{"id":943008,"date":"2026-04-13T16:18:17","date_gmt":"2026-04-13T16:18:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/943008\/"},"modified":"2026-04-13T16:18:17","modified_gmt":"2026-04-13T16:18:17","slug":"armut-in-berlin-berlin-hype-ich-mag-muell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/943008\/","title":{"rendered":"Armut in Berlin \u2013 Berlin-Hype: Ich mag M\u00fcll"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img320578\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/320578.jpeg\" alt=\"Bei Peter Fox hei\u00dft es: \u00bbStapf\u2019 durch die Kotze am Kotti, Junks sind benebelt, Atzen rotzen in die Gegend, benehmen sich daneben\u00ab. Man denkt sich: Wegen dieses Spirits seid ihr doch damals alle hergekommen!\"\/><\/p>\n<p>Bei Peter Fox hei\u00dft es: \u00bbStapf\u2019 durch die Kotze am Kotti, Junks sind benebelt, Atzen rotzen in die Gegend, benehmen sich daneben\u00ab. Man denkt sich: Wegen dieses Spirits seid ihr doch damals alle hergekommen!<\/p>\n<p>Foto: Michael Fischer\/Unsplash<\/p>\n<p>Mit Berlin ist es vorbei\u00bb, schrieb die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorj\u00e1n neulich in einem Beitrag f\u00fcr die \u00abS\u00fcddeutsche Zeitung\u00bb. <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/berlin-heruntergekommen-abgesang-touristen-dysfunktional-li.3447848\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u00abWer hier noch lebt, hat den Absprung verpasst.\u00bb<\/a> Unter Berliner Br\u00fccken in der Innenstadt, so hei\u00dft es dort weiter, rieche es \u00abso bei\u00dfend wie in einem Raubtierstall\u00bb. Auch in der U-Bahn ist es ihr unangenehm, vor allem wenn eine \u00abwirklich zutiefst bedauernswerte, offenbar obdachlose Person zugestiegen ist, die sich vor Wochen derart eingekotet haben muss, dass ihr Beinkleid braun und steif ist und einen Gestank verbreitet, den man nicht beschreiben kann\u00bb. \u00dcberhaupt werde in der Stadt \u00abnach Herzenslust \u00fcberall hingepinkelt, ohne dass irgendjemand etwas dagegen unternimmt\u00bb. Beinahe schlimmer noch als Obdachlosenschei\u00dfe und Clubg\u00e4ngerpisse: An \u00f6ffentlichen Orten werden obendrein alkoholische Getr\u00e4nke konsumiert. \u00abSowieso haben mehr Fahrg\u00e4ste im \u00f6ffentlichen Nahverkehr Alkohol dabei als Fahrscheine.\u00bb<\/p>\n<p>Dazu sei hier Folgendes gesagt: Menschen, die sich keine Wohnung leisten k\u00f6nnen, haben kein Badezimmer. Und aus eigener Erfahrung wei\u00df ich, dass viele Leute heute gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr haben, sich zweimal zu \u00fcberlegen, ob sie ihre vier Euro f\u00fcr einen Fahrschein ausgeben, f\u00fcr einen Laib Brot oder ein paar Flaschen Bier. In Zeiten, als Menschen noch nachdachten, bevor sie etwas hinschrieben, h\u00e4tte man zu dem Schluss kommen k\u00f6nnen, dass das etwas mit der Sache zu tun haben k\u00f6nnte, die man \u00fcbereingekommen ist, \u00abfreie Marktwirtschaft\u00bb zu nennen. Nicht ausgeschlossen, dass Frau Adorj\u00e1n bei sich zu Hause einen Internetzugang hat. Dann k\u00f6nnte sie, wenn sie wollte, dazu Interessantes ergoogeln. Zumindest wenn sie sich entscheidet, den heute etwas weniger gebr\u00e4uchlichen Begriff (\u00abKapitalismus\u00bb) in die Suchmaske einzugeben.<\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n<blockquote><p>&#13;<\/p>\n<p>Gewiss ist ihr heimisches Weinregal gut sortiert, sodass sie, wenn sie sich nach der t\u00e4glichen Schreibarbeit leicht einen antrillern will, nicht darauf angewiesen ist, etwas so Obsz\u00f6nes zu tun wie \u00abim \u00f6ffentlichen Nahverkehr\u00bb Bier zu trinken.<\/p>\n<p>&#13;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<p>Dass Frau Adorj\u00e1n, die nach eigenen Angaben in Berlin wohnt, schockiert ist dar\u00fcber, dass die Stadtbev\u00f6lkerung aus einer Ansammlung von ungewaschenen, schwarzfahrenden S\u00e4ufern, Wildpinklern, Pennern und anderen \u00abwirklich zutiefst bedauernswerten\u00bb Opfern besteht, die sich keinen Fahrschein f\u00fcr vier Euro leisten k\u00f6nnen, mag daran liegen, dass ihre Eink\u00fcnfte es ihr erlauben, in einer jener Berliner Gated Communitys zu leben, in denen man von solchen Anblicken meist verschont bleibt und sich \u00fcber U-Bahn-Fahrpreise keine Gedanken machen muss.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kommt sie anscheinend nur schwer dar\u00fcber hinweg, dass die einst \u00abweltber\u00fchmte Feinkostabteilung des KaDeWe (\u2026) jetzt aussieht wie die Alkoholabteilung jedes x-beliebigen Flughafen-Duty-free-Shops\u00bb. Gewiss ist ihr heimisches Weinregal gut sortiert, sodass sie, wenn sie sich nach der t\u00e4glichen Schreibarbeit leicht einen antrillern will, nicht darauf angewiesen ist, etwas so Obsz\u00f6nes zu tun wie \u00abim \u00f6ffentlichen Nahverkehr\u00bb Bier zu trinken. So etwas tun nur irgendwelche armseligen Durchschnittsberliner, Proleten, Landstreicher und Nachtlebengestalten.<\/p>\n<p>Wenn Frau Adorj\u00e1n dann ihre Heilewelt, in der es nach frisch gebackenen Vanillekipferln oder Baccarat Rouge 540 duftet<strong>,<\/strong> einmal verl\u00e4sst, um einen Feinkostsalat oder ein neues Marina-Rinaldi-Seidenchiffon-Kleid zu erwerben, kann es schon mal passieren, dass sie drau\u00dfen, im streng riechenden realen Berlin, wo die \u00abS\u00fcddeutsche-Zeitung\u00bb-Abonnements eher d\u00fcnn ges\u00e4t sind, \u00fcber einen Obdachlosen stolpert. Das ist nat\u00fcrlich unangenehm, aber manchmal unvermeidlich. Dass Frau Adorj\u00e1n gen\u00f6tigt ist, die Berliner Realit\u00e4t wahrzunehmen, solange es noch nicht legal ist, Wohnungslose r\u00fcckstandslos zu entsorgen, ist gewiss bitter f\u00fcr sie.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen sehr kurzen Moment blitzt in ihrem Schimpfartikel so etwas wie ein kleiner Funken der Erkenntnis auf: \u00abDie Krankenh\u00e4user sind \u00fcberfordert, \u00c4rzte gibt es sowieso zu wenig, Therapeuten nehmen erst n\u00e4chstes Jahr wieder Neupatienten auf. Kaum einer kann es sich noch leisten, in einem der vielen Restaurants zu essen (\u2026) Die Mieten sind in den vergangenen paar Jahren fast auf M\u00fcnchner Verh\u00e4ltnisse hochgeschnellt, ohne dass sich zur Entsch\u00e4digung die Alpen n\u00e4her bewegt h\u00e4tten oder irgendetwas renoviert oder verbessert worden w\u00e4re.\u00bb Doch es will ihr anscheinend nicht gelingen, die eine Beobachtung (kaputt gespartes Gesundheitssystem, steigende Preise und Mieten) mit der anderen, \u00fcber die sie am Anfang ihres Textes klagt (wachsende Obdachlosigkeit und Armut, steigender Alkoholkonsum) in einen Zusammenhang zu bringen. Mir gelingt es. Aber ich lebe auch in einer Realit\u00e4t, in der ich Obdachlose nicht ausschlie\u00dflich als schwarzfahrende Geruchsbel\u00e4stigung wahrnehme.<\/p>\n<p>Die Kosten f\u00fcr Mieten und Lebensmittel haben mittlerweile geradezu fantastische Ausma\u00dfe angenommen, die Zahl der Obdachlosen w\u00e4chst t\u00e4glich, und die Politik geb\u00e4rdet sich kaum anders als ein Inkassounternehmen und unternimmt weiterhin ausnahmslos alles, um jeden Habenichts bis auf die Unterw\u00e4sche zu enteignen. Dass es in einer solchen Zeit wie der unseren in Neuk\u00f6lln oder im Wedding, wo Hunderttausende Menschen mit teils sehr bescheidenen finanziellen Mitteln auf engstem Raum leben, so sauber sein k\u00f6nnte wie die Gehsteige in einer Gegend, in der sich Villa an Villa reiht, ist eine Vorstellung, die mit dem Wort \u00abrealit\u00e4tsfern\u00bb noch milde umschrieben ist.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft der \u00f6ffentliche Personennahverkehr nicht f\u00fcr alle kostenlos sein sollte. Ginge es nach mir, w\u00fcrde an die Fahrg\u00e4ste dann auch gratis Feinkost und Champagner verteilt werden. Nach Wunsch auch Bier und alkoholfreie Getr\u00e4nke.<\/p>\n<p>Sicher ist jedenfalls: Johanna Adorj\u00e1n, die in M\u00fcnchen aufwuchs und dort auch studierte, hat wom\u00f6glich etwas Entscheidendes, das Berlin ausmacht, nicht verstanden. In Woody Allens ber\u00fchmtem Film \u00abDer Stadtneurotiker\u00bb (USA 1977) spielt Allen den New Yorker Intellektuellen \u00abAlvy Singer\u00bb. In der Filmkom\u00f6die gibt es einen kurzen Dialog zwischen Alvy und dem schmierigen Musikproduzenten \u00abTony Lacey\u00bb (gespielt von Paul Simon). Die beiden k\u00f6nnen einander nicht ausstehen. Der reiche, blasierte Tony (der im Film die Stadt Los Angeles und deren verlogenen und oberfl\u00e4chlichen Kulturbetrieb repr\u00e4sentiert) teilt Alvy in herablassender Weise mit, auch er habe fr\u00fcher in New York gewohnt, aber die Stadt sei ihm mittlerweile viel zu verm\u00fcllt. Worauf Alvy ihm antwortet: \u00abIch mag M\u00fcll. Das ist mein Ding.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bei Peter Fox hei\u00dft es: \u00bbStapf\u2019 durch die Kotze am Kotti, Junks sind benebelt, Atzen rotzen in die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":943009,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[1941,1939,296,1937,29,433,30,1940,1938,11891],"class_list":{"0":"post-943008","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-aktuelle-nachrichten-aus-berlin","9":"tag-aktuelle-news-aus-berlin","10":"tag-berlin","11":"tag-berlin-news","12":"tag-deutschland","13":"tag-drogen","14":"tag-germany","15":"tag-nachrichten-aus-berlin","16":"tag-news-aus-berlin","17":"tag-obdachlosigkeit"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116398306738440068","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/943008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=943008"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/943008\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/943009"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=943008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=943008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=943008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}