{"id":937280,"date":"2026-04-11T07:42:18","date_gmt":"2026-04-11T07:42:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/937280\/"},"modified":"2026-04-11T07:42:18","modified_gmt":"2026-04-11T07:42:18","slug":"wohnen-wenn-das-dach-aber-nun-ein-loch-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/937280\/","title":{"rendered":"Wohnen \u2013 Wenn das Dach aber nun ein Loch hat"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img320530\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/320530.jpeg\" alt=\"Berlin, Sch\u00f6nhauser Allee im Jahr 1988\"\/><\/p>\n<p>Berlin, Sch\u00f6nhauser Allee im Jahr 1988<\/p>\n<p>Foto: dpa\/Reinhard Kaufhold<\/p>\n<p>Fehlender <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1137066.verdraengung-nackt-vor-den-hauseigentuemern.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">bezahlbarer Wohnraum<\/a> und ein Anstieg der Kaltmieten in Berlin um 70 Prozent in zehn Jahren \u2013 das berge Sprengstoff, bemerkt Bernt Roder, Leiter des Museums Pankow. Das Problem m\u00fcsse gel\u00f6st werden. Wie es einem Museum zusteht, befasst sich ein gemeinsam mit dem Leibniz-Institut f\u00fcr raumbezogene Sozialforschung ausgerichtetes Symposium in der Aula der Volkshochschule an der Prenzlauer Allee am Freitag mit historischen Ereignissen: mit dem Streit \u00fcber Abriss oder Sanierung von H\u00e4usern in den 80er Jahren im Stadtbezirk Prenzlauer Berg am Beispiel der Rykestra\u00dfe. Aber es k\u00f6nnten einige Schlussfolgerungen f\u00fcr die derzeitige Situation gezogen werden.<\/p>\n<p>Am Vorabend des ausgebuchten Symposiums h\u00e4lt Kathrin Mei\u00dfner einen ebenfalls sehr gut besuchten Vortrag \u00fcber die Sanierung von Prenzlauer Berg in den Jahren 1971 bis 1989. Sie hat dazu ihre Dissertation geschrieben. Seinerzeit war Prenzlauer Berg noch ein eigener Stadtbezirk. Erst bei der Gebietsreform  im Jahr 2001 wurde er mit Pankow und Wei\u00dfensee zusammengelegt.<\/p>\n<p>Kathrin Mei\u00dfner beginnt ihren Vortrag mit Szenen aus dem 1980 publizierten Kinderbuch \u00bbMalle, Kalle und das alte neue Haus\u00ab von Horst Miethe: Das alte Haus soll modernisiert werden. Die Bewohner w\u00fcnschen sich Badezimmer. Es fehlt Zement, der vom Parteisekret\u00e4r erst organisiert werden muss. Am Ende wird alles gut. Es ist ein bisschen, wie die SED sich das w\u00fcnschte mit ihrem 1973 beschlossenen Wohnungsbauprogramm. Es sollten bis 1990 in der DDR drei Millionen Quartiere entstehen, vor allem durch Neubau an den Stadtr\u00e4ndern, aber auch durch die Rekonstruktion von Altbauten. Das Kinderbuch deutet jedoch auch die Probleme an, die dabei zu l\u00f6sen waren.<\/p>\n<p>Es gab die in der DDR allgegenw\u00e4rtigen Materialengp\u00e4sse. Es gab Zeitverz\u00f6gerungen. Es gab auch Konflikte mit den Bewohnern der Altbauten \u2013 beispielsweise am Arnimplatz in Prenzlauer Berg. Hier sollten 15 Bl\u00f6cke modernisiert werden und die Bewohner einstweilen in Ausweichquartiere umziehen. Doch da auch Grundrisse ver\u00e4ndert und sehr kleine Wohnungen zusammengelegt werden sollten, durften nach Abschluss der Bauarbeiten nicht alle zur\u00fcckkehren, die das wollten. Es war aber insbesondere Rentnern wichtig, im gewohnten Umfeld mit den altbekannten Nachbarn zu bleiben. Es wollten weniger Menschen in die eigentlich begehrten Neubauviertel von Hohensch\u00f6nhausen, <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1180105.kultur-ddr-museumswohnung-als-die-platte-ein-neubau-war.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Marzahn und Hellersdorf<\/a> umsiedeln als vorgesehen.<\/p>\n<p>Senioren sorgten sich au\u00dferdem wegen h\u00f6herer Mieten. Das hat Kathrin Mei\u00dfner bei ihren Nachforschungen \u00fcberrascht. Zwar sind heutzutage angek\u00fcndigte <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1140655.die-miete-auf-einen-schlag-verdoppelt.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Modernisierungen f\u00fcr Mieter eine existenzielle Bedrohung<\/a>. Doch in der DDR waren die hinterher leicht angehobenen Mieten immer noch spottbillig im Vergleich zu den L\u00f6hnen. Die Renten allerdings waren keineswegs \u00fcppig.<\/p>\n<p>Mitte der 70er Jahre lebten in Prenzlauer Berg rund 200\u2009000 Menschen in 91\u2009000 Wohnungen. Es war angedacht, die Zahl der Quartiere auf 58\u2009000 zu reduzieren. Ein Drittel der Bev\u00f6lkerung h\u00e4tte wegziehen m\u00fcssen. Bis 1987 war die Bev\u00f6lkerungszahl tats\u00e4chlich auf 150\u2009000 gesunken. Es gab aber 97\u2009000 Wohnungen. Der Stadtbezirk hatte ab 1976 ein erstes Neubauviertel mit 3000 Wohnungen an der Greifswalder Stra\u00dfe erhalten, sp\u00e4ter auch noch die Hochh\u00e4user im Ernst-Th\u00e4lmann-Park, der an der Stelle eines abgerissenen Gaswerks angelegt wurde. Die Sprengung der denkmalw\u00fcrdigen Gasometer sorgte 1984 f\u00fcr Kritik, die weit \u00fcber oppositionelle Kirchenkreise hinausreichte.<\/p>\n<p>Zwar spricht Mei\u00dfner von \u00bbMachtasymmetrien\u00ab im autorit\u00e4ren Staat\u00ab und einseitiger Kommunikation. Sie berichtet aber auch von umfangreichen Haust\u00fcrgespr\u00e4chen, die der Modernisierung am Arnimplatz vorausgingen. Da \u00e4u\u00dferten die Anwohner durchaus ihre W\u00fcnsche und es wurde im weiteren Verlauf mit Kritik nicht hinterm Berg gehalten. Anderswo machten Hausgemeinschaften Eingaben, auch die oft sehr wirksamen Wahleingaben, bei denen gedroht wurde, nicht zur n\u00e4chsten Wahl zu gehen, wenn M\u00e4ngel nicht behoben w\u00fcrden. Da eine sehr hohe Wahlbeteiligung politisch erw\u00fcnscht war, lie\u00df sich mit solchen Androhungen etwas bewirken.<\/p>\n<p>Die Gegend um den Arnimplatz war nach einem Magistratsbeschluss von 1972 zur unverz\u00fcglichen Modernisierung vorgesehen. W\u00e4hrenddessen sollten Gebiete im S\u00fcden des Stadtbezirks zun\u00e4chst nur instand gehalten oder sogar f\u00fcr den Abriss vorbereitet werden. In den Mietskasernen aus der Gr\u00fcnderzeit mit engen Hinterh\u00f6fen waren insbesondere die Seitenfl\u00fcgel und Hinterh\u00e4user in einem schlimmen Zustand. Br\u00f6ckelnde Fassaden und undichte D\u00e4cher waren keine Seltenheit.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00bb\u00dcberwiegend handelt es sich um Mietskasernen, die, wenn sie \u00fcberhaupt einen kulturhistorischen Wert haben, dann nur den des Belegs f\u00fcr eine Zeit und einen Geist, in denen sich der Klassencharakter der alten Gesellschaft &#8230; offenbarte.\u00ab <\/p>\n<p>G\u00fcnter Schabowski\u2003SED-Bezirkschef<\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend dann zwischenzeitlich vom Abriss Abstand genommen wurde, der nur noch in Ausnahmef\u00e4llen erfolgen sollte, gab es 1988 eine nochmalige Kurskorrektur. Es wurde erneut auf den Neubau gesetzt, um die Ziele des Wohnungsbauprogramms zu erreichen. Denn Rekonstruktionen hatten sich als kompliziert herausgestellt. Am Arnimplatz waren in den ersten drei Jahren lediglich 1500 von 4000 Wohnungen fertig geworden. Sp\u00e4ter ging es zwar schneller und am Arkonaplatz hatte sich gezeigt, dass eine Modernisierung auch <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1077912.unnoetiger-abriss-kostet-millionen.html?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">kosteng\u00fcnstiger sein kann als ein Neubau<\/a>. G\u00fcnter Schabowski, Erster Sekret\u00e4r der SED-Bezirksleitung Berlin, formulierte jedoch im M\u00e4rz 1989: \u00bb\u00dcberwiegend handelt es sich um Mietskasernen, die, wenn sie \u00fcberhaupt einen kulturhistorischen Wert haben, dann nur den des Belegs f\u00fcr eine Zeit und einen Geist, in denen sich der Klassencharakter der alten Gesellschaft &#8230; offenbarte.\u00ab <\/p>\n<p>An der Oderberger Stra\u00dfe sollte es nun zum Abriss kommen. Als das Ger\u00fccht die Runde machte, formierte sich aber eine derart starke Gegenwehr, dass die Planer von diesem Vorhaben Abstand nahmen. In einem \u00e4hnlichen Fall in der Rykestra\u00dfe wurde 1989 eine Kommission gebildet, in der die Bewohner mit ihren Gegenvorschl\u00e4gen Geh\u00f6r finden sollten, wie Mei\u00dfner berichtet.<\/p>\n<p>In der Diskussion nach ihrem Vortrag meldet sich ein Mann und fragt, ob es mehr als 35 Jahre nach der Wende nicht an der Zeit sei, sich von den Denkmustern des Kalten Kriegs zu befreien. Streit um den Abriss von Altbauten habe es doch nicht nur in der sicherlich autorit\u00e4r regierten DDR gegeben, sondern parallel auch im demokratischen Westberlin.<\/p>\n<p>Dort m\u00fcndeten die Auseinandersetzungen von Bev\u00f6lkerung, Politik und Investoren in massive Zusammenst\u00f6\u00dfe mit der Polizei. Schlie\u00dflich hatten die Maikrawalle der 80er Jahre in Kreuzberg einen Ursprung in der Wut \u00fcber die Abrisspl\u00e4ne im Stadtbezirk, die am Kottbusser Tor schon in die Tat umgesetzt waren. Dagegen richteten sich Hausbesetzungen, die auch Instandbesetzungen genannt wurden, weil die Besetzer gezielt vernachl\u00e4ssigter Immobilien mit ihren bescheidenen Mitteln versuchten, D\u00e4cher und andere Dinge zu reparieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Berlin, Sch\u00f6nhauser Allee im Jahr 1988 Foto: dpa\/Reinhard Kaufhold Fehlender bezahlbarer Wohnraum und ein Anstieg der Kaltmieten in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":937281,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[296,129,29,30,7134,1463],"class_list":{"0":"post-937280","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berlin","9":"tag-ddr","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-mieten","13":"tag-wohnen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116384953122174023","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/937280","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=937280"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/937280\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/937281"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=937280"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=937280"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=937280"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}