{"id":962354,"date":"2026-04-21T14:55:21","date_gmt":"2026-04-21T14:55:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/962354\/"},"modified":"2026-04-21T14:55:21","modified_gmt":"2026-04-21T14:55:21","slug":"kunst-sobald-ich-etwas-kann-wird-mir-langweilig-sagt-jorinde-voigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/962354\/","title":{"rendered":"Kunst: \u201eSobald ich etwas kann, wird mir langweilig\u201c, sagt Jorinde Voigt"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es gibt nicht viele Menschen, die d\u00fcnne Zigaretten mit wei\u00dfem Filter rauchen k\u00f6nnen, ohne gestelzt auszusehen. Die K\u00fcnstlerin Jorinde Voigt ist so ein Mensch. Sie schafft es sogar, dabei einen Jumpsuit und hohe Reebok Classics zu tragen, was au\u00dfer <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article1466108\/Die-sechs-Leben-der-Jane-Fonda.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article1466108\/Die-sechs-Leben-der-Jane-Fonda.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jane Fonda <\/a>kaum jemandem steht. Wir treffen uns in ihrem Atelier \u2013 das Wort \u201eriesig\u201c w\u00e4re untertrieben \u2013 in Obersch\u00f6neweide im tiefsten S\u00fcdosten Berlins, was b\u00f6se Zungen \u201eOberschweine\u00f6de\u201c nennen.<\/p>\n<p>Doch tats\u00e4chlich haben sich auf dem ehemaligen AEG-Fabrikgel\u00e4nde in den letzten Jahren eine Handvoll erfolgreicher K\u00fcnstler angesiedelt, unter ihnen auch <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus233684118\/Alicja-Kwade-Die-meisten-menschlichen-Eigenschaften-sind-Zufall-und-total-egal.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/plus233684118\/Alicja-Kwade-Die-meisten-menschlichen-Eigenschaften-sind-Zufall-und-total-egal.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Alicja Kwade<\/a> und <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article251616730\/Kunst-Ausgerechnet-am-Hermannplatz-Berlins-ungewoehnlichster-Kunstort.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article251616730\/Kunst-Ausgerechnet-am-Hermannplatz-Berlins-ungewoehnlichster-Kunstort.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Christian Jankowski<\/a>, die viel Platz f\u00fcr ihre Produktionen brauchen, mit denen sie Berliner Kunstgeschichte geschrieben haben. Auch Jorinde Voigt f\u00fcllt die alten Industriehallen direkt an der Spree problemlos. Dabei wird ihre Kunst st\u00e4ndig wieder abtransportiert, auf Biennalen, in Museen, in Opernh\u00e4user und Gro\u00dfkanzleien. Als wollte sie dieser Gesch\u00e4ftigkeit etwas entgegenhalten, hat sie ihr Studio in einer Harmonie und Organik umbauen lassen, wie sie sonst vor allem in der Natur vorkommt: Holz und Lehmputz, Messingt\u00fcren und Zementboden verleihen den gef\u00fchlt unz\u00e4hligen R\u00e4umen etwas Offenes und zugleich Warmes. Egal, wo man sich befindet, es f\u00fchlt sich gut an.<\/p>\n<p>Wir treffen uns im Empfangsbereich, wo ihre Assistenten an langen schwarzen Tischen hinter Monitoren arbeiten. Der erste Raum \u2013 so hoch wie eine Kirche \u2013 ist mit einem luftigen Vorhang abgetrennt, auch er ist schwarz, ebenso wie die Acapulco-Chairs aus Gummib\u00e4ndern, die vor einem langen, wei\u00dfen Marmorblock aufgereiht sind. Er dient als Ablagebereich, ein japanischer Holztisch als Arbeitsfl\u00e4che, unweit davon sind Buntstifte sorgf\u00e4ltig auf einem Rollwagen sortiert, in allen Farben des Regenbogens. An den W\u00e4nden lehnen gro\u00dfe Leinw\u00e4nde in Pink und Gelb, versehen mit geschwungenen Formen. Auf Tischen ist Pergamentpapier ausgebreitet, das T\u00fcrkis einer Papierarbeit leuchtet darunter auf, versehen mit Blattgold, was unwillk\u00fcrlich an Madonnendarstellungen denken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Im Umfeld der anthrazitfarbenen W\u00e4nde und der meterhohen Fenster, was mit allem anderen in jeder Hinsicht frei und offen wirkt, leuchten die Farben von Voigts Arbeiten gleich doppelt hervor \u2013 und das ist erst der Anfang. \u00dcber Treppen und durch T\u00fcren begegnet man abgestuften Farbt\u00f6nen, von Rosa, Lachsfarben und Lila zu Blaugrau, die einzelne W\u00e4nde oder ganze R\u00e4ume f\u00fcllen. Man trifft auf Badewannen, farbig gekachelte Sitzecken mit tropischen Pflanzen, auf eine endlose schwarze K\u00fcchenzeile und ein Industrieregal, in dem handtellergro\u00dfe, organisch geschwungene Formen liegen, die entfernt an Hans Arp erinnern. Sie k\u00f6nnten T\u00fcrknaufvarianten sein oder Modelle f\u00fcr Skulpturen im \u00f6ffentlichen Raum. Dann wieder st\u00f6\u00dft man auf silbrige Collagen auf sattgr\u00fcnem Hintergrund und ebensolchen Holzrahmen, die eigentlich schon Vitrinen sind. Schlie\u00dflich sind da die zarten Zeichnungen, denen man sich einfach nicht entziehen kann \u2013 es sind, so scheint es, Weiterentwicklungen der \u201eNotationen\u201c, mit denen Jorinde Voigt vor rund 15 Jahren bekannt wurde: visuelle Kompositionen voller Pfeile und Linien, die ihren Gedankeng\u00e4ngen eine Form gaben.<\/p>\n<p>Damals konnte sich noch keiner vorstellen, dass diese K\u00fcnstlerin einmal so viel Platz brauchen und ihre Arbeit so farbenfroh und auch dreidimensional werden w\u00fcrde \u2013 so sehr, dass sie auf Architektur \u00fcberspringt wie Kletterpflanzen auf Fassaden. Voigts filigrane Bl\u00e4tter von damals erinnern an wissenschaftliche Skizzen, philosophische Schemata oder schlichtweg an Musik und ganz entfernt auch an die obsessiven Schriftschw\u00fcnge von Hanne Darboven. Es ist dieser romantische, sensible, aber auch intellektuell vielschichtige Touch, der in ihren neuen Arbeiten nachhallt. Zu behaupten, Voigts aus orangefarbenen und knallblauen Verl\u00e4ufen bestehenden Malereien strahlten wie Sonnenunterg\u00e4nge und wolkenlose Himmel, ist mit heutigem Kunstvokabular zwar nicht ernsthaft m\u00f6glich, ohne Klischees zu bedienen \u2013 und dennoch evozieren diese Bilder genau solche existenziell-vertr\u00e4umten Gedanken. Die K\u00fcnstlerin selbst formuliert das allerdings sehr pr\u00e4zise.<\/p>\n<p>\u201eIch w\u00e4re oft gern woanders\u201c, sagt sie, als wir uns vor einem der riesigen Fenster niederlassen. Der Blick geht in den Garten, den die K\u00fcnstlerin hier eigenh\u00e4ndig und offenbar mit viel Gesp\u00fcr und Wissen angelegt hat \u2013 sogar ein \u00fcppiger Feigenbaum windet sich die Au\u00dfenwand empor, die Sonne wirft ihre Strahlen darauf, als w\u00e4re man in Italien. Ein Mitarbeiter bringt Espresso, und der Aschenbecher beginnt, sich auf eleganteste und beinahe geruchsfreie Weise zu f\u00fcllen, was der Nonchalance der K\u00fcnstlerin geschuldet sein muss. Warum, um alles in der Welt, sollte man sich hier wegw\u00fcnschen wollen?<\/p>\n<p>\u201eSobald ich etwas kann, wird mir langweilig. Ich funktioniere am besten in den Momenten des Ausprobierens. Meine urspr\u00fcngliche Frage ist: Was ist diese Welt eigentlich, und was sind wir darin? Sie ist nicht gekl\u00e4rt, und ich versuche, mich ihr immer wieder neu anzun\u00e4hern.\u201c Diese Haltung ist eindeutig der Grund f\u00fcr Voigts Wandelbarkeit, f\u00fcr ihr Nichtbeharren auf einer Formel, mit der, einmal erfolgreich, viele Kollegen gern den Kunstmarkt bedienen. \u201eKunstmachen ist f\u00fcr mich ein Prozess, der sich im Rahmen einer philosophischen Skizzierung bewegt. Gedanken sind nicht zu trennen von der k\u00f6rperlichen Aktion und von den Bedingungen, unter denen beides entsteht. Deshalb habe ich irgendwann angefangen, raumbezogen zu arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Jorinde Voigt, heute 49 Jahre alt, hat einige Semester Philosophie in ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main studiert, bevor sie nach Berlin an die Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin ging, in die Klasse von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article140240674\/Hier-kommst-du-nie-wieder-raus.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article140240674\/Hier-kommst-du-nie-wieder-raus.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Katharina Sieverding<\/a>. Dort wurde mit Film und Fotografie gearbeitet \u2013 was ungew\u00f6hnlich war f\u00fcr Voigt, die in einem Haus ohne Fernseher aufgewachsen ist. \u201eAls Kind war ich andauernd drau\u00dfen im Garten. Meine Mutter hat mir alles \u00fcber Pflanzen beigebracht. Botanik war f\u00fcr mich viel nat\u00fcrlicher, als Filme zu schauen. Ich kannte keinen einzigen.\u201c Im Studium bei Sieverding sei es aber letztlich um das Untersuchen der Gegenwart gegangen, um das Nicht-Weggucken und das Was-passiert-gerade? Im Grunde also die beste und praktischste Fortsetzung ihres Pflanzen- und Philosophiestudiums. <\/p>\n<p>\u201eDas war wie Gehirntraining. Ich konnte mich in andere Denkmodelle hineinversetzen und sie durchspielen. Diese Versuche, die Vorstellung anderer nachzuvollziehen und dann r\u00fcckw\u00e4rts sich selbst zu \u00fcberpr\u00fcfen, sind f\u00fcr mich bis heute zentral. In meiner Arbeit bin ich immer sehr algorithmisch vorgegangen, habe alles in einzelne Parameter zerlegt und daf\u00fcr Gesetze festgelegt, um zu pr\u00fcfen, wie alles miteinander zusammenh\u00e4ngt, und um das dann durchzuspielen. Ich mache Kunst nur, um daraus einen Erkenntnisgewinn zu ziehen.\u201c<\/p>\n<p>So abstrakt es klingt: Voigts Arbeiten sind sehr sinnlich. Wer sich auf die organisch ineinander verwachsenen Skulpturen einl\u00e4sst, auf die bunten Leinw\u00e4nde und flattrigen Schw\u00fcnge auf Papier, der l\u00e4sst sich von ihnen regelrecht einsaugen. Man ertappt sich dabei, den umgebenden Raum auf die sorgsam gesetzten Form- und Farbanordnungen hin zu ersp\u00fcren, mit denen Abstraktion hier k\u00f6rperlich erfahrbar wird. \u201eKunst zu betrachten, hei\u00dft, in ein M\u00f6glichkeitsspektrum des Jetzt zu schauen\u201c, sagt die K\u00fcnstlerin, und inzwischen erkennt man darin eine voigtverkopfte Umschreibung f\u00fcr die Interaktion und Begegnung mit Kunst. Man merkt, die K\u00fcnstlerin versteht ihre Arbeit im Grunde performativ, ja, sogar architektonisch, und angesichts dieses bewusst auf r\u00e4umlichen Dialog angelegten Ateliers ist sie das tats\u00e4chlich auch.<\/p>\n<p>Somit ist auch klar, wieso Jorinde Voigt Fernweh hat. Im weiteren Gespr\u00e4chsverlauf geht es dann n\u00e4mlich noch um Relativit\u00e4tstheorie und Quantenphysik, und ohne sich anzuma\u00dfen, davon irgendetwas zu verstehen, k\u00f6nnte man erw\u00e4gen, dass beide Themen vielleicht etwas gemeinsam haben, n\u00e4mlich die Erkenntnis, dass Verwurzelung eigentlich unm\u00f6glich ist, genauso wie Raum und Zeit sich nicht so einfach festklopfen lassen. Und dass die kleinsten physikalischen Einheiten, aus denen alles besteht, also Quanten, immer auch gleichzeitig woanders und au\u00dferdem noch zwei Zust\u00e4nde gleichzeitig sind. Um es klassisch mit Heraklit zu sagen: Alles flie\u00dft. Alles ist st\u00e4ndig in Bewegung, Menschen genauso wie Musik, Wolken und Gef\u00fchle. Vielleicht auch deshalb sind B\u00e4ume und Blumen f\u00fcr Jorinde Voigt so interessant: Weil sie dieses Gedankenmodell mit ihrem stetigen Weiterwachsen spiegeln. Und zugleich widerlegen sie es: Was ist schlie\u00dflich verwurzelter als ein Baum? Am Ende sind Ideen nur Ideen. Gedanken, die ihre Kreise wie Zigarettenrauch ziehen, bevor sie verschwinden \u2013 oder sich in Kunst verwandeln.<\/p>\n<p>Zum Berlin Gallery Weekend (1. bis 3. Mai 2026) er\u00f6ffnet die <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.galeriejudin.com\/\" target=\"_blank\" title=\"Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.galeriejudin.com\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">Galerie Judin<\/a> ihre erste Einzelausstellung von Jorinde Voigt: \u201eNon-Fiction\u201c, bis 6. Juni, Mercator-H\u00f6fe, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es gibt nicht viele Menschen, die d\u00fcnne Zigaretten mit wei\u00dfem Filter rauchen k\u00f6nnen, ohne gestelzt auszusehen. 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