{"id":93508,"date":"2025-05-08T05:43:10","date_gmt":"2025-05-08T05:43:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/93508\/"},"modified":"2025-05-08T05:43:10","modified_gmt":"2025-05-08T05:43:10","slug":"der-polnische-schriftsteller-szczepan-twardoch-in-den-eingeweiden-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/93508\/","title":{"rendered":"Der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch in den Eingeweiden des Krieges"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Ein Krieg, wie er derzeit in der Ukraine stattfindet, geh\u00f6rt zu den extremsten menschlichen Grenzerfahrungen. Der polnische Romancier Szczepan Twardoch meistert die unm\u00f6gliche Aufgabe, ihn in seiner Brutalit\u00e4t und Sinnlosigkeit zu beschreiben, mit Bravour.<\/p>\n<p>  <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Mit dem Buch \u00abDie Nulllinie\u00bb begibt sich Szczepan Twardoch an die Front im Donbass.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"5346\" height=\"3564\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/2a2ef304-aaed-4fc6-aa9a-04d589d218c6.jpeg\" loading=\"eager\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Mit dem Buch \u00abDie Nulllinie\u00bb begibt sich Szczepan Twardoch an die Front im Donbass. <\/p>\n<p>Joanna Nowicka \/ Imago<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipf0i2ut0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Alle Romane des erfolgreichen polnischen Schriftstellers Szczepan Twardoch haben dramatische Sujets, spielen in brisanten historischen Epochen und umkreisen den Krieg. Zuletzt \u00abK\u00e4lte\u00bb, darin ein russischer Revolution\u00e4r im Gulag landet und auf abenteuerlichen Wegen durch den hohen Norden entflieht.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.\n      <\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphcf9es0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Mit seinem neusten Werk \u00abDie Nulllinie\u00bb begibt sich Twardoch mitten in die H\u00f6lle des Kriegs in der Ukraine. Seit dem \u00dcberfall der Russen auf das Nachbarland ist er selber mit Hilfsg\u00fctern mehrmals an die Front im Donbass gefahren, hat sich unter Lebensgefahr in Sch\u00fctzengr\u00e4ben versteckt und mit ukrainischen Soldaten gesprochen, ein Reporter der besonderen Art.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphcgafb1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ohne Augenschein und Fakten h\u00e4tte er das Buch wohl nicht schreiben k\u00f6nnen, wobei er der Fiktion mehr \u00abWahrheit\u00bb zutraut, da sie \u00absynthetisch\u00bb sei, so Twardoch in einem Interview. Bei einem Thema wie dem Krieg, einer \u00abungeheuren Grenzsituation, in der die conditio humana auf ihre Essenz reduziert wird\u00bb und Charakter und Menschlichkeit sich auf dem Pr\u00fcfstand befinden, sei eine vielseitige Sicht besonders wichtig.<\/p>\n<p>In der zweiten Person erz\u00e4hlt<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipf0i2v10\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">\u00abDie Nulllinie\u00bb erf\u00fcllt dieses Postulat auf eindr\u00fcckliche Weise. Detailwissen \u00fcber Waffensysteme, insbesondere Drohnen, \u00fcber Stellungskrieg, das grausame Ausharren in Unterst\u00e4nden, Erdl\u00f6chern und nassen Gr\u00e4ben unterf\u00fcttert den Text, doch geht dieser mit seiner psychologischen Durchdringung der beteiligten K\u00e4mpfer weit \u00fcber jede Reportage hinaus.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphci14u1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Das liegt an der Machart des Romans. Twardoch l\u00e4sst seinen Protagonisten in der zweiten Person erz\u00e4hlen, in einem inneren Dialog, der Vergangenheit, Gegenwart und imaginierte Zukunft vereint und gleichzeitig eine Vogel- oder Drohnenperspektive simuliert.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphcibs01\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Wer ist dieser Mann? Ein Pole mit ukrainischen Wurzeln, dessen Grossvater in der Waffen-SS-Division Galizien und bei der Ukrainischen Aufstandsarmee diente, ein studierter Historiker mit gr\u00fcndlichen \u00abIlias\u00bb-Kenntnissen, ein Familienvater, der seine Ehe nicht retten konnte und als Legion\u00e4r in die Ukraine ging, dann in drei Brigaden k\u00e4mpfte, bis er einem Sonderkommando am \u00abfalschen\u00bb Ufer des Dnipro, in unmittelbarer Frontn\u00e4he, zugeteilt wurde. Sein Rufname: Pferd (polnisch Kon).<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphciqp01\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Was hinter ihm liegt, bezeichnet er als Brandreste, sich selbst als einen, \u00abder den Tod sucht und jetzt pl\u00f6tzlich festgestellt hat, dass er doch leben will\u00bb. Nur ist die Aussicht, diesen Krieg zu \u00fcberleben, gering. Das best\u00e4tigt sich am Ende, als \u00abPferd\u00bb nur noch Worte lallt, die ihm im Mund zerfallen. Finita la storia.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipf0i2v30\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Was der Leser auf 255 Seiten erf\u00e4hrt, w\u00fchlt die Eingeweide auf. Nahkampf-Optik in der Nachfolge von Remarque und Hemingway. Brutales T\u00f6ten und Get\u00f6tetwerden, freilich mit Drohnen und Starlink. Und in den Gefechtspausen das Hereinbrechen von Erinnerungen und die Sehnsucht nach einer weiblichen Umarmung. Denn trotz der Rohheit des Krieges sind Menschen am Werk, mit ihren urmenschlichen Bed\u00fcrfnissen.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphcjcp11\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Durch seinen Erz\u00e4hler charakterisiert Twardoch ein ganzes \u00abFigurenkabinett\u00bb von K\u00e4mpfern: Da ist der stumpfe \u00abLeopard\u00bb, einst schwerer Alkoholiker, vom \u00abAlte-M\u00e4nner-Sadismus\u00bb in der Armee traumatisiert, jetzt Aussitzer, der das Warten als einzigen Widerstand gegen die Welt begreift; \u00abJagoda\u00bb, immer n\u00fcchtern, gebildet und belesen, mit siebenhundert B\u00fcchern auf dem Kindle, die er in ruhigen Momenten zu lesen versucht; \u00abSchabla\u00bb, S\u00e4bel, der mutige Scharfsch\u00fctze, \u00abRatte\u00bb, \u00abArier\u00bb und \u00abMalpa\u00bb, die kein Risiko scheuen, um die \u00abRussacken\u00bb zu erledigen.<\/p>\n<p>Verheerende Bilanz<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iphcjoh21\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Sie alle kommunizieren in vulg\u00e4rer Soldatensprache, fluchen, was das Zeug h\u00e4lt. Tauschen sich \u00fcber Foltermethoden der \u00abP\u00e4derussen\u00bb aus, wobei auch eine Geliebte des Erz\u00e4hlers ins Spiel kommt, die Vergewaltigung und Folter am eigenen Leib erfahren hat. Notrufe werden chiffriert, \u00abzweihundert\u00bb bedeutet \u00abtot\u00bb, \u00abdreihundert\u00bb \u00abverwundet\u00bb, diese Zahlen kursieren st\u00e4ndig, in Bezug auf die eigenen Leute und den Feind.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipf0i2v40\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Kurzum, der Krieg ist ein Horror, ein Schlachthaus. \u00dcber dessen Sinn sich bei weitem nicht alle Beteiligten einig sind. Vaterl\u00e4ndischer Verteidigungswille hebt die Moral, f\u00fcr die Desperados, die nichts zu verlieren haben aber, spielt das keine Rolle. Der Erz\u00e4hler selbst traut den \u00abgut gelaunten Allmachtsfantasien der Sondereinsatzkr\u00e4fte\u00bb nicht. Er weiss um den Munitionsmangel, das Fehlen von Soldaten, kann sich nicht vorstellen, verlorene Gebiete zur\u00fcckzuerobern. W\u00e4hrend andere nicht bereit sind, die Grenzen von 2014 aufzugeben, \u00abf\u00fcr die sie einen so hohen Preis gezahlt haben\u00bb. Eine \u00abErkenntnisdissonanz\u00bb, die die Wirklichkeit in unvereinbare Versionen zerfallen l\u00e4sst.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1ipf0i2v60\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Auch unsereins weiss nicht, wie dieser unselige Krieg enden wird, dessen Opferbilanz nach drei Jahren verheerend ist. Twardoch untersucht ihn sozusagen viszeral, indem er tief in die Kampfhandlungen eindringt, vor allem aber in die K\u00f6pfe und K\u00f6rper jener, die sie ausf\u00fchren. Das gilt es in seiner Drastik auszuhalten. Keine Frage, Krieg geh\u00f6rt zu den extremsten Grenzerfahrungen. Ob daraus zu lernen ist, mag Twardoch nicht entscheiden. Aber was er uns in seinem Roman aufzeigt und wie er es tut, bleibt geradezu physisch haften. Das schafft nur starke Literatur.<\/p>\n<p data-team-footnote=\"\" id=\"id-doc-1ipf0i2v90\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"footnote\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent footnote nzzinteraction\">Szczepan Twardoch: Die Nulllinie. Roman aus dem Krieg. Aus dem Polnischen von Olaf K\u00fchl. Rowohlt-Berlin-Verlag, Berlin 2025. 255\u00a0S., Fr. 34.90.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Krieg, wie er derzeit in der Ukraine stattfindet, geh\u00f6rt zu den extremsten menschlichen Grenzerfahrungen. 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