{"id":933375,"date":"2026-04-09T18:41:13","date_gmt":"2026-04-09T18:41:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/933375\/"},"modified":"2026-04-09T18:41:13","modified_gmt":"2026-04-09T18:41:13","slug":"bewerbung-wie-hamburg-ueber-olympia-streitet-und-worum-es-wirklich-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/933375\/","title":{"rendered":"Bewerbung: Wie Hamburg \u00fcber Olympia streitet \u2013 und worum es wirklich geht"},"content":{"rendered":"<p>In der Aktuellen Stunde der B\u00fcrgerschaft prallen Skepsis und Zuversicht zur Olympiabewerbung aufeinander. Zahlen und Risiken dominieren. Doch am Ende stellt sich eine andere Frage: Ob Hamburg mit Olympia die n\u00e4chste Generation erreicht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es bleiben noch sieben Wochen bis zum Referendum \u00fcber die Olympischen und Paralympischen Spiele. Am 31. Mai sollen die Hamburger entscheiden, ob sich die Stadt um die Ausrichtung bewirbt und gegen M\u00fcnchen und die Rhein-Ruhr ins Rennen um die deutsche Bewerberstadt geht. Die Stadt ist dabei noch gespalten. In der letzten Umfrage des NDR fanden 41 Prozent der Befragten die Hamburger Bewerbung \u201eeher gut\u201c, 50 Prozent hingegen \u201eeher schlecht\u201c.<\/p>\n<p>Die Gegner sehen sich dadurch gest\u00e4rkt, die Bef\u00fcrworter angespornt. Und in diese Situation fiel am Donnerstag die Aktuelle Stunde in der B\u00fcrgerschaft. Die Fraktionen haben im Rathaus dar\u00fcber gestritten, ob durch die Spiele unkalkulierbare Risiken auf die Stadt zukommen (Position von Linken und AfD), oder ob durch sie Chancen entstehen w\u00fcrden, die Hamburg verstreichen lie\u00dfe, wenn es nicht deutsche Bewerberstadt w\u00fcrde (so sehen es SPD, Gr\u00fcne und CDU). <\/p>\n<p>Es war eine Debatte mit hochkochenden Emotionen, vielen Zahlen, aber weitestgehend ohne Euphorie. 2015 hatte der Senat auf die Begeisterungsf\u00e4higkeit der Hamburger f\u00fcr Olympische und Paralympische Spiele gesetzt. Im Stadion in Miniatur-Version jubelten schon Zehntausende imagin\u00e4re Fans der Er\u00f6ffnungsfeier entgegen. Am Ende entschied sich die knappe Mehrheit der Abstimmenden im Referendum gegen die Bewerbung. Konsequent wird der zweite Bewerbungsanlauf nun anders angegangen: Rational, erkl\u00e4rend, die bunten Bilder von tollen Spielen auf ein Minimum reduziert.  <\/p>\n<blockquote class=\"c-citation__body\">\n<p class=\"c-citation__text\">Dort, wo wir noch Unsicherheiten bei Auszahlungen haben, stehen erheblich gr\u00f6\u00dfere Potenziale auf der Einnahmeseite.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>In dieser bewusst n\u00fcchternen Tonlage \u00fcbernahm Sportsenator Andy Grote (SPD) die Rolle des zentralen Verteidigers der Hamburger Bewerbung. Vor allem dort, wo Kritik an fehlenden Zahlen laut wurde, hielt Grote dagegen. Das vorgelegte Finanzkonzept sei solide. Aber Kosten lie\u00dfen sich f\u00fcr Spiele, die fr\u00fchestens 2040 stattfinden k\u00f6nnten, heute nicht seri\u00f6s bis ins Detail beziffern. Es gebe weder ein Sicherheitskonzept noch eine konkrete Gef\u00e4hrdungslage, zudem seien technische und geopolitische Entwicklungen \u00fcber fast zwei Jahrzehnte hinweg nicht vorhersehbar. Entscheidender sei, dass Hamburg bewusst konservativ rechne, sowohl bei Einnahmen aus IOC\u2011Zusch\u00fcssen als auch bei der Beteiligung des Bundes. \u201eDort, wo wir noch Unsicherheiten bei Auszahlungen haben, stehen erheblich gr\u00f6\u00dfere Potenziale auf der Einnahmeseite\u201c, so Grote.<\/p>\n<p>Gleichzeitig versuchte der Senator, die Debatte aus der reinen Kostenlogik zu l\u00f6sen und auf eine grunds\u00e4tzliche Ebene zu heben. Es gehe nicht um ein kurzfristiges Event, sondern um eine langfristige Entscheidung f\u00fcr die Stadt. \u201eIch glaube, wir sollten in Vertrauen auf unsere eigene St\u00e4rke selbstbewusst sagen: Wir wollen die Spiele. Wir wollen sie f\u00fcr unsere Zukunft. Das ist ein Zeichen f\u00fcr Freiheit, Vielfalt, Respekt, Zusammenhalt, Internationalit\u00e4t \u2013 und wir wollen sie in Hamburg, wir wollen sie in der sch\u00f6nsten Stadt Deutschlands haben und nicht woanders\u201c, sagte Grote.<\/p>\n<p>Hinter Grotes Argumentation stand die zentrale Botschaft dieses zweiten Anlaufs: Die Bewerbung soll nicht allein von Euphorie getragen sein, sondern von der \u00dcberzeugung, dass Hamburg gro\u00dfe Projekte verantwortungsvoll stemmen kann und die Stadt, nicht allein das IOC als Veranstalter, davon profitiert.<\/p>\n<p>Die Gegner machten vor allem daran Zweifel geltend. AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann w\u00e4hlte daf\u00fcr die st\u00e4rkste Zuspitzung des Tages. Die \u201epolitische Mitte\u201c, die Olympia verspreche, sei schon mit den Herausforderungen des Alltags \u00fcberfordert. Im Januar habe die Stadt es \u201enicht einmal hinbekommen, Stra\u00dfen und B\u00fcrgersteige von Eis und Schnee zu r\u00e4umen\u201c, sagte Nockemann. Wie solle ausgerechnet diese Verwaltung Olympische Spiele organisieren? Nockemann zeichnete das Bild einer Stadt, die an einem solchen Gro\u00dfprojekt zwangsl\u00e4ufig scheitern m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Linke sind gegen die Bewerbung<\/p>\n<p>Weniger polemisch, aber ebenso grunds\u00e4tzlich fiel die Kritik der Linken aus. Heike Sudmann stellte vor allem das Finanzkonzept infrage und warnte davor, Risiken kleinzureden. Besonders die Sicherheitskosten seien eine \u201eBlack Box\u201c. Der Senat nenne keine belastbaren Zahlen, zugleich zeige das Beispiel Paris, welche Dimensionen dort erreicht worden seien. Es gebe zudem keine verbindlichen Zusagen des Bundes, sagte Sudmann \u2013 vielmehr stehe vieles unter dem Vorbehalt k\u00fcnftiger Haushaltslagen. Wer unter diesen Voraussetzungen verspreche, Olympia bringe am Ende sogar Gewinne, rede die Risiken klein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend im Plenum entlang dieser Linien gestritten wurde, bot sich auf den Zuschauerb\u00e4nken ein ungewohntes Bild. Die R\u00e4nge waren voll mit Sch\u00fclern. Anders als bei den Olympiadebatten, die die Abgeordneten und Senatsmitglieder aktuell auf vielen Podien in B\u00fcrgers\u00e4len und Gemeindezentren f\u00fchren, sa\u00df dort nicht ein \u00e4lteres Publikum, das in Hamburg per se oft kritisch auf Gro\u00dfvorhaben schaut. Beim Referendum darf ab 16 Jahren mitgestimmt werden. Ein Teil der Jugendlichen auf den Zuschauerr\u00e4ngen d\u00fcrfte damit bereits stimmberechtigt sein und wird am 31. Mai mitentscheiden.<\/p>\n<p>Olympia als Erfahrung, nicht als Event<\/p>\n<p>Vielleicht erreichte die Aktuelle Stunde gerade deshalb ihren markantesten Moment erst zum Schluss. SPD-Politiker Cem Berk, selbst Fu\u00dfballtrainer, verschob den Blick weg von Finanzmodellen und Sicherheitskonzepten hin zu der Frage, was diese Bewerbung mit jungen Menschen machen kann. \u201eAus Zuschauen kann Mitmachen werden, aus Unsicherheit Mut\u201c, sagte Berk. Aus Tr\u00e4umen k\u00f6nnten \u201egreifbare M\u00f6glichkeiten\u201c entstehen.<\/p>\n<p>Berk beschrieb Olympia nicht als Event, sondern als Erfahrung. Als einen Prozess, der Perspektiven ver\u00e4ndert. Was es bedeute, wenn Kinder und Jugendliche Athleten erleben, \u201edie nach einem R\u00fcckschlag wieder aufstehen\u201c. Wenn sichtbar werde, dass Vielfalt im Sport kein Hindernis, sondern eine St\u00e4rke sei. Dann entst\u00fcnden Vorbilder, verkn\u00fcpft mit einer Haltung, die \u00fcber den Sport hinausweise.<\/p>\n<p>Der entscheidende Punkt sei etwas, das er aus seiner t\u00e4glichen Arbeit kenne. \u201eDer Glaube an die eigene Wirksamkeit entsteht\u201c, so Berk. Der Moment, in dem junge Menschen erleben, dass ihr Handeln z\u00e4hlt, dass sie Teil von etwas Gr\u00f6\u00dferem sein k\u00f6nnen. Olympia k\u00f6nne genau das sichtbar machen: Leistung, Respekt, Gemeinschaft \u2013 nicht als abstrakte Werte, sondern als gelebte Erfahrung mitten in der Stadt.<\/p>\n<p>Berk sprach von einer \u201eolympischen Generation\u201c. Von mehr Sport in den Schulen, von modernen Sportst\u00e4tten, von Bewegung und Gesundheit als politischem Versprechen. Vor allem aber davon, jungen Menschen zuzutrauen, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Es gehe um Perspektiven und um die Frage, welches Bild von Zukunft Politik vermittle.<\/p>\n<p>So endete diese Olympiadebatte nicht mit Zahlen oder Schlagworten, sondern mit einer offenen Frage: Ob es gelingt, nicht nur Skepsis zu verwalten, sondern auch diejenigen zu erreichen, die diese Stadt in den kommenden Jahrzehnten pr\u00e4gen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"In der Aktuellen Stunde der B\u00fcrgerschaft prallen Skepsis und Zuversicht zur Olympiabewerbung aufeinander. Zahlen und Risiken dominieren. 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