{"id":922133,"date":"2026-04-05T03:13:14","date_gmt":"2026-04-05T03:13:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/922133\/"},"modified":"2026-04-05T03:13:14","modified_gmt":"2026-04-05T03:13:14","slug":"mit-christine-koschmieder-einen-ort-zum-bleiben-finden-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/922133\/","title":{"rendered":"Mit Christine Koschmieder einen Ort zum Bleiben finden \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>2022 \u00fcberraschte Christine Koschmieder die Leserinnen und Leser mit einem Buch, das sich so selten eine Autorin oder ein Autor zu schreiben traut: Sie schrieb \u00fcber ihre Alkoholsucht und wie sie darum k\u00e4mpfte, diese Sucht \u2013 und den Alkohol \u2013 aus ihrem Leben zu verbannen. Jeder, der so anf\u00e4llig ist f\u00fcr die Sucht ist, wei\u00df, dass oft genug uralte Bew\u00e4ltigungsstrategien aus der Kindheit dahinterstecken. Oft die Dramen der Eltern, die mit ihren eigenen Gef\u00fchlen nicht zurechtkamen. Aber was macht man aus seinem Leben, wenn man K\u00f6nig Alkohol gez\u00e4hmt hat? Naja: Man kann sich ein Haus kaufen.<\/p>\n<p>Und genau das hat die bislang in Leipzig lebende Literaturagentin und Autorin auch getan. Gleich damals, als sie ihren Ausstieg aus dem Alkohol schaffte, wor\u00fcber sie 2022 in <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2022\/07\/dry-eine-herrlich-trockene-geschichte-ueber-das-schweigen-das-trinken-und-die-unterdrueckte-lust-zu-explodieren-462952\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eDry\u201c<\/a> geschrieben hat. Was nur der Anfang war.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/d4e3a7c4424b4f0789e1f1a5dd026669.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcr den Erwerb des kleinen, 160 Jahre alten Schifferhauses in der Bauhaus-Stadt Dessau, sondern auch f\u00fcr zwei weitere B\u00fccher, in denen die Suche nach den Br\u00fcchen in ihrer eigenen Familiengeschichte weitertrieb \u2013 <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2023\/10\/schambereich-christine-koschmieder-sumpfbereich-seele-560262\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eSchambereich\u201c<\/a> (2023) und <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/03\/fruhjahrskollektion-roman-christine-koschmieder-619038\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eFr\u00fchjahrskollektion\u201c<\/a> (2025).<\/p>\n<p>B\u00fccher, die entstanden, w\u00e4hrend sie zwischen Leipzig und Dessau pendelte, in Leipzig erst die inzwischen viel zu gro\u00df gewordene Altbauwohnung k\u00fcndigte und in eine kleinere Neubauwohnung zog, w\u00e4hremd sie in Dessau auch die Sanierung und den Umbau des kleinen H\u00e4uschens organisierte.<\/p>\n<p>Denn es sollte wirklich ihr ganz eigenes Zuhause werden, ihre neue H\u00fclle in einer Welt, in der sie \u2013 wie die meisten Leipziger \u2013 bisher vor allem kannte, wie andere Leute und \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde die eigenen Wohnverh\u00e4ltnisse bestimmten. Sie hatte jahrelang tapfer in einen Bausparvertrag eingezahlt, hatte also das n\u00f6tige Geld, um das kleine H\u00e4uschen zu kaufen.<\/p>\n<p>Alles ganz schrecklich, oder?<\/p>\n<p>Bei den folgenden Sanierungen aber merkte sie schnell, dass auch die Auffrischung eines alten H\u00e4uschens ins Geld geht, erst recht, wenn auch noch Elektrik und Heizung modernisiert werden m\u00fcssen. Es ist also ein sehr reales Erlebnis, in das Christine Koschmieder ihre Leserinnen und Leser in diesem Buch mitnimmt.<\/p>\n<p>Aber es ist kein Handwerkerbuch geworden \u2013 auch wenn eine Menge flei\u00dfiger Handwerker und handwerklich begabter Helfer und Helferinnen darin vorkommen. Schon das allein ist ja ein Abenteuer, das manchen ein Leben lang besch\u00e4ftigen kann.<\/p>\n<p>Aber schon hier wird etwas deutlich, was beim Wohnen im \u201eb\u00f6sen\u201c Osten ganz schnell zum Thema wird: Man begegnet Menschen und Leuten. Auch im Kreis Anhalt-Bitterfeld, in diesem wilden Sachsen-Anhalt, wo jetzt eine rechtsgedrehte Partei bei der n\u00e4chsten Wahl zu gewinnen droht.<\/p>\n<p>Da t\u00fcrmen sich wieder die Medienberichte \u00fcber die wildgewordenen \u201eOssis\u201c und ihr kaputtes Verh\u00e4ltnis zur Demokratie. Nur: Die Menschen, denen die Autorin begegnet, sind ganz anders \u2013 freundlich, hilfsbereit, manchmal gespr\u00e4chig, aufgeschlossen.<\/p>\n<p>Es ist also kein Zufall, dass auch diese deutsch-deutsche Diskussion ins Buch gefunden hat. Und die Selbstbefragung der Autorin, warum das so ist. Warum so viele Menschen hier eine rechtsradikale Partei w\u00e4hlen. Da sie mit den Leuten spricht und zuh\u00f6rt, wenn sie erz\u00e4hlen, wird einiges klarer.<\/p>\n<p>Auch beim Gang durch <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/01\/dessau-worlitz-spaziergangs-einladung-bauhaus-jubilaum-613811\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">die Stadt, f\u00fcr die das Bauhaus das gro\u00dfe Aush\u00e4ngeschild ist<\/a>. Aber beim Gang durch die Stra\u00dfen sieht man eben auch, was alles verschwunden ist, wie die Stadt in den vergangenen 30 Jahren ausgeblutet ist und Gesch\u00e4fte und Kaufh\u00e4user schlossen. Der Missmut kommt ja nicht von ungef\u00e4hr. Er hat mit Verlustgef\u00fchlen und mit einer gewissen, allgegenw\u00e4rtigen Ohnmacht zu tun.<\/p>\n<p>Auch wenn die Menschen, denen die Autorin begegnet, ihren Stolz und ihre Offenheit bewahrt haben. Vielleicht hat sie ja auch nur solche getroffen. Denn auch f\u00fcr Sachsen-Anhalt gilt: Die Mehrheit w\u00e4hlt dort demokratische Parteien.<\/p>\n<p>Andererseits gehen viele Programme, die eigentlich Demokratie bef\u00f6rdern sollen, an den Bewohnern des Landes vorbei, treffen sie nicht dort an, wo sie leben und arbeiten und sich \u00fcber das k\u00e4rgliche Geld in ihrer B\u00f6rse \u00e4rgern.<\/p>\n<p>Wie uns Eltern-H\u00e4user pr\u00e4gen<\/p>\n<p>Aber wo sind die Orte, an denen sich Menschen austauschen und miteinander ins Gespr\u00e4ch kommen k\u00f6nnen? Auch so eine Frage, die Christine Koschmieder besch\u00e4ftigt, w\u00e4hrend sie gleichzeitig die verschiedenen H\u00e4user und Wohnungen in ihrem Leben rekapituliert. 19 an der Zahl, angefangen mit dem Elternhaus, in dem sich die Dramen ihrer Eltern abspielten.<\/p>\n<p>Das ist eigentlich der Nukleus des Buches, der Ur-Beginn. Denn in der Kindheit werden wir gepr\u00e4gt. Und speichern die Emotionen, die uns mit Orten verbinden. Und manchmal sind das bedr\u00fcckende Emotionen und Erinnerungen. Nur: Das Haus ist nicht schuld an den Trag\u00f6dien, die sich da zwischen den Eltern abspielten.<\/p>\n<p>Auch nicht am Gef\u00fchl der heranwachsenden Kinder, in der neuen Partnerschaft des Vaters unerw\u00fcnscht zu sein. Selbst ein Amerikaaufenthalt just im Jahr 1989 wird Thema, in dem die Erz\u00e4hlerin die ganz selbstverst\u00e4ndliche Freundlichkeit ihrer Gasteltern erlebte und damit etwas erfuhr, was sie so aus ihrer Kindheit nicht kannte.<\/p>\n<p>Wir alle brauchen diese Erfahrung, dass unser Leben nicht so verlaufen muss, wie es in der Kindheit angelegt war. Dass es Menschen gibt, die uns einfach offenherzig und gastlich begegnen und sich sogar daf\u00fcr interessieren, wer wir sind.<\/p>\n<p>Aber manchmal bieten neue Wohnungen auch die Chance, ein St\u00fcck Freiheit kennenzulernen. Denn genau das begegnete Christine Koschmieder, als sie in den 1990er Jahren nach Leipzig kam, als die meisten H\u00e4user noch gar nicht saniert waren, die Mieten wirklich erschwinglich und die Freir\u00e4ume riesengro\u00df. Viele Leipziger werden sich an diese Zeit ganz bestimmt noch mit Wehmut erinnern.<\/p>\n<p>Und dann auflisten k\u00f6nnen, wie sich nach und nach die Mieten erh\u00f6hten, auch weil die H\u00e4user neue Besitzer bekamen. Und wie man auf einmal rechnen lernen musste, ob man sich die Wohnung \u00fcberhaupt noch leisten kann.<\/p>\n<p>Wenn es um Sicherheit und Geborgenheit geht<\/p>\n<p>Da und dort merkt man auch bei Christine Koschmieder, dass das eine ganz elementare Frage ist, die an unser aller Geborgenheitsgef\u00fchl geht. Wenn auf einmal die Angst da ist, dass die Miete nicht mehr aus dem eigenen Erwerbseinkommen aufgebracht werden kann, dann zieht die Unsicherheit ins Leben ein.<\/p>\n<p>Oft genug zus\u00e4tzlich zu den Problemen beim Geldverdienen, mit den Lebenspartnern und Kindern. Da greifen viele zu den Bew\u00e4ltigungsstrategien, die sie von ihren Eltern gelernt haben. Und von denen man oft nicht wahrhaben will, wie verheerend und falsch sie sind.<\/p>\n<p>So gesehen war es nur konsequent, dass die Autorin dann kurzerhand beschloss, ein H\u00e4uschen zu kaufen, das sie sich irgendwie noch leisten konnte. Begleitet von einem Gedanken, der seit dem grandiosen Buch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ein_Zimmer_f%C3%BCr_sich_allein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eEin Zimmer f\u00fcr sich allein\u201c<\/a> von Virginia Woolf nicht mehr abzutun ist: Dass auch Frauen ein Recht auf einen eigenen Platz haben in dieser Welt, der ihnen ganz geh\u00f6rt, wo sie sich verwirklichen k\u00f6nnen. Oder den sie \u2013 wie es Christine Koschmieder tut \u2013 auch in eigener Handarbeit so gestalten, dass es wirklich ein sicheres Zuhause f\u00fcr sie wird.<\/p>\n<p>Ein Ort, an dem sie nicht mehr das Gef\u00fchl haben, dass sie wieder einmal aus- und umziehen m\u00fcssen. Auch wenn die Autorin am Ende kurz \u00fcber einen Verkauf des H\u00e4uschens nachdenkt, in das nicht nur \u2013 f\u00fcr sie \u2013 eine Menge Geld geflossen ist, sondern auch einige hundert Stunden eigener Arbeit mit Spachtel, Pinsel, Schleifer.<\/p>\n<p>Denn nicht jeder h\u00e4lt das Unfertige aus. Oder R\u00e4ume, die irgendwie nicht zum eigenen Empfinden passen. Erst recht, da ihr nun niemand mehr hineinreden kann, wenn sie alles so gestaltet, wie sie es sich gew\u00fcnscht hat. Auch wenn die Ratenzahlungen dr\u00fccken und jede M\u00f6glichkeit f\u00fcr einen Zuverdienst genutzt wird.<\/p>\n<p>Ein Platz in der Welt<\/p>\n<p>Es ist also irgendwie kein Buch \u00fcber das Sesshaftwerden, sondern eines \u00fcber die Eroberung eines Ortes und damit die Schaffung einer ganz pers\u00f6nlichen Freiheit. Dass immer wieder auch das Bauhaus eine Rolle spielt, ist kein Zufall.<\/p>\n<p>Denn die Intentionen der Bauhaus-Meister gingen ja in eine ganz \u00e4hnliche Richtung. Und erweckten deswegen den Zorn der Konservativen und der Nazis, die diesen Einbruch von Freiheit in ihre durch alte Biedermeier-Bilder gepr\u00e4gte Welt nicht verstehen wollten. Deswegen sind W\u00f6rter wie Heimat im Deutschen auch so schwer belastet und kaum reparabel.<\/p>\n<p>Da hilft der dokumentarische Stil, in dem Koschmieder erz\u00e4hlt, als wolle sie die Leser einfach teilhaben lassen an jedem Schritt, mit dem sie ihr Haus zu ihrem Haus macht. Stolz auf das, was sie an Arbeit hineingesteckt hat.<\/p>\n<p>Erschrocken \u00fcber die Summen, die es am Ende doch gekostet hat. Aber irgendwie froh, sich jetzt endlich einen Ort in der Welt geschaffen zu haben, der ganz ihr allein geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Ein Gef\u00fchl, das auch viele Leser nachempfinden d\u00fcrften. Und das Erstaunliche ist: Es ist ein durch und durch rationales Gef\u00fchl. Und eins der Selbstbehauptung, die letztlich jeder Mensch braucht in diesem Leben: Das Gef\u00fchl, das Wichtigste im Leben selbst gestalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und damit auch die Verf\u00fcgung \u00fcbers eigene Leben zu haben. Oder sich erobert zu haben. Aber wenn man den Gedanken konsequent weiterdenkt, ahnt man, dass das eine Menge mit dem Unmut zu tun haben k\u00f6nnte, der nicht nur in Sachsen-Anhalt die Stimmung verd\u00fcstert.<\/p>\n<p><strong>Christine Koschmieder <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783985682089@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Ein Haus f\u00fcr mich<\/a><\/strong> Kanon Verlag, Berlin 2026, 22 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"2022 \u00fcberraschte Christine Koschmieder die Leserinnen und Leser mit einem Buch, das sich so selten eine Autorin oder&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":922134,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,24841,30,71,859],"class_list":["post-922133","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-essay","tag-germany","tag-leipzig","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116349921422529780","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922133","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=922133"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922133\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/922134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=922133"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=922133"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=922133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}