{"id":953949,"date":"2026-04-18T01:19:23","date_gmt":"2026-04-18T01:19:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/953949\/"},"modified":"2026-04-18T01:19:23","modified_gmt":"2026-04-18T01:19:23","slug":"ausstellung-in-degerloch-die-toten-vom-stuttgarter-mg-schiessstand-verfolgt-wegen-fehlender-manneszucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/953949\/","title":{"rendered":"Ausstellung in Degerloch: Die Toten vom Stuttgarter MG-Schie\u00dfstand: verfolgt wegen fehlender \u201eManneszucht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das bewegende Schicksal von Ewald Huth ist erforscht. Seine Geschichte geht in K\u00fcrze so: Geboren 1890 in Hersfeld, Ausbildung zum Kirchenmusiker, Krankenpfleger im Ersten Weltkrieg, Chordirektor und Organist in Villingen. Verheiratet. Vater. Nazi-Gegner. Als ein Offiziersanw\u00e4rter 1943 um die Hand einer seiner Tochter anhielt, lie\u00df er diesen wissen, was er vom NS-Staat hielt: nichts! Auch im Gespr\u00e4ch mit einer Nachbarin \u00e4u\u00dferte er sich abf\u00e4llig \u00fcber die NS-Herrschaft. Daraufhin wurde er denunziert. Es folgte seine Einberufung als Gendarm, obwohl er im Ersten Weltkrieg aufgrund einer Sehschw\u00e4che f\u00fcr untauglich befunden worden war, sp\u00e4ter die Anklage wegen \u201eWehrkraftzersetzung\u201c und die Verurteilung zum Tode durch das SS- und Polizeigericht XI in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a> mit Sitz in einer enteigneten Villa in der Wannenstra\u00dfe 16; als Gendarm unterstand Huth der SS- und Polizeigerichtsbarkeit. Am 1. November 1944 wurde er auf dem Maschinengewehrstand des Schie\u00dfplatzes auf der Dornhalde erschossen. <\/p>\n<p>Die Ausstellung im Degerlocher Rathaus ist bis 8. Juni zu sehen <\/p>\n<p>Der deutscher Comiczeichner und Illustrator Tobias Dahmen hat diese Geschichte in seiner Graphic Novel \u201eColumbusstra\u00dfe\u201c verarbeitet. Er zitiert darin aus der Stuttgarter Gerichtsverhandlung gegen Huth, dessen Familie in Villingen um dessen Leben bangte, und zitiert den verantwortlichen SS-Richter Hoffmann, wonach der Angeklagte \u201ein einer geradezu verbrecherischen Weise kirchenh\u00f6rig\u201c sei: \u201eEiner schwarzen W\u00fchlmaus gleich ist er stets bestrebt, die Grundfeste unseres deutschen Vaterlandes zu untergraben.\u201c<\/p>\n<p>Das Schicksal Ewald Huths ist eines von 21, die Thema der am Donnerstag er\u00f6ffneten Ausstellung \u201eOpfer der NS-Milit\u00e4rjustiz \u2013 Hinrichtungen auf der Dornhalde\u201c im Bezirksrathaus Degerloch sind; sie war zuvor in der benachbarten Geschichtswerkstatt und in Zuffenhausen und Bad Cannstatt gezeigt worden. Bezirksvorsteher Colyn Heinze holte sie jetzt ins Degerlocher Rathaus, weil sie \u201eeinen tiefen Einblick in Einzelschicksale\u201c wie das Ewald Huths gebe und zugleich Strukturen des NS-Staats abbilde. Am \u201eOrt der Eheschlie\u00dfungen und der Wartemarken f\u00fcr das B\u00fcrgerb\u00fcro\u201c k\u00f6nnten sich die B\u00fcrger nun bis 8. Juni ein Bild machen, was auf der Dornhalde geschehen sei. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/media.media.77a62494-c380-41bf-8086-714f1cea0673.original1024.media.jpeg\"\/>     Das Garnisonssch\u00fctzenhaus am Dornhaldenfriedhof. (Archivbild)    Foto: Lichtgut\/Achim Zweygarth    <\/p>\n<p>Herausgearbeitet und in jahrelangen Recherchen vertieft hat dieses Geschehen der Lehrer, Fachbuchautor und Mitbegr\u00fcnder des Vereins <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.garnisonsschuetzenhaus-historischer-ort-mit-grosser-zukunft.b89389bc-17cb-4712-85da-982a8d686213.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Garnisonssch\u00fctzenhaus<\/a>, Bertram Maurer. Er kommt zu dem Ergebnis, dass zwischen 1941 und 1945 mindestens 32 Soldaten und Polizisten auf Stuttgarter Schie\u00dfpl\u00e4tzen infolge milit\u00e4rgerichtlicher Urteile erschossen wurden: \u201eMindestens 21 davon auf dem Schie\u00dfplatz, der sich am Ort des heutigen Dornhaldenfriedhofs befand.\u201c Als Gr\u00fcnde f\u00fcr die Todesurteile wurden \u201eKriegsverrat\u201c, \u201eDesertion\u201c oder \u201ePl\u00fcnderung\u201c angegeben. Im Falle des 1903 in Oppenweiler geborenen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.stolperstein-in-stuttgart-stammheim-dann-waere-der-krieg-gleich-zu-ende.b6675a27-18aa-4f0a-9029-494eeb10f995.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Gustav Stange<\/a>, der in Stammheim lebte, war es die Verweigerung des Eids auf Hitler. Als Zeuge Jehovas war er dem Stellungsbefehl nicht nachgekommen. Ein Milit\u00e4rgericht mit Sitz in der Villa Levi auf dem Killesberg verurteilte ihn im Januar 1942 daraufhin wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Am 20. Februar desselben Jahres wurde er auf dem MG-Schie\u00dfstand Dornhalde hingerichtet.<\/p>\n<p>Bis 1968 wurde der Schie\u00dfstand genutzt <\/p>\n<p>In Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Degerloch, dem Hotel Silber, den Anstiftern und den Stolperstein-Initiativen dokumentiert Maurer dieses d\u00fcstere Kapitel Stuttgarter NS-Geschichte. Auf leicht lesbaren, gro\u00dfformatigen Geschichtstafeln erz\u00e4hlt er die Geschichte des 1918 angelegten Maschinengewehrschie\u00dfstandes in einem Teil des seit 1869 bestehenden milit\u00e4rischen Schie\u00dfplatzes, der sich auf Degerlocher Gemarkung befand und bis 1965 von der Polizei und bis zu seiner Schlie\u00dfung 1968 von der Bundeswehr genutzt wurde. 1974 er\u00f6ffnete dort der Dornhaldenfriedhof. <\/p>\n<p>Anders als die Schicksale von Ewald Huth und Gustav Stange sind die vieler anderer Hingerichteter bisher nur bruchst\u00fcckhaft bekannt. Das von Anton Gosienecki geh\u00f6rt dazu, der wegen \u201eDesertion\u201c erschossen wurde oder das von Wilhelm St\u00e4hle aus Feuerbach, der der Luftschutzpolizei angeh\u00f6rte und der \u201ePl\u00fcnderung\u201c bezichtigt wurde. Bertram Mauerer stellt klar: \u201eDa ging es nicht um tats\u00e4chliche Verfehlungen.\u201c Das NS-Regime habe vielmehr Menschen vernichten wollten, \u201edenen die ,Manneszucht\u2018 fehlte. \u201eEin monstr\u00f6ser Begriff, der zentral war in der milit\u00e4rischen Justiz.\u201c<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/media.media.21b5be73-1933-4d44-9c72-b4925f8039e6.original1024.media.jpeg\"\/>     Die Geschichtstafeln im Degerlocher Rathaus    Foto: Lichtgut\/Christoph Schmidt    <\/p>\n<p>Die sehenswerte Ausstellung f\u00fchrt hin auf die Verlegung einer sogenannten Stolperschwelle durch den Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig am 19. Mai um 8. 30 Uhr auf dem Dornhaldenfriedhof. Sie solle exakt an der Stelle platziert werden, an der sich der Maschinengewehrschie\u00dfstand befand und an die dort Hingerichteten erinnern. <\/p>\n<p>Werner Schmidt, von <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/stolpersteine\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Stuttgarter Stolperstein-Initiativen<\/a>, nennt die Ausstellung und die Verlegung der Stolperschwelle eine wichtigen Beitrag, \u201edass die Geschichte nicht vergessen wird und die mutige Haltung dieser Menschen eine W\u00fcrdigung erf\u00e4hrt\u201c. Ihr Schicksal f\u00fchre \u201edrastisch vor Augen, wohin die Aufhebung der Gewaltenteilung und der willk\u00fcrliche Einsatz staatlicher Gewalt f\u00fchrt\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das bewegende Schicksal von Ewald Huth ist erforscht. 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