{"id":97203,"date":"2025-05-09T15:02:09","date_gmt":"2025-05-09T15:02:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/97203\/"},"modified":"2025-05-09T15:02:09","modified_gmt":"2025-05-09T15:02:09","slug":"meisterzeichnungen-in-der-albertina-wien-leonardo-laesst-die-muskeln-spielen-duerer-den-deluxe-effekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/97203\/","title":{"rendered":"Meisterzeichnungen in der Albertina Wien: Leonardo l\u00e4sst die Muskeln spielen, D\u00fcrer den Deluxe-Effekt"},"content":{"rendered":"<p>Als neuer Direktor der Grafiksammlung der Albertina in Wien kann Ralph Gleis aus dem Vollen sch\u00f6pfen. An Berlin (von wo er kommt), erinnern nur Leihgaben in seiner fantastischen Antrittsschau. Sie zeigt, wie farbenpr\u00e4chtig Renaissance und Barock auch auf Papier waren.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Was gibt es Sinnlich-K\u00f6stlicheres in der Kunstbetrachtung als Meisterzeichnungen der Renaissance und des Barocks auf Papier? Die Raffinesse, mit der etwa der aufgeraute Silberstift, die Feder f\u00fcr Konturzeichnung, wei\u00dfe H\u00f6hungen f\u00fcr lebendige Dreidimensionalit\u00e4t sowie Lavierung f\u00fcr Tiefenwirkung ein Wesen oder einen Gegenstand auf dem unebenen, aber aufnahmef\u00e4higen Papier erstehen lassen, kitzelt den Genuss. Besonders auf farbigem Untergrund und in der Anschauung aus n\u00e4chster N\u00e4he l\u00e4sst das geradezu erschaudern.<\/p>\n<p>Die Wertsch\u00e4tzung jenseits und diesseits der Alpen allerdings war unterschiedlich. Den italienischen K\u00fcnstlern blieben diese Bl\u00e4tter oftmals Arbeitsmaterial, schnell hingeworfene, fl\u00fcchtige Augenblicksinspirationen, die immer weiter erg\u00e4nzt wurden. Den Nordl\u00e4ndern dienten sie h\u00e4ufiger und stetiger auch als fertiges Werk, als ein verkaufbares Objekt von h\u00f6chst intimer, intensiver Gestaltungskraft.<\/p>\n<p>Ralph Gleis, der als neuer Direktor gerade auf den immens erfolgreichen Klaus Albrecht Schr\u00f6der gefolgt ist, besinnt sich in seiner Antrittsschau an der Wiener Albertina auf Werke auf buntem Papier. Diese sind in der weltber\u00fchmten und gr\u00f6\u00dften Grafiksammlung \u2013 sie stammt aus der Habsburger Nebenlinie des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, der mit Maria Theresias Lieblingstochter Marie Christine verheiratet war \u2013 \u00fcberreich vertreten. <\/p>\n<p>In der kostbaren Schau \u201eLeonardo \u2013 D\u00fcrer\u201c wird nicht gekleckert, sondern geklotzt: Es geht gleich los mit Gewandstudien von Leonardo da Vinci (oftmals auf graue Leinwand gemalt), f\u00fcr die er mit Gips getr\u00e4nkte Stoffst\u00fccke arrangierte. Fr\u00fche, sprechende Beispiele sind auch Pisanellos androgyne \u201eAllegorie der Luxuria\u201c auf zartem Pink und eine fantastisch modern anmutende, weil gr\u00f6\u00dftenteils durch Wei\u00dfh\u00f6hungen auf braunen Landschaftsuntergrund wie ein Negativ aufgebaute \u201eHeimsuchung Mariens\u201c von Lorenzo Monaco, die aus Berlin geliehen wurde.<\/p>\n<p>Die Schau findet ihren H\u00f6hepunkt in den wunderbaren Folgen von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/albrecht-duerer\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/themen\/albrecht-duerer\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Albrecht D\u00fcrer<\/a>. Zentriert sind sie um die wieder einmal als hauseigene Inkunabel \u00f6ffentlich ausgestellten, auf hellem Blau so minimalistisch wie lebensecht pulsierend gezeichneten \u201eBetenden H\u00e4nde\u201c eines im nicht mehr existierenden Heller-Altar platzierten Apostels. Dazu kommen passende Draperiestudien und eine Kopfzeichnung, einst auf demselben Blatt, heute abgeschnitten. Das allein ist schon atemraubend zu sehen, wie auf dem Weg bis zu D\u00fcrer die verschiedenen zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstler mit dem Problem der Tiefenwirkung umgegangen sind, wie Gestrichel in der Wechselwirkung bei dem einem fl\u00e4chig dicht wirkt und bei dem anderen durchl\u00e4ssig zart. <\/p>\n<p>Allein 26 Werke von <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/leonardo-da-vinci\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/themen\/leonardo-da-vinci\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Leonardo da Vinci<\/a> sind hier aus diversen Sammlungen bis hin zu den nun als \u201elent by His Majesty King Charles III\u201c firmierenden St\u00fccke der britischen Royal Collection aufgeboten. Und neuerlich fasziniert die universelle Neugier dieses Genies, das so viele unterschiedliche Themen als Denkvorg\u00e4nge auf kleine Bl\u00e4tter packt, umlaufen auch noch von seiner charakteristisch engen Spiegelschrift. <\/p>\n<p>Dann r\u00fchrt es wieder unmittelbar an, wie sorgsam sich dieser offensichtliche Pferdeliebhaber und Bewunderer der Gestaltungskraft der Natur den Fesseln, Flanken, Schenkeln der Vierbeiner, als auch der mythischen Kentauren widmet. Die Pferde r\u00fcckten dabei nat\u00fcrlich meist als Grundlage diverser Reiterstandbilder in den K\u00fcnstler-Fokus, am ber\u00fchmtesten w\u00e4re das viel zu monumentale, nie verwirklichte f\u00fcr Francesco Forza zu nennen.<\/p>\n<p>Der Bogen der 146 grandiosen Bl\u00e4tter spannt sich von fr\u00fchen Italienern \u00fcber Leonardo (schon sein \u201eB\u00e4r\u201c im Original allein lohnt den Besuch), von Tizian bis D\u00fcrer und die Donauschule mit niederl\u00e4ndischen Ausblicken zu Jan Gossaert. Und neben der Schule des schwelgerischen Schauens ist diese konzentrierte und doch reiche Ausstellung \u2013 daf\u00fcr steht der Untertitel <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.albertina.at\/ausstellungen\/leonardo-duerer\/\" target=\"_blank\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.albertina.at\/ausstellungen\/leonardo-duerer\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\">\u201eMeisterzeichnungen der Renaissance auf farbigem Grund\u201c<\/a> \u2013 auch eine \u00dcbung in Didaktik \u00fcber den Gebrauch und die Verwendung von farbigem Papier als Grundlage besonders edler, aber trotzdem spontan lebensnaher Zeichnungen. <\/p>\n<p>Schon um 1400 verfertigte Cennino Cennini eine erste Technikanleitung f\u00fcr das neuerdings leichter herzustellende und auch zu t\u00f6nende Papier. Ocker und Blutstein lieferten die Farben f\u00fcr r\u00f6tliche Bl\u00e4tter, ger\u00e4ucherter Pflanzenstaub f\u00fcr die dunkleren. Die vor allem in Italien gesch\u00e4tzten, grob-billigen, aber gut f\u00fcr die Werkzeuge kompatiblen blauen Papiere hie\u00dfen \u201ecarta azzurra\u201c. D\u00fcrer waren sie zu sch\u00e4big, er grundierte weit aufwendiger selbst. Mit bis heute andauerndem Deluxe-Effekt, welcher seine Gewandfalten, H\u00e4nde, K\u00f6pfe so extraordin\u00e4r schwebend leuchten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die bis dato monochrom akademisch sauber schwarz auf wei\u00df gesetzte Welt der Zeichnung als Vorlage f\u00fcr das Atelier, Festhalten einer Idee, Verfeinern eines Modells wurde um 1400 pl\u00f6tzlich poppig bunt und erhielt einen gewissen Swing \u2013 und verwandelte sich selbst in ein Sammelobjekt. Da wurde mit Orange und Lila, Gr\u00fcn, Gelb und Violett experimentiert, ganz egal, ob Akt, Krippenszene, Portr\u00e4t, Designobjekt oder Tier festzuhalten war. <\/p>\n<p>Die so animierten, ja, in den Vordergrund gestellten Hintergr\u00fcnde bekamen ein psychedelisch anmutendes Strahlen, auf denen der entfesselte Zeichner in beide Richtungen von Hell nach Dunkel arbeiten, ganz neue Tricks und Wirkungen f\u00fcr das Abbilden von Wirklichkeit ausprobieren konnte. An diesen Wiener W\u00e4nden h\u00e4ngt gewisserma\u00dfen eine stille, aber nachhaltige Explosion der Renaissance-Kunst, ein Fest der Farbe, ein \u00e4sthetischer Wandel in der Nussschale; die hier ein wie immer gro\u00dfes Blatt Buntpapier ist. <\/p>\n<p>Die intime Grafik zeigt den Markt k\u00fcnstlerischer M\u00f6glichkeiten. Als stilistischer Spielplatz wie als \u00f6konomische Zone mit steigendem Verkaufswert. Das ist die Welt dessen, was sp\u00e4ter Vasari \u201eMalerei ins Chiaroscuro\u201c nannte. Herrlich zu sehen, wie gut erhalten so manches \u201eHexenblatt\u201c von Hans Baldung Grien auch noch nach 500 Jahren ist, wie dann sp\u00e4ter Holzschneider und barocke Italiener die so gefundenen Ideen in andere, reproduzierbare Techniken \u00fcbertrugen. Ein unerwartet breites Panorama tut sich in diesen hinrei\u00dfenden Bildern auf. <\/p>\n<p>Und am Ende ist dann doch immer wieder das Staunen, wie aus Schraffuren und Konturen von Feder, Pinsel, Kreide, Kohle oder Silberstift in Verbindung mit dem bunten Untergrund eine k\u00f6stliche Bl\u00fcte sprosst, ein kecker Engelskopf die Locken sch\u00fcttelt, eine Filippo-Lippi-Maria gen Himmel blickt oder ein nackter Kerl die prallen Muskeln spielen l\u00e4sst. Die Kunst des Abendlandes wurde durch einen eigentlich einfachen Farbwechsel wieder ein wenig mehr ambivalenter und erwachsen. In der Albertina ist es wunderbar zu erleben. <\/p>\n<p>\u201eLeonardo \u2013 D\u00fcrer. Meisterzeichnungen der Renaissance auf farbigem Grund\u201c, bis 9 Juni 2025, Albertina Wien<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als neuer Direktor der Grafiksammlung der Albertina in Wien kann Ralph Gleis aus dem Vollen sch\u00f6pfen. 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