{"id":925128,"date":"2026-04-06T10:19:21","date_gmt":"2026-04-06T10:19:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/925128\/"},"modified":"2026-04-06T10:19:21","modified_gmt":"2026-04-06T10:19:21","slug":"wir-brauchen-einen-marschall-plan-fuer-auto-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/925128\/","title":{"rendered":"Wir brauchen einen Marschall-Plan f\u00fcr Auto-Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Die Autoindustrie in Deutschland schrumpfte auch im Jahr 2025: Der Branchenumsatz ging um 1,6 Prozent zur\u00fcck, nachdem er im Vorjahr bereits um f\u00fcnf Prozent gesunken war. Die Zahl der Besch\u00e4ftigten sank sogar um 6,2 Prozent und erreichte mit 725.000 den niedrigsten Stand seit 14 Jahren. Die Branchenkrise zwingt immer mehr Autozulieferer zum Aufgeben: Die Zahl der Insolvenzanmeldungen stieg im vergangenen Jahr auf ein 14-Jahres-Hoch. Das sind Ergebnisse der aktuellen EY-<a href=\"https:\/\/www.ey.com\/de_de\/functional\/forms\/download\/2026\/03\/analyse-von-ey-parthenon-die-automobilindustrie-in-deutschland\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Analyse<\/a> zur Entwicklung der deutschen Automobilindustrie. Basis der Studie, die nur in Deutschland t\u00e4tige Betriebe analysiert, sind aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts und der Agentur f\u00fcr Arbeit. Untersucht wurden Unternehmen ab einer Gr\u00f6\u00dfe von 50 Mitarbeitern.<\/p>\n<p>73.000 Stellen in sechs Jahren verloren<\/p>\n<p>&#8222;Innerhalb von sechs Jahren ist bei den Zulieferern in Deutschland fast jede vierte Stelle verschwunden \u2013 und der Abw\u00e4rtstrend hat sich zuletzt noch beschleunigt&#8220;, beobachtet <a href=\"https:\/\/www.ey.com\/de_de\/people\/constantin-gall\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Constantin M. Gall<\/a>, Global Aerospace, Defence and Mobility Industry Practice Leader bei EY. In absoluten Zahlen gingen in der Zulieferindustrie seit 2019 unterm Strich 73.000 Jobs verloren, allein im Jahr 2025 schrumpfte die Besch\u00e4ftigung um 29.000. &#8222;Die Kfz-Exporte in die USA sanken im vergangenen Jahr um 18 Prozent, nach China sogar um ein Drittel. Das sorgt f\u00fcr massive \u00dcberkapazit\u00e4ten in der gesamten deutschen Autoindustrie. Der Autostandort steht so stark unter Druck wie nie zuvor&#8220;, so Gall.<\/p>\n<p>Luca Leicht und Gerd Stegmaier haben mit Constantin Gall, bei EY weltweit verantwortlich f\u00fcr die Beratung von Unternehmen aus der Automobilindustrie, im aktuellen Moove-Podcast gesprochen. Das folgende Interview entspringt einem KI-Transskript der Aufnahme, die Sie hier oder auf allen Plattformen h\u00f6ren k\u00f6nnen, auf denen es Podcasts gibt.<\/p>\n<\/p>\n<p>Interview mit Constantin Gall, EY<\/p>\n<p><strong>Luca Leicht:<\/strong> Die Bilanzzahlen der Autobauer sehen besorgniserregend aus. Sind sie wirklich so schlecht, wie es im ersten Moment scheint?<\/p>\n<p><strong>Constantin Gall:<\/strong> Die Zahlen zeichnen aktuell sicherlich ein d\u00fcstereres Bild, als es de facto der Fall ist. In den vergangenen Jahren wurde stark in neue Technologien, Software und Plattformen investiert und diese Kosten wurden aktiviert. Wenn man nun feststellt, dass man diese Kosten k\u00fcnftig nicht mehr durch Ums\u00e4tze realisieren kann, muss man sie abschreiben. Das trifft die heutigen Bilanzen, aber das Geld wurde oft schon vor Jahren ausgegeben. Es ist jedoch ein Zeugnis davon, dass die ein oder andere Wette nicht aufgegangen ist.<\/p>\n<p><strong>Gerd Stegmaier:<\/strong> Wenn du von Wetten sprichst \u2013 meinst du damit auch den Fokus auf den Elektroantrieb?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Ja. Man hat einige Plattformen f\u00fcr &#8222;Eelectric-Only&#8220; geplant und stellt jetzt fest, dass diese beim Kunden aktuell noch nicht verfangen. Nun muss man Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen abschreiben und parallel investieren, um diese Plattformen wieder &#8222;multi-powertrain-f\u00e4hig&#8220; zu machen, also auch f\u00fcr Hybride und Verbrenner.<\/p>\n<p><strong>Leicht:<\/strong> In den letzten Jahren haben wir aber extrem hohe Margen gesehen. Warum ist dieses Momentum jetzt weg?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Die horrenden Profitabilit\u00e4ten kamen aus der Zeit nach Covid und der Chip-Krise. Es gab eine k\u00fcnstliche Verknappung, man musste keine Rabatte geben oder den Absatz anders ankurbeln. Dieser Effekt ist weg. Heute haben wir E-Modelle, die in der Breite nicht verfangen und geringere Deckungsbeitr\u00e4ge haben. Man muss sie nun mit g\u00fcnstigen Konditionen promoten. Das f\u00fchrt zu einer extremen Spannung in den B\u00fcchern.<\/p>\n<p><strong>Stegmaier:<\/strong> Liegt die Zur\u00fcckhaltung der Kunden nur an der Technologie oder auch an der wirtschaftlichen Lage?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Das erste Mal seit f\u00fcnf Jahren ist der Verbrenner in der Gunst der Konsumenten wieder deutlich popul\u00e4rer als der E-Antrieb. Viele E-Auto-Nutzer der ersten Generation sagen, dass die Technik noch nicht ausgereift ist. Zudem ist der durchschnittliche Retailpreis eines Autos inzwischen \u00e4quivalent zum durchschnittlichen Bruttojahreshaushaltseinkommen \u2013 die Menschen k\u00f6nnen also sicher nicht so leicht ein Auto kaufen. In Zeiten geopolitischer Unsicherheit \u00fcberlegen sie sich zweimal, ob sie einen Neuwagen kaufen.<\/p>\n<p><strong>Stegmaier:<\/strong> Wie stark belasten geopolitische Spannungen wie Z\u00f6lle die Hersteller im Vergleich zu technologischen Problemen?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Die USA-Exporte sind massiv zur\u00fcckgegangen, was prim\u00e4r an den Z\u00f6llen liegt. Bei China ist es differenzierter: Dort haben sich die Konsumentenpr\u00e4ferenzen verschoben. En vogue sind jetzt &#8222;Super-SUVs&#8220; oder Vans, die wie Wohnzimmer auf R\u00e4dern wirken. Die Chinesen sind heute f\u00fchrend in der User-Experience und der nahtlosen Integration des digitalen Lebens ins Auto. Die deutschen Hersteller hat dieses Thema ein St\u00fcck weit kalt erwischt, weil sie E-Antrieb und Software nicht rechtzeitig priorisiert haben.<\/p>\n<p><strong>Leicht:<\/strong> Trotzdem liegen die Ums\u00e4tze teils weit \u00fcber dem Vor-Corona-Niveau. Warum ist die Lage dennoch so prek\u00e4r?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Der Umsatz ist gewachsen, weil die Listenpreise hoch sind. Aber der Profit, der aus einem Auto rauskommt, erodiert. Man muss so viel in Software, Plattformen und die Modularit\u00e4t der Antriebsstr\u00e4nge investieren, dass am Ende vom Euro weniger \u00fcbrig bleibt. Die Schere zwischen Top-Line-Umsatz und tats\u00e4chlichem Gewinn geht immer weiter auf.<\/p>\n<p><strong>Leicht:<\/strong> Trifft diese Entwicklung die Zulieferer h\u00e4rter als die Hersteller?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Die Zulieferer stehen massiv mit dem R\u00fccken zur Wand. Sie haben Fabriken auf Basis von Absatzannahmen skaliert, die oft einen Zyklus von f\u00fcnf bis zehn Jahren haben. Wenn eine Fabrik auf 100.000 Einheiten ausgelegt ist, aber nur 10.000 abgerufen werden, kann man damit kein Geld verdienen. Da viele E-Plattformen Lichtjahre von den initialen St\u00fcckzahlen entfernt sind, fehlen der Cashflow und der Gewinn. In den letzten sechs Jahren sind in der deutschen Zulieferindustrie bereits 160.000 Arbeitspl\u00e4tze weggefallen.<\/p>\n<p><strong>Stegmaier:<\/strong> Haben wir den Umstieg auf die Elektromobilit\u00e4t politisch oder strategisch falsch angegangen?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Wir sind relativ sp\u00e4t auf den Zug aufgesprungen und wollten es dann &#8222;typisch deutsch&#8220; gleich ganz richtig machen \u2013 also bin\u00e4r 0 oder 1. Man hat bei vielen Plattformen gar nicht mehr \u00fcber den Verbrenner nachgedacht. Jetzt m\u00fcssen fast alle OEMs notgedrungen doch wieder in die n\u00e4chste Generation des Verbrenners investieren. Aber wir haben keine Rahmenbedingungen, in denen wir momentan erfolgreich sein k\u00f6nnen. Ich blicke besorgt auf den Standort Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Leicht:<\/strong> Was m\u00fcsste konkret passieren, um die Industrie am Standort zu halten?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Die Politik muss sich klar zur Autoindustrie als Schl\u00fcsselindustrie bekennen. Wir br\u00e4uchten fast eine Art Marshallplan mit Steuerverg\u00fcnstigungen, damit Unternehmen ihre Altlasten schneller abschreiben k\u00f6nnen. Zudem m\u00fcssen wir die Energiepreise angehen. Wir sind bei den Stromkosten im internationalen Vergleich zum Teil drastisch teurer. Ohne kompetitive Rahmenbedingungen wird Deutschland als Produktionsstandort nicht wettbewerbsf\u00e4hig bleiben.<\/p>\n<p><strong>Leicht:<\/strong> Es wird oft vor einer &#8222;China-Schwemme&#8220; gewarnt. Spiegelt sich das in euren Zahlen wider?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Die China-Schwemme bei den Fahrzeugen sehe ich nicht, das ist eher ein Schreckgespenst. Was wir aber sehen, ist eine Schubumkehr bei den Importen: Es werden unglaubliche Mengen an Komponenten und Batterien aus China bezogen. Das f\u00fchrt dazu, dass China beim Automotive-Handel erstmals einen \u00dcberschuss erzielt. Bei den Autos selbst untersch\u00e4tzen viele Chinesen, dass wir in Europa anders sozialisiert sind \u2013 wir wollen Hardware anfassen und brauchen ein funktionierendes H\u00e4ndlernetz.<\/p>\n<p><strong>Leicht:<\/strong> Aktuell stehen sogar Werkschlie\u00dfungen bei VW im Raum. Droht uns die reine Externalisierung der Produktion?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Wenn wir ein relevanter Autostandort bleiben wollen, m\u00fcssen die Rahmenbedingungen stimmen. Wir haben in Deutschland extrem viele Feiertage, viel Urlaub und eine kurze Wochenarbeitszeit im Vergleich zu den USA. Ein Fabrikarbeiter in den USA ist pro Stunde nicht unbedingt preiswerter, aber er leistet mehr Stunden pro Jahr. Wenn die B\u00fcrokratie- und Energiekosten so hoch bleiben, wird es f\u00fcr Unternehmenslenker immer schwieriger, die Produktion in Deutschland zu rechtfertigen.<\/p>\n<p><strong>Leicht:<\/strong> Was w\u00e4re dein Rat f\u00fcr einen Plan B?<\/p>\n<p><strong>Gall:<\/strong> Wir brauchen einen Masterplan statt Aktionismus. Die aktuelle E-Auto-Pr\u00e4mie etwa ist fehlgeleitet, weil sie Marktsegmente adressiert, in denen deutsche Hersteller kaum relevant sind \u2013 das Geld flie\u00dft also ins Ausland. Man sollte die Mittel eher nutzen, um den Industriestrompreis nachhaltig zu senken. Wir brauchen einen Nordstern, damit Unternehmen und Mitarbeiter wissen, wohin die Reise geht.<\/p>\n<p>Die Original-Aufnahme aus dem Studio finden Sie unter anderem <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/episode\/4KrgEyjLSIuuy25Csyni60\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">hier<\/a> \u2013 oder praktisch \u00fcberall, wo es Podcasts gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Autoindustrie in Deutschland schrumpfte auch im Jahr 2025: Der Branchenumsatz ging um 1,6 Prozent zur\u00fcck, nachdem er&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":925129,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[2],"tags":[32675,331,3924,332,3922,187619,371,202329,227,107137,202330,3364,29,1519,155340,202332,30,13,202331,14,3923,15,3921,14498,12,874,64,601,27742],"class_list":["post-925128","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-deutschland","tag-agentur-fuer-arbeit","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-nachrichten-aus-deutschland","tag-aktuelle-news","tag-aktuelle-news-aus-deutschland","tag-ams-aktuelles","tag-autoindustrie","tag-bbm-aktuelles","tag-china","tag-constantin-gall","tag-constantin-m-gall","tag-de","tag-deutschland","tag-elektromobilitaet","tag-ey","tag-gerd-stegmaier","tag-germany","tag-headlines","tag-luca-leicht","tag-nachrichten","tag-nachrichten-aus-deutschland","tag-news","tag-news-aus-deutschland","tag-politik-wirtschaft","tag-schlagzeilen","tag-statistisches-bundesamt","tag-usa","tag-verkehr","tag-zulieferer"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":"Validation failed: Text character limit of 500 exceeded"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/925128","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=925128"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/925128\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/925129"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=925128"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=925128"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=925128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}