farben-huellte.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255721474\/AnNa-R-Nachruf-auf-eine-die-jedes-Lied-in-die-schoensten-Farben-huellte.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">AnNa R.<\/a> durch.<\/p>\n<p>Nach \u201eRomeo &amp; Julia \u2013 Liebe ist alles\u201c, dem Spin-off \u201eDie Amme\u201c f\u00fcr die Wuchtr\u00f6hre Steffi Irmen und den entt\u00e4uschenden \u201eKu\u2019damm 57\u201c und \u201e59\u201c-Adaptionen ist das nun das f\u00fcnfte Berliner Plate\/Sommer-Werk. Aber die Musical-Kinderkrankheiten sind immer noch nicht auskuriert. Dabei ist \u201eWir sind am Leben\u201c in seiner Imperfektion und mit seinen dauerverschluckten Endsilben immer wieder auch grundsympathisch. Seine Darsteller triumphieren sehr oft \u00fcber das Material.<\/p>\n<p>Vor allem die Anti-Primadonna Steffi Irmen als kreischblonde Provinzfris\u00f6se aus Sachsen-Anhalt und ihren Kindern folgende \u00dcbermutter-Nemesis \u2013 f\u00fcr die war \u201eKati Witt mein bester Schnitt\u201c, und Margot Honeckers Lilat\u00f6nung hat sie auch erfunden. Jetzt ist sie arbeitslos und hat ausgeschnippelt, weil alle zu Udo Walz rennen. In ihrer Raubtierprint-Garderobe aus dem Exquisitladen entert sie mit \u201eSalon Rosie\u201c die B\u00fchne und gibt sie nie wieder her. Sie darf zu \u201eLeb wohl, Wittenberg\u201c sogar mit F\u00e4cherboys tanzen, wird aber trotzdem an Silvester 2000 von den Autoren r\u00fcde mit einem Tod im Hotel Adlon abgewickelt.<\/p>\n<p>Es geht einem mit diesem arg selbstgebastelten Musical ein wenig wie mit seinem Thema: Berlin ist peinlich und dreckig, nichts funktioniert, man wird dauernd ruppig angemacht. Aber irgendwie hat man diese von der Geschichte gesch\u00fcttelte Stadt mit ihrer rohen Energie eben einfach lieb \u2013 und erhebt sich deshalb johlend aus dem Theatersitz. Denn anders als etwa die generische Udo-Lindenberg-Ballade \u201eHinterm Horizont\u201c, die 2016 ihren Abgesang feierte, ganz zu schweigen von dem Wendedrama \u201eWind of Change\u201c mit Scorpions-Musik, das schon 2010 wieder vom Ank\u00fcndigungswinde verweht worden war, ist \u201eWir sind am Leben\u201c wenigstens ehrlich. Ehrlich schlicht, auch das eine der Berliner Tugenden. Viele gibt es ja nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Endlich sei es da, das definitive Berlin-Musical. 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