{"id":940694,"date":"2026-04-12T17:31:13","date_gmt":"2026-04-12T17:31:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/940694\/"},"modified":"2026-04-12T17:31:13","modified_gmt":"2026-04-12T17:31:13","slug":"alle-dassn-im-schrank-kreuzer-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/940694\/","title":{"rendered":"Alle Dassn im Schrank \u2014 kreuzer online"},"content":{"rendered":"<p>Sp\u00e4testens vor der Wand mit den s\u00e4chsischen Begriffen kommen die Leute miteinander ins Gespr\u00e4ch \u2013 \u00fcber \u00bbMohdschegiebchn\u00ab, \u00bbP\u00e4ppermumbe\u00ab oder \u00bbHorns\u2019sche\u00ab. Manches l\u00e4sst sich erschlie\u00dfen, wenn man es laut liest: \u00bbGollerawie\u00ab zum Beispiel, \u00bbFiluh\u00ab oder \u00bbGeechelglubb\u00ab. Aber was ist ein \u00bbGescheeche\u00ab, ein \u00bbGew\u00e4rche\u00ab oder ein \u00bbSchiebel\u00ab? <\/p>\n<p>Nachfragen richtet man am besten an Olaf Wenzel. Er durfte Ende Februar mehr als 200 Sammeltassen entgegennehmen, als in der Diakonissenstra\u00dfe 1 die neuen R\u00e4ume der Lene-Voigt-Gesellschaft er\u00f6ffnet wurden \u2013 genau an der Ecke zur Uhlandstra\u00dfe. \u00bbEigentlich haben wir hier schon lange unseren Sitz\u00ab, sagt der stellvertretende Vereinsvorsitzende. \u00bbAber jetzt konnten wir die R\u00e4ume des fr\u00fcheren D1-Eventb\u00fcros komplett \u00fcbernehmen, renovieren und entsprechend ausstatten. Und weil alle nachgefragt hatten, was sie uns zur Er\u00f6ffnung als kleines Geschenk mitbringen k\u00f6nnen, dachten wir, dass wir auf diese Weise unser Geschirrproblem l\u00f6sen \u2013 schlie\u00dflich ist auch unser Vereinstisch gr\u00f6\u00dfer geworden. Aber mit dieser Resonanz haben wir nicht gerechnet. Die K\u00fcchenschr\u00e4nke sind voll.\u00ab M\u00f6glich wurde der Umbau durch eine anonyme Testamentsspende. \u00bbDie Lene-Voigt-Gesellschaft arbeitet komplett ehrenamtlich, Eink\u00fcnfte haben wir nur durch die Mitgliedsbeitr\u00e4ge und ein paar Merchandising-Artikel wie unseren Lene-Voigt-Gaffee. Da war dieser Geldsegen nat\u00fcrlich sehr willkommen!\u00ab<\/p>\n<p>Der Vereinsvorsitzende Klaus Petermann ist selbst als Entertainer in Sachen s\u00e4chsische Mundart unterwegs. Er verweist auf drei\u00dfig Jahre erfolgreicher Arbeit des Vereins seit der Gr\u00fcndung 1995. Am siebten Band der Lene-Voigt-Werkausgabe wird derzeit geschrieben, immer noch werden Gedichte und Texte von ihr entdeckt \u2013 nicht zuletzt gelte es zudem, auch die \u00bbhochdeutsche H\u00e4lfte\u00ab ihres Werkes zu erschlie\u00dfen und zu publizieren. Au\u00dferdem bewahrt die Gesellschaft einige originale Handschriften von Lene Voigt auf \u2013 und ist weiter auf der Suche. <\/p>\n<p><strong>S\u00e4k\u2019sche Glassiker und Feuilletons<\/strong><\/p>\n<p>Das Leben von Lene Voigt, 1891 als Helene Alma Wagner in Leipzig geboren, ist mit der Buch- und Verlagsstadt Leipzig verbunden: Ihr Vater war Schriftsetzer, sie selbst hatte \u00fcber viele Jahre verschiedene Jobs im Graphischen Viertel, als Sekret\u00e4rin und Kontoristin. Sie erlebte Arbeitslosigkeit, ihr Mann Friedrich Otto Voigt kehrte versehrt aus dem Ersten Weltkrieg zur\u00fcck, die Ehe ging 1920 nach nur sechs Jahren in die Br\u00fcche, ihr Sohn Alfred starb 1924 im Alter von nur f\u00fcnf Jahren an Meningitis. <\/p>\n<p>Ihre Best- und Longseller waren die \u00bbS\u00e4k\u2019schen Balladen\u00ab und die \u00bbS\u00e4k\u2019schen Glassiker\u00ab aus dem Jahr 1925. Darin parodierte sie die hohen Werke von Heine, Schiller und Goethe ins Leipziger S\u00e4chsisch \u2013 mit so respektloser Heiterkeit, dass man direkt Lust bekommt, \u00bbDe S\u00e4k\u2019sche Lorelei\u00ab, \u00bbDe Reiwr\u00ab oder \u00bbDr Zauwerl\u00e4hrling\u00ab auswendig zu lernen. Hintersinniger sind da ihre Feuilletons aus dem Alltag, auch als Gedicht, in Hochdeutsch und S\u00e4chsisch. Die Leipziger Zeitungslandschaft hatte nach der Jahrhundertwende viel Platz f\u00fcr geistreiche und humorvolle Beobachtungen: Zusammen mit Erich K\u00e4stner und Hans Natonek, Heinrich Wiegand und dem bereits 1912 verstorbenen Edwin Bormann ver\u00f6ffentlichte Lene Voigt. Aber auch die Leipziger Satirezeitschrift Der Drache lebte von ihren Feuilletons und Gedichten.<\/p>\n<p>Nach 1933 wurde Lene Voigt von den Nazis als \u00bbKulturbolschewistin\u00ab verunglimpft \u2013 nicht nur wegen ihres respektlosen Humors, sondern auch wegen ihrer offenbaren Sympathie f\u00fcr die anarchistischen und kommunistischen Bewegungen in der Weimarer Republik. Lene Voigt hat auch eine Biografie als Patientin in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen, zuletzt wurde sie 1946 ins Bezirkskrankenhaus f\u00fcr Psychiatrie Leipzig-D\u00f6sen eingeliefert. Dort blieb sie auch nach ihrer Genesung, arbeitete als Botin, schrieb weiter Gedichte und starb schlie\u00dflich \u2013 vergessen \u2013 im Jahre 1962. In der DDR wurde sie in den achtziger Jahren wiederentdeckt, erst in den Neunzigern bekam sie ein Grab in der K\u00fcnstlerabteilung des S\u00fcdfriedhofes. <\/p>\n<p><strong>S\u00e4chsisch als Fremdsprache<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbDer s\u00e4chsische Dialekt wurde zu ihren Lebzeiten bel\u00e4chelt und auch heute noch wollen Eltern verhindern, dass ihre Kinder s\u00e4chsisch sprechen\u00ab, erl\u00e4utert Klaus Petermann. \u00bbAber die Gegenbewegung wird auch immer st\u00e4rker: Wir haben jetzt Eltern und Lehrer, die ihren Kindern raten, zu unseren Ganztagsangeboten an den Schulen zu kommen, zu unseren S\u00e4chsisch-Kursen.\u00ab Da seien auch immer wieder Eltern dabei, die gar nicht aus Sachsen stammten. \u00bbDiese Konzentration auf die Kinder und Jugendlichen soll f\u00fcr die Mundart nat\u00fcrlich einen nachhaltigen Effekt haben: Die Sachsen sollen auch dann Selbstbewusstsein ausstrahlen, wenn ihr Dialekt zu h\u00f6ren ist.\u00ab Inzwischen wird Petermann auch eingeladen, mal eine Doppelstunde im regul\u00e4ren Literaturunterricht zu gestalten: \u00bbDie Jugendlichen bekommen zum Beispiel einen ganz neuen Zugang zu Shakespeares \u203aRomeo und Julia\u2039, wenn es mit den wenig respektvollen s\u00e4chsischen Versen von Lene Voigt rezitiert wird.\u00ab <\/p>\n<p> Aber was ist nun \u00bb\u00c4 Gescheeche\u00ab? Schon hier bekommt man zwei Antworten. F\u00fcr die einen ist es ein nicht n\u00e4her bestimmtes Hindernis, das unmotiviert im Weg herumliegt und zum Beispiel den Imperativ \u00bbReime doch \u00e4ma dei Gescheeche hier wech!\u00ab provoziert. F\u00fcr die anderen ist es schlicht eine Vogelscheuche. Es gibt noch einiges zu tun f\u00fcr die Lene-Voigt-Gesellschaft.<\/p>\n<p>&gt; Lene-Voigt-Zentrum, Di 14\u201317 Uhr, Diakonissenstr. 1, 04177 (Altlindenau), <a href=\"http:\/\/www.lene-voigt.de\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">www.lene-voigt.de<\/a><\/p>\n<p>&gt; S\u00e4chsische Leseb\u00fchne \u00bbOsterschbaziergang\u00ab: 23.4., 17 Uhr, Komm-Haus<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sp\u00e4testens vor der Wand mit den s\u00e4chsischen Begriffen kommen die Leute miteinander ins Gespr\u00e4ch \u2013 \u00fcber \u00bbMohdschegiebchn\u00ab, \u00bbP\u00e4ppermumbe\u00ab&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":940695,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[3364,29,30,80,71,16,859,26667,8862],"class_list":["post-940694","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-kultur","tag-leipzig","tag-politik","tag-sachsen","tag-stadtleben","tag-termine"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116392931422269100","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/940694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=940694"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/940694\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/940695"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=940694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=940694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=940694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}