{"id":948100,"date":"2026-04-15T17:00:33","date_gmt":"2026-04-15T17:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/948100\/"},"modified":"2026-04-15T17:00:33","modified_gmt":"2026-04-15T17:00:33","slug":"eine-reise-in-eine-stadt-die-trotz-des-krieges-weiter-tanzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/948100\/","title":{"rendered":"Eine Reise in eine Stadt, die trotz des Krieges weiter tanzt"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Im Dezember 2025 reiste ich f\u00fcr einen Workshop nach Kyiv. Zehn Tage war ich dort, angereist aus Wuppertal \u00fcber Krak\u00f3w \u2013 eine Route, die sich zugleich pragmatisch und existenziell anf\u00fchlt. Wie bereitet man sich von einem ruhigen Wohnzimmer aus auf eine Reise in ein Kriegsgebiet vor? Es gibt keine Anleitung. Die Vorbereitung beginnt mit banalen Handgriffen und dem Einpacken. Angst spielt keine Rolle, erstaunlich genug \u2013 nur die Verantwortung, das weiterzugeben, was ich in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren entwickelt habe.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Ich folgte der Einladung von Viktor Ruban, Choreograf und Kulturaktivist, der inmitten des Krieges R\u00e4ume f\u00fcr Kunst und Denken offenh\u00e4lt. Die Aufgabe war klar: ukrainische Institutionen dabei unterst\u00fctzen, ihre Tanztraditionen zu beschreiben, zu dokumentieren und zu sch\u00fctzen \u2013 ein Akt kultureller Selbstbehauptung, ein Schritt der Dekolonisierung aus dem sowjetischen Griff, der Sprache, Kultur und Erinnerung \u00fcber Jahrzehnte \u00fcberlagert hat.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In Kyiv arbeiteten wir mit Leiterinnen von Museen, Archiven und Bibliotheken sowie mit zehn K\u00fcnstlerinnen und Forschern zusammen \u2013 von Zwanzigj\u00e4hrigen bis zu Menschen wie mir, die sich seit 45 Jahren dem Tanz widmen. Das Goethe\u2011Institut erm\u00f6glichte diese Arbeit \u00fcber den Resilienzfonds. Der erste Tag geh\u00f6rt dem Kennenlernen. Ich erz\u00e4hle, wer ich bin, und sie erz\u00e4hlen von sich. Ein Raum voller Expertise \u2013 und doch voller Z\u00f6gern, weil Worte fehlen. Erst als Karina, eine Teilnehmerin, spontan beginnt, jedes Wort zu \u00fcbersetzen, wird alles h\u00f6rbar. Ich versuche, die unterschiedlichen Dringlichkeiten zu verstehen. Jede Person bringt eine eigene Vorstellung davon mit, was bewahrt werden muss.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Was ich erlebe, ist eine Stadt, die zugleich verwundet und lebendig ist. Menschen, die m\u00fcde und entschlossen wirken. Caf\u00e9s, die ge\u00f6ffnet bleiben, obwohl der Strom ausfallen kann. Kollegen, die mit Humor und Professionalit\u00e4t arbeiten, w\u00e4hrend drau\u00dfen Sirenen heulen. Eine Normalit\u00e4t, die nicht T\u00e4uschung ist, sondern \u00dcberlebensstrategie.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Es ist notwendig und dringend, diese Arbeit jetzt zu tun. Denn so viele Talente gehen an die Front. Ein Choreograf verabschiedet sich, weil er am n\u00e4chsten Tag als Drohnenoperator eingezogen wird. Tanzlehrerinnen arbeiten als Scharfsch\u00fctzinnen. Eine Choreografin kann ihre Heimatorte nahe Chornobyl nicht mehr besuchen. Und viele sind gefallen. Zur\u00fcck bleiben Erinnerungen \u2013 und kleine ukrainische Fahnen im Denkmal am Maidan.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Mein Alltag wird schnell ritualisiert: den Vortag reflektieren, Interviews mit Akkubetrieb f\u00fchren, vortragen. Alles ist Gegenwart. Die Arbeitstage sind dicht. Erinnerungen \u00f6ffnen sich, werden sortiert, in Worte gefasst. Doch meine Frage nach einem Kinderlied st\u00f6\u00dft auf eine Wand: sowjetische koloniale \u00dcberlagerungen, Fremdworte, ein Erbe, das nicht mehr angenommen wird. Und Fragen nach der Zukunft? Sie bleiben unber\u00fchrt. Zukunft ist ein Raum, der im Krieg, in dieser Invasion, nicht betreten wird. Und dann, an einem Nachmittag, ein Gespr\u00e4ch mit Nikita, zwanzig Jahre alt. Ein stiller Moment, fast zuf\u00e4llig. Er sagt: \u201eIch wei\u00df nicht, wie lange ich lebe. Aber solange ich lebe, will ich tanzen.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hier verdichtet sich alles: Das Menschliche, das unseren Tanz durchdringt und seine Humanit\u00e4t sichtbar macht. Nikita steht am Anfang seiner Laufbahn, und doch versteht sein K\u00f6rper bereits alles, was ihn ein Leben lang begleiten wird. Dieses kaum zu fassende Geheimnis \u2013 ein Wissen aus Atem und Bewegung \u2013, das wir weitergeben wollen, bevor es wieder im Moment verschwindet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Dezember 2025 reiste ich f\u00fcr einen Workshop nach Kyiv. 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