{"id":96015,"date":"2025-05-09T04:23:09","date_gmt":"2025-05-09T04:23:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/96015\/"},"modified":"2025-05-09T04:23:09","modified_gmt":"2025-05-09T04:23:09","slug":"buch-ueber-abschied-von-ihrer-mutter-mit-alzheimer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/96015\/","title":{"rendered":"Buch \u00fcber Abschied von ihrer Mutter mit Alzheimer"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Die Mutter der franz\u00f6sischen Schriftstellerin litt an Alzheimer. Nun ist Ernaux\u2019 Tagebuch \u00fcber die letzte gemeinsame Zeit mit ihr auf Deutsch erschienen.<\/p>\n<p>  <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Schreiben, um der fortschreitenden Zeit etwas entgegenzuhalten: Annie Ernaux, 84.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"6720\" height=\"4480\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/05\/ec9eb0ff-e2f6-41a4-9d17-c2796b5a8c6f.jpeg\" loading=\"eager\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Schreiben, um der fortschreitenden Zeit etwas entgegenzuhalten: Annie Ernaux, 84. <\/p>\n<p>Leonardo Cendamo \/ Hulton \/ Getty<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iqiatr7e1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Alles, was Annie Ernaux in ihrem Leben je \u00fcber ihr Leben aufgeschrieben hat, wird eines Tages ver\u00f6ffentlicht, so der Eindruck. Und weil Ernaux alles zu erleben scheint, damit sie es eines Tages aufschreiben kann, umfasst ihr Werk inzwischen zahlreiche autofiktionale B\u00fccher.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.\n      <\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d82v0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Unter dem Titel \u00abIch komme nicht aus der Dunkelheit raus\u00bb ist nun auch Ernaux\u2019 Text \u00fcber die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter auf Deutsch erschienen, fast dreissig Jahre nach dem franz\u00f6sischen Original. Auch der Suhrkamp-Verlag hilft also dabei, zu verwerten, was die Nobelpreistr\u00e4gerin je zu Papier gebracht hat.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d8350\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In dem wie immer schmalen Band berichtet Ernaux in Tagebucheintr\u00e4gen von ihren Besuchen bei ihrer kranken Mutter im Pflegeheim. Sie habe nicht gewusst, wohin sie ihr Schreiben \u00fcber das Verschwinden der Mutter f\u00fchre, so Ernaux einleitend: Es habe sie zu deren Tod gef\u00fchrt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d8370\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Alzheimer war Mitte der achtziger Jahre noch nicht gut erforscht. Doch an der Trauer dar\u00fcber, wie es ist, wenn einem ein Mensch langsam abhandenkommt, hat seither auch noch so viel medizinische Kenntnis nichts ge\u00e4ndert. Ernaux legt hier die Chronik einer zeitlosen Erfahrung vor: der endg\u00fcltigen Trennung von der Frau, die sie geboren hat. \u00abUngeheurer Schmerz, dass ihr Leben so zu Ende geht\u00bb, heisst es einmal.<\/p>\n<p>Vertauschte Rollen<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d83d0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In ihrer kahlen Sprache beschreibt Ernaux den k\u00f6rperlichen und geistigen Zerfall der Mutter. Der mitleidlose Ton verst\u00e4rkt die Brutalit\u00e4t der Situation. Manchmal sind es stichwortartige S\u00e4tze, als erlangte die Autorin Kontrolle \u00fcber ihre Gef\u00fchle, indem sie diese nicht ausformuliert.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d83f0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Mutter verliert eine allt\u00e4gliche F\u00e4higkeit nach der anderen. Ernaux notiert: \u00abWieder festgeschnallt. Schafft es nicht, den Kuchen zu essen, ein St\u00fcck Aprikosentorte, ihre Hand findet den Mund nicht, ihre Zunge streckt sich dem unerreichbaren Leckerbissen entgegen. Ich habe sie gef\u00fcttert, wie fr\u00fcher meine Kinder.\u00bb<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d83i0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Man sp\u00fcrt den Ekel, wenn sie \u00fcber den Gestank im Zimmer schreibt, weil die Mutter auf den Boden uriniert. Dann aber auch wieder grosse Z\u00e4rtlichkeit: So ist die Freude der alten Frau dar\u00fcber, gek\u00e4mmt und sch\u00f6n gemacht zu werden, vom Ged\u00e4chtnisverlust nicht bedroht. \u00abExistieren heisst gestreichelt, ber\u00fchrt werden\u00bb, schreibt Ernaux.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d83k0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Autorin wird zu einer Begegnung mit sich selber gezwungen, wie es das Sterben der Eltern mit sich bringt. Ernaux merkt, dass die Mutter, obwohl sie als Mensch immer weniger wird, weiterhin eine Macht \u00fcber sie hat: Sie l\u00f6st Schuldgef\u00fchle aus. Diese plagen die Tochter jedes Mal, wenn sich im Lift die T\u00fcr vor dem Gesicht der Mutter schliesst. Auch erlebt sie \u00abVerdoppelungen\u00bb: Im alten nackten Frauenk\u00f6rper \u2013 den die Kranke ihr schamlos offenbart \u2013 sieht sie sich in die Zukunft gespiegelt.<\/p>\n<p>Das Leben, ein unvollendetes Werk<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d83n0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ernaux kreist in ihren B\u00fcchern um sich und ihr Leben. Sie bezeichnet sich als \u00abEthnologin ihrer selbst\u00bb. Diesmal zitiert sie mit dem Titel des Buchs eine andere: Den Satz \u00abIch komme nicht aus der Dunkelheit raus\u00bb hat die Mutter als Letztes aufgeschrieben, bevor sie auch nicht mehr schreiben konnte.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d83o0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Ernaux hat bereits ein Buch \u00fcber ihre Mutter geschrieben. In \u00abEine Frau\u00bb erz\u00e4hlt sie von deren Leben als Arbeiterin, die mit ihrem Mann einen Lebensmittelladen in der Normandie f\u00fchrte. Sie habe lange dieses \u00abeinzige Bild\u00bb der Mutter stehenlassen wollen und nicht geplant, den Text \u00fcber ihre Alzheimer-Erkrankung zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1iql5d83p0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Warum tut sie es trotzdem? Weil sie von der Einheit und Koh\u00e4renz, auf die jedes Werk hinauslaufe, herausgefordert werde, lautet ihre Antwort. Es d\u00fcrften also noch einige Texte von Ernaux folgen. Allein deshalb, weil auch ein Leben nie abgeschlossen ist.<\/p>\n<p data-team-footnote=\"\" id=\"id-doc-1iqlakmbb0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"footnote\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent footnote nzzinteraction\">Annie Ernaux: Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus. Aus dem Franz\u00f6sischen von Sonja Finck. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025. 106\u00a0S., Fr. 33.90.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Mutter der franz\u00f6sischen Schriftstellerin litt an Alzheimer. 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