{"id":931499,"date":"2026-04-09T00:28:20","date_gmt":"2026-04-09T00:28:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/931499\/"},"modified":"2026-04-09T00:28:20","modified_gmt":"2026-04-09T00:28:20","slug":"mak-fruehjahrstagung-warum-menschen-rechtsradikal-werden-analyse-einer-gefaehrlichen-dynamik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/931499\/","title":{"rendered":"MAK-Fr\u00fchjahrstagung: Warum Menschen rechtsradikal werden \u2013 Analyse einer gef\u00e4hrlichen Dynamik"},"content":{"rendered":"<p>Warum werden Menschen rechtsradikal? Dieser Frage ist die Fr\u00fchjahrstagung der Melanchthonakademie und der C.G. Jung Gesellschaft im Haus der evangelischen Kirche nachgegangen. Susanne Gabriel, Vorstandsmitglied der C. G. Jung Gesellschaft, erl\u00e4uterte den Grund f\u00fcr die Themenwahl. \u201eWir m\u00f6chten einen Beitrag zur Depressionsbew\u00e4ltigung und gegen die Angst leisten\u201c, sagte sie. Es ginge darum, sich den im Raum stehenden Problemen zu stellen und nach Ursachen und L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten zu suchen. Martin Bock, Leiter der Melanchthon-Akademie, f\u00fcgte an: Eine klare Analyse der Situation sei wichtig, um Strategien dagegen auszumachen, und in eine Haltung des Widerstandes zu finden.<\/p>\n<p>Die Analyse lieferte der Arzt f\u00fcr Innere Medizin, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut aus Troisdorf, Matthias Gabriel. Er kl\u00e4rte die Besuchenden \u00fcber rechtsextreme Mythen und ihr Radikalisierungspotential auf:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-69144\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/se-TagungMelanchthon1-300x168.jpg\" alt=\"Matthias Gabriel.\" width=\"300\" height=\"168\"  \/>Matthias Gabriel.<\/p>\n<p>Rechtsradikale Einstellungen seien vor allem stark durch Emotionen motiviert. Angst spiele eine gro\u00dfe Rolle, Wut und Unzufriedenheit, Nostalgie und Ressentiments sowie eine heimliche, st\u00e4ndige Verbitterung. Sie w\u00fcrden wachsen, wenn Menschen sich bedroht f\u00fchlen, Verlust bef\u00fcrchten, Ungerechtigkeit erfahren.<\/p>\n<p>Rechtsradikale Gruppen w\u00fcrden in mehrfacher Hinsicht eine (Schein-)L\u00f6sung liefern: Selbstunsicherheit w\u00fcrde dadurch gelindert, dass man die Gruppen-Identit\u00e4t \u00fcbernimmt, sich also mit einer Gruppe identifiziert.\u00a0Sie w\u00fcrden heute \u00fcber Netzwerke in den sozialen Medien leicht zur Verf\u00fcgung stehen und die passenden Narrative liefern. Diese Narrative w\u00fcrden auf Vorstellungen von Ungleichwertigkeit basieren, mit den damit einhergehenden Einstellungen wie Ultranationalismus, der Bef\u00fcrwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, die Verharmlosung oder Bef\u00fcrwortung des Nationalsozialismus und des Sozialdarwinismus. Dazu geh\u00f6rten dann Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Daraus erg\u00e4be sich eine geschlossene rechtsradikale Weltanschauung. Dahinter verberge sich aber auch eine \u00fcbergeordnete Ideologie, ein Master-Narrativ, und zwar in Gestalt eines politischen Mythos vom Volk und seiner Nation, von dessen Aufstieg, Niedergang und Wiedergeburt.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst erz\u00e4hle das Narrativ von der \u201eGeburt des Helden\u201c, der Entstehung des Volkes und seiner Nation. Die Zugeh\u00f6rigkeit zum Volk sei nat\u00fcrlich und festgelegt durch kulturelle, ethnische bis hin zu versteckt rassistischen Merkmalen. Diese Identit\u00e4t des v\u00f6lkisch-nationalen Kollektivs erzwinge aber auch eine Homogenisierung, welche die Individuen unterwirft und sie letztlich im Volk aufl\u00f6st. So erg\u00e4be das Leben eines Individuums nur dann Sinn, wenn es zum Wohle des nationalen Ganzen beitr\u00e4gt, was mit Forderungen nach unbedingter Hingabe und Opferbereitschaft verbunden sei. \u201eDamit enth\u00fcllt sich aber auch der repressive und autorit\u00e4re Charakter der Ideologie\u201c, betonte Gabriel. Denn wer ausschere, w\u00fcrde zum St\u00f6rfaktor der Ordnung und zu einer Bedrohung f\u00fcr die v\u00f6lkische nationale Einheit. Und gegen Abweichler seien letzten Endes alle Mittel erlaubt.<\/p>\n<p>F\u00fchrer als Leitfigur<\/p>\n<p>Zum Narrativ geh\u00f6re auch, dass von Natur aus Unterschiede zwischen den Menschen existierten. Daraus w\u00fcrde das Ideal einer hierarchisch und patriarchalisch aufgebauten Gesellschaft abgeleitet, in der jedes Volksglied seinen unterschiedlichen Platz und Rang hat. Die Unterordnung der Frau unter das m\u00e4nnliche Familienoberhaupt sei nat\u00fcrlich. An der Spitze der Hierarchie, da stehe dann der F\u00fchrer als Leitfigur. \u201eDamit ist rechtsextremes Denken in seinen Grundz\u00fcgen immer antidemokratisch, immer strukturell antiliberal, ist immer anti-individuell und immer antifeministisch\u201c, so Gabriel.<\/p>\n<p>Diese Auffassung von nationaler Identit\u00e4t beinhaltet stets auch die Diskriminierung und Ausgrenzung derjenigen, die diese Merkmale der Gruppe nicht besitzen. Nichts anderes stehe hinter dem Programm der \u201eRemigration\u201c, wie sie von der AfD gefordert wird. Es sei die Forderung nach einer ethnischen S\u00e4uberung.<\/p>\n<p>Der weitere Teil des Mythos erz\u00e4hle von der aktuellen Bedrohung des Helden-Volkes durch Dekadenz, Apokalypse und Untergang. So w\u00fcrde gegen die demokratischen und pluralistischen Grundlagen der Gesellschaft und vor allem gegen die liberalen, humanen und universalistischen Ideen der Aufkl\u00e4rung Stimmung gemacht. Es w\u00fcrde Angst vor dem sogenannten Bev\u00f6lkerungsaustausch gesch\u00fcrt, vom \u00dcberlebenskampf des deutschen Volkes geredet. Es w\u00fcrde die Gefahr anr\u00fcckender islamischer Invasionsfluten beschworen. Dahinter h\u00e4tten die rechten Vordenker l\u00e4ngst andere Drahtzieher ausgemacht: globalen Eliten, welche als heimatlose Finanzmagnaten bezeichnet werden. Damit w\u00fcrde eine altbekannte antisemitische Formulierung benutzt.<\/p>\n<p>Als dritte Etappe im mythologischen Weltgeschehen folgt dann schlie\u00dflich die Wiedergeburt des deutschen Volkes und die Errichtung einer neuen Ordnung, beziehungsweise die Erneuerung einer vergangenen \u00c4ra der Gr\u00f6\u00dfe. Diese gehe von einer \u201eheroischen Avantgarde\u201c aus, als welche sich die Fl\u00fcgelm\u00e4nner der heutigen rechtsradikalen Gruppierungen schon seit L\u00e4ngerem verstehen. \u201eZur Erreichung dieser Ziele ist im rechten Denken die Zerschlagung des Gegners und die Zerst\u00f6rung der Grundlagen des gegenw\u00e4rtigen demokratischen Gesellschaftssystems unbedingt erforderlich\u201c, betonte Gabriel.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-69143\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/se-TagungMelanchthon4-300x168.jpg\" alt=\"Philine Lewek.\" width=\"300\" height=\"168\"  \/>Philine Lewek.<\/p>\n<p>Doch warum bedient sich die neue Rechte f\u00fcr die Verfolgung dieser Ziele mittlerweile des Christentums? Dazu lieferte die Theologin und Religionswissenschaftlerin Philine Lewek die Antwort. \u201eDas christliche Europa ist ein gemeinsamer Fluchtpunkt der verschiedenen europ\u00e4ischen Nationalismen und hat gerade darum einen Mehrwert gegen\u00fcber dem fr\u00fcher favorisierten germanischen Neuheidentum und der Christentumfeindlichkeit\u201c, sagte sie. Der Bezug auf das Christentum in Abgrenzung zum Generalfeind, dem Islam, sei der Grund f\u00fcr die theologischen Deutungen in den neurechten Netzwerken.\u201c Sie nannte ein prominentes Beispiel daf\u00fcr: die Auslegung des Gleichnisses vom barmherzigen Samaritaner seitens der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch. Lewek zitierte ihr Vorwort zum Band \u201eBekenntnisse von Christen in der Alternative f\u00fcr Deutschland\u201c: \u201eDieses Gleichnis verstehe ich als Argument daf\u00fcr, dass man Kriegsfl\u00fcchtlingen immer eher heimfahren sollte\u201c, schreibt von Storch. \u201eAls der Samariter das Unfallopfer an den Stra\u00dfenrand versorgte, habe er das vor Ort getan. Er habe ihn aber nicht mit zu sich nach Hause mit nach Samaria genommen.\u201c Lewek erl\u00e4uterte: \u201eIn den theologischen Deutungsangeboten der neuen Rechten wird immer wieder deutlich, dass sie sich auf sehr eindeutigen Auslegungen von biblischen oder historischen Texten festlegt.\u201c In der Theorie von Deutungsmacht k\u00f6nne man also von Deutungsgewalt sprechen, die die notwendige Offenheit der historischen oder biblischen Texte beschr\u00e4nke.<\/p>\n<p><a href=\"#\" rel=\"nofollow\" onclick=\"window.print(); return false;\" title=\"Printer Friendly, PDF &amp; Email\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/printfriendly-icon-lg.png\" alt=\"Print Friendly, PDF &amp; Email\" class=\"pf-button-img\" style=\"width: 25px;height: 25px;\"\/>Drucken<\/a><\/p>\n<p>Text: Susanne Esch<br \/>Foto(s): Susanne Esch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Warum werden Menschen rechtsradikal? 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