{"id":946992,"date":"2026-04-15T06:25:17","date_gmt":"2026-04-15T06:25:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/946992\/"},"modified":"2026-04-15T06:25:17","modified_gmt":"2026-04-15T06:25:17","slug":"eine-jugendnovelle-aus-den-beklemmenden-1980er-jahren-der-ddr-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/946992\/","title":{"rendered":"Eine Jugendnovelle aus den beklemmenden 1980er Jahren der DDR \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEine Jugendnovelle\u201c hat der Leipziger Autor John McShultz sein neuestes Buch untertitelt. Auch in diesem nimmt er seine Leser mit in ein Land, das in den K\u00f6pfen vieler Menschen geradezu verkl\u00e4rt und romantisiert wird. Aber viel Romantik war da nicht. Schon gar nicht in den fr\u00fchen 1980er Jahren, in denen diese Novelle handelt. Schauplatz: eine Erweiterte Oberschule (EOS) in Ostberlin, auch noch in Pankow. Da, wo die DDR-Elite ihre Kinder hinschickt. Eins lernt Roy, der jeden Tag mit dem Bus aus seinem Dorf zur Schule fahren muss, schnell: Halt blo\u00df die Klappe und vertraue niemandem.<\/p>\n<p>Klingt einem irgendwie vertraut. Stimmt. Es ist eine autorit\u00e4re Welt, von der heute wieder etliche Leute tr\u00e4umen. Nicht nur in Ostdeutschland. Sie jammern zwar, man d\u00fcrfe heute gar nichts mehr sagen. Aber tats\u00e4chlich meinen sie immer das Gegenteil: Gelten darf nur, was sie selbst sagen. Widerspruch und Kritik halten sie nicht aus. Das autorit\u00e4re Denken ist bei vielen Leuten die anerzogene Grundausstattung.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/c54622cab7dc4e4cbb3d45aa00bcbe58.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2026\/04\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Genauso wie der Opportunismus, der Menschen dazu bringt, sich auch den sch\u00e4bigsten Autorit\u00e4ten unterzuordnen, mit den W\u00f6lfen zu heulen und f\u00fcr jeden kleinen Vorteil auch die eigene Moral fallen zu lassen.<\/p>\n<p>Und <a href=\"https:\/\/www.johnmcshultz.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">John McShultz<\/a> hat sich all die Erinnerungen daran bewahrt, wie das damals war, als im Westen gegen den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/NATO-Doppelbeschluss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Nato-Doppelbeschluss<\/a> demonstriert wurde und im Osten die Friedensbewegung entstand, die mit dem Slogan <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schwerter_zu_Pflugscharen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eSchwerter zu Pflugscharen\u201c<\/a> die Aufr\u00fcstung im Osten thematisierte.<\/p>\n<p>Als die DDR eigentlich schon zahlungsunf\u00e4hig war und nur der durch Franz Joseph Strau\u00df vermittelte Milliardenkredit noch einmal daf\u00fcr sorgte, dass das L\u00e4ndchen noch ein paar Jahre durchhielt. W\u00e4hrend der Smog \u00fcber dem Land waberte und das Ansprechen von Umweltthemen als staatsgef\u00e4hrdende Hetze interpretiert werden konnte.<\/p>\n<p>Das Misstrauen der Funktion\u00e4re<\/p>\n<p>Da lernt auch Roy, der Held in dieser Novelle, ziemlich schnell, dass er in seiner neuen Klasse sehr, sehr vorsichtig sein muss, mit wem er \u00fcberhaupt ein offenes Wort wechseln kann. Es sitzen nicht nur die T\u00f6chter und S\u00f6hne Ostberliner Funktion\u00e4re in der Klasse. Die Lehrer sind hier besonders handverlesen, staatstreu bis zur Borniertheit. Und geradezu darauf erpicht, die Sch\u00fcler bei Handlungen und \u00c4u\u00dferungen zu ertappen, die sie als Gefahr f\u00fcr die sozialistische Schule entlarven.<\/p>\n<p>So steigt McShultz gleich ein in seine Novelle: die ersten Tage an der neuen Schule, in denen Roy die neuen Lehrerinnen und Lehrer portr\u00e4tiert und mitbekommt, welche besonders doktrin\u00e4r sind, welche nur opportunistisch, welche regelrecht gef\u00e4hrlich. Und so entsteht gleich auch ein Bild von der Atmosph\u00e4re an dieser Schule, von Jugendlichen, die nicht einfach unbeschwert ihre Pubert\u00e4t ausleben k\u00f6nnen, sondern auch lernen m\u00fcssen, das Misstrauen zu verinnerlichen, das gerade die Funktion\u00e4rselite des Landes s\u00e4t.<\/p>\n<p>Wer immernoch nicht verstanden hat, wie so etwas in einem durchherrschten Land funktioniert, sp\u00fcrt es hier. Merkt dabei auch, wie gerade dieses Misstrauen daf\u00fcr sorgte, dass die heranwachsende Jugend fr\u00fchzeitig lernte, sich zu verbiegen, die Phrasen des Tages auswendig zu lernen und strikt zu trennen zwischen dem, was man \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dferte, und dem, was man tats\u00e4chlich dachte.<\/p>\n<p>Das lernt auch Roy, der in seinen vier Jahren an der \u201ePenne\u201c sehr genau zu unterscheiden lernt, mit wem in der Klasse er offen reden kann und wen er besser meidet, um nicht Objekt von Verleumdung, Diffamierung oder gar einem inszenierten Tribunal zu werden, bei dem aus dem Vorwurf einer fehlenden Parteilichkeit ganz schnell der einer feindlichen Haltung werden konnte.<\/p>\n<p>Das wird so nicht an allen Erweiterten Oberschulen (also den Gymnasien der DDR) gewesen sein. Berlin war da immer noch einen Zacken sch\u00e4rfer, gerade weil hier die Kinder der Funktion\u00e4rselite zur Schule gingen. Umso rigider war die Auswahl der Lehrer, die nicht nach Fachkompetenz nach Berlin beordert wurden, sondern nach parteilicher T\u00fcchtigkeit. Wenn sie dem Anspruch nicht gen\u00fcgten, verschwanden sie auch rasant wieder, ohne viel Tamtam, wie auch Roy miterleben muss.<\/p>\n<p>Vorsicht vor den BOBs<\/p>\n<p>Und es sind nicht nur die Lehrer, die auf jede weltanschauliche Verfehlung der Sch\u00fcler lauern. Die Anschw\u00e4rzer sitzen mitten in der Klasse, in diesem Fall vier Jungen, die sich dazu verpflichtet haben, Offizier bei der NVA zu werden. Ganz offiziell. Auch im Klassenbuch steht ein B hinter ihrem Namen f\u00fcr Berufsoffiziersbewerber (BOB). Was ihnen nicht nur den Verbleib an der Schule sichert, egal wie miserabel ihre Leistungen sind. Sondern sie auch gleichsam zu Helfern f\u00fcr die moralische Reinheit an der Schule macht. Sie sind es, die jede auch nur gemutma\u00dfte Verfehlung direkt an die Schulleitung durchsickern lassen.<\/p>\n<p>Roy lernt rasch, dass er sich gerade von diesen scheinheiligen Typen fernhalten muss. Aber auch, dass er nicht mit dem Wohlwollen jener Lehrer rechnen darf, die ihn als Au\u00dfenseiter ohnehin schon auf dem Kieker haben. Denen kann er gute Zensuren nur abringen, indem er lernt, lernt, lernt. Denn er will ja Medizin studieren, ein Studienfach, f\u00fcr das man \u2013 wenn man keine \u201eguten Beziehungen\u201c hatte \u2013 exzellente Noten vorlegen musste.<\/p>\n<p>Den Spruch \u201ePass auf, was du drau\u00dfen sagst\u201c hat Roy von seinen Eltern mitbekommen, die zwar beide auch in der SED sind, aber sich keine Illusionen \u00fcber die Gefahren machen, die schon dann akut werden, wenn einer sich in der Schule verplappert und die \u201efalsche Position\u201c einnimmt. Keine Illusionen macht sich auch sein Freund Ralf, mit dem er nicht nur den langen Weg ins Dorf teilt, sondern auch die Begeisterung f\u00fcr Musik aus dem Westen. Sie tasten sich ab und irgendwann merken sie beide, dass wenigstens sie miteinander reden k\u00f6nnen, ohne sich verstellen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>1984<\/p>\n<p>Und das alles lebt bei McShultz von dieser besonderen Schulatmosph\u00e4re, in der sich Gehorsam, Anpassung, Opportunismus, Strebertum und Misstrauen zu einem grauen Brei verdichten. Mit immer neuen Situationen, an denen Roy das Unheil auf sich zurasen sieht. Denn nat\u00fcrlich wei\u00df er, dass er \u2013 f\u00fcr die Funktion\u00e4re \u2013 ein Wolf im Schafspelz ist. Einer, der von den Reden der \u201ef\u00fchrenden Genossen\u201c gar nichts glaubt. Der m\u00f6glichst etwas studieren will, das m\u00f6glichst weit weg ist von Indoktrination und permanenter Rotlicht-Berieselung.<\/p>\n<p>Doch gerade diese Studienpl\u00e4tze sind rar. Ein einziger \u201eVorfall\u201c an der Schule und Roy kann alle seine Tr\u00e4ume beerdigen. Ralf ist da konsequenter: Er beantragt noch vor dem Abitur die Ausreise. Und so steckt in dieser scheinbar nur bedr\u00fcckenden \u201ePenne\u201c-Novelle schon das ganze Drama eines Landes, dessen Elite den Bezug zur Realit\u00e4t im Land l\u00e4ngst verloren hat und mit allen Mitteln versucht, die Leute irgendwie bei der Stange zu halten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich beim \u201eGro\u00dfen Bruder\u201c in Moskau gerade die Dinge \u00e4ndern und etwas in Gang kommt, was die labilen Verh\u00e4ltnisse in der DDR bald vollends ins Rutschen bringen wird.<\/p>\n<p>Aber im Grunde schildert McShultz etwas, was ganz zentral dazu beitrug, dass der SED die tats\u00e4chlich kritischen und klugen Nachwuchskader abhanden kamen. Denn <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Doppeldenk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Doppeldenk<\/a>, wie es George Orwell in seinem Roman \u201e1984\u201c genannt hat, hat Folgen. Alle wissen, dass das, was gesagt wird, nicht das ist, was die Menschen um einen herum denken. Sogar ein kleines stalinistisches Tribunal findet Platz in dieser Novelle \u2013 samt einer geradezu obskuren Stalin-Gedenkstunde.<\/p>\n<p>Im Jahr 1984 der DDR eigentlich unvorstellbar. Aber trotzdem glaubw\u00fcrdig, weil solche zutiefst \u00fcberzeugte Hartliner wie der Lehrer, der die Jugendlichen in diese \u201eGedenkstunde\u201c zwingt, im Apparat der f\u00fchrenden Partei \u00fcberlebten und der Abschied vom \u201eGenossen Stalin\u201c immer nur halbherzig war.<\/p>\n<p>Nur nicht dar\u00fcber reden<\/p>\n<p>Es ist ein kleiner, oft genug beklemmender Blick in das Funktionieren einer Gesellschaft, in der alle wussten, dass das, was in der Zeitung stand und in der Aktuellen Kamera gesendet wurde, nicht das war, was im Land tats\u00e4chlich vor sich ging. Nicht nur in Roys Familie wird deshalb nach der Aktuellen Kamera auf die Tagesschau umgeschaltet. Nur reden durfte man nicht dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Und das zerm\u00fcrbt nicht nur eine Gesellschaft, es schafft eine Welt, in der das Vertrauen verloren geht und eine leise Angst gegenw\u00e4rtig ist, dass irgendjemand einen entlarven und denunzieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und dummerweise erinnert das an einiges, was heute einige von Autoritarismus begeisterte Leute wieder verbreiten. Dasselbe grimmige Misstrauen. Verbunden mit einem untergr\u00fcndigen Drohen. Vielleicht hat John McShultz sich gerade deswegen an diese weit zur\u00fcckliegenden Zeiten erinnert gef\u00fchlt und die Geschichte aufgeschrieben, als h\u00e4tte er sie gerade selbst erlebt, froh, endlich das Abitur in der Tasche zu haben. Auch wenn auf Roy jetzt noch h\u00e4rtere Zeiten zukommen werden.<\/p>\n<p>Denn jetzt wartet die NVA auf ihn. Und was f\u00fcr Typen dort das Sagen haben, das hat er mit den vier BOBs in seiner Klasse ja schon gesehen.<\/p>\n<p><strong>John McShultz <a href=\"http:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783949970085@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201ePass auf was du drau\u00dfen sagst\u201c<\/a><\/strong> Screambyrd Records Press, Leipzig 2026, 12 Euro..<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eEine Jugendnovelle\u201c hat der Leipziger Autor John McShultz sein neuestes Buch untertitelt. Auch in diesem nimmt er seine&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":946993,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[1832],"tags":[129,65037,3364,29,30,1635,71,181084,1803,859],"class_list":["post-946992","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-leipzig","tag-ddr","tag-ddr-geschichte","tag-de","tag-deutschland","tag-germany","tag-jugend","tag-leipzig","tag-novelle","tag-rezension","tag-sachsen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116407299437930847","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/946992","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=946992"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/946992\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/946993"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=946992"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=946992"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=946992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}