{"id":974059,"date":"2026-04-26T10:13:21","date_gmt":"2026-04-26T10:13:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/974059\/"},"modified":"2026-04-26T10:13:21","modified_gmt":"2026-04-26T10:13:21","slug":"stadtarchiv-koeln-die-offene-wunde-in-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/974059\/","title":{"rendered":"Stadtarchiv K\u00f6ln: Die offene Wunde in der Stadt"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Die Baugrube ist jetzt 17 geworden. Und zwar keine s\u00fc\u00dfen, sondern besch\u00e4mende 17 Jahre, in denen wenig passiert ist rund um diesen Schandfleck im K\u00f6lner Severinsviertel. Die Rede ist vom 2009 beim U-Bahn-Bau eingest\u00fcrzten Stadtarchiv mit 1,7 Millionen Dokumenten aus 1.000 Jahren Stadtgeschichte. Zwei junge M\u00e4nner starben in mitgerissenen Nachbarh\u00e4usern: versch\u00fcttet, begraben im Grundwasserkrater, der sich am 3. M\u00e4rz 2009 um 13.58 Uhr auftat und das siebenst\u00f6ckige Geb\u00e4ude mit sich riss.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Das Entsetzen war so gro\u00df wie die Hilfsbereitschaft. Zwei Schulen bekamen Ausweichquartiere, die Anwohner neue Domizile. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Pfusch-am-Bau-und-koelscher-Kluengel\/!5474587\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Die Suche nach den Verantwortlichen indes zog sich<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Peu \u00e0 peu kam heraus, dass es gef\u00e4lschte Bauprotokolle und Organisationschaos gegeben hatte. Dass 32 statt 4 Grundwasserbrunnen gebohrt wurden, die den Untergrund destabilisierten. Dass die hierin unge\u00fcbten K\u00f6lner Verkehrsbetriebe (KVB) die Bauaufsicht f\u00fchrten. Dass wichtige Stahlst\u00fctzen gestohlen und an einen Schrotth\u00e4ndler verkauft worden waren. Und dass schon vor dem Einsturz so viel Wasser eindrang, dass die Baustelle zeitweilig per Boot befahren wurde.<\/p>\n<p>      Durch Bauzaun Blick auf den Krater<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"5\">W\u00e4re es nicht so tragisch, h\u00e4tte das alles eine gute Boulevardkom\u00f6die abgegeben. Angesichts der Dimension des Ungl\u00fccks wirkt die Baustelle aber eher wie eine offene Wunde: Eine erst 2023 mit Beton teilverf\u00fcllte Brache mit Sandbergen sowie allerlei Buschwerk pr\u00e4sentiert sich da. Dicht daneben die Kirche St. Georg, ein Caf\u00e9 mit Bauzaunblick, ein Pflegeheim, Wohnh\u00e4user, besagte Schulen. Auf der Baustelle selbst wuseln Bagger, Lkw und allerlei Bauleute. Was genau sie tun, erschlie\u00dft sich nicht. Auch den ber\u00fchmten Grundwasserkrater sieht man nur, wenn man an einer bestimmten Stelle durch den Bauzaun lugt.<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\">\n              <strong>Die Besonderheit<\/strong>\n            <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph\">Die Lage. In dem alt-k\u00f6lnischen Severinsviertel mit seinen urigen L\u00e4dchen und Kneipen w\u00e4re dieser Schandfleck wirklich nicht n\u00f6tig und h\u00e4tte schon l\u00e4ngst beseitigt geh\u00f6rt.<\/p>\n<p> minHeightToScrollBackOnCloseReadmore){<br \/>\nsetTimeout(function() {<br \/>\n$el.closest(&#8218;.module&#8216;).style.scrollMarginTop = &#8217;47px&#8216;;<br \/>\n$el.closest(&#8218;.module&#8216;).scrollIntoView({ block: &#8217;start&#8216; });<br \/>\n}, readMoreAnimationTime);<br \/>\n};<br \/>\n&#8220; class=&#8220;link icon-link-wrapper textlink show_hide is-align-items-center is-flex mgt-medium typo-link-grey-onpage&#8220; aria-controls=&#8220;accordion-panel-ninmk1i07s&#8220; :class=&#8220;{ &#8217;show true&#8216;: show  === true, &#8217;show false&#8216;: show  !== true  }&#8220; id=&#8220;accordion-header-ninmk1i07s&#8220;&gt;<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph\">\n              <strong>Die Zielgruppe<\/strong>\n            <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph\">Alle, die sich \u00fcberzeugen wollen, dass da immer noch ein Loch klafft. Andererseits sind 17 Jahre (Nicht-)Baustelle f\u00fcr K\u00f6ln nicht viel. Wenn man da an die Bauprojekte \u201eOpernhaus\u201c (14 Jahre) und \u201eArch\u00e4ologische Zone MiQua\u201c (11 Jahre) denkt \u2026<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph\">\n              <strong>Hindernisse auf dem Weg<\/strong>\n            <\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\">Zur Umrundung der Baustelle sind l\u00e4ngere Wanderungen erforderlich. Denn der Bauzaun sperrt nicht nur die Brache, sondern auch die Stra\u00dfe weitr\u00e4umig ab, damit wirklich jede Schaufel und Hacke mit genug Platz drumrum gelagert werden kann.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Und auch der provisorische Beton muss demn\u00e4chst wieder weg, denn die Nord-S\u00fcd-U-Bahn wird unverdrossen weitergebaut. Sagenhafte acht Minuten Fahrzeit soll das neue Teilst\u00fcck dereinst sparen. Zynische acht Minuten dauerte der Einsturz. Und acht Jahre sollen noch vergehen, bis die neuerlichen Tiefbauarbeiten vor Ort erledigt sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/wochentaz-testen\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/1774805960_676_wochentaz-kennzeichen-3zu2-klein-1.webp.webp\" alt=\"Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel \u201eEgal war gestern\u201c\" loading=\"lazy\" title=\"Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel \u201eEgal war gestern\u201c\" height=\"161\" type=\"image\/webp\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>wochentaz<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph\">Dieser Text erschien zuerst in der <strong>wochentaz<\/strong>, unserer Wochenzeitung von links!<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last\">In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist \u2013 und wie sie sein k\u00f6nnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und <strong><a href=\"https:\/\/taz.de\/wochentaz-testen\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">nat\u00fcrlich im Abo<\/a><\/strong>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"7\">Und dies ist ja nur ein Teilst\u00fcck der 2003 begonnenen U-Bahn-Bauarbeiten, die von Anfang an Schlagzeilen machten: Mehrere Kirchen \u2013 St. Maria im Kapitol und St. Georg \u2013 bekamen w\u00e4hrend der Tunnelbohrungen Risse, sodass die Pfarrer das Inventar in Sicherheit brachten. Der Turm der Kirche St. Johann-Baptist in Archivsichtweite neigte sich und ging als \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/St._Johann_Baptist_(K%C3%B6ln)\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Schiefer Turm von K\u00f6ln<\/a>\u201c in die Annalen ein. Auch das Stadtarchiv hatte sich wenige Wochen vor dem Einsturz bedenklich geneigt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Reagiert hat niemand. Besagte KVB-Bauaufsicht mahnte die Behebung der Probleme an, ein Ingenieurb\u00fcro attestierte der Baustelle Standsicherheit. Das war es dann. Wird schon halten \u2013 immer gem\u00e4\u00df dem K\u00f6lner Motto \u201eEt h\u00e4tt noch immer jot jejange.\u201c Es ist noch immer gut gegangen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Aber diesmal nicht. Monatelang klaubten Helfer nach dem Einsturz Papierschnipsel zusammen und verteilten sie auf 20 Asylarchive. Manches wurde erst 2010, ein Jahr nach dem Einsturz, aus dem Schlamm geborgen. Die Restaurierung wird bis 2050 dauern, ein Drittel wohl unrettbar sein.<\/p>\n<p>      Tr\u00e4ge juristische Aufarbeitung<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Und die juristische Aufarbeitung, bei der es auch um zweifache fahrl\u00e4ssige T\u00f6tung durch Unterlassen ging? Die verlief so tr\u00e4ge wie die Verf\u00fcllung der Grube: 2018, kurz vor Ende der Verj\u00e4hrungsfrist, verurteilte das K\u00f6lner Landgericht schlie\u00dflich den Bau\u00fcberwacher und den Oberbauleiter zu Bew\u00e4hrungsstrafen, sprach zwei weitere Bauleiter frei. Wegen Verfahrensfehlern hob der Bundesgerichtshof die Urteile sp\u00e4ter auf und verwies die F\u00e4lle zur\u00fcck ans Landgericht.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Das stellte die Verfahren im August 2024 gegen Geldauflagen ein: Die verbliebenen Angeklagten seien nur \u201emittelbar\u201c verantwortlich, hie\u00df es. Unmittelbar verantwortlich seien ein inzwischen verstorbener Baggerfahrer sowie ein erkrankter, verhandlungsunf\u00e4higer Polier. Zudem sei das \u00f6ffentliche Interesse erloschen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Das aber stimmte nie. Gleich 2010 wurde am Schauspiel K\u00f6ln <a href=\"https:\/\/taz.de\/Drei-Stuecke-Jelineks-am-Schauspiel-Koeln\/!5133050\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Elfriede Jelineks eigens verfasster, bitterb\u00f6ser Text<\/a> \u201eEin Sturz\u201c aufgef\u00fchrt. Seit 2011 m\u00fcht sich zudem die <a href=\"https:\/\/www.archivkomplex.de\/\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">Initiative ArchivKomplex<\/a> um Mitbestimmung bei der Neubebauung und um w\u00fcrdiges Gedenken. Und das auf echt k\u00f6lsche Art: 2019, der Jahrestag fiel auf den Rosenmontag, monierten sie die lahme Aufarbeitung mit dem Banner: \u201e10 Jahre Einsturz: das geht uns nicht am Arschiv vorbei\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Seit 2022 schlie\u00dflich h\u00e4ngt, nach einigem Hin und Her, Reinhard Matz\u2019 \u201eBeklagung in acht Tafeln\u201c zur Historie des Einsturzes am Bauzaun. Immer wieder kommen Passanten und lesen. Das \u00f6ffentliche Interesse lebt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Baugrube ist jetzt 17 geworden. 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