{"id":944655,"date":"2026-04-14T08:10:17","date_gmt":"2026-04-14T08:10:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/944655\/"},"modified":"2026-04-14T08:10:17","modified_gmt":"2026-04-14T08:10:17","slug":"kollaboration-in-frankreich-zwischen-schuld-und-verdraengung-dieser-film-trifft-einen-nerv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/944655\/","title":{"rendered":"Kollaboration in Frankreich: Zwischen Schuld und Verdr\u00e4ngung \u2013 dieser Film trifft einen Nerv"},"content":{"rendered":"<p>Ein Film \u00fcber die Kollaboration mit den Nazis w\u00e4hrend der deutschen Besatzung erhitzt in Frankreich die Gem\u00fcter. Regisseur Xavier Giannoli hat einen wunden Punkt getroffen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als ein \u201eleicht entflammbares Thema\u201c bezeichnet der franz\u00f6sische Regisseur Xavier Giannoli das Sujet seines j\u00fcngsten Films, \u201eLes Rayons et les Ombres\u201c (Die Strahlen und die Schatten). Es geht um Kollaboration mit den Nazis w\u00e4hrend der deutschen Besatzung, um Mitl\u00e4ufertum von Schriftstellern und Intellektuellen, um franz\u00f6sische Mitschuld an der Deportation von Frankreichs Juden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Arbeit an seinem Film hat sich der Regisseur von Pascal Ory beraten lassen, einem bekannten Historiker, Mitglied der Acad\u00e9mie Fran\u00e7aise, Autor von \u201eLes Collaborateurs\u201c und \u201eLa France allemande\u201c. Er suchte den Rat des Spezialisten, erz\u00e4hlt Giannoli im Interview, weil ihm klar war, dass man ihm L\u00fcgen nicht verzeihen w\u00fcrde. \u201ePardon, aber man wird Ihnen auch nicht verzeihen, wenn Sie die Wahrheit sagen\u201c, habe ihm der Historiker geantwortet.<\/p>\n<p>Dieser Satz ist dabei, sich zu bewahrheiten. Am 18. M\u00e4rz kam Giannolis Film in die franz\u00f6sischen Kinos. Seither lodert das Feuer lichterloh. 80 Jahre nach Kriegsende l\u00e4sst sein mehr als dreist\u00fcndiger Spielfilm, der das Leben des franz\u00f6sischen Journalisten und Kollaborateurs Jean Luchaire und seiner Tochter Corinne erz\u00e4hlt, wenige kalt. Die Kritiken sind insgesamt lobend, aber die Debatte, die sich um \u201eLes Rayons et les Ombres\u201c entz\u00fcndet hat, erinnert an die Rezeption von Louis Malles Film \u201eLacombe Lucien\u201c im Jahr 1974.<\/p>\n<p>Ein Epochenbild, das man nicht hatte sehen wollen<\/p>\n<p>Damals sorgte die Schilderung des 17-j\u00e4hrigen Kollaborateurs, der sich in eine J\u00fcdin verliebt, f\u00fcr einen enormen Skandal. Malle hatte sich an das Tabu der Kollaboration gewagt. Gaullisten wie Kommunisten warfen ihm vor, das B\u00f6se banalisiert und die Erinnerung der franz\u00f6sischen R\u00e9sistance beschmutzt zu haben. Malle verlie\u00df daraufhin Frankreich und drehte mehr als ein Jahrzehnt in den USA. Erst Mitte der Achtziger kehrte er f\u00fcr \u201eAuf Wiedersehen Kinder\u201c zur\u00fcck. Nach dem preisgekr\u00f6nten Erfolgsfilm wurde klar, dass sein Portr\u00e4t des jungen Kollaborateurs \u201eLucien Lacombe\u201c Teil eines gr\u00f6\u00dferen Epochenbildes war, das man nicht hatte sehen wollen. Seither gab es in Frankreich nur Fernsehfilme, aber keinen einzigen Kinofilm \u00fcber das Tabuthema Kollaboration.<\/p>\n<p>\u201eIch bin K\u00fcnstler, nicht Historiker\u201c, sagt Giannoli, der f\u00fcr seine Balzac-Verfilmung \u201eVerlorene Illusionen\u201c 2021 mit dem C\u00e9sar f\u00fcr den besten Film ausgezeichnet wurde. In seinem j\u00fcngsten Film will er beschreiben, was er als langsames \u201eHin\u00fcbergleiten\u201c bezeichnet: Wie aus einem engagierten Humanisten, Pazifisten, Radikal-Sozialisten, der im Kampf gegen den Antisemitismus engagiert und mit dem frankophilen Zeichenlehrer Otto Abetz befreundet ist, zwar kein \u00fcberzeugter Nazi, aber doch ein Mitl\u00e4ufer und Profiteur wird, der die Augen verschlie\u00dft, und am Ende ein Pressemogul, der seine Zeitung zum Propagandaorgan der Nazis macht.<\/p>\n<p>Den Titel seines Films hat Giannoli Victor Hugos gleichnamiger Gedichtsammlung entliehen. Auch dieser hatte eine ideologische Wende vollzogen, vom Monarchisten zum Republikaner. In einem seiner Gedichte stehen Zeilen, die Giannoli gern zitiert: \u201eJeder Mensch auf Erden hat zwei Seiten: das Gute und das B\u00f6se. Alles zu verurteilen bedeutet, nichts zu verstehen. Ein und derselbe Mensch ist abwechselnd Opfer und T\u00e4ter.\u201c \u201eIch versuche, zu verstehen\u201c, sagt Giannoli, der das zum Formprinzip seines Films gemacht hat.<\/p>\n<p>Das Drama der Kompromittierung <\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird aus der Perspektive von Luchaires Tochter Corinne, keine 20, aber schon ein Filmstar. Alles beginnt mit dem Ende, das Drama der Kompromittierung wird von hinten erz\u00e4hlt: Nach der Exekution des Vaters beginnt der Absturz der Tochter, erst versto\u00dfener Star, erniedrigt, kahlgeschoren, vergewaltigt, verpr\u00fcgelt, dann diskriminiert, schlie\u00dflich vergessen, die in Bedeutungslosigkeit und Armut stirbt. Ihr Vater hat sie mit Tuberkulose angesteckt. Im strengen Sinn hat sie sich nichts zuschulden kommen lassen, aber sie hat sich hinter ihrer jugendlichen Unschuld versteckt und die Augen verschlossen. In ihrem kraftlosen Monolog stellt sie die Frage, wie man Kollaborateur wird: \u201eIndem man zu Cocktails geht?\u201c, fragt sie naiv zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Man sieht die junge Frau (gespielt von Nastya Golubeva Carax) bei den rauschenden Festen in der deutschen Botschaft. Ihr Vater h\u00e4lt die H\u00e4nde auf, kassiert, und genie\u00dft das Leben in vollen Z\u00fcgen: Kaviar und Frauen \u00e0 volont\u00e9, Sexorgien, w\u00e4hrend sein deutscher Freund Abetz, inzwischen Botschafter des Naziregimes in Paris, Kunstsch\u00e4tze von Juden raubt und abtransportieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Bevor der Film in Frankreich anlief, lud der deutsche Botschafter Stephan Steinlein in ein Pariser Kino ein und gestand, dass ihm die Entscheidung nicht leichtgefallen sei, den Hof des Palais Beauharnais, damals Sitz der deutschen Botschaft, heute Residenz des Botschafters, f\u00fcr die Dreharbeiten zur Verf\u00fcgung zu stellen. Der Anblick von roten Nazibannern, die im Wind flattern, sei schwer zu ertragen gewesen.<\/p>\n<p>Giannoli zeigt die deutsche Botschaft als Ort des Exzesses. Er will die Zuschauer dorthin mitnehmen, wo das Verbrechen strahlte, und breitet eine gro\u00dfe Kino-Freske vor uns aus: Farben, Dekor, Musik, gro\u00dfe Schauspieler \u2013 und alles in einem huis clos, einer geschlossenen Gesellschaft, was f\u00fcr Unwohlsein sorgen muss. Was in der Welt drau\u00dfen vorgeht, bekommt der Zuschauer nicht zu Gesicht. Weder die Not der Pariser Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend der deutschen Besatzung noch die Verfolgung von Juden oder Widerst\u00e4ndlern. \u201eWeil auch Jean Luchaire die Augen davor verschlossen hat\u201c, sagt Giannoli.<\/p>\n<p>\u201eDas Problem der Gestapo waren nicht die Sexorgien\u201c<\/p>\n<p>Sein Blick sei zu nachsichtig, wird ihm von einem Kritiker vorgeworfen. \u201eDas Problem der Gestapo waren nicht die Sexorgien\u201c, schreibt ein anderer. Im Fernsehen wird mit sp\u00fcrbarer Verlegenheit diskutiert, warum man das Leben eines Kollaborateurs so einf\u00fchlend erz\u00e4hlen muss. Der schillernde Luchaire wird zudem von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/iconist\/fitness\/article248940848\/Jean-Dujardin-Das-ist-etwas-komplett-Archaisches-einfach-nur-zu-laufen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/iconist\/fitness\/article248940848\/Jean-Dujardin-Das-ist-etwas-komplett-Archaisches-einfach-nur-zu-laufen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jean Dujardin<\/a> gespielt, der seit \u201eThe Artist\u201c das gute, charmante und auch etwas altmodische Frankreich verk\u00f6rpert. Der Oscar-Preistr\u00e4ger ist zu einer Art Nationalheld geworden, die franz\u00f6sische Version von George Clooney, der die Sympathien des Publikums immer auf seiner Seite hat.<\/p>\n<p>\u201eIch wollte genau dieses Unwohlsein provozieren\u201c, antwortet Giannoli auf die Frage, ob er den Protagonisten dieses Films nicht mit zu viel Empathie begegnet sei. Von einer \u201eneuen und destabilisierenden Zuschauererfahrung\u201c spricht der Regisseur. Es geht ihm nicht darum, zu verurteilen, sondern Facetten aufzuzeigen. Die Schattierungen der Seele.<\/p>\n<p>\u201eEin ersch\u00fctterndes Biopic \u00fcber das Leben von Abschaum\u201c, titelte \u201eLib\u00e9ration\u201c in einem bitteren Verriss des Films. In einem ungl\u00fccklichen Wortspiel bezeichnet Luc Chessel, Filmkritiker und Schauspieler, das Prozedere des Regisseurs als eine Masterklasse im historischen \u201eGaslighting\u201c: Gemeint ist, dass der Regisseur die Wahrnehmung des Zuschauers manipuliert, damit er am Ende in dem b\u00f6sen Luchaire einen charmanten, aber durch die Krankheit verurteilten Mann erkennt, der einfach nur sein Leben bis zum Schluss genie\u00dfen wollte.<\/p>\n<p>Die Kritiken, die die ganze Palette moralischer Vorw\u00fcrfe bedienen, zeigen, wie wund dieser Punkt in der franz\u00f6sischen Gesellschaft bis heute ist. Andere geben zu bedenken, dass der Film den rechten News-Sendern Stoff f\u00fcr ihre Dauerpropaganda liefern k\u00f6nnte, wonach die eigentlichen Kollaborateure die Linken waren. Gemeint ist CNews, der Fernsehsender des erzkatholischen Milliard\u00e4rs und Medienmoguls Vincent Bollor\u00e9, der kein Geheimnis daraus macht, dass er den rechtsidentit\u00e4ren Rassemblement National (RN) gern an der Macht s\u00e4he.<\/p>\n<p>\u201eM\u00e4nner wie Luchaire hat es massenweise gegeben\u201c, gibt der Schriftsteller und Literaturkritiker J\u00e9r\u00f4me Garcin zu bedenken. \u201eIch kenne nur zwei Schriftsteller, die in der R\u00e9sistance waren und mit der Waffe in der Hand gestorben sind: Antoine de Saint-Exup\u00e9ry und Jean Pr\u00e9vost.\u201c<\/p>\n<p>Hinter der Filmdebatte steht deshalb die Frage, wie sich Frankreichs Schriftsteller und Intellektuelle verhalten haben. Inzwischen gibt es ausreichend Forschung dar\u00fcber, dass sich die Mehrheit aus Not oder aus \u00dcberzeugung auf die falsche Seite gestellt hat. Auch der \u201eLib\u00e9ration\u201c-Filmkritiker hat vermutlich vergessen, dass seine Zeitung von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article249975714\/Jean-Paul-Sartre-Jeder-Schriftsteller-traeumt-doch-von-der-einsamen-Insel-oder-Zelle.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/literarischewelt\/article249975714\/Jean-Paul-Sartre-Jeder-Schriftsteller-traeumt-doch-von-der-einsamen-Insel-oder-Zelle.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jean-Paul Sartre<\/a> gegr\u00fcndet wurde, dem die deutsche Historikerin Ingrid Galster nachweisen konnte, dass sein Gewissen wom\u00f6glich reiner war als seine Weste. Ohne im strengen Sinn kollaboriert zu haben, konnte Sartre w\u00e4hrend der Besatzungszeit weiter publizieren. Auch d\u00fcrfte dem linken Gro\u00dfdenker nicht entgangen sein, dass er nach deutscher Kriegsgefangenschaft 1941 am Pariser Gymnasium Condorcet die Stelle eines j\u00fcdischen Kollegen \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Fakt ist, dass nur zwei bekannte Nazi-Kollaborateure von links und nicht vom rechten Rand kamen:  Marcel D\u00e9at und Jacques Doriot, ein Ex-Kommunist, der in deutscher Uniform k\u00e4mpfte. \u201eAlles, wof\u00fcr Vichy steht, alle Ideen, die das Regime vom ersten Tag an pr\u00e4gen, stammen aus dem gegnerischen Lager\u201c, res\u00fcmiert der Historiker und Journalist Fran\u00e7ois Reynart. \u201eBereits im Juli 1940 schaffte die Wahl, die <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kalenderblatt\/article167587063\/Todesurteil-fuer-Marschall-Petain.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/geschichte\/kalenderblatt\/article167587063\/Todesurteil-fuer-Marschall-Petain.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">P\u00e9tain<\/a> an die Macht brachte, mit einem Schlag die Republik und ihr Motto \u201aFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u2018 ab, um sie durch ein neues Regime zu ersetzen, das von einem anderen Dreiklang getragen wurde: \u201aArbeit, Familie, Vaterland\u2018. Dessen Grundfeste ist der Nationalismus der Action Fran\u00e7aise von Charles Maurras, heute Vorbild von \u00c9ric Zemmour.\u201c<\/p>\n<p>Giannoli hat eine unbequeme Debatte losgetreten, was allein ein Verdienst ist. In einem Kommunalwahlkampf, der von Antisemitismus und gegenseitigen Faschismusvorw\u00fcrfen gepr\u00e4gt war, entfaltet sein Film eine geradezu schmerzhafte Aktualit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Film \u00fcber die Kollaboration mit den Nazis w\u00e4hrend der deutschen Besatzung erhitzt in Frankreich die Gem\u00fcter. 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