{"id":921666,"date":"2026-04-04T22:11:25","date_gmt":"2026-04-04T22:11:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/921666\/"},"modified":"2026-04-04T22:11:25","modified_gmt":"2026-04-04T22:11:25","slug":"braunschweig-und-sein-sinnvolles-shopping-schloss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/921666\/","title":{"rendered":"Braunschweig und sein sinnvolles Shopping-Schloss"},"content":{"rendered":"<p>\n        04. April 2026<\/p>\n<p>              Christian Bartels<\/p>\n<p>                            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/99122825828abc5d.jpeg\"  width=\"1280\" height=\"720\"  alt=\"Das Braunschweiger Stadtschloss unter blau-wei\u00dfem Himmel.\" class=\"img-responsive\"\/><\/p>\n<p class=\"caption akwa-caption__text\">Foto: Christian Bartels<\/p>\n<p class=\"lead beitraganriss\">Braunschweig hat ein besonderes Schloss: Es dient als Einkaufszentrum. Anders als in Berlin und Potsdam wurde hier neu interpretiert \u2013 \u00fcberraschend stimmig. <\/p>\n<p>Die traditionsreichen ostdeutschen Haupt- und ehemaligen Residenzst\u00e4dte Potsdam und Berlin haben einiges gemeinsam. Unter anderem steht dort jeweils ziemlich zentral ein Schloss, das nach alten Pl\u00e4nen komplett neu errichtet wurde, nachdem es in der Nachkriegszeit komplett abgerissen worden war.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Ob es zwischenzeitlich vermisst worden war, ob es nun dem, \u00e4hm, Stadtbild guttut oder sinnvoll genutzt wird, dar\u00fcber l\u00e4sst sich jeweils gut streiten.<\/p>\n<p>Das Potsdamer Schloss fungiert als Landtag des Zweieinhalb-Millionen-Einwohner-Bundesl\u00e4ndchens Brandenburg. Das Stadtschloss in der von Brandenburg umschlossenen 3,5 Mio.-Einwohner-Stadt Berlin enth\u00e4lt so einige Museen, die die weiterhin relativ zahlreichen Touristen durchaus anziehen und erg\u00e4nzt insofern die attraktiveren, doch wegen Baustellen teils langj\u00e4hrig geschlossenen Museumsinsel-Museen.<\/p>\n<p>Gerade bem\u00fcht es sich, nicht zum Gewalt-<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/plus68dbe769e12da109b804f4a7\/humboldt-forum-in-berlin-vom-touristenmagnet-zum-kriminalitaetshotspot.html\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Brennpunkt<\/a> zu werden.<\/p>\n<p>Schlossrekonstruktionen als Zeitgeistspiegel<\/p>\n<p>Was beide Schl\u00f6sser gemeinsam haben: Rekonstruiert wurden komplett bzw. (in Berlin) zu drei Vierteln nur die <strong>Fassaden<\/strong>. Innen wurden keine Fests\u00e4le und Seidenwandbespannungen im Stil l\u00e4nger vergangener Jahrhunderte nachgestaltet, sondern R\u00e4ume <strong>funktional f\u00fcr die Gegenwart<\/strong> gestaltet. Wobei sich im Berliner Schloss (wie \u00fcberall in Berlin) dar\u00fcber streiten l\u00e4sst, ob von Funktionalit\u00e4t die Rede sein kann.<\/p>\n<p>Vorexerziert wurde das Muster des kompletten Schloss-Neu-Nachbaus gut 200 Kilometer westlich. In Braunschweig, bis 1918 ebenfalls Haupt- und Residenzstadt, wurde das Schloss bereits 2007 wiederer\u00f6ffnet \u2013 nachdem es genau wie das in Potsdam 1960 kriegsbesch\u00e4digt abgerissen worden war.<\/p>\n<p>        Weiterlesen nach der Anzeige<\/p>\n<p>Seither erf\u00fcllt es eine in die Gegenwart passende, vom Publikum angenommene Funktion: Es ist ein <a href=\"https:\/\/www.schloss-arkaden.de\/\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Einkaufszentrum<\/a> (bzw. der sch\u00f6nste Teil eines monstr\u00f6s gro\u00dfen, immerhin innen recht gro\u00dfz\u00fcgig statt nach g\u00e4ngigen Profit-pro-Quadratmeter-Regeln gestalteten Einkaufszentrums).<\/p>\n<p>      <a class=\"grossbild cbox_gallery akwa-inline-img__link\" data-grossbildsrc=\"https:\/\/www.telepolis.de\/imgs\/18\/4\/9\/7\/1\/3\/7\/7\/0d1b1acaa3bca9f1.jpg\" href=\"https:\/\/www.heise.de\/imgs\/18\/4\/9\/7\/1\/3\/7\/7\/0d1b1acaa3bca9f1.jpg\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" height=\"450\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg' width='696px' height='391px' viewBox='0 0 696 391'%3E%3Crect x='0' y='0' width='696' height='391' fill='%23f2f2f2'%3E%3C\/rect%3E%3C\/svg%3E\" style=\"aspect-ratio: 800 \/ 450; object-fit: cover;\" width=\"800\"\/><\/p>\n<p><\/a>      <\/p>\n<p>\u00c4ltere Aufnahme des Schlosses. Foto: Christian Bartels<\/p>\n<p>Das ist viel diskutiert worden, vor allem kritisch. Wenn man heute am Braunschweiger vorbeikommt, macht der bereits patinierte Bau den Eindruck, organisch in die alte, freilich sehr weltkriegszerst\u00f6rte und daher sowieso wiederaufgebaute Stadt zu passen.<\/p>\n<p>Das einzige abgerissene Schloss der Bundesrepublik \u2013 und seine eigent\u00fcmliche Geschichte<\/p>\n<p>Aus dem westdeutschen Rahmen f\u00e4llt das Braunschweiger Schloss aus mehreren Gr\u00fcnden. W\u00e4hrend es in der DDR offiziell zur <strong>Ideologie<\/strong> geh\u00f6rte, Relikte des Feudalismus zu <strong>zerst\u00f6re<\/strong>n und durch ideologisch passendere Bauten \u2013 Aufmarschpl\u00e4tze oder auch den innovativen &#8222;Palast der Republik&#8220; \u2013 zu <strong>ersetzen<\/strong>, geh\u00f6rte es im Westen gerade nicht zur Ideologie.<\/p>\n<p>Das Braunschweiger Residenzschloss war das einzige in der BRD, das abgerissen wurde. Anfang 1960 hatte die SPD im Stadtrat mit zwei Stimmen Mehrheit f\u00fcr den Abriss votiert. Au\u00dfer Denkmalsch\u00fctzern und der CDU war auch noch Viktoria Luise, die Tochter des letzten Kaisers Wilhelm, die als letzte Herzogin von Braunschweig weiterhin in der Stadt lebte, dagegen.<\/p>\n<p>Besonders alt war das Schloss zum Zeitpunkt seines Abrisses nicht gewesen, blo\u00df 119 Jahre. Zum vorherigen, 1841 er\u00f6ffneten Neubau hatten auch deutschlandweit singul\u00e4re Gr\u00fcnde gef\u00fchrt. Der Vorg\u00e4ngerbau war im Rahmen der einzigen rabiateren deutschen Revolution des 19. Jahrhunderts zerst\u00f6rt worden.<\/p>\n<p>Feuer, F\u00fcrsten, Fu\u00dfball \u2013 Braunschweigs Geschichte brennt weiter<\/p>\n<p>Anno 1830 hatten die Braunschweiger Herzog Karl II. gest\u00fcrzt und vertrieben, indem sie sein Schloss in Brand steckten. Ein ungemein republikanischer Aufstand war es nicht. Die Revolution\u00e4re zeigten sich zufrieden, als Karls Bruder Wilhelm ihr neuer Landesvater wurde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Karl sein Verm\u00f6gen, bei dem es sich mehr oder weniger um Landesverm\u00f6gen handelte, schon zu seinen Regierungszeiten auf Reisen etwa in Paris (wo 1830 auch eine, international bekanntere Revolution stattfand) verprasst hatte und nach seiner Absetzung mit dann privatem Verm\u00f6gen genau so fortfuhr, lie\u00df Wilhelm in Braunschweig sich ein neues Schloss bauen.<\/p>\n<p>Das war ein schickes auf der H\u00f6he der sp\u00e4tklassizistischen Zeit. Architekt Carl Theodor Ottmer h\u00e4tte vermutlich auch Hofbaumeister im schon damals gr\u00f6\u00dferen, wichtigeren Berlin werden k\u00f6nnen, wo er unter anderem das heutige Gorki-Theater errichtet hatte, entschied sich aber f\u00fcr seine Heimat Braunschweig. Dass das Shopping-Schloss h\u00fcbsch aussieht, ist vor allem Ottmers Verdienst.<\/p>\n<p>Auch von den Herz\u00f6gen Karl und Wilhelm f\u00fchren einige Str\u00e4nge in die Gegenwart, zumindest in die nieders\u00e4chsische, in der sich zweimal pro Saison riesige Polizeiaufgebote um Fu\u00dfballspiele zwischen Eintracht Braunschweig und Hannover 96 k\u00fcmmern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt nicht nur damit zusammen, dass Hannover meist einen Tick weiter oben in der Zweitligatabelle steht, Braunschweig aber von sich behaupten kann, Bundesliga-Gr\u00fcndungsmitglied und Deutscher Meister oder sowieso &#8222;<a href=\"https:\/\/www.braunschweig.de\/leben\/stadtportraet\/geschichte\/konradkoch\/fussballkonradkoch.php\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">Wiege des deutschen Fu\u00dfballs<\/a>&#8220; gewesen zu sein. Es zeugt noch von jahrhundertlanger Rivalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Vom Manifest zum M\u00e4rtyrer \u2013 wie Braunschweigs Herz\u00f6ge Europas Revolutionen verfehlten<\/p>\n<p>Schon im 18. und 19. Jahrhundert hatte Hannover Braunschweig abgeh\u00e4ngt. Unter anderem, weil gleich zwei Braunschweiger Herz\u00f6ge, die heute wieder als Reiterstandbilder vorm Einkaufszentrum stehen, pers\u00f6nlich in die Kriege gegen die franz\u00f6sischen Revolution und Kaiser Napoleon gezogen und dabei ums Leben gekommen waren.<\/p>\n<p>Karls Gro\u00dfvater Karl Wilhelm Ferdinand hatte mit dem &#8222;Manifest des Herzogs von Braunschweig&#8220; (das auf Franz\u00f6sisch als &#8222;Manifeste de Brunswick&#8220; viel bekannter ist) indirekt-ungl\u00fccklich die Revolution bis hin zur K\u00f6nigspaar-Guillotinierung eskaliert \u2013 wobei der bereits alte Mann das Manifest mitnichten verfasst hatte, sondern sich eher von der franz\u00f6sischen Aristokratie hatte instrumentalisieren lassen.<\/p>\n<p>Nach der epochalen preu\u00dfischen Niederlage in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 floh der Herzog als Oberbefehlshaber schwer verletzt und erblindend nach Norden und starb im damals d\u00e4nischen, heutigen Hamburg-Ottensen.<\/p>\n<p>Daher konnte sein Sohn Friedrich Wilhelm keinen Kleinstaat \u00fcbernehmen, sondern ritt als &#8222;Schwarzer Herzog&#8220; mit einer Freisch\u00e4rler-Guerilla durch Europa. Ende 1813 zog er zwar als siegreicher Landesherr wieder in Braunschweig ein, mit seiner &#8222;Schwarzen Schar&#8220; aber den zur\u00fcckweichenden Franzosen gleich weiter hinterher und fiel ganz am Ende der Feldz\u00fcge, zwei Tage vor der Schlacht bei Waterloo.<\/p>\n<p>Weil er nur zwei minderj\u00e4hrige S\u00f6hne hinterlie\u00df, setzte sich, als Europa nach der Napoleonszeit auf dem Wiener Kongress neu verteilt wurde, niemand f\u00fcr Braunschweiger Interessen ein. Die verwandten Kurf\u00fcrsten von Hannover, die als englische K\u00f6nige in London residierten, vergr\u00f6\u00dferten ihr Nebenreich und lie\u00dfen es zum eigenen K\u00f6nigreich Hannover erheben.<\/p>\n<p>Heinrich, der L\u00f6we, und andere Baustellen der Ewigkeit<\/p>\n<p>Braunschweig erstand als das unbedeutendete, zersplitterte Herzogtum wieder, das es im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Manifest_des_Herzogs_von_Braunschweig\" rel=\"external noopener nofollow\" target=\"_blank\">18. Jahrhundert gewesen war<\/a>.<\/p>\n<p>Dabei ist Braunschweig wesentlich \u00e4lter als Hannover, wie sich schon wenige hundert Meter entfernt vom Shopping-Schloss auf dem Burgplatz zeigt. Der L\u00f6we mittig auf dem Platz wird stolz als &#8222;die erste monumentale Freifigur n\u00f6rdlich der Alpen&#8220; bezeichnet.<\/p>\n<p>Er erinnert an den Stadtgr\u00fcnder Heinrich den L\u00f6wen \u2013 den gro\u00dfen Loser der hochmittelalterlichen Geschichte, der nie Kaiser wurde, sondern von Kaiser Barbarossa ge\u00e4chtet fliehen musste, andererseits aber so viele St\u00e4dte gr\u00fcndete, dass man sich an ihn heute mehr als an irgendwelche anderen Zeitgenossen erinnert. (Und dass Fu\u00dfballer und Fans nicht nur aus Braunschweig, sondern auch des sympathischen M\u00fcnchener Vereins, 1860, sich &#8222;L\u00f6wen&#8220; nennen, f\u00fchrt auch zur\u00fcck zu Heinrich &#8230;).<\/p>\n<p>Drumherum um den Platz stehen der alte Dom und die alte &#8222;Burg&#8220;. Wobei die streng genommen nur teilweise alt ist. Vor allem wurde Heinrichs Burg Dankwarderode in den Jahren um 1900 nach damaligem historistischem Geschmack wiederaufgebaut.<\/p>\n<p>Was zeigt, dass sich zwar Zeitgenossen \u00fcber neu nachgebaute Schl\u00f6sser und so etwas echauffieren k\u00f6nnen, es ein, zwei Generationen sp\u00e4ter aber weitgehend egal ist, ob Bauwerke &#8222;original&#8220; und so alt sind, wie sie vielleicht aussehen, oder aus diesen oder jenen Gr\u00fcnden in einer viel sp\u00e4teren, aber auch bereits vergangenen Vergangenheit errichtet wurden.<\/p>\n<p>Und zerst\u00f6rt und wiederaufgebaut worden ist in Braunschweig ohnehin vieles &#8230;<\/p>\n<p>In Teil 2 des Artikels geht es morgen weiter mit Hitler, Fritz Bauer und Brunonia, der oben auf dem Shopping-Schloss thronenden Braunschweiger &#8222;Stadt- und Landesg\u00f6ttin&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser Artikel erschien auf Telepolis erstmals am 8. November 2025.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"04. April 2026 Christian Bartels Foto: Christian Bartels Braunschweig hat ein besonderes Schloss: Es dient als Einkaufszentrum. 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