{"id":9750,"date":"2025-04-06T06:20:41","date_gmt":"2025-04-06T06:20:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/9750\/"},"modified":"2025-04-06T06:20:41","modified_gmt":"2025-04-06T06:20:41","slug":"interview-vier-amerikanische-juden-ueber-ihr-leben-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/9750\/","title":{"rendered":"Interview: Vier amerikanische Juden \u00fcber ihr Leben in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rebecca, Toby, Liora und Dylan, ihr seid alle in den USA aufgewachsen. Was habt ihr mit Deutschland assoziiert, bevor ihr hierhergezogen seid?<\/strong><br \/><strong>Rebecca Blady:<\/strong> Die \u00bbEndl\u00f6sung\u00ab \u2026<\/p>\n<p><strong>Toby Axelrod: <\/strong>Absolut. Ich wurde 1956 geboren. Das war eine Zeit, in der der Holocaust ein gro\u00dfes Thema war, auch in unserer Synagoge.<\/p>\n<p><strong>Rebecca:<\/strong> In meiner Familie haben wir deutsche Produkte boykottiert: keine Schuhe, keine Autos \u2026<\/p>\n<p><strong>Liora Jaffe: <\/strong>Das war in meiner Familie auch so.<\/p>\n<p><strong>Dylan Kassin: <\/strong>F\u00fcr mich war Deutschland ein Land, das von Juden \u00bbgereinigt\u00ab wurde, ein Land, das in der j\u00fcdischen Welt nicht mehr existierte. Ich hatte keinen blassen Schimmer, dass es hier immer noch eine aktive j\u00fcdische Gemeinschaft gab.<\/p>\n<p><strong>Toby, du bist 1997 als Journalistin nach Deutschland gekommen. Was hat dich hierhergef\u00fchrt?<\/strong><br \/><strong>Toby:<\/strong> Ich hatte bereits vorher als Journalistin gearbeitet und mich daf\u00fcr interessiert, wie Nicht\u00adjuden in Deutschland mit den Verstrickungen ihrer Familie in die Naziverbrechen umgingen. Ich wollte herausfinden, wie Menschen mit dieser Vergangenheit leben. Zu der Zeit gab es noch viele T\u00e4ter und Zeugen.<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest du die j\u00fcdische Gemeinschaft Ende der 90er in Berlin beschreiben \u2013 auch im Vergleich zu der Gemeinde, in der du aufgewachsen bist?<\/strong><br \/><strong>Toby:<\/strong> Auf Long Island und auch in New York City war ich Teil einer riesigen j\u00fcdischen Gemeinschaft. Mit dieser Pr\u00e4gung bin ich nach Deutschland gekommen. Ich erinnere mich an meinen ersten Feiertag in einer Synagoge in Berlin: Auf dem Weg dorthin versuchte ich wie gewohnt, die vielen Juden zu entdecken, die zur Synagoge str\u00f6men. Und ich sah tats\u00e4chlich viele Leute auf der Stra\u00dfe, aber dann bogen sie auf einen Markt ab. Sie wollten alle einfach nur Gem\u00fcse kaufen. Nur ein Mann ging weiter bis zur Synagoge. Das war ein kleiner Kulturschock f\u00fcr mich. Aber ich habe noch eine andere Erinnerung: In der Synagoge lief ein Kind umher, stolperte \u00fcber ein Kabel, und das Licht ging aus. Der ganze Gebetsraum wurde dunkel, und alle lachten. Da dachte ich mir: Okay, hier ist j\u00fcdisches Leben.<\/p>\n<p><strong>Wie hast du dich als Amerikanerin in der j\u00fcdischen Gemeinschaft Berlins eingelebt?<\/strong><br \/><strong>Toby: <\/strong>Ich war wirklich vorsichtig, mich zu engagieren, weil ich nicht einfach hineinplatzen wollte, wie ein \u00bbUgly American\u00ab. Das war nicht meine Art. Ich war die Journalistin, die von au\u00dfen zuschaute und \u00fcber die Dinge schrieb.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es gab definitiv Spannungen mit Amerikanern, die dachten, sie w\u00fcssten alles besser.<\/p>\n<p>toby axelrod<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Was meinst du mit \u00bbUgly American\u00ab?<\/strong><br \/><strong>Toby:<\/strong> Es ist ein altes Klischee, das manchmal stimmt. Ein Beispiel: W\u00e4hrend eines Treffens mit Mitgliedern der j\u00fcdischen Gemeinde fragte einmal ein j\u00fcdisch-amerikanischer Besucher: \u00bbWarum lebt ihr noch hier? Wie f\u00fchlt ihr euch damit, eure Kinder in Deutschland gro\u00dfzuziehen?\u00ab Eine Frau brach daraufhin in Tr\u00e4nen aus. Sie war so verletzt und f\u00fchlte sich angegriffen. Es gab definitiv Spannungen mit Amerikanern, die dachten, sie w\u00fcssten alles besser, die helfen wollten, aber oft zu aufdringlich waren.<\/p>\n<p><strong>Liora, du bist 15 Jahre sp\u00e4ter als Toby nach Deutschland gekommen. War deine Erfahrung eine andere?<\/strong><br \/><strong>Liora:<\/strong> Ich kam 2013, das war eine wirklich interessante Zeit. Durch die Zuwanderung der Juden aus den L\u00e4ndern der ehemaligen Sowjetunion war die j\u00fcdische Gemeinschaft um ein Vielfaches angewachsen. Die j\u00fcngere post-sowjetische Generation, die gr\u00f6\u00dftenteils in Deutschland aufgewachsen war, wollte nun die Leerstelle f\u00fcllen, die Toby in den 90ern erlebt hat. Dadurch gab es einen Boom an kleinen j\u00fcdischen Projekten. Es lag das Gef\u00fchl in der Luft, dass man alles tun und die Gemeinschaft mitgestalten konnte.<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielten amerikanische Juden bei diesem Boom?<\/strong><br \/><strong>Liora: <\/strong>Eine komplizierte. Es gab einige amerikanische Institutionen, die investierten und ein Interesse daran hatten, eine j\u00fcdische Gemeinschaft in Europa und besonders in Deutschland zu erhalten. Aber am Ende sind viele der Projekte hier lokale Erfolgsgeschichten gewesen.<\/p>\n<p><strong>Rebecca:<\/strong> Ich stimme Liora zu. Ich erinnere mich an viele Amerikaner, die Energie und Wissen hierher mitbrachten. Sie gaben einen hilfreichen kleinen Impuls. Aber am Ende haben wir die positive Entwicklung dieser Jahre all den Menschen zu verdanken, die hier aufgewachsen sind.<\/p>\n<p><strong>Rebecca, dein Mann und du, ihr seid 2016 hierhergekommen und habt eine Gemeinschaft f\u00fcr junge Juden gegr\u00fcndet. Warum habt ihr die wohl gr\u00f6\u00dfte j\u00fcdische Stadt der Welt, New York, verlassen und seid nach Berlin gezogen?<\/strong><br \/><strong>Rebecca:<\/strong> Das war eine sehr pers\u00f6nliche Entscheidung. Wir f\u00fchlen uns in kleineren j\u00fcdischen Gemeinschaften viel wohler. In Brooklyn hatten wir alles in unmittelbarer N\u00e4he: Es gab koschere Restaurants und j\u00fcdische Gesch\u00e4fte an jeder Ecke. Aber wir glauben, dass es Teil eines sinnerf\u00fcllten j\u00fcdischen Daseins ist, es bewusst zu leben. Und wir hatten angefangen, genau das zu verlieren. Als Rabbiner wollen wir die Menschen wirklich kennenlernen, die um uns herum sind. Wir kamen mit der Vorstellung hierher, mehr mit den Juden in Berlin als mit denen in New York gemeinsam zu haben.<\/p>\n<p><strong>Hat sich diese Vorstellung bewahrheitet?<\/strong><br \/><strong>Rebecca: <\/strong>Nicht ganz. Ich musste erst lernen, wie viel Wissen ich als selbstverst\u00e4ndlich angesehen habe, weil ich in einem Haushalt aufgewachsen bin, in dem beide Eltern j\u00fcdisch lebten. Ich sah, wie meine Mutter den Schabbat feierte. Ich sah, wie mein Vater betete. In einer Familie aufzuwachsen, in der die Tradition von Eltern und Gro\u00dfeltern \u00fcbernommen wird, ist f\u00fcr die meisten Juden in Deutschland nicht die Regel. Ich wusste zwar auf einer intellektuellen Ebene, dass es hier f\u00fcr das Judentum diesen riesigen Bruch gegeben hat. Aber es hat eine Weile gedauert, bis ich wirklich verstanden habe, was das bedeutet.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>In Berlin sp\u00fcrte ich ein St\u00fcck der Vielfalt, die ich aus New York kenne, nur mit weniger Barrieren.<\/p>\n<p>dylan kassin<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Dylan, du bist vergangenes Jahr nach Deutschland gekommen. Du hast gerade die Geschichten \u00fcber die aufregenden Zeiten der fr\u00fchen 2010er-Jahre geh\u00f6rt \u2013 \u00fcbt Berlin heute noch die gleiche Anziehungskraft auf amerikanische Juden aus?<\/strong><br \/><strong>Dylan: <\/strong>Berlin ist immer noch ber\u00fchmt f\u00fcr all die spa\u00dfigen Sachen, von denen junge Amerikaner tr\u00e4umen: Partys, Techno und lange N\u00e4chte. Es ist nicht die wunderbare j\u00fcdische Gemeinschaft, die sie hierherzieht. Dennoch, nach meinem ersten Schabbat in einer orthodoxen Synagoge in Berlin war ich begeistert: Ich hatte viele Menschen unterschiedlichen Alters gesehen, Kinder, die wild herumtobten, Teenager in Jeans, einen Mann mit einem echten Strejmel. Hier sp\u00fcrte ich ein St\u00fcck der Vielfalt, die ich aus New York kenne, nur mit weniger Barrieren.<\/p>\n<p><strong>Liora:<\/strong> Als ich nach Deutschland kam, hatte ich eine ganz andere Erfahrung, besonders in den traditionellen Gemeinschaften au\u00dferhalb Berlins. Ich fand mich mehr als einmal bei einem Kiddusch wieder, wo ich die einzige Englischsprechende war. Die Kommunikation beschr\u00e4nkte sich meist auf ein Wort: \u00bbWodka?\u00ab<\/p>\n<p><strong>Rebecca:<\/strong> Dylan, wie meinst du das, wenn du sagst, dass die Gemeinschaft in Berlin so zug\u00e4nglich sei?<\/p>\n<p><strong>Dylan: <\/strong>Die Informationen \u00fcber kommende Veranstaltungen sind gut zug\u00e4nglich, und solange du es auf die Liste schaffst, damit dich der Sicherheitsmann hineinl\u00e4sst, bist du dabei. Ich fand es ziemlich einfach, mit Leuten ins Gespr\u00e4ch zu kommen, selbst ohne Deutsch oder Russisch zu sprechen. Ich sp\u00fcre hier keine Spannungen innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft.<\/p>\n<p><strong>Toby:<\/strong> Ich denke, es gibt einen riesigen Unterschied zwischen meiner damaligen Erfahrung und deiner heutigen, Dylan. Ich war auf der Suche nach meinem spirituellen Zuhause in Berlin und ging zu einem egalit\u00e4ren Gottesdienst. Doch dann sah ich, wie einige Mitglieder der Gemeinschaft dar\u00fcber stritten, ob bei den Gottesdiensten Musikinstrumente verwendet werden sollten oder nicht. In New York h\u00e4tte man sich einfach eine andere Synagoge gesucht. Aber in Berlin gab es schlicht nicht genug Optionen.<\/p>\n<p><strong>Dylan: <\/strong>Genau das hat doch auch eine sehr positive Seite: In New York ist alles so gespalten. Ich hatte nie das Gef\u00fchl, einfach nur j\u00fcdisch sein zu k\u00f6nnen. Ich war ein modern-orthodoxer Jude, dessen Eltern in eine ganz bestimmte Synagoge in Manhattan gehen. Es reicht in New York nicht aus, nur Jude zu sein, weil es so viele gibt.<\/p>\n<p><strong>Liora:<\/strong> In den USA hatte ich nie das Gef\u00fchl, einer Minderheit anzugeh\u00f6ren. Erst in Deutschland habe ich wirklich verstanden, wie es ist, ein sehr kleiner Teil einer gr\u00f6\u00dferen Gesellschaft zu sein.<\/p>\n<p><strong>Rebecca: <\/strong>Dieses Gef\u00fchl, eine winzige Minderheit in Deutschland zu sein, hat sich seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 verst\u00e4rkt. Ich habe dadurch auf eine ganz neue Weise verstanden, wie wichtig Israel als Zufluchtsort f\u00fcr Juden hierzulande ist. Das gilt besonders f\u00fcr einige der jungen Leute, deren Familien aus der ehemaligen Sowjetunion erleben mussten, wie ihnen das Sicherheitsnetz unter den F\u00fc\u00dfen weggerissen wurde. In meiner Gemeinde in den USA hatte ich das Gef\u00fchl, dass hier das j\u00fcdische Leben gesichert ist. Jetzt, wo ich in Deutschland lebe, ist das Bed\u00fcrfnis nach einem Zufluchtsort \u2013 und das ist die entscheidende Rolle Israels f\u00fcr so viele Juden \u2013 viel gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Es gibt eine Kluft zwischen linken j\u00fcdischen Kreisen in Amerika und der j\u00fcdischen Gemeinschaft in Deutschland.<\/p>\n<p>rebecca blady<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Dieses unterschiedliche Verh\u00e4ltnis zu Israel f\u00fchrt offenbar zu einem Konflikt: Immer wieder kritisieren linke j\u00fcdische Intellektuelle aus den USA den deutschen Umgang mit Antisemitismus und Antizionismus. Die amerikanisch-j\u00fcdische Philosophin Susan Neiman spricht gar von einem \u00bbphilosemitischen McCarthyismus\u00ab in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023.<\/strong><br \/><strong>Rebecca:<\/strong> Es gibt eine Kluft zwischen linken j\u00fcdischen Kreisen in Amerika und der j\u00fcdischen Gemeinschaft in Deutschland. Hierzulande sind Juden eine kleine Minderheit und oft von ihren kulturellen und religi\u00f6sen Wurzeln abgekoppelt. J\u00fcdisch aufzuwachsen, das ist hier schwieriger. Viele amerikanische Juden verstehen das nicht. Au\u00dferdem unterscheidet sich das Konzept der Meinungsfreiheit in Deutschland erheblich von dem der USA, wo es viel weiter gefasst ist. Kritik aus den USA an Deutschland \u00fcbersieht diesen wichtigen Unterschied.<\/p>\n<p><strong>Toby: <\/strong>In Deutschland gibt es bestimmte Dinge, die man nicht sagen, zeigen, tun oder sogar singen darf. Wenn man diese Grenze \u00fcberschreitet, f\u00e4llt die Reaktion stark aus. Gleichzeitig finde ich es irref\u00fchrend, wenn behauptet wird, man d\u00fcrfe Israel in Deutschland nicht kritisieren \u2013 denn das stimmt einfach nicht. Ich sehe solche Kritik regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p><strong>Rebecca: <\/strong>Dieser Vorwurf ist nicht nur irref\u00fchrend, sondern auch sch\u00e4dlich. Die Diskussion ist so polarisiert, dass es nur zwei Extreme gibt: linker Intellektualismus auf der einen Seite und \u00bbphilosemitischer McCarthyismus\u00ab auf der anderen. In diesem Klima findet sich die j\u00fcdische Gemeinschaft in einer vertrackten Situation wieder.<\/p>\n<p><strong>Dylan:<\/strong> Ich bin der Meinung, dass einige Einschr\u00e4nkungen der Redefreiheit zu weit gehen. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass die Leute schon an der Vorstellung Ansto\u00df nehmen, dass andere \u00fcberhaupt eine Meinung \u00e4u\u00dfern, die sie ablehnen.<\/p>\n<p><strong>Toby:<\/strong> Das habe ich fr\u00fcher auch so empfunden. Aber nachdem ich einige Zeit hier verbracht habe, sehe ich die Dinge etwas anders. Bei bestimmten Demonstrationen wird \u00bbFrom the river to the sea, Palestine will be free\u00ab skandiert, was f\u00fcr viele Menschen eine eliminatorische Botschaft enth\u00e4lt. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich ziehe ich hier eine Grenze. Es hat keinen Sinn, einen Dialog mit jemandem zu f\u00fchren, der die Existenz des j\u00fcdischen Staates ablehnt.<\/p>\n<p><strong>Mittlerweile ist diese Parole in Deutschland in bestimmten Kontexten verboten.<\/strong><br \/><strong>Dylan:<\/strong> Ich habe ein seltsames Gef\u00fchl, wenn Nichtjuden in der deutschen Regierung Gesetze zum Schutz von Juden schaffen, die gleichzeitig daf\u00fcr sorgen, dass sich bestimmte Juden in Deutschland nicht mehr wohlf\u00fchlen. Diese Darstellung ist nat\u00fcrlich sehr oberfl\u00e4chlich und geht nicht auf das eigentliche Problem ein. Aber manchmal finde ich es wichtig, einen Schritt zur\u00fcckzutreten und sich einzugestehen, dass all das in gewisser Weise ziemlich l\u00e4cherlich wirkt.<\/p>\n<p><strong>Liora: <\/strong>Ich kann mit Rebeccas Aussage \u00fcber die Polarisierung viel anfangen \u2013 niemand kann gewinnen, wenn beide Seiten nicht miteinander kommunizieren. Manchmal f\u00fchlt es sich hoffnungslos an.<\/p>\n<p><strong>Toby:<\/strong> Jeder will den Streit f\u00fcr sich entscheiden, anstatt sich anzuh\u00f6ren, was der andere zu sagen hat.<\/p>\n<p><strong>Das besondere Verh\u00e4ltnis zwischen Deutschland und Israel ist auch durch den Holocaust gepr\u00e4gt. Was haltet ihr von der Art und Weise, wie Deutschland mit diesem Kapitel seiner Geschichte umgegangen ist?<\/strong><br \/><strong>Toby: <\/strong>Jeder mit deutschen Wurzeln wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit diesem Thema konfrontiert \u2013 und nimmt sich dessen dann entweder an oder lehnt eine Besch\u00e4ftigung damit bewusst ab. Aber niemand kann es vollst\u00e4ndig ignorieren. Das ganze Konzept des \u00bbSchlussstrichs\u00ab \u2013 die Idee, dass es ein Ende der Diskussion gibt, als ob wir das Thema bew\u00e4ltigt h\u00e4tten \u2013 erscheint mir so unzureichend und so oberfl\u00e4chlich.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Leute fangen pl\u00f6tzlich an, einem schreckliche Geschichten \u00fcber die Taten ihrer Gro\u00dfeltern zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>liora jaffe<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Liora:<\/strong> Was mir hier auff\u00e4llt, ist das Unbehagen, das viele Leute mit Juden haben. W\u00e4hrend die Aufarbeitung der Geschichte der ermordeten Juden im Vordergrund steht, sind hier immer noch viele unsicher, wie sie mit denjenigen von uns umgehen sollen, die am Leben sind. Es ist nicht unbedingt so, dass die Leute offen antisemitisch sind. Es geht eher um das mulmige Gef\u00fchl, das entsteht, wenn ich sage, dass ich J\u00fcdin bin. Dieser kurze Moment, in dem die Leute das verarbeiten und dann nicht mehr in der Lage sind, auf einen so zu reagieren wie zuvor, oder pl\u00f6tzlich anfangen, einem schreckliche Geschichten \u00fcber die Taten ihrer Gro\u00dfeltern zu erz\u00e4hlen. Manchmal hat man den Eindruck, dass viele nur \u00fcber das Thema Holocaust eine Beziehung zu jemandem aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Rebbeca: <\/strong>Es gibt ein beunruhigendes Ma\u00df an Fetischisierung von Juden. Das ist etwas, was ich in den USA nicht erlebt habe. Und wenn ich amerikanischen Kollegen und Freunden davon erz\u00e4hle, finden sie es bizarr.<\/p>\n<p><strong>Toby: <\/strong>Ich habe schon sehr fr\u00fch erlebt, objektiviert und zu einem Symbol f\u00fcr alles J\u00fcdische verkl\u00e4rt zu werden.<\/p>\n<p><strong>Dylan: <\/strong>Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Viel von dem Verhalten, das ich in Deutschland erfahren habe, f\u00fchlte sich wie eine seltsame Manifestation von Schuld an.<\/p>\n<p><strong>Viele Menschen in Deutschland w\u00fcnschen sich das, was Toby als \u00bbSchlussstrich\u00ab bezeichnet hat, und mit der AfD gibt es eine Partei, die genau daf\u00fcr eintritt und nun auch Unterst\u00fctzung aus den USA erh\u00e4lt. Elon Musk sprach auf einer ihrer Kundgebungen und sagte, dass es in Deutschland \u00bbzu viel Fokus auf vergangene Schuld\u00ab gebe.<\/strong><br \/><strong>Toby:<\/strong> Was in den USA passiert, f\u00fchlt sich wie ein Verrat an den amerikanischen Werten und Prinzipien an, mit denen ich aufgewachsen bin. Wenn sich der Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten oder Elon Musk, der \u00e4hnlich einflussreich zu sein scheint, in Deutschland einmischen, ist das f\u00fcr mich sowohl traurig als auch be\u00e4ngstigend. Ich glaube jedoch, dass Deutschland stark genug ist, um solchen Einfl\u00fcssen zu widerstehen. Zumindest hoffe ich das.<\/p>\n<p><strong>Rebecca:<\/strong> Ich bin in der orthodoxen Gemeinschaft aufgewachsen, und dort gibt es viele, die glauben, dass der derzeitige Pr\u00e4sident und seine Mitarbeiter das Richtige tun. Sie vertrauen ihnen, wenn sie \u00fcber Deutschland sprechen. Zuvor hatten sie nie von der AfD geh\u00f6rt, aber jetzt sind einige meiner Verwandten begeistert, dass die AfD bei der Wahl 20 Prozent bekommen hat. Ich glaube jedoch, dass diese Partei ein sehr gef\u00e4hrliches Erbe mit sich bringt. Wenn ich von hier aus nach Amerika schaue, bin ich sehr verwirrt dar\u00fcber, was dort passiert, etwa, dass lebenswichtige Infrastruktur und ganze Abteilungen, die seit Jahrzehnten unverzichtbar sind, gestrichen oder reduziert werden.<\/p>\n<p><strong>Liora:<\/strong> Ich arbeite im humanit\u00e4ren Bereich, und die K\u00fcrzungen der US-Entwicklungshilfe waren verheerend. Verarmte L\u00e4nder und Menschen im Stich zu lassen, widerspricht meinen j\u00fcdischen Werten, vielleicht auch meinen amerikanischen. Da sich die USA in diesem Bereich deutlich zur\u00fcckgezogen haben, ist Deutschland zum gr\u00f6\u00dften Geber von Hilfsg\u00fctern in der Welt geworden. Ich bin eigentlich keine Optimistin, aber vielleicht m\u00fcssen wir nicht das Erstarken der AfD bef\u00fcrchten, sondern k\u00f6nnen stattdessen darauf hoffen, dass Deutschland in Zukunft ein Leuchtturm der Demokratie und humanit\u00e4rer Werte sein wird.<\/p>\n<p class=\"u-teaser-list__headline\">Lesen Sie auch<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnte Deutschland in Anbetracht der Situation in den USA auch zu einem Leuchtturm j\u00fcdischen Lebens und zu einem Anziehungspunkt f\u00fcr amerikanische Juden werden?<\/strong><br \/><strong>Liora: <\/strong>Vielleicht. Bei einem Schabbatessen traf ich k\u00fcrzlich drei amerikanische Juden, die alle seit November hierhergezogen sind. Vielleicht ist es wirklich ein Trend.<\/p>\n<p><strong>Rebecca: <\/strong>Deutschland hat eine Menge zu bieten. Die institutionelle Unterst\u00fctzung f\u00fcr die j\u00fcdische Gemeinschaft ist in diesem Land bemerkenswert. So Gott will, wird das so bleiben. Aber wir m\u00fcssen das Problem des mangelnden religi\u00f6sen Wissens in den deutschen Gemeinden ernster nehmen. Es braucht eine st\u00e4rkere Verbindung zu den j\u00fcdischen Ritualen, der Spiritualit\u00e4t und Identit\u00e4t. Ohne diese Grundlage wird es nicht das n\u00f6tige Selbstvertrauen geben, um das Judentum f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen zu erhalten. J\u00fcdisches Leben in Deutschland wird vielleicht nie ein Niveau erreichen, das auch nur ann\u00e4hernd mit dem in den Vereinigten Staaten vergleichbar ist. Doch die Menschen in den j\u00fcdischen Gemeinden in Deutschland leisten Gro\u00dfartiges, und ich hoffe, dass sie das Judentum hierzulande auf die n\u00e4chste Stufe heben k\u00f6nnen. Das ist aber harte Arbeit.<\/p>\n<p><strong>Dylan: <\/strong>Ich kenne die orthodoxe j\u00fcdische Welt am besten, und zumindest f\u00fcr diese Gemeinschaft ist es schwer, sich eine gro\u00dfe Zukunft in Deutschland vorzustellen. In New York gibt es \u00fcberall koschere Restaurants, und man kann \u00fcberall eine orthodoxe Synagoge zu Fu\u00df erreichen. Das ist in Deutschland schlichtweg nicht der Fall, nicht einmal in Berlin.<\/p>\n<p><strong>Liora: <\/strong>Ich glaube nicht, dass alle Juden pl\u00f6tzlich nach Deutschland ziehen werden. Es geht meiner Meinung nach eher um die praktische Frage, was f\u00fcr die Menschen in ihrem pers\u00f6nlichen Leben Sinn macht und wie die Situation in den verschiedenen L\u00e4ndern gerade ist. Wenn Deutschland der Ort ist, an dem sich die j\u00fcdische Gemeinschaft am sichersten f\u00fchlt, dann werden die Juden hierherkommen. Wenn sie sich in Amerika sicherer f\u00fchlen, werden sie dort bleiben. Das muss keine so existenzielle Frage sein.<\/p>\n<p><strong>Dylan: <\/strong>Was ist mit dem Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit?<\/p>\n<p><strong>Liora: <\/strong>Ich denke, Juden k\u00f6nnen \u00fcberall dazugeh\u00f6ren. Wir haben unsere eigene Gemeinschaft. Wir sind zwar zuf\u00e4llig Amerikaner, aber ich f\u00fchle mich in jedem j\u00fcdischen Raum zu Hause. Ich muss mich nicht in einem bestimmten kulturellen Kontext befinden, der dar\u00fcber hinausgeht. F\u00fcr mich ist es dieses Bewusstsein der Zugeh\u00f6rigkeit, das mir ein Gef\u00fchl von Sicherheit und Gl\u00fcck verschafft.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrten Mascha Malburg und Joshua Schultheis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Rebecca, Toby, Liora und Dylan, ihr seid alle in den USA aufgewachsen. 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