{"id":922419,"date":"2026-04-05T06:19:15","date_gmt":"2026-04-05T06:19:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/922419\/"},"modified":"2026-04-05T06:19:15","modified_gmt":"2026-04-05T06:19:15","slug":"die-pastorin-von-santa-fu-ich-hatte-noch-nie-eine-gemeinde-die-so-gut-zuhoert-wie-die-gefangenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/922419\/","title":{"rendered":"Die Pastorin von Santa Fu: \u201eIch hatte noch nie eine Gemeinde, die so gut zuh\u00f6rt wie die Gefangenen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberbelegung und Personalmangel \u2013 der Strafvollzug steht unter Druck. Inmitten dieser Realit\u00e4t versucht Seelsorgerin Birgit Duskova, ein Gegengewicht in Hamburgs ber\u00fcchtigtstem Gef\u00e4ngnis zu schaffen \u2013 und hat dabei eine Gemeinde gefunden, die anders ist als jede zuvor. Ein Besuch hinter Gittern zwischen Glaube, Schuld und Hoffnung.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es liegt eine gro\u00dfe Ruhe an diesem fr\u00fchen Sonntagmorgen \u00fcber der Justizvollzugsanstalt Fuhlsb\u00fcttel. \u201eSanta Fu\u201c, wie die Hamburger das Gef\u00e4ngnis im Nordosten der Stadt nennen, wirkt von au\u00dfen wie ein trutziger Backsteinriese, der seit \u00fcber 100 Jahren die Geschichten der Inhaftierten verschluckt. Drinnen, hinter den Mauern, hat die Alltagsroutine l\u00e4ngst begonnen: Schl\u00fcssel klirren, T\u00fcren schlagen, Schritte hallen durch die langen Flure des sternf\u00f6rmigen Komplexes.\u00a0<\/p>\n<p>In der Anstaltskirche mit den hohen, vergitterten Fenstern bereitet Pastorin Birgit Duskova den Gottesdienst vor. Sie stellt einen \u00fcppigen Strau\u00df Rosen auf den Altar, w\u00e4hrend die eindringenden Sonnenstrahlen den Raum in ein warmes Licht h\u00fcllen. Die Blumen sind frisch und strotzen vor Lebendigkeit in einer Welt aus Beton, Stahl und Bitterkeit. Wenig sp\u00e4ter betreten etwa 40 Insassen die Anstaltskirche und nehmen in den Stuhlreihen vor dem Altar Platz. Kurz bevor Duskova den Gottesdienst um 8.30 Uhr beginnt, ist es f\u00fcr einen Augenblick still. Die M\u00e4nner schweigen, manche mit gesenktem Kopf, andere mit neugierigem Blick. Eine Stille, die drau\u00dfen in der Freiheit rar geworden ist \u2013 selbst f\u00fcr die Pastorin.\u00a0<\/p>\n<p>\u201eIch hatte noch nie eine Gemeinde, die so gut zuh\u00f6rt wie die Gefangenen\u201c, beschreibt Duskova ihren Arbeitsplatz, als WELT AM SONNTAG sie in der Haftanstalt begleitet. Seit Juli 2025 ist die 51-J\u00e4hrige die evangelische Gef\u00e4ngnisseelsorgerin in der JVA Fuhlsb\u00fcttel, nachdem sich ihr Vorg\u00e4nger in den Ruhestand verabschiedet hatte. Insgesamt, sagt Duskova, sei sie \u201egut angekommen\u201c in Santa Fu. Doch sei eine Haftanstalt \u201eeine Welt f\u00fcr sich, mit eigenen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen\u201c. Als Pastorin darin einen Platz zu finden, brauche Zeit.<\/p>\n<p>Beinahe wie eine Kleinstadt erstreckt sich Deutschlands wohl bekanntestes <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article198211211\/Santa-Fu-Moderne-Haftraeume-fuer-Schwerverbrecher.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article198211211\/Santa-Fu-Moderne-Haftraeume-fuer-Schwerverbrecher.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gef\u00e4ngnis<\/a> am n\u00f6rdlichen Rand der Metropole, entlang des Alsterlaufs, zwischen dem Flughafen und dem Parkfriedhof Ohlsdorf. Der einstige Schauplatz spektakul\u00e4rer Revolten und Ausbr\u00fcche ist heute ein Hochsicherheitstrakt, in dem Schwerstkriminelle ihre Strafe verb\u00fc\u00dfen, verurteilt wegen Drogenhandel, Vergewaltigung, Mord. Gegenw\u00e4rtig sind 357 M\u00e4nner inhaftiert, ferner 16 Sicherungsverwahrte sowie 130 Insassen in der ebenfalls auf dem zw\u00f6lf Hektar gro\u00dfen Gel\u00e4nde angesiedelten Sozialtherapeutischen Anstalt. Dar\u00fcber hinaus geh\u00f6ren Betriebe, Werkst\u00e4tten und Verwaltung zu dem 1879 er\u00f6ffneten denkmalgesch\u00fctzten Komplex.<\/p>\n<p>Duskova hat sich bewusst f\u00fcr diesen Arbeitsplatz entschieden. Die ausgebildete Gemeindepastorin agierte zuvor als Fl\u00fcchtlingsbeauftragte im Kirchenkreis Rantzau-M\u00fcnsterdorf und begleitete Menschen in der Abschiebungshafteinrichtung im schleswig-holsteinischen Gl\u00fcckstadt. \u201eWir Pastorinnen und Pastoren sind stets Seelsorgerinnen und Seelsorger. Ich hatte schon immer einen sozial-diakonischen und pastoralpsychologischen Ansatz\u201c, sagt Duskova. Folglich k\u00f6nne sie nun all ihre gesammelten Erfahrungen in der JVA Fuhlsb\u00fcttel einbringen. <\/p>\n<p>\u201eIm Langzeitvollzug verbringe ich viel Zeit mit Menschen, die ebenfalls Zeit haben \u2013 und die Tiefe zulassen\u201c, sagt Duskova, die in Hamburg, Prag und Halle-Wittenberg Evangelische Theologie studierte. Jeden zweiten Sonntag feiert sie Gottesdienst mit den Gefangenen, im Wechsel mit ihrem katholischen Kollegen. Jeweils 20 Minuten im streng getakteten Vollzugsalltag. \u00dcberdies ist seit 2025 ein hauptamtlicher muslimischer Seelsorger im Dienst, der das Freitagsgebet anbietet.<\/p>\n<p>Und je l\u00e4nger Duskovas Gottesdienst an diesem Sonntagmorgen im M\u00e4rz dauert, umso konzentrierter h\u00f6ren die Insassen zu, richten sich ihre K\u00f6rper auf, werden die Blicke wacher \u2013 zwischen Begr\u00fc\u00dfung und Lesung, Predigt und dem Vaterunser, Segen und Gesang. Vielleicht, weil die M\u00e4nner nicht wegk\u00f6nnen. Vielleicht, weil ihnen vieles fehlt. Vielleicht, weil die Welt drau\u00dfen f\u00fcr sie nur noch durch ein Fenster existiert. <\/p>\n<p>In jedem Fall ist das Ritual in der Anstaltskirche eine Abwechslung und M\u00f6glichkeit, dem Haftraum zu entfliehen, andere zu treffen, berichten Gefangene dieser Zeitung. \u201eDanach gibt es Kaffee und die Gelegenheit, sich auszutauschen\u201c, beschreibt die Pastorin und bemerkt: \u201eViele haben ihren Glauben. Der Gottesdienst ist der Moment, in dem sie ihn mit anderen teilen \u2013 friedlich und mit Respekt.\u201c Der Anteil evangelischer Christen unter den Gefangenen ist eher klein, viele sind orthodox oder katholisch, nat\u00fcrlich gibt es auch Konfessionslose in Santa Fu.\u00a0<\/p>\n<p>Duskova ist eine praktisch veranlagte Pastorin, die Ruhe ausstrahlt. Eine, die zuh\u00f6rt, ohne zu urteilen. \u201eMein roter Faden ist: Es geht um Menschen, die gesellschaftlich im Abseits stehen oder davon bedroht sind\u201c, erkl\u00e4rt die 51-J\u00e4hrige ihre Herangehensweise. Das sei eine der zentralen Botschaften Jesu. Sie f\u00fcgt hinzu: \u201eEr ist \u2013 das war das Thema eben in meiner Predigt \u2013 immer einer, der Kommunikation erm\u00f6glicht. Nachfolge Jesu bedeutet f\u00fcr mich, f\u00fcr Austausch, Perspektiven und Begegnung zu sorgen.\u201c <\/p>\n<p>\u201eIn Santa Fu hat man Zeit \u2013 und nimmt sich Zeit\u201c<\/p>\n<p>Im Alltag f\u00fchrt die Pastorin bei Bedarf Einzelgespr\u00e4che mit den Inhaftierten. \u201eIch bin fast t\u00e4glich hier und hole den Gefangenen aus seinem Bereich ab\u201c, erkl\u00e4rt Duskova. W\u00e4hrend im Gottesdienst das Bekenntnis zum christlichen Glauben im Mittelpunkt stehe, funktioniere Seelsorge anders. \u201eDa geht es darum, welches Anliegen der Mensch mitbringt. Ich lasse mein Gegen\u00fcber beginnen und h\u00f6re zu\u201c, beschreibt die Pastorin. Sie erg\u00e4nzt: \u201eWenn jemand \u00fcber seine Familie sprechen m\u00f6chte, \u00fcber Vorw\u00fcrfe, \u00fcber das Gef\u00fchl, missverstanden zu werden \u2013 dann geht es darum.\u201c<\/p>\n<p>Bei dem etwa einst\u00fcndigen Gespr\u00e4ch in ihrem B\u00fcro in der JVA bitten die Insassen zudem h\u00e4ufig um Hilfe bei praktischen Anliegen: Antr\u00e4ge, Formulare ausdrucken, Tabak f\u00fcr Neuzug\u00e4nge, Kleidung f\u00fcr Mittellose, die noch keine Arbeit haben. \u201eIn Santa Fu hat man Zeit \u2013 und nimmt sich Zeit\u201c, sagt Duskova. Sie sorge f\u00fcr Struktur in der Unterhaltung. Wenn etwa jemand abschweift, hat das oft einen Sinn: \u201eIch spreche es an und bringe etwas Ordnung hinein. Ich bin aber keine Therapeutin.\u201c<\/p>\n<p>Birgit Duskova \u00fcbernimmt die klassischen Aufgaben von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article68c41dbef313976149c6d620\/seelsorge-am-airport-mal-skurril-mal-existenziell-die-erlebnisse-eines-flughafen-pastors.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article68c41dbef313976149c6d620\/seelsorge-am-airport-mal-skurril-mal-existenziell-die-erlebnisse-eines-flughafen-pastors.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Seelsorge<\/a> bei Gefangenen: Gottesdienste, Gespr\u00e4che und Unterst\u00fctzung bei der Bew\u00e4ltigung der Haft und Resozialisierung. Die Gef\u00e4ngnisseelsorge ist in Deutschland ein eigenst\u00e4ndiger Bereich innerhalb des Strafvollzugs: staatlich garantiert, rechtlich gesch\u00fctzt, kirchlich verantwortet. So garantiert Artikel 4 des Grundgesetzes die Religionsfreiheit, auch im Gef\u00e4ngnis. Au\u00dferdem haben Gefangene, verankert in Paragraf 54 des Strafvollzugsgesetzes, das Recht auf Zugang zu religi\u00f6sen Angeboten ihres Bekenntnisses. Ein Schutzraum im System, wie Fachleute es ausdr\u00fccken, freiwillig, vertraulich, unabh\u00e4ngig \u2013 getragen von evangelischen, katholischen und muslimischen Seelsorgern.\u00a0<\/p>\n<p>In der Nordkirche sind neben Duskova weitere neun Gef\u00e4ngnisseelsorger im Einsatz, bundesweit besch\u00e4ftigt die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article254278000\/EKD-Chefin-Fehrs-Es-geht-vielen-nur-noch-um-die-eigene-Freiheit-die-Freiheit-der-anderen-ist-egal.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article254278000\/EKD-Chefin-Fehrs-Es-geht-vielen-nur-noch-um-die-eigene-Freiheit-die-Freiheit-der-anderen-ist-egal.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Evangelische Kirche Deutschlands<\/a> (EKD) eigenen Angaben zufolge rund 225 hauptamtliche Gef\u00e4ngnisseelsorger. Die Katholische Kirche unterh\u00e4lt hierzulande eine \u00e4hnliche Anzahl, wie aus kirchlichen Berichten hervorgeht. Stark wachsend, wenngleich nicht fl\u00e4chendeckend, entwickelt sich die muslimische Gef\u00e4ngnisseelsorge. Sch\u00e4tzungen aus Fachkreisen sprechen bundesweit von 50 bis 100 muslimischen Seelsorgern in Haftanstalten, organisiert vom Moscheeverband Ditib, dem Zentralrat der Muslime, der Schura oder lokalen Moscheevereinen.<\/p>\n<p>Genau darin sieht der leitende Pastor des f\u00fcr Gef\u00e4ngnisseelsorge zust\u00e4ndigen Hauptbereichs in der Nordkirche, Michael Stahl, eine Herausforderung: \u201eEs gilt, die interreligi\u00f6se Zusammenarbeit in der Gef\u00e4ngnisseelsorge auszugestalten und gemeinsam weiterzuentwickeln.\u201c Bundesweit betrachtet, steht in der Praxis der zwei gesetzlichen Ziele des Strafvollzugs \u2013 Resozialisierung und Sicherheit \u2013 \u00fcberwiegend die Sicherheit im Mittelpunkt. So ordnet es Igor Lindner ein, der Vorsitzende der Evangelischen Konferenz f\u00fcr Gef\u00e4ngnisseelsorge. Die Konferenz ist der Fachverband in der EKD, der die Gef\u00e4ngnisseelsorge vertritt. <\/p>\n<p>\u201eEin gro\u00dfes Problem sind die Ersatzfreiheitsstrafen \u2013 also Haftstrafen wegen nicht bezahlter Geldstrafen\u201c, so Lindner. Diese machten bis zu 15 Prozent der Inhaftierten aus, die Betroffenen seien oft obdachlos, krank und alt. \u201eSie treffen im Vollzug auf Straft\u00e4ter, mit denen sie sonst nichts zu tun haben. Deshalb brauchen sie viel Zuspruch und Unterst\u00fctzung\u201c, beschreibt Lindner.\u00a0<\/p>\n<p>Zusammen mit der <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article68855f370e680a76f4e96a94\/haeftlinge-gefaengnisse-fast-voll-86-prozent-auslastung-bundesweit.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article68855f370e680a76f4e96a94\/haeftlinge-gefaengnisse-fast-voll-86-prozent-auslastung-bundesweit.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00dcberbelegung<\/a> in Haft sto\u00dfen somit Seelsorge und das gesamte System Gef\u00e4ngnis an Grenzen. Herausfordernd ist \u00fcberdies der Personalmangel, sowohl im Vollzugs- als auch bei Fachdiensten \u2013 ein Mangel, der Experten zufolge absehbar auch die Gef\u00e4ngnisseelsorge betreffen wird. In der JVA Fuhlsb\u00fcttel gilt die Lage seit Jahren als enorm <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article69cde35a54836f652f88bca0\/linke-warnt-vor-personalnot-in-santa-fu.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/hamburg\/article69cde35a54836f652f88bca0\/linke-warnt-vor-personalnot-in-santa-fu.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">angespannt<\/a>. So betreut ein Beamter nach Informationen dieser Zeitung mitunter bis zu 100 Insassen, Resozialisierung sei kaum noch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Unterdessen stimmt Pastorin Duskova im Gottesdienst in der Anstaltskirche das Vaterunser an. Einige der Gefangenen sprechen mit, andere nicht, etliche verstehen wenig Deutsch. Hamburg beherbergt in seinen sechs Gef\u00e4ngnissen insgesamt 2200 Gefangene, der Anteil ausl\u00e4ndischer Insassen betr\u00e4gt 58 Prozent \u2013 Menschen aus der T\u00fcrkei, Polen, Afghanistan, Algerien, Albanien, Syrien, Rum\u00e4nien. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich in Santa Fu. Deshalb hat Duskova zuletzt versucht, das Vaterunser so einzu\u00fcben, dass jeder es in seiner Sprache spricht. \u201eDas lief eine Zeit lang gut\u201c, sagt sie, doch an diesem Sonntag sind viele \u201ewieder etwas in sich zur\u00fcckgerutscht\u201c.\u00a0<\/p>\n<p>Auch nach einem Dreivierteljahr entdeckt die Theologin t\u00e4glich etwas Neues bei ihren Begegnungen mit den Insassen. \u201eEs sind Menschen, drinnen wie drau\u00dfen. Das macht den Strafvollzug aus \u2013 f\u00fcr alle, die hier arbeiten. Wir denken nicht in Schubladen\u201c, betont Duskova. Sie denkt nicht, dass sie heute einen M\u00f6rder trifft, stattdessen Herrn XY. \u201eEin Grundsatz des deutschen Strafvollzugs ist, den Menschen nicht auf seine Tat zu reduzieren.\u201c Nur so sei Zukunft m\u00f6glich, weshalb Strafvollzug auch bedeute, dass Dinge zur Ruhe k\u00e4men. <\/p>\n<p>Was im B\u00fcro passiert, unterliegt der Verschwiegenheit<\/p>\n<p>Als Seelsorgerin hat Duskova die Chance, die Person facettenreich kennenzulernen. \u201eDie Realit\u00e4t ist oft ein Gebr\u00e4u\u201c, beschreibt die 51-J\u00e4hrige. Sie erg\u00e4nzt: \u201eEs sind Gefangene, die haben ihre Taten in vollem Bewusstsein getan. Aber hier sind auch Menschen inhaftiert, deren Leben sie in diese Richtung gedr\u00fcckt hat.\u201c Menschen, die ein Drama nach dem anderen erleben, gepr\u00e4gt von Gewalt, oft seit der Kindheit. \u201eGerade in Santa Fu sitzen Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Bildungsgraden.\u201c Manche lebensl\u00e4nglich, andere viele Jahre. Manche gebrochen, andere gefasst.<\/p>\n<p>Eher selten versuchen die Verurteilten im Gespr\u00e4ch mit Duskova, ihre Tat zu rechtfertigen. \u201eDas Alleinstellungsmerkmal der Gef\u00e4ngnisseelsorge ist: Bei mir d\u00fcrfen sie freisprechen, ja auch in dem gesch\u00fctzten Raum etwas Dampf ablassen.\u201c Alles, was in ihrem B\u00fcro passiere, unterliege der Verschwiegenheit. \u201eIch dokumentiere nichts, ich melde nichts. Und das tut den Gefangenen gut.\u201c K\u00f6rperlich attackiert wurde sie in Santa Fu bislang nicht. Im Gegenteil: Sie erlebe \u201esehr viel Respekt und Freundlichkeit\u201c. <\/p>\n<p>Aus Sicht der Pastorin hilft das Zuh\u00f6ren und Nachfragen den Menschen, beim Erz\u00e4hlen eine neue Perspektive auf sich selbst und das eigene Handeln zu gewinnen. Es gibt allerdings Momente, in denen sie Stopp sagt: \u201eIch bin auch zust\u00e4ndig f\u00fcr die Sozialtherapeutische Anstalt auf dem Gel\u00e4nde der JVA Fuhlsb\u00fcttel, also f\u00fcr Sexualstraft\u00e4ter.\u201c In diesem Umfeld unterh\u00e4lt sie sich mit Insassen, die kinderschutzrelevante Straftaten begangen haben. \u201eAber die Taten lasse ich mir nicht schildern. Das ist meine Grenze.\u201c\u00a0<\/p>\n<p>Um fernab der Gef\u00e4ngnismauern abzuschalten, l\u00e4uft Duskova mit ihrem Hund so lange durch die Natur, bis die schweren Gedanken aus ihrem Kopf verschwunden sind. \u201eMan muss sich selbst versorgen, auf sich achten, sich innerlich sortieren. Das gilt f\u00fcr alle, die in solchen Berufen arbeiten\u201c, sagt sie. Kraft gibt ihr der Glaube \u2013 und \u201eabsolute Zuversicht\u201c: \u201eViele denken, ich h\u00e4tte nur mit negativen Themen zu tun \u2013 Abschiebehaft, Fl\u00fcchtlinge, Armut. Aber ich bin grundoptimistisch.\u201c <\/p>\n<p>Die Hoffnung und Menschlichkeit, die sie erlebt, empfindet Duskova als wertvoll. \u201eEs ist tonnenschwer und gleichzeitig bereichernd. Es ist nicht leicht, aber es erf\u00fcllt mich. Es ist eine W\u00e4rme, die unter schwierigen Bedingungen umso heller leuchtet.\u201c<\/p>\n<p>Mit einem Segenslied beendet die Pastorin an diesem Sonntag den Gottesdienst in Santa Fu. Nach dem Kaffeetrinken verlassen die Inhaftierten die Anstaltskirche. Duskova verabschiedet sich von den M\u00e4nnern und \u00fcberreicht jedem eine Rose aus dem Blumenstrau\u00df, der zuvor den Altar zierte. \u201eVieles, was unser Leben drau\u00dfen reich und lebendig macht, fehlt im Gef\u00e4ngnis\u201c, beschreibt Duskova. Impulse wie eine Blume \u201ewerden intensiver wahrgenommen, mit mehr Dankbarkeit, mit weniger Selbstverst\u00e4ndlichkeit\u201c. <\/p>\n<p>Und so nehmen die Gefangenen die Rose mit in ihre Zelle, hegen und pflegen sie dort in Vasen oder Gl\u00e4sern, begreifen sie als etwas Eigenes, als ein St\u00fcck Vitalit\u00e4t in einer Welt, die oft stillsteht. \u201eAlles bekommt hier einen Wert\u201c, sagt die Pastorin. F\u00fcr acht Jahre hat die Nordkirche sie zur Gef\u00e4ngnisseelsorgerin von Santa Fu berufen. F\u00fcr sich selbst und ihre Arbeit w\u00fcnscht sich Duskova weiter \u201eNeugier, Best\u00e4ndigkeit, Zeit \u2013 Zeit vor allem\u201c.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u00dcberbelegung und Personalmangel \u2013 der Strafvollzug steht unter Druck. Inmitten dieser Realit\u00e4t versucht Seelsorgerin Birgit Duskova, ein Gegengewicht&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":922420,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1826],"tags":[6476,29,201791,18698,201793,30,25319,3029,692,555,86701,34898,201792,575,38698,45,15398],"class_list":["post-922419","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-hamburg","tag-christentum","tag-deutschland","tag-evangelische-kirche-ks","tag-gefaengnisse","tag-gefaengnisseelsorge-ks","tag-germany","tag-glauben","tag-haft","tag-hamburg","tag-islam","tag-justizvollzugsanstalten-ks","tag-parkraum-inbox","tag-rat-der-ekd-ks","tag-religion","tag-seelsorge","tag-texttospeech","tag-werner-jana"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116350652820645434","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=922419"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/922419\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/922420"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=922419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=922419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=922419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}