{"id":933053,"date":"2026-04-09T15:47:16","date_gmt":"2026-04-09T15:47:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/933053\/"},"modified":"2026-04-09T15:47:16","modified_gmt":"2026-04-09T15:47:16","slug":"grosse-unruhe-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/933053\/","title":{"rendered":"G(ro\u00dfe) U(nruhe) \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Die Pl\u00e4ne der Stadt, in Gr\u00fcnau Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte f\u00fcr mehrere hundert Gefl\u00fcchtete zu errichten, erhitzen die Gem\u00fcter. Sowohl im Stadtrat als auch im Ort st\u00f6\u00dft das Vorhaben auf Widerstand.\u00a0<\/p>\n<p>In der Plovdiver Stra\u00dfe in Gr\u00fcnau-Nord, wenige Gehminuten entfernt von der Haltestelle Jupiterstra\u00dfe, ist ein Grundst\u00fcck eingez\u00e4unt. Hier soll bald eine Gemeinschaftsunterkunft f\u00fcr Gefl\u00fcchtete, eine sogenannte GU, entstehen. Bis Ende 2027 will die Stadt f\u00fcnfzig Wohnungen f\u00fcr 240 Menschen bauen, dazu einen Spielplatz und eine Sportanlage. Eine weitere Unterkunft ist in der Gr\u00fcnauer Allee geplant, dort sollen bis zu 200 Menschen unterkommen. Die Begeisterung im Plattenbaugebiet h\u00e4lt sich in Grenzen. Auch im Stadtrat wurde ein Antrag gestellt, die Pl\u00e4ne zu \u00fcberdenken. Verantwortlich daf\u00fcr war die Linken-Politikerin Juliane Nagel. In einem Stadtbezirk mit hoher Armutsquote, Jugendhilfebedarf und \u00fcberlasteten Hilfesystemen halte man den Plan \u00bbf\u00fcr stadtentwicklungs-, sozial- und integrationspolitisch falsch\u00ab, erkl\u00e4rte Nagel in einer Rede im Stadtrat. Deshalb pl\u00e4diert die Linke daf\u00fcr, den Standort in der Gr\u00fcnauer Allee nicht als Gemeinschaftsunterkunft, sondern als Wohnhaus f\u00fcr verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen zu planen. F\u00fcr die GU in der Plovdiver Stra\u00dfe, deren Planung weiter fortgeschritten ist, ersucht die Partei beim Oberb\u00fcrgermeister um eine kritische \u00dcberpr\u00fcfung des Konzepts nach drei Jahren. Gegebenenfalls soll dann eine Nutzung als Wohnhaus in die Wege geleitet werden. Um ihren Antrag zu untermauern, beruft sich Nagel auf zwei Beschl\u00fcsse: zum einen den Stadtratsbeschluss zur dezentralen Unterbringung aus dem Jahr 2012, der vorsieht, Gefl\u00fcchtete auf Wohnungen und kleine Wohneinheiten im Stadtgebiet zu verteilen; zum anderen auf das Quartierskonzept der Stadt f\u00fcr die Gr\u00fcnauer Wohnkomplexe 7 und 8: Darin wird eine Verbesserung der Wohnqualit\u00e4t angestrebt. Last, but not least fordert Nagel die Verwaltung dazu auf, sich f\u00fcr die Nutzung der ehemaligen Kaufhalle am Jupiterplatz einzusetzen, um einen Ort des Zusammenkommens in Gr\u00fcnau-Nord zu schaffen. Die Ausgestaltung der Unterk\u00fcnfte, die im Anschluss an Nagels Rede diskutiert wird, ist auch vor Ort in Gr\u00fcnau schon lange Thema \u2013 also zur\u00fcck auf Anfang und zur\u00fcck ins Plattenbaugebiet. <\/p>\n<p><strong>Info-Debakel und erhitzte Gem\u00fcter<\/strong><\/p>\n<p>Von dem geplanten Neubau in der Plovdiver Stra\u00dfe habe man hier zuf\u00e4llig erfahren, erz\u00e4hlt uns Sigrun Kabisch \u2013 \u00fcber einen Tagesordnungspunkt f\u00fcr eine Sitzung des Stadtbezirksbeirats West im Mai 2025. Kabisch ist Mitglied des Quartiersrats in Gr\u00fcnau. Als Verantwortliche f\u00fcr die Themen Zusammenleben und Nachbarschaft repr\u00e4sentiert sie dort die Anwohnenden. Gemeinsam mit Sigrid Juhran, B\u00fcrgervertreterin im Quartiersrat, erz\u00e4hlt sie im Gespr\u00e4ch auf einer Parkbank neben der Baustelle to be, wie man in Gr\u00fcnau auf die Pl\u00e4ne reagiert hat: Die Information \u00fcber das geplante Bauprojekt habe sich wie ein Lauffeuer verbreitet, erinnert sie sich. Das Interesse der Bev\u00f6lkerung sei riesig gewesen, der Sitzungssaal platzte schon vor Veranstaltungsbeginn aus allen N\u00e4hten: \u00bbUnd dann muss man sagen, dass diese gesamte organisatorische Vorbereitung und Durchf\u00fchrung eine Katastrophe war \u2013 da brannte die H\u00fctte.\u00ab B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00e4u\u00dferten Sicherheitsbedenken, Angst vor steigender Kriminalit\u00e4t und Zweifel daran, dass eine Integration Gefl\u00fcchteter m\u00f6glich sei, so das Protokoll der Veranstaltung. Darin werden auch rassistische Aussagen von Teilnehmenden zitiert. Eine Anfrage der Gr\u00fcnen im Nachgang der Veranstaltung an die Stadtverwaltung beschreibt die Stimmung als aggressiv und die Geschehnisse auf der Versammlung als \u00bbtumultartig\u00ab, dort ist sogar die Rede von Drohungen gegen Mitglieder des Stadtbezirksrats durch Teilnehmende. <\/p>\n<p>Die Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner auf die Baupl\u00e4ne seien \u00fcberwiegend negativ und ablehnend gewesen, best\u00e4tigt auch Juhran. Den Grund daf\u00fcr sehen sie und Kabisch in der schlechten Kommunikation der Pl\u00e4ne durch die Verwaltung: \u00bbDas h\u00e4tte nachvollziehbar gemacht werden und vern\u00fcnftig begr\u00fcndet werden m\u00fcssen\u00ab, so Kabisch. \u00bbWarum gerade hier, da der Anteil von migrantischen Mitbewohnern schon bei 27 Prozent liegt\u00ab \u2013 das ist nicht der h\u00f6chste Wert in Leipzig, sind aber sechs Prozentpunkte mehr als der stadtweite Durchschnitt. <\/p>\n<p><strong>Wie immer fehlt es an Ressourcen<\/strong><\/p>\n<p>Um den Entwicklungen entgegenzuwirken und die Akzeptanz f\u00fcr die Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte zu f\u00f6rdern, wurde im Quartiersrat ein Positionspapier entworfen und an die Stadtverwaltung geschickt. In sieben Punkten wird darin, unter anderem, dazu aufgerufen, Unterst\u00fctzungssysteme f\u00fcr Wohnumfeld, Schulen und Kitas auszubauen und ein niedrigschwelliges Informationsformat f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung zu schaffen. Au\u00dferdem wird gefordert, Sorgen und \u00c4ngste der Gr\u00fcnauer Bev\u00f6lkerung in Bezug auf Sicherheit und Kriminalit\u00e4t anzusprechen und ernst zu nehmen. Im Anschluss trafen sich Vertreterinnen des Quartiersrats zweimal mit Martina M\u00fcnch, der B\u00fcrgermeisterin f\u00fcr Soziales, Gesundheit und Vielfalt \u2013 zu konstruktiven Gespr\u00e4chen, betont Kabisch: \u00bbDie Vorschl\u00e4ge wurden angenommen, aber sie wurden bisher nicht voll umgesetzt, unter anderem aufgrund von finanziellen Engp\u00e4ssen.\u00ab Im Dezember 2025 gab es dann eine weitere Informationsveranstaltung \u2013 besser vorbereitet und mit der M\u00f6glichkeit f\u00fcr Anwohnende, schon im Vorhinein Fragen an die Stadtverwaltung zu richten. Trotzdem steht man den GUs im Plattenbaugebiet nach wie vor negativ gegen\u00fcber. Nach Kabischs Ansicht gehe es dabei vor allem um Verteilungsfragen: Schon jetzt seien Sportpl\u00e4tze zu klein und schlecht ausgestattet, schon jetzt fehlen in Schulen soziale Angebote. Dabei sei es an der Verwaltung, Priorit\u00e4ten zu setzen und die n\u00f6tigen Ressourcen zur Verf\u00fcgung zu stellen: \u00bbIn diesem Stadtteil wurde bereits so viel Integrationsleistung erbracht \u2013 und die ist anzuerkennen. Das hei\u00dft auch, dass man entsprechend Spielpl\u00e4tze braucht und sozialp\u00e4dagogische Unterst\u00fctzung im Kindergarten und in der Schule.\u00ab<\/p>\n<p>F\u00fcr mehr p\u00e4dagogisch begleitete Freizeitorte und sozialp\u00e4dagogische Unterst\u00fctzung pl\u00e4diert auch Philipp R\u00f6del von der Projektgruppe Greater Form, die kulturelle Teilhabe f\u00fcr Kinder und Jugendliche erm\u00f6glichen will. R\u00f6del arbeitet in Sichtweite der geplanten Unterkunft. Er h\u00e4lt es f\u00fcr kritisch, das Viertel mit weiteren sozialen Herausforderungen zu konfrontieren. Das k\u00f6nne, seiner Einsch\u00e4tzung nach, nicht konfliktfrei vonstattengehen: \u00bbIn jedem Fall werden Leute in Notlagen untergebracht werden. Das hat nicht immer Einfluss auf das Umfeld, aber man kann davon ausgehen, dass es hilfreich ist, wenn es flankierende Ma\u00dfnahmen gibt.\u00ab Eine solche Ma\u00dfnahme k\u00f6nnten Begegnungsr\u00e4ume sein, au\u00dferhalb von bezahltem Konsum, mit sozialen Beratungsangeboten f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Daf\u00fcr ben\u00f6tige es allerdings eine stabile Finanzierung, erkl\u00e4rt er weiter \u2013 und mehr Engagement der Stadt f\u00fcr das Plattenbaugebiet. \u00bbNach meinem Kenntnisstand sind von den Ma\u00dfnahmen, die im Quartierskonzept angedacht waren, sehr wenige umgesetzt\u00ab, kommentiert R\u00f6del. <\/p>\n<p><strong>Am Stadtrat vorbei<\/strong><\/p>\n<p> Im Stadtrat hat Juliane Nagel sich der geplanten GUs angenommen. \u00bbIch habe immer das Gef\u00fchl, ich muss vorausschicken, dass wir als Linke nicht gegen die Unterbringung von Gefl\u00fcchteten sind und Menschen aufnehmen wollen \u2013 auch mehr, als Leipzig bisher aufnimmt\u00ab, stellt sie zu Beginn des kreuzer-Interviews vorsorglich klar. Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte, gerade in Gr\u00fcnau, seien aber nicht der Weg, dieses Ziel zu erreichen \u2013 deshalb setze man sich f\u00fcr alternative Wohnkonzepte und eine st\u00e4rkere soziale Durchmischung ein. \u00bbMenschen, die in GUs leben, sind oft in einer prek\u00e4ren Situation, psychisch und sozial \u2013 sie m\u00fcssen erst mal ankommen. Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte sind aber nicht integrativ, sie wirken gegenteilig abschottend\u00ab, sagt Nagel. Aufgrund der Ballung sozialer Herausforderungen im Plattenbaugebiet f\u00fcrchte man, dass die Situation sich weiter versch\u00e4rfe. Um diesem Szenario entgegenzuwirken, schl\u00e4gt der Antrag der Linken eine Entwicklung der GUs hin zu Wohnh\u00e4usern vor. Die Pl\u00e4ne zur Umwandlung der GU in der Gr\u00fcnauer Allee in ein Mehrfamilienwohnhaus sowie die sp\u00e4tere Evaluierung der Nutzung der Plovdiver Stra\u00dfe wurden im Stadtrat angenommen \u2013 ausgerechnet mit Stimmen der AfD. Nicht die gl\u00fccklichste Konstellation, r\u00e4umt Nagel ein. Es bleibt aber ohnehin abzuwarten, ob und inwieweit die Beschl\u00fcsse von der Verwaltung umgesetzt werden. Nach deren offiziellem Standpunkt seien sie rechtswidrig: Der Stadtrat k\u00f6nne sich nicht in die Unterbringung und Versorgung von Gefl\u00fcchteten und die Nutzung von Gemeinschaftsunterk\u00fcnften einbringen, da dies in den ausschlie\u00dflichen Zust\u00e4ndigkeitsbereich des Oberb\u00fcrgermeisters falle. Eine falsche Darlegung, argumentiert Katharina Krefft (Gr\u00fcne) im Stadtrat: \u00bbDie Ausgestaltung der Unterbringung ist Sache der \u00f6rtlichen Gemeinschaft. Folglich d\u00fcrfen wir mitsprechen, wie Asylsuchende in dieser Stadt untergebracht werden\u00ab. Nagel f\u00fcrchtet dennoch, die Stadt k\u00f6nnte die Beschl\u00fcsse aus rechtlichen Gr\u00fcnden kassieren. \u00bbDas f\u00e4nde ich sehr feige\u00ab, erkl\u00e4rt sie dem kreuzer. Die Abstimmung des Stadtrats sei ein politisches Votum, sie hoffe sehr, dass die Verwaltung es ernstnehme. Nach ihrer Auffassung unterminiert die Verwaltung mit den geplanten GUs und der drohenden K\u00fcrzungspolitik die Vereinbarungen zur gezielten F\u00f6rderung von Schwerpunktr\u00e4umen sowie den Beschluss zur dezentralen Unterbringung von Gefl\u00fcchteten. Das Dezernat Soziales, Gesundheit und Vielfalt \u00e4u\u00dferte sich auf eine kreuzer-Anfrage dazu nicht. Zumindest Sigrid Juhran vom Quartiersrat blickt aber optimistisch auf die zuk\u00fcnftige Ausgestaltung der Unterk\u00fcnfte und ein m\u00f6gliches Einbeziehen der Antr\u00e4ge durch die Verwaltung: Das Konzept, Wohnh\u00e4user f\u00fcr verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen zu planen, sei gut, betont sie: \u00bbSteter Tropfen h\u00f6hlt den Stein.\u00ab    <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Pl\u00e4ne der Stadt, in Gr\u00fcnau Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte f\u00fcr mehrere hundert Gefl\u00fcchtete zu errichten, erhitzen die Gem\u00fcter. 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