{"id":928738,"date":"2026-04-07T22:25:17","date_gmt":"2026-04-07T22:25:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/928738\/"},"modified":"2026-04-07T22:25:17","modified_gmt":"2026-04-07T22:25:17","slug":"russisch-ukrainische-frauengruppe-ein-kampf-fuer-queeres-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/928738\/","title":{"rendered":"Russisch-ukrainische Frauengruppe: Ein Kampf f\u00fcr queeres Leben"},"content":{"rendered":"<p>Julia schloss das Beratungszentrum und folgte ihrer Partnerin nach Deutschland. Die Beratungen hielten die beiden aufrecht, online, mit Experten aus der Schweiz, aus Italien und Deutschland. Sie kamen nach Stuttgart, schlossen sich dem queeren Zentrum Weissenburg an und boten dort in Zusammenarbeit mit dem Frauenberatungszentrum Fetz Beratungen f\u00fcr Migrant:innen, Hilfe bei sexueller Gewalt oder LGBTQ-Themen f\u00fcr russischsprachige Frauen an.<\/p>\n<p>Mittlerweile treffen sich die Frauen auch au\u00dferhalb der Beratungsgruppen, oft im Frauenkulturzentrum Sarah. Zum Speed-Dating, zu Workshops, Hexenparty, Winterfest, Frauentag.<\/p>\n<p>Auch Elena Ivanova (Name ge\u00e4ndert), 56 Jahre alt und Ukrainerin, kommt gerne. Sie ist in Russland geboren, studiert hat sie in Leningrad. Eine starke Frau mit geradem R\u00fcckgrat, Englischlehrerin. Anfang des Jahres sitzt sie in der Kontext-K\u00fcche und weint. Als der Krieg in der Ukraine ausgebrochen sei, habe sie es nicht glauben k\u00f6nnen. Bis heute ist sie \u00fcberzeugt davon, dass die ersten russischen Soldaten, die in ihren Heimatort einmarschierten, ein schlechtes Gewissen hatten.\u00a0<\/p>\n<p>Manchmal tr\u00e4umt sie von zu Hause<\/p>\n<p>Ihre Tochter studierte in Berlin als der Krieg begann. Sie bekniete ihre Mutter, es ihr gleichzutun. Elena Ivanova kam schlie\u00dflich mit f\u00fcnf Freunden nach Deutschland. Aber kurz nach ihrer Ankunft beschloss die Tochter, wieder in die Ukraine zur\u00fcckzukehren. Um als Filmemacherin die Schrecken des Krieges zu dokumentieren. Elena Ivanova ihrerseits kam nach Stuttgart und lebt heute in einem sehr kleinen Zimmer. Manchmal sitze sie da, schaue an die W\u00e4nde, die so nah sind, und frage sich, ob es das jetzt war, ob das alles gewesen sein kann. &#8222;Als ob mein fr\u00fcheres Leben gestorben w\u00e4re&#8220;, sagt Ivanova. Sie knetet die H\u00e4nde mit den sauber lackierten Fingern\u00e4geln, sie sind mit Punkten und Streifen gestaltet.\u00a0<\/p>\n<p>Heute gibt sie online Englischkurse f\u00fcr Ukrainer und Russen. Sie habe versucht Freunde zu finden in Stuttgart, aber das habe nicht geklappt. &#8222;Als ich dann Julia getroffen habe, habe ich gemerkt, dass wir in einem fremden Land alle dieselben Probleme haben.&#8220; Deshalb sei es auch egal, woher die Frauen in Julias Gruppen kommen. Manchmal tr\u00e4umt sie davon, wie sie in ihre Heimat zur\u00fcckkehrt. Aber was f\u00fcr ein Land wird die Ukraine dann sein?\u00a0<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter: Julia kommt gerade vom &#8222;Demokratischen Forum&#8220; in Vilnius, einem Treffen von Exilruss:innen aus Armenien und Georgien, auch Menschen aus Serbien und Litauen waren dabei, etwa 70 Leute insgesamt. Sie sei von Wehmut erfasst, sagt sie, dass Treffen wie dieses so wenig bekannt seien, das generell so wenig bekannt sei, dass nicht alle Russ:innen f\u00fcr den Krieg sind. &#8222;Dabei w\u00e4re es so wichtig, dar\u00fcber zu sprechen&#8220;, sagt sie, die Stimme dieser Leute zu sein. Viele progressive Russen f\u00fchlten sich isoliert. &#8222;Russland ist ein terroristischer Staat und sie nennen uns Extremisten. F\u00fcr das Wort Frieden kommt man ins Gef\u00e4ngnis, Denunziantentum ist erw\u00fcnscht, schlimmstes Verhalten wird zum Standard&#8220;, sagt Julia.\u00a0<\/p>\n<p>Xenia kommt aus der Hafenstadt Mykolajiw im S\u00fcden der Ukraine. Weil da die Front verlief, ist sie erst nach Odessa geflohen, dann nach Deutschland. Ein Kapuzenpulli-Kleid schmiegt sich um den schmalen K\u00f6rper, die schwarzen Haare tr\u00e4gt Xenia kurz. In der Ukraine war die 54-j\u00e4hrige Sozialarbeiterin und Beraterin in einer queeren Organisation und hat ein Gesundheitsprogramm f\u00fcr Schwule geleitet.\u00a0<\/p>\n<p>Erst der Krebs, dann die Flucht<\/p>\n<p>Sie schl\u00e4gt die Beine \u00fcbereinander, die H\u00e4nde im Scho\u00df gefaltet und erz\u00e4hlt von der Chemotherapie, die sie gerade erst hinter sich hatte, als sie fliehen musste. &#8222;Ich war noch nicht mal klar im Kopf&#8220;, sagt sie. &#8222;Mehr wie ein Fisch, ich hatte ein Bewusstsein f\u00fcr f\u00fcnf Minuten. Vielleicht hat mir das geholfen.&#8220; Jedes Jahr einmal f\u00e4hrt sie zum Check-up in die Ukraine, weil sie hier als austherapiert gilt und keinen bekommt. Im Sarah ist sie oft. Sie geht mit anderen Frauen zu Konzerten, zum Gay-Film-Festival nach Esslingen, ins Kino oder tanzen. Zu Julias Gruppe kommt sie, weil sie da sein kann, wie sie ist, sagt sie.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Julia schloss das Beratungszentrum und folgte ihrer Partnerin nach Deutschland. 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