{"id":941689,"date":"2026-04-13T03:38:15","date_gmt":"2026-04-13T03:38:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/941689\/"},"modified":"2026-04-13T03:38:15","modified_gmt":"2026-04-13T03:38:15","slug":"ein-detektivroman-aus-einem-dystopischen-leipzig-der-nahen-zukunft-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/941689\/","title":{"rendered":"Ein Detektivroman aus einem dystopischen Leipzig der nahen Zukunft \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Die Lust am Geschichtenerfinden hat sich der Leipziger Autor Pelle Gernot auch in DDR-Zeiten nicht nehmen lassen. Auch wenn es damals keine Chance gab, die Geschichten auch ver\u00f6ffentlicht zu bekommen. Die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Und da man heute auch alles im Selfpublishing in die Welt schicken kann, tut er das auch, schickt Buch um Buch in die Lesewelt. Das j\u00fcngste: ein Detektivroman.<\/p>\n<p>Einer mit einem doch recht beleibten Detektiv, der vom Gewicht her an Nero Wolfe aus den Krimis von Rex Stout erinnert. Was sein Auskommen betrifft, ist er eher der Bruder von Philip Marlowe. Und lebt in Leipzig.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/e26503ec3a164f05b93ff172c7bd4b95.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\"\/><\/p>\n<p>In einem dystopischen Leipzig der n\u00e4heren Zukunft im Jahr 2058. Die Welt hat sich nicht zum Besseren ver\u00e4ndert. Im Gegenteil: Eine mysteri\u00f6se Seuche hat alle Pflanzen in Mitteleuropa vernichtet. Leipzig ist zur W\u00fcste geworden. Der Klimawandel hat l\u00e4ngst zugeschlagen und eine sommerliche Hitze von 40 Grad br\u00fctet \u00fcber der Stadt. Und l\u00e4ngst scheinen die Chinesen \u00fcberall zu sein, kaufen auf, was ihnen vor die Nase kommt, und greifen auch zu brutalen Methoden, um ihre Gesch\u00e4ftsinteressen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Nur dieser Jasper Gerwalt scheint v\u00f6llig aus der Zeit gefallen, ist ein Detektiv, wie ihn einst <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Raymond_Chandler\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Raymond Chandler<\/a> mit seinem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philip_Marlowe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Philip Marlowe<\/a> gezeichnet hat: hartgesotten, abgebr\u00fcht, aber eigentlich auch immer abgebrannt, weil das Detektivgesch\u00e4ft meist nur daraus besteht, f\u00fcr diverse besorgte Frauen den Ehemann bei Seitenspr\u00fcngen zu ertappen.<\/p>\n<p>Die dystopischen Tr\u00e4ume der Reichen<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen: Die sogenannte K\u00fcnstliche Intelligenz (KI) ist l\u00e4ngst allgegenw\u00e4rtig. Drohnen \u00fcberwachen die Stadt. Roboter bringen die Pizza nach Hause. Und im Leipziger Westen stehen f\u00fcnf riesige Hochh\u00e4user, von denen eines schon einem chinesisch-deutschen Konsortium geh\u00f6rt, aufgem\u00f6belt zu teuren Luxusappartements, die sich Normalsterbliche ohnehin nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer das alles so vor sich sieht, merkt: In Keimen ist das alles heute schon da. Es ist keine so ganz unm\u00f6gliche Zukunft, die <a href=\"http:\/\/www.pelle-gernot.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Pelle Gernot<\/a> sich da ausgedacht hat. Auch wenn es zu dem wahnwitzigen Projekt einer Hochhausstadt im Leipziger Westen in den 1990er Jahren nicht gekommen ist, als der Immobilienkaufmann Manfred R\u00fcbesam mit seiner Wolkenkratzer-Idee zumindest die hiesige Presse in Schnappatmung versetzte.<\/p>\n<p>In seinem Roman hat Gernot zumindest f\u00fcnf solcher Wolkenkratzer entstehen lassen, alle f\u00fcnf mehr als 100 Stockwerke hoch. Vier davon Bauruinen geblieben, weil der Bauherr pleiteging. Au\u00dfenseiter aller Art haben in den vier Wohnt\u00fcrmen ein Zuhause gefunden, eine Welt mit eigenen Gesetzen, ein St\u00fcck Anarchie, das die Stadtpolitik nicht weiter interessiert.<\/p>\n<p>Und auch Jasper Gerwalt w\u00fcrde die T\u00fcrme eher meiden, w\u00fcrde ihn nicht ein unverhoffter Auftrag dorthin f\u00fchren: der mysteri\u00f6se Tod eines chinesischen Dissidenten, der eine Wohnung im Daumen, dem luxussanierten Wohnturm, gefunden hatte. Sein Tod besch\u00e4ftigt ganz offensichtlich auch die Besitzer des Wohnturms, auch wenn die schick gekleidete Dame, die Gerwalt den Auftrag zuschanzt, nicht durchblicken lassen m\u00f6chte, wer wirklich hinter dem Auftrag steckt.<\/p>\n<p>Unzuverl\u00e4ssige Spuren<\/p>\n<p>Es kann also losgehen. Der Tisch ist gedeckt, das Spielfeld beschrieben. Und f\u00fcnf Tage hat Gerwalt Zeit, das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen und den mutma\u00dflichen M\u00f6rder zu pr\u00e4sentieren. Oder auch nicht. Dann bekommt er auch die fette Pr\u00e4mie nicht, die es nur bei Erfolg gibt. Und wie man das auch von Raymond Chandler kennt: Eigentlich geht es am Ende nicht um den gut verschn\u00fcrt abgelieferten M\u00f6rder.<\/p>\n<p>Es geht um die Beschreibung einer Gesellschaft, die von Profitgier und Drogen beherrscht wird, w\u00e4hrend die \u00dcberwachung allgegenw\u00e4rtig ist und ganz offensichtlich die chinesischen Teilhaber l\u00e4ngst dabei sind, nach Wegen zu suchen, auch die vier verbliebenen Wohnt\u00fcrme r\u00e4umen zu lassen, um sie in Geldanlagen zu verwandeln.<\/p>\n<p>Alles nur heimlich. Denn die Methoden, die da angewendet werden, sind heimt\u00fcckisch. Gerwalt bekommt es immer wieder mit Typen zu tun, bei denen unklar ist, f\u00fcr wen sie in den T\u00fcrmen unterwegs sind und in wessen Auftrag sie es auch auf den Detektiv abgesehen haben, der mit einem zutiefst sportlichen jungen Boten die Stockwerke rauf und runter rennt.<\/p>\n<p>Immer einer neuen diffusen Spur folgend, die ihn zu diversen Dealern f\u00fchrt, die irgendetwas mit dem toten Dissidenten zu tun haben k\u00f6nnten. Wobei so nach und nach auch klar wird, dass auch der Tote eine durchaus fragw\u00fcrdige Rolle spielte.<\/p>\n<p>Einer von drau\u00dfen<\/p>\n<p>Im Grunde l\u00e4sst Pelle Gernot seinen Detektiv f\u00fcnf Tage lang durch die Wohnt\u00fcrme eilen, immer Cassie hinterher, Puzzle-Teile f\u00fcr das R\u00e4tsel zu suchen. Das Misstrauen begleitet ihn. Denn er ist ja ein \u201eAu\u00dfenweltler\u201c, der nicht wirklich zu dem bunten V\u00f6lkchen in den T\u00fcrmen geh\u00f6rt. Gernot hat \u2013 f\u00fcr die an R\u00e4tseln Interessierten \u2013 auch noch ein paar Frageb\u00f6gen zwischen einzelne Kapitel gepackt, mit denen die Knobelverr\u00fcckten selbst versuchen k\u00f6nnen, den M\u00f6rder zu identifizieren, anhand der Fakten, die er mit Gerwalt und Cassie schon gesammelt hat.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr all die Leser, die gern selbst Detektiv spielen. Obwohl Detektivromane eigentlich davon leben, dass man nicht mal ahnt, wer am Ende ertappt wird.<\/p>\n<p>Sie leben \u2013 in der Tradition von Stout und Chandler \u2013 von der b\u00e4rbei\u00dfigen Kritik an einer verlogenen Gesellschaft, in der Kriminalit\u00e4t eigentlich nur dadurch definiert wird, wer wie viel Geld, Macht und Einfluss hat. Wer Politiker bestechen und die modernste Hightech einsetzen kann, um seine Interessen durchzusetzen. Auch die KI, deren Missbrauch heute schon zu sehen ist. Wie wird aber erst eine Welt aussehen, in der die KI \u00fcberall eingesetzt wird \u2013 auch zum Ausspionieren von Menschen?<\/p>\n<p>Nicht ohne Grund hat Pelle Gernot auch extra ein Label aufs Cover gepackt, dass dieses Buch ein Mensch geschrieben hat und keine KI. Denn l\u00e4ngst \u00fcberfluten mit KI erstellte B\u00fccher ja auch die gro\u00dfen Verkaufsportale, diebische Ramschware, die die Ideen und Erz\u00e4hlweisen von echten Autoren kopiert, neu zusamenbaut und als neue Story verkauft. Das Klauen und Kopieren ist l\u00e4ngst gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Oft erkennt man den Ramsch schon daran, dass er von billiger Moral und erwartbaren Handlungsfolgen gepr\u00e4gt ist. Einschlafstoff f\u00fcr simple Gem\u00fcter.<\/p>\n<p>Ein Pfl\u00e4nzchen Hoffnung<\/p>\n<p>Da ist Gernots Detektivroman schon von anderem Kaliber. Und in der Tradition vieler bekannter Dystopien malt er eine Welt, die schon heute in Ans\u00e4tzen da ist. Und die es m\u00f6glicherweise ganz \u00e4hnlich so geben wird, wenn wir uns die Disruptionen riesiger Konzerne weiter so gefallen lassen und der elektronischen \u00dcbergriffigkeit keine Grenzen setzen.<\/p>\n<p>Jasper Gerwalt \u00fcberlebt eigentlich nur, weil er eine Art siebten Sinn f\u00fcr die gut getarnten Drohnen und f\u00fcr die Gefahren in den verwahrlosten Wohnt\u00fcrmen hat und in brenzligen Situationen richtig reagiert. Im Herzen ist er ohnehin eine Type wie Marlowe. Und das zeigt er am Ende so richtig, als sich abzeichnet, dass der Tote auf ziemlich raffinierte Weise zu Tode kam, aber vorher in den T\u00fcrmen selbst eine sehr zwielichtige Rolle spielte.<\/p>\n<p>Und ein Pfl\u00e4nzchen der Hoffnung gibt es nat\u00fcrlich auch noch. Anders kann es gar nicht sein. Denn wenn wir eine irgendwie noch lebenswerte Zukunft haben wollen, dann funktioniert das nur, wenn wir uns menschlich zeigen. Manchmal auch Vertrauen aufbauen, Versprechen halten. Und uns von den Reichen und M\u00e4chtigen nicht kompromittieren lassen.<\/p>\n<p>So gesehen ist dieser Gerwalt aus demselben Holz geschnitzt wie Philip Marlowe. Auch bereit, auf eine fette Belohnung zu verzichten, wenn er das Gef\u00fchl hat, dass damit ein wenig mehr Gerechtigkeit in der Welt hergestellt werden kann. Also das zu tun, was wir selbst immer wieder zu entscheiden haben, wenn wir im Leben w\u00e4hlen m\u00fcssen zwischen dem \u201eleicht verdienten Geld\u201c und der Frage, wie sehr wir alle k\u00e4uflich sind.<\/p>\n<p>Und wie viel von unserem Stolz wir bereit sind zu verkaufen, wenn uns die verlockenden Angebote gemacht werden.<\/p>\n<p>Ein mahnendes Bild<\/p>\n<p>Das Leipzig, das Pelle Gernot hier zeichnet, ist vielleicht nicht mehr aushaltbar, regelrecht verw\u00fcstet und zum sch\u00e4bigen Tummelplatz r\u00fccksichtsloser Investoren verkommen. Aber es ist auch ein mahnendes Bild, das der Autor hier zeichnet. Eine Zukunft, die wir haben k\u00f6nnen, wenn wir unsere Seele verkaufen.<\/p>\n<p>Oder die wir vielleicht vermeiden k\u00f6nnen, wenn wir bereit sind, das Lebens- und Liebenswerte an dieser Stadt zu verteidigen. Egal, mit welchen verdrehten Engelszungen die Ausverk\u00e4ufer unserer Welt uns ihre tollen Aussichten verkaufen.<\/p>\n<p>Auch wenn das f\u00fcr einen wie Jasper Gerwalt bedeutet, dass er \u2013 auch wenn er den Fall am Ende tats\u00e4chlich l\u00f6st \u2013 doch wieder in seinem kleinen Detektiv-B\u00fcro sitzt und lange auf den n\u00e4chsten Auftrag warten muss, der ihm vielleicht die Miete f\u00fcr die n\u00e4chsten Monate einbringt.<\/p>\n<p><strong>Pelle Gernot \u201eWo die Zukunft endet\u201c<\/strong>, Selbstverlag, Leipzig 2026, 15,99 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Lust am Geschichtenerfinden hat sich der Leipziger Autor Pelle Gernot auch in DDR-Zeiten nicht nehmen lassen. 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