{"id":926999,"date":"2026-04-07T05:39:19","date_gmt":"2026-04-07T05:39:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/926999\/"},"modified":"2026-04-07T05:39:19","modified_gmt":"2026-04-07T05:39:19","slug":"wie-das-musikinstrumentenmuseum-der-uni-leipzig-unter-der-verwertungslogik-der-ddr-gelitten-hat-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/926999\/","title":{"rendered":"Wie das Musikinstrumentenmuseum der Uni Leipzig unter der Verwertungslogik der DDR gelitten hat \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>\u201eFraktal\u201c nennt sich die wissenschaftliche Publikationsreihe der musikwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Leipzig im Wiener Verlag Hollitzer. Hier geht es vor allem um Instrumentenkunde, um die Geschichte von Musikinstrumenten und Sammlungsbest\u00e4nden. Im nunmehr vierten Band der Reihe schildern die beiden Leipziger Musikwissenschaftler Josef Focht und Heike Fischer aber etwas, was dem Besucher der Ausstellung im Musikinstrumentenmuseum so \u00fcberhaupt nicht ins Auge f\u00e4llt: wie katastrophal es eigentlich um die Dokumentation der Sammlungsbest\u00e4nde bestellt ist. Und das hat eine Menge mit der DDR-Zeit zu tun.<\/p>\n<p>Im Grunde ist das ganze Buch ein einziger Aufruf, endlich ein richtig umfassendes Projekt zur Provenienzforschung am Musikinstrumentenmuseum der Universit\u00e4t Leipzig aufzulegen. Ein Begriff, den man vor allem aus dem Umgang mit den Sammlungsst\u00fccken in deutschen Museen kennt, die in der NS-Zeit in die Best\u00e4nde kamen und oft genug aus dem Besitz vertriebener oder get\u00f6teter j\u00fcdischer B\u00fcrger stammten.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/792b868cbb6246658c8f7ad3cba2b08f.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\"\/><\/p>\n<p>Aber beim ersten Durcharbeiten der Sammlungsbest\u00e4nde kamen Josef Focht, Professor f\u00fcr Instrumentalkunde\/Organologie an der Uni Leipzig, und die Musikwissenschaftlerin Heike Fricke zu dem ziemlich ersch\u00fctternden Ergebnis, dass gerade die Sammlungsarchivierung in der DDR-Zeit riesige L\u00fccken aufweist. Und das hat nichts mit Schlamperei zu tun, aber viel mit Vertuschung.<\/p>\n<p>Denn schon fr\u00fch etablierte sich im SED-Staat etwas, was man so in westlichen Staaten nicht kannte: Museumssammlungen wurden nicht als zu bewahrende Sch\u00e4tze der Nation betrachtet, sondern als zu verwertendes Kapital. Als Wertanlage, mit der man im Verkauf in den Westen wichtige Devisen ins Land holen konnte.<\/p>\n<p>Kulturgut als Devisenbringer<\/p>\n<p>Ein ganzes Kapitel in diesem Buch besch\u00e4ftigt sich mit dieser Praxis, die sogar ein sowjetisches Vorbild hatte: die von Lenin und Stalin installierte Verkaufspraxis russischer Sammlungsbest\u00e4nde in den 1920er und 1930er Jahren, mit der sich das devisenklamme Sowjetreich dringend ben\u00f6tigte Dollar besorgte. Und die verkauften Mengen bema\u00dfen sich nicht nach Kilogramm, sondern nach vierstelligen Tonnenangaben.<\/p>\n<p>F\u00fcr westliche K\u00e4ufer \u2013 insbesondere gro\u00dfe Museen in den USA \u2013 war das ein Gl\u00fccksfall: Ohne diesen Massenverkauf von Kunstsch\u00e4tzen aus dem Sowjetreich h\u00e4tten sie niemals ihre hochkar\u00e4tigen Sammlungen zusammenbekommen.<\/p>\n<p>Es ist ein fast vergessenes Kapitel in der Geschichte.<\/p>\n<p>Aber in der DDR wurde es ganz \u00e4hnlich praktiziert. Kurz nach der deutschen Wiedervereinigung schlug es sogar gro\u00dfe Wellen. Der Bundestag setzte extra einen Untersuchungsausschuss ein, der sich mit den Praktiken des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kommerzielle_Koordinierung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Bereichs Kommerzielle Koordinierung (BKK)<\/a> besch\u00e4ftigte, der offiziell zwar im Au\u00dfenhandelsministerium angesiedelt war, aber tats\u00e4chlich von der Stasi kontrolliert wurde. Der Untersuchungsausschuss konnte Vieles nat\u00fcrlich nur skizzenhaft erfassen, auch wenn selbst die damaligen Ergebnisse beklemmend waren.<\/p>\n<p>Die L\u00fccken in der Erfassung<\/p>\n<p>Focht und Fricke aber zeigen in ihrem Buch, dass diese Praxis des Ausverkaufs wertvoller Kulturg\u00fcter schon in den 1950er Jahren begann, im Lauf der Zeit verfeinert und auf ihre Weise professionalisiert wurde. Was mit der Erfassung s\u00e4mtlicher Museumsbest\u00e4nde in einem Museumsfonds begann und auch bei der Registrierung interessanter privater Sammlungen nicht endete. Letztere wurden oft auf erpresserische Weise enteignet.<\/p>\n<p>Aber wie war das mit den Best\u00e4nden des Musikinstrumentenmuseums selbst, das ja im Eingangsbuch auch den Zugang mehrerer Privatsammlungen in der DDR-Zeit verzeichnete? Kamen diese denn nicht rechtm\u00e4\u00dfig ins Haus?<\/p>\n<p>Da zweifeln Focht und Fricke. Wohl berechtigt. Denn die Inventarlisten aus dieser Zeit weisen erstaunliche L\u00fccken auf. Viele Sammlungsst\u00fccke wurden nicht einmal inventarisiert. Und das untermauert den Verdacht, dass sie auch nicht im Haus bleiben sollten, sondern der KoKo zur Verf\u00fcgung standen, um sie bei Gelegenheit gegen Devisen in den Westen zu verkaufen.<\/p>\n<p>Aber das Erschrecken der beiden war noch gr\u00f6\u00dfer. Um das deutlich zu machen, gehen sie bis in die Vor-Gr\u00fcndungszeit des Museums zur\u00fcck, zu Leipzigs ber\u00fchmtestem Musikinstrumentensammler Paul de Wit, der zeitweilig mit seiner Sammlung auch schon ein \u2013 privates \u2013 Museum im Bosehaus (wo sich heute das Bach-Museum befindet) betrieben hat und der lange Zeit mit dem Rat der Stadt verhandelte, ob die Stadt die Sammlung nicht \u00fcbernehmen wollte.<\/p>\n<p>Doch die Ratsherren wollten nicht, jedenfalls nicht so, wie sich das Paul de Wit vorgestellt hatte. Mit dem erst einmal fatalen Ergebnis, dass Paul de Wit seine Leipziger Sammlung an den K\u00f6lner Sammler Wilhelm Heyer verkaufte, der in K\u00f6ln sein eigenes \u2013 ebenfalls privates \u2013 Musikinstrumentenmuseum er\u00f6ffnete. Dort begann auch etwas, was in der damaligen Museumslandschaft noch neu war: die wissenschaftliche Erforschung der Sammlungsbest\u00e4nde.<\/p>\n<p>Verwertung statt Erforschung<\/p>\n<p>Doch auch die Stadt K\u00f6ln konnte sich nicht entschlie\u00dfen, das Heyersche Museum zu \u00fcbernehmen. Was dann die erneute Chance f\u00fcr Leipzig war. Jetzt war es aber die Universit\u00e4t, die die Gelegenheit nutzte und die Heyersche Sammlung nach Leipzig holte, wo sie dann ab 1928 auch im neuen Grassi-Museumskomplex ausgestellt wurde. Bis zum Zweiten Weltkrieg, als die meisten Best\u00e4nde ausgelagert werden mussten. Was im Grassi zur\u00fcckblieb, wurde dann mit der Zerst\u00f6rung des Nordfl\u00fcgels ein Raub der Flammen.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich kam auch in den Au\u00dfenlagern einiges abhanden. Aber das waren eher kleine Verluste verglichen mit dem, was dann in der DDR-Zeit zur Hauspolitik wurde. Was auch wieder mit der Entkernung der Musikwissenschaft an der Uni Leipzig (der damaligen Karl-Marx-Universit\u00e4t) zu tun hatte und mit der Installation von zunehmend parteih\u00f6rigen Museumsleitern, die ziemlich wenig Sinn hatten f\u00fcr den Wert einer aus ihrer Sicht feudalen bis b\u00fcrgerlichen Sammlung.<\/p>\n<p>Entsprechend verlor das Musikinstrumentenmuseum viel von seinem Profil. Forschung \u2013 etwa zur Instrumentengeschichte \u2013 fand kaum noch statt. Daf\u00fcr wurde ganz offensichtlich der reiche Fundus immer mehr zur Verf\u00fcgungsmasse der KoKo.<\/p>\n<p>Wie heftig dieser Zugriff war, war bislang auch nicht wirklich klar. Denn die \u201eentsammelten\u201c Instrumente, die dem Fundus entnommen wurden, wurden nat\u00fcrlich nicht ordentlich registriert. Die Deutschen sind zwar ber\u00fchmt f\u00fcr ihre penible B\u00fcrokratie. Aber wenn Institutionen wie die Koko ihr Handeln verschleiern wollten, verwandelten sich Museumsregister rasant in l\u00f6cherige Gebilde, denen nicht mehr zu entnehmen war, was wirklich im Bestand war und was nicht. Und selbst die Herkunft der verzeichneten Sammlungsst\u00fccke wurde eher verschleiert als transparent gemacht.<\/p>\n<p>Kultur im Verkauf<\/p>\n<p>Wer bislang glaubte, Museen m\u00fcssten doch bis zum letzten Sammlungsst\u00fcck genau wissen, wo es ist und wie es ins Haus kam, wird mit diesem Buch eines Besseren belehrt und bekommt so eine Ahnung, welche Sisyphus-Arbeit da auf jene Forscher wartet, die sich tats\u00e4chlich einmal mit der gr\u00fcndlichen Erfassung der Sammlungsst\u00fccke und der Erkundung ihrer Herkunft besch\u00e4ftigen wollen.<\/p>\n<p>Josef Focht und Heike Fricke m\u00fcssen es gar nicht erst betonen: Wenn man die Provenienz eines Sammelgutes nicht kennt, ist es f\u00fcr die wissenschaftliche Arbeit geradezu wertlos. Ganz zu schweigen davon, dass hinter der Erwerbsgeschichte oft undurchschaubare Vorg\u00e4nge stecken, bei denen einige Vorbesitzer regelrecht enteignet wurden. \u00dcber einige Methoden, mit denen das in der DDR bewerkstelligt wurde, wird im Buch berichtet.<\/p>\n<p>Aber auch als kulturinteressierter Mensch wird man desillusioniert. Denn offiziell verkaufte sich auch die DDR als Kulturland, wurden die reichen Sammlungen in den Museen als wertvolles Volkseigentum beworben. Dass gleichzeitig die Best\u00e4nde gepl\u00fcndert wurden, um dem Land die dringend ben\u00f6tigten Devisen zu beschaffen, war nat\u00fcrlich kein Thema. Au\u00dfer in westlichen Medien, die das Treiben der DDR-Kulturverk\u00e4ufer mit durchaus kritischem Auge begleiteten.<\/p>\n<p>Josef Focht und Heike Fricke skizzieren zumindest, welcher Forschungsaufwand betrieben werden muss, um den tausenden Sammlungsst\u00fccken im Musikinstrumentenmuseum eine belastbare Provenienzgeschichte (zur\u00fcck-)zugeben, die Herkunft diverser Sammlungen zu kl\u00e4ren, die in der DDR-Zeit ins Haus kamen, aber auch, um dem Verschwinden wertvoller St\u00fccke aus der Gr\u00fcndungszeit auf die Spur zu kommen.<\/p>\n<p>Denn die \u00dcberschau \u00fcber die Best\u00e4nde zeigt eben auch, dass von der urspr\u00fcnglichen Sammlung de Wit\/Heyer nur noch die H\u00e4lfte im Fundus ist. Wohin sind die Instrumente verschwunden? Dokumente und Ver\u00f6ffentlichungen aus den 1920er Jahren lassen zumindest ahnen, um welche wertvollen Musikinstrumente es sich handelte.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr die Provenienzforschung<\/p>\n<p>Am Ende wird deutlicher, wie die Funktion\u00e4re der SED tats\u00e4chlich auf die musealen Sammlungen im Land schauten, die sie in einem (verwertbaren) Museumsfonds zusammengefasst hatten: Was in den Sammlungen lag, waren aus ihrer Sicht Konsumtionsmittel, die man mit Planzahlen belegen und dann zur \u201eVerwertung\u201c aus den Best\u00e4nden l\u00f6schen konnte. Und w\u00e4re das alles nach seri\u00f6ser b\u00fcrokratischer Art in den Bestandslisten erfasst worden, h\u00e4tte man heute tats\u00e4chlich einen \u00dcberblick.<\/p>\n<p>Doch diesen \u00dcberblick gibt es nicht. Und in einer kleinen \u00dcberschau zeigen Focht und Fricke, wie misstrauisch man selbst den in der DDR-Zeit ins Haus gekommenen Sammlungsbest\u00e4nden gegen\u00fcber sein muss.<\/p>\n<p>Es ist also eine Riesenaufgabe, die hier \u2013 mit eigentlich zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln zur Provenienzforschung \u2013 geleistet werden muss. Endlich geleistet werden muss, lautet das Fazit des Buches. Es geht dabei auch um gerechte L\u00f6sungen f\u00fcr all jene, die \u2013 oft unter Zwang \u2013 ihre Sammlung an das Museum abgeben mussten.<\/p>\n<p>\u201eSchwer lastet das Erbe der NS-Zeit und der DDR auf vielen Museen und Sammlungen des 20. Jahrhunderts, weil jeweils staatliche Ma\u00dfnahmen des Unrechts un\u00fcbersehbare Konfliktfelder geschaffen haben, die wir heute verantwortungsbewusst zu reflektieren und aufzuarbeiten haben, und f\u00fcr die wir faire und gerechte L\u00f6sungen suchen m\u00fcssen\u201c, schreiben Focht und Fricke.<\/p>\n<p>Und gehen sogar noch weiter: Es gehe um die \u201everlorene wissenschaftliche Reputation\u201c des Musikinstrumentenmuseums, die nur zur\u00fcckzugewinnen sei, wenn es eine entschiedene Kurskorrektur gibt. Und das hei\u00dft nun einmal: Die Herkunft aller im Bestand befindlichen St\u00fccke endlich m\u00f6glichst l\u00fcckenlos aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Aber eben auch zu kl\u00e4ren, was mit Instrumenten passiert ist, die noch zur Mitte des Jahrhunderts zum Sammlungsbestand des Museums geh\u00f6rt hatten. Man ahnt, was f\u00fcr ein Berg an Arbeit auf die Forscher wartet. Eine Arbeit, die unerl\u00e4sslich ist, wenn man die Best\u00e4nde tats\u00e4chlich in G\u00e4nze f\u00fcr die Forschung erschlie\u00dfen will.<\/p>\n<p><strong>Josef Focht, Heike Fricke <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783990946381@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eDie DDR als Sammlerin. Ethik und Konzept im Musikinstrumentenmuseum<\/a><\/strong>\u201c Hollitzer Wissenschaftsverlag, Wien 2025, 30 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eFraktal\u201c nennt sich die wissenschaftliche Publikationsreihe der musikwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Leipzig im Wiener Verlag Hollitzer. 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