{"id":947587,"date":"2026-04-15T12:15:25","date_gmt":"2026-04-15T12:15:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/947587\/"},"modified":"2026-04-15T12:15:25","modified_gmt":"2026-04-15T12:15:25","slug":"erinnern-ist-nichts-negatives-die-taten-sind-negativ","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/947587\/","title":{"rendered":"\u201eErinnern ist nichts Negatives. Die Taten sind negativ\u201d"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 25 Jahren wurde S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc in Hamburg durch den NSU ermordet. F\u00fcr eine Ausstellung im Altonaer Museum gestaltete die Familie Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc einen Erinnerungsraum. Das war auf vielf\u00e4ltige Weise lehrreich f\u00fcr die Kuratorinnen.<\/strong><\/p>\n<p>Interaktive Karte, migrantische Perspektiven<\/p>\n<p>Der Raum ist dunkel. Es gibt nur wenige B\u00e4nke. Die Leere ist sp\u00fcrbar. Fotografien in Schwarzwei\u00df h\u00e4ngen an der Wand, sp\u00e4rlich belichtet. Die Bilder zeigen Orte, an denen die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zwischen 2000 und 2007 neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordete. Keine T\u00e4ter, keine Leichen \u2013 nur Tatorte sind zu sehen. Kioske, Stra\u00dfen, Garagen. Fotografiert oft aus niedriger Perspektive. Der Sicht der Ermordeten.<\/p>\n<p>Die Fotoausstellung <a href=\"https:\/\/www.shmh.de\/ausstellungen\/blutiger-boden-altonaer-museum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">\u201eBlutiger Boden. Die Tatorte des NSU\u201c<\/a> von Regina Schmeken ist aktuell im Altonaer Museum zu sehen. Zentraler Bestandteil ist ein Erinnerungsraum. Im Zentrum stehen dort die Opfer selbst. Angeh\u00f6rige kommen in Interviews zu Wort, die Filmaufnahmen werden an die W\u00e4nde projiziert. Besucher*innen k\u00f6nnen eigene Gedanken aufschreiben. Literatur zu migrantischen Perspektiven liegt aus. Eine interaktive Karte zeigt rechtsextreme Gewalttaten in Hamburg.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" fetchpriority=\"high\" class=\"size-medium wp-image-173916\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Su\u0308leyman-Aufsteller-300x200.jpg\" alt=\"Der Aufsteller von S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc.\" width=\"300\" height=\"200\"  \/>S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc ist das dritte Todesopfer des NSU. Foto: Hasset Tefera Alemu<\/p>\n<p>An den W\u00e4nden stehen die t\u00fcrkischen Worte \u201e\u00dczg\u00fcn\u00fcm\u201c (Ich bin traurig), \u201eAnma\u201c (Gedenken) und \u201eUnutma\u201c (Nicht vergessen). Lebensgro\u00dfe Aufsteller der Ermordeten stehen im Raum. Man blickt ihnen direkt in die Augen. Auf der R\u00fcckseite der Figuren wird erkl\u00e4rt, wie ihre Namen korrekt ausgesprochen werden. \u201eDas war f\u00fcr uns ein ganz zentraler Punkt\u201c, sagt Projektleiterin Lisa Miller. \u201eEs ist eine Frage des Respekts, sich die M\u00fche zu machen, Namen richtig auszusprechen.\u201c<\/p>\n<p>Erinnern als gemeinsamer Prozess<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-173851 size-full\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_8142-scaled-e1770000456500.jpg\" alt=\"Das Foto zeigt Okan Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc, den Enkel des Opfers, im Portr\u00e4t\" width=\"1693\" height=\"1612\"  \/>Okan Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc war erst drei Monate alt, als sein Onkel ermordet wurde. Foto: Hasset Tefera Alemu<\/p>\n<p>Gestaltet wurde der Erinnerungsraum von Lisa Miller und Kuratorin Nicole Mattern zusammen mit der Familie des Hamburger NSU-Opfers S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc. Besonders eng war die Zusammenarbeit mit seinem Neffen Okan Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc. \u201eDadurch entstand die Fotowand mit Familienbildern und Zitaten von S\u00fcleyman\u201c, sagt Mattern. FINK.HAMBURG hat Okan Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc gefragt, wie er die Zusammenarbeit erlebt hat:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/fink.hamburg\/wp\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Okan1.mp3\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">https:\/\/fink.hamburg\/wp\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Okan1.mp3<\/a>\n<\/p>\n<p>Der Prozess war f\u00fcr alle Seiten lehrreich. Den Kuratorinnen wurde klar, dass Erinnern ein langer, emotionaler Prozess ist. In Gespr\u00e4chen mit unterschiedlichen Menschen, von denen viele Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben, tauchte ein Begriff immer wieder auf: Wut. Besonders f\u00fcr junge Menschen sei dieses Gef\u00fchl zentral, erinnert sich Mattern. Gleichzeitig sagt sie: \u201eErinnern ist nichts Negatives. Die Taten sind negativ. Sich zu erinnern, kann schmerzhaft, aber auch heilsam sein.\u201d<\/p>\n<p>Ob jemand still eine Blume niederlegt oder Veranstaltungen organisiert \u2013 jede Form des Gedenkens sei wertvoll. Entscheidend sei, eine Kultur des Erinnerns zu entwickeln, die niedrigschwellig ist und viele erreicht. \u201eWir m\u00fcssen auch die abholen, die sich nicht auskennen\u201c, sagt Mattern. Gerade junge Menschen h\u00e4tten oft keinen Bezug zum NSU, weil sie zur Zeit der Morde noch nicht geboren waren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-173852 size-large\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/DSC08456-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"696\" height=\"464\"  \/>Besucher*innen k\u00f6nnen im Erinnerungsraum aufschreiben, was Erinnern f\u00fcr sie bedeutet. Foto: Seray \u00dcnsal<br \/>\nErinnerungsraum als Erweiterung zur Fotoausstellung in Hamburg<\/p>\n<p>Der Titel der Fotoaustellung verweist auf die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie, jene rassistische Vorstellung, die eine untrennbare Verbindung zwischen einem rassisch definierten \u201eVolk\u201c und dem ihm zugeschriebenen Territorium konstruiert \u2013 zwischen \u201eBlut\u201c und \u201eBoden\u201c. Diese Ideologie lag auch den NSU-Taten zugrunde. Hamburg ist die sechste Station, aber eine besondere: Hier wird Regina Schmekens Arbeit erstmals durch den Erinnerungsraum erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-173853 size-large\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Fotos-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"696\" height=\"464\"  \/>Die Ausstellung kann noch bis zum 7. Juli 2026 besucht werden. Foto: Hendrik Heiermann<br \/>\nStand heute: Erinnern, das Konsequenzen fordert<\/p>\n<blockquote class=\"td_quote_box td_box_center\">\n<p>Der NSU war zwischen 1998 und 2011 f\u00fcr zehn Morde, mehrere Sprengstoffanschl\u00e4ge und Raub\u00fcberf\u00e4lle verantwortlich. Die Polizei ermittelte jahrelang in die falsche Richtung und verd\u00e4chtigte Angeh\u00f6rige. Medien betitelten die Mordserie als \u201eD\u00f6ner-Morde\u201c, so der <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/geschichte\/chronologie\/2001-Der-NSU-ermordet-Sueleyman-Takoeprue-in-Hamburg,taskoeprue164.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">NDR<\/a>. Hinweise auf rassistische Motive wurden ignoriert. Die Hauptt\u00e4ter*innen seien Uwe B\u00f6hnhardt, Uwe Mundtot und Beate Zsch\u00e4pe gewesen, die sich Jahre sp\u00e4ter durch ein Bekennervideo zu den Taten \u00e4u\u00dferten, so die <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/rechtsextremismus\/nsu-komplex\/559273\/der-terror-des-nsu-entstehung-verlauf-reaktionen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung.\u00a0\u00a0<\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das letzte Foto der Serie im <a href=\"https:\/\/fink.hamburg\/2025\/11\/podcast-ueber-museen-und-kolonialismus\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Museum<\/a> zeigt keine Stra\u00dfe, keinen Tatort im klassischen Sinn. Es ist die T\u00fcr zum Gerichtssaal in M\u00fcnchen \u2013 von au\u00dfen. Dahinter: der NSU-Prozess.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-173913 size-large\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/IMG_8300-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"696\" height=\"464\"  \/>Im Mai 2013 begann der NSU-Prozess am Oberlandesgericht in M\u00fcnchen. Durch diese T\u00fcr betrat die Angeklagte Zsch\u00e4pe den Saal 101A. Foto: Hasset Tefera Alemu<\/p>\n<p>25 Jahre nach der Tat zeigt die Ausstellung: Erinnern ist keine abgeschlossene Geschichte. Es ist ein gemeinsamer Prozess und eine Verantwortung f\u00fcr die Gegenwart.<\/p>\n<blockquote class=\"td_quote_box td_box_center\">\n<p>Die Fotos sind Leihgaben aus der Sammlung des Milit\u00e4rhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden. Fotografien von Regina Schmeken als Chrome Pigmentdrucke kaschiert auf Alu-Dibond,<br \/>entstanden 2013 und 2015\/16.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>\t\t                <a class=\"m-a-box-avatar-url\" href=\"https:\/\/fink.hamburg\/author\/seray-uensal\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                    <img loading=\"lazy\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Foto-Seray-1-150x150.jpg\" class=\"attachment-150x150 size-150x150\" alt=\"\" decoding=\"async\" itemprop=\"image\"  \/>                <\/a><\/p>\n<p>Seray \u00dcnsal liefert ab. Mal 200 Rosen aus dem Blumenladen ihrer Familie, vor allem aber klare Botschaften: \u201eIch will der Boss sein, um Frauen zum Boss zu machen.\u201c Mit diesem Satz hing sie bereits auf Plakaten der K\u00f6rber-Stiftung in ihrer Heimatstadt Hamburg. Das Motto zieht sich weiterhin durch Serays Leben. Geboren 2002, studierte sie Politikwissenschaften und arbeitete unter anderem beim NDR im Community Management sowie bei Radio Energy. Ihr Herzensthema: Frauenrechte, insbesondere die Aufkl\u00e4rung \u00fcber Femizide. Die Energie daf\u00fcr zieht sie aus einem j\u00e4hrlichen Gossip-Girl-Marathon und Pfingstrosen, ihren Lieblingsblumen.<\/p>\n<p>K\u00fcrzel: say<\/p>\n<p>\t\t                <a class=\"m-a-box-avatar-url\" href=\"https:\/\/fink.hamburg\/author\/hasset-tefera\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                    <img loading=\"lazy\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/MG_0870-1-150x150.jpg\" class=\"attachment-150x150 size-150x150\" alt=\"\" decoding=\"async\" itemprop=\"image\"  \/>                <\/a><\/p>\n<p>Hasset Tefera Alemu hasst Superlative. Skalen von eins bis zehn haben ihrer Meinung nach nur neun Skalenpunkte, und weil sie so viele Filme liebt, verr\u00e4t sie ihren Lieblingsfilm nur ungern. Geboren 2001 in Stuttgart hat sie ihren Dialekt mittlerweile abgelegt. Grund daf\u00fcr sind vermutlich die zehn Jahre ihrer Kindheit, die sie in Hessen verbrachte. F\u00fcr das Studium der Publizistik und des Strafrechts zog Hasset nach Mainz. Beim Praktikum bei netzpolitik.org lernte sie zu erkl\u00e4ren, was Open Source eigentlich bedeutet. In Hamburg hofft Hasset, endlich den einzig relevanten Superlativ zu finden: den besten Kaffee Deutschlands. K\u00fcrzel: hta<\/p>\n<p>\t\t                <a class=\"m-a-box-avatar-url\" href=\"https:\/\/fink.hamburg\/author\/hendrik-heiermann\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><br \/>\n                    <img loading=\"lazy\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/MG_0642-Kopie-1-1-150x150.jpg\" class=\"attachment-150x150 size-150x150\" alt=\"\" decoding=\"async\" itemprop=\"image\"  \/>                <\/a><\/p>\n<p>Hendrik Heiermann, Jahrgang 1998, prokrastiniert nicht, er tut andere wichtige Dinge. Statt sich seiner Traumkarriere als Eisverk\u00e4ufer im Sommer und Lokomotivf\u00fchrer im Winter zu widmen, hat er sich dem Journalismus verschrieben.<br \/>Hendrik ist in Plochingen bei Stuttgart aufgewachsen, er studierte Spanisch und Lateinamerikastudien in Hamburg. W\u00e4hrend eines Praktikums in Mexiko in einer Migrant*innenherberge half er bei einer Geburt, sp\u00e4ter startete er in Kolumbien einen spanischsprachigen Podcast \u00fcber Migration. Seit Sommer 2024 schreibt er f\u00fcr \u201ckohero\u201d, ein interkulturelles Hamburger Stadtmagazin. Den Artikel \u00fcber Eiscreme schreibt er morgen. Ganz bestimmt. (K\u00fcrzel: hmh)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vor 25 Jahren wurde S\u00fcleyman Ta\u015fk\u00f6pr\u00fc in Hamburg durch den NSU ermordet. 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