{"id":946445,"date":"2026-04-15T00:58:18","date_gmt":"2026-04-15T00:58:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/946445\/"},"modified":"2026-04-15T00:58:18","modified_gmt":"2026-04-15T00:58:18","slug":"kuerzungen-bei-stuttgarter-kultur-da-warens-nur-noch-drei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/946445\/","title":{"rendered":"K\u00fcrzungen bei Stuttgarter Kultur: Da waren&#8217;s nur noch drei"},"content":{"rendered":"<p>Stuttgart hat auf dem Gebiet der Musik traditionell einen guten Ruf. Eine Reihe hervorragender Ch\u00f6re und Orchester tragen dazu bei, ebenso die Stunde der Kirchenmusik, der Orgelsommer oder die Bachakademie und ihr Internationales Bachfest. Auch hier hat die Stadt den Rotstift angesetzt und die F\u00f6rderung \u2013 wie auch beim Neue-Musik-Festival Eclat \u2013 um 20 Prozent gek\u00fcrzt. Am 23. April, also in einer Woche, beginnt in der Leonhardskirche das Festival Stuttgart Barock, ins Leben gerufen vor vierzig Jahren, zusammen mit dem Barockorchester, von Frieder Bernius.<\/p>\n<p>1968, im Alter von zwanzig Jahren, hat der renommierte, heute 78-j\u00e4hrige Dirigent den Stuttgarter Kammerchor gegr\u00fcndet. Er hat 120 Tontr\u00e4ger eingespielt und 50 Preise erhalten. Er war zu Gast auf der ganzen Welt \u2013 bis nach Japan und China: das alles mit zwei ganzen und zwei halben Stellen. Doch nun muss sein Verein &#8222;Musik Podium&#8220; auf ein Drittel der F\u00f6rdermittel verzichten. Die Auff\u00fchrung von Luigi Cherubinis Requiem im Herbst f\u00e4llt weg, au\u00dferdem eine Stelle. Eine sch\u00f6ne Kr\u00f6nung eines Lebenswerks, das weltweit Beachtung findet.\u00a0<\/p>\n<p>Kulturamt in der Rolle des Mangelverwalters<\/p>\n<p>Der CDU-Kultursprecher Roland Sauer findet, Bernius gebe zu wenig Konzerte in Stuttgart. &#8222;Die Ma\u00dfgaben der Kulturf\u00f6rderung haben sich in den vergangenen Jahren erweitert&#8220;, argumentiert das Kulturamt. &#8222;Neben der k\u00fcnstlerischen Exzellenz spielen inzwischen auch Aspekte wie kulturelle Teilhabem\u00f6glichkeiten, Kooperationen, das Teilen von Ressourcen sowie eine nachhaltige Zukunftsplanung eine Rolle.&#8220; Bernius besteht auf Qualit\u00e4t. Ohne entsprechende F\u00f6rderung sei die nicht zu haben.<\/p>\n<p>Das Kulturamt findet sich zunehmend in der Rolle des Mangelverwalters wieder. Sein Leiter Marc Gegenfurtner hat manches Schlimmere verhindert: Statt bei den K\u00fcnstler:innen hat er an den eigenen Abteilungen gespart \u2013 ohne jedoch deren Arbeit ganz in Frage zu stellen. Im Bereich &#8222;Kunst im \u00f6ffentlichen Raum&#8220; etwa, der in den letzten Jahren viel Beachtung gefunden hat, ist nur noch eine von f\u00fcnf Stellen \u00fcbrig, bei einem Viertel des Etats. Die bisherigen Bereiche Interkultur, Kulturelle Bildung und Soziokultur sind nun unter dem Stichwort &#8222;Kulturelle Teilhabe&#8220; zusammengefasst. Kleine Initiativen wie der Kunstraum &#8222;<a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/kultur\/780\/kopf-kino-10778.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Zero Arts<\/a>&#8220; oder der Verein &#8222;<a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/schaubuehne\/760\/stuttgart-braucht-mehr-hocker-10510.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Literally Peace<\/a>&#8222;, die nicht mehr als 20.000 Euro im Jahr bekommen, blieben von den K\u00fcrzungen verschont, ebenso das Theater La Lune und <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/schaubuehne\/776\/feiern-auf-sparflamme-10718.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">das Club Kollektiv<\/a>.<\/p>\n<p>Gruppen wie das <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/schaubuehne\/757\/verheerend-und-ungerecht-10472.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Citizen Kane Kollektiv<\/a>, die bisher nur eine befristete institutionelle F\u00f6rderung hatten, wurden verstetigt, gleichzeitig aber um 20 Prozent gek\u00fcrzt. Ein tiefer Einschnitt, wie Christian M\u00fcller feststellt: &#8222;Die institutionelle F\u00f6rderung erm\u00f6glicht uns zwar weiterhin, Drittmittel einzuwerben. Doch die K\u00fcrzung zwingt uns zu schmerzhaften Entscheidungen: weniger Projekte, weniger Recherchen in den Stadtteilen, weniger Zusammenarbeit mit lokalen Communities.&#8220; Jetzt k\u00f6nne das Kollektiv nur noch ein gr\u00f6\u00dferes Projekt pro Jahr finanzieren.<\/p>\n<p>Genau das, was das Kulturamt bei Bernius vermisst, n\u00e4mlich Teilhabe, Kooperation und nachhaltige Zukunftsplanung, wird jetzt auch f\u00fcr Citizen Kane, tri-b\u00fchne und Rampe, ja selbst f\u00fcr die Staatsoper immer schwieriger. Nicht nur die Zahl der Auff\u00fchrungen gehe ungef\u00e4hr auf die H\u00e4lfte zur\u00fcck, sagt Christian M\u00fcller, sondern auch die M\u00f6glichkeiten, mit anderen lokalen K\u00fcnstler:innen und Initiativen zusammenzuarbeiten. Und Stefan Kirchknopf von der tri-b\u00fchne stellt fest: &#8222;Ich kann im Moment nur St\u00fccke mit dem festen Ensemble produzieren, es gibt eine G\u00e4stesperre.&#8220;<\/p>\n<p>Ungeh\u00f6rte Appelle<\/p>\n<p>Das Theater Rampe hat schon im November ein Zahlenpapier vorgelegt. Die sechsprozentige K\u00fcrzung des laufenden Etats, ohne das Festival, bedeutet, dass halb so viel Geld f\u00fcr das Programm \u00fcbrigbleibt, da ein Gro\u00dfteil f\u00fcr st\u00e4ndig steigende Fixkosten ben\u00f6tigt wird. Damit verringern sich proportional aber auch die Drittmittel. 52.000 Euro f\u00fcr Gastspiele, Residenzen und k\u00fcnstlerische Forschung fallen allein durch das Auslaufen des Modelprojekts &#8222;<a href=\"https:\/\/darstellende-kuenste.de\/projekte\/verbindungen-foerdern\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Verbindungen F\u00f6rdern<\/a>&#8220; weg. Die Gesamtsumme der direkten K\u00fcrzungen beziffern sich auf rund 130.000 Euro.<\/p>\n<p>Selbst die Staatsoper kann sich gerade zukunftsweisende Kooperationen wie &#8222;<a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/kultur\/741\/das-auto-ist-kaputt-10285.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Cit\u00e9 d&#8217;Or. Aufstieg und Fall der Stadt Stuttgart<\/a>&#8220; mit dem Theater Rampe in einem ehemaligen Autohaus immer weniger leisten, sagte Intendant Viktor Schoner <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/kultur\/766\/ich-bin-jetzt-supernervoes-10590.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">im Kontext-Interview<\/a> im Dezember. &#8222;Die Stadt Stuttgart&#8220;, so Schoner w\u00f6rtlich, &#8222;braucht unbedingt eine kulturpolitische Vision.&#8220; Die B\u00fcrgerschaft hat eine solche Vision schon einmal erarbeitet: im zweij\u00e4hrigen Kulturdialog 2011 bis 2013. Doch der Gemeinderat hat die Vorschl\u00e4ge hartn\u00e4ckig ignoriert.<\/p>\n<p>Die Wirtschaftspr\u00fcfer von Ernst &amp; Young (EY) haben in ihrer Studie &#8222;<a href=\"https:\/\/www.rebuilding-europe.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">Rebuilding Europe<\/a>&#8220; (Europa wiederaufbauen) nach der Coronakrise gefordert, massiv in die Kultur zu investieren. W\u00e4hrend anderswo Arbeitspl\u00e4tze abgebaut w\u00fcrden, nehme die Zahl hier zu, wenngleich oft auf prek\u00e4rem Niveau. F\u00fcr noch wichtiger h\u00e4lt EY ein kreatives Umfeld, das n\u00f6tig sei, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.<\/p>\n<p>&#8222;Kultur ist kein Luxus, sie ist eine Form des Widerstands&#8220;, insistierte die wei\u00dfrussische Musikerin, Kulturmanagerin und Oppositionspolitikerin Maria Kalesnikava <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/live\/OtkygSyZt80\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">vor einer Woche an der Musikhochschule Stuttgart<\/a>, an der sie einst studiert hat. &#8222;Sie schafft R\u00e4ume f\u00fcr freie Gedanken, sie gibt Menschen eine Stimme auch dann, wenn man versucht, sie zum Schweigen zu bringen. Sie verbindet uns \u00fcber Grenzen hinweg und erinnert uns daran, was uns als Menschen ausmacht.&#8220; Ihr Pl\u00e4doyer: &#8222;Ich rufe alle, von denen es abh\u00e4ngt, dazu auf, Kultur, Kunst, kulturelle Institutionen, K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler noch st\u00e4rker zu unterst\u00fctzen!&#8220;\u00a0<\/p>\n<p>Zum Programm des Festivals &#8222;3 Tage frei&#8220; vom 15. bis 18. April geht es <a href=\"https:\/\/www.3-tage-frei.de\/de\/2026\/kalender\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">hier<\/a>. Das Festival Stuttgart Barock l\u00e4uft vom 23. bis zum 26. April, zum Programm geht&#8217;s <a href=\"https:\/\/www.concerti.de\/festivals\/festival-stuttgart-barock\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">hier<\/a>.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stuttgart hat auf dem Gebiet der Musik traditionell einen guten Ruf. 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