{"id":975367,"date":"2026-04-26T22:57:27","date_gmt":"2026-04-26T22:57:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/975367\/"},"modified":"2026-04-26T22:57:27","modified_gmt":"2026-04-26T22:57:27","slug":"hard-times-thalia-theater-hamburg-antu-romero-nunes-zeigt-charles-dickens-sozialansichten-unter-dem-zirkusdach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/975367\/","title":{"rendered":"Hard Times \u2013 Thalia Theater Hamburg \u2013 Ant\u00fa Romero Nunes zeigt Charles Dickens Sozialansichten unter dem Zirkusdach"},"content":{"rendered":"<p>26. April 2026. &#8222;Kunstreiter m\u00fcsste man sein&#8220;, findet Luisa am Schluss. Dann w\u00e4re man Teil dieser letzten Geschichte, jenes waghalsigen Rettungsplans, der nur vielleicht gelingt. Luisa Gradgrind (Caroline Junghanns) hat da mit ihrem rationalistischen, von Fakten getrieben Vater (Tilo Werner) ihren Frieden geschlossen. Weiche Musik erklingt, sie haken einander ein und gehen gemeinsam in den Sonnenuntergang.<\/p>\n<p>Nein. Stopp. Ganz so kitschig endet diese Inszenierung nicht. Tats\u00e4chlich gehen Tochter und Vater in das Zirkuszelt, das auf der B\u00fchne des Thalia Theaters durch einen bunten Vorhang angedeutet ist, und lassen sich endlich darauf ein: auf die Welt der Gef\u00fchle und der Fantasien, auf die der Magie und der erfundenen Geschichten.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Der K\u00f6nig der Kunstreiter<\/p>\n<p>Kunstreiter also m\u00fcsste man sein. Und hat dabei doch gerade die Nummer(n) eines Kunstreiters gesehen. Einen Abend lang hat dieser alle verf\u00fcgbaren Tricksattel ausprobiert, hat geschickt sein Pferd beherrscht, hat es frei durch alle Gangarten laufen lassen, vom tr\u00e4gen Trab bis hin zum emotionalen Galopp. Reiter und Pferd haben sich dabei als h\u00f6chst beweglich, kunstvoll und ausdauernd gezeigt; und zwar beachtliche drei Stunden lang. Musik, genauer Kompositionen von Anna Bauer, gab es auch noch dazu.<\/p>\n<p>Klar ist mit dem Kunstreiter <a href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/glossar\/nunes-antu-romero\" target=\"_self\" rel=\"nofollow noopener\">Ant\u00fa Romero Nunes<\/a> gemeint, jener Regisseur, der am Theater offensichtlich vor allem zweierlei liebt: das Spiel auf der B\u00fchne und die hauseigene Trickkiste. Der immer wieder Abende erschafft, an denen die Darsteller*innen sich, so scheint es, mit Herz, Hirn und vor allem mit Anlauf in ihre Rollen werfen, in denen sie spielen, improvisieren, singen, und ganz absichtlich \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen d\u00fcrfen. Entsprechend kommt unter Nunes&#8216; Regie nat\u00fcrlich oft spielfreudiges Theater heraus. Meist heiteres.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Keine sozialkritische Abrechnung<\/p>\n<p>Am Thalia Theater hat Nunes dem Charles Dickens&#8216; Roman &#8222;Harte Zeiten&#8220; aus dem Jahre 1854 sein Prinzip Spiellust \u00fcbergeworfen. Hat den zehn Spieler*innen und vier Live-Musiker*innen eine nahezu leere Spielfl\u00e4che mit Kopfsteinpflaster-Imitat (B\u00fchne: Matthias Koch) f\u00fcr allerhand akrobatische \u00dcbungen bereitet: Tanz, Pantomime, Clownerie, Kindertheater, Ger\u00e4usche machen, Glitzerkonfetti, Gesang und Zauberkastenmagie. Dieser verspielte Zugriff \u00fcberrascht nur kurz (und irritiert l\u00e4nger), hatte man doch bei &#8222;Harte Zeiten&#8220; einen tiefdenkenden Abend und oder eine sozialkritische Abrechnung erwartet. Einen \u00fcber harte Zeiten in diesen Zeiten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/HardTimes4_Krafft_Angerer.jpg\" alt=\"HardTimes4 Krafft Angerer\" width=\"805\" style=\"display: block; margin: initial; float: none; width: 100%;\"\/>Wie man sich bettet, so spielt man: Caroline Junghanns als Luisa auf dem Bett, ihr Vater (Tilo Werner) am Bettende \u2013 in Kost\u00fcmen von Lena Sch\u00f6n und Helen Stein \u00a9 Krafft Angerer<\/p>\n<p>Doch inhaltlich passt Nunes&#8216; Konzept schon auch. In dem Roman steckt ja nicht nur das Thema der Klassenwiderspr\u00fcche, das zwischen der Oberschicht (Julian Greis spielt herrlich eklig den selbstgef\u00e4lligen Unsympathen Mr. Josiah Bounderby und Denis Grafe dessen gepresst-coolen Z\u00f6gling Tom Gradgrind) und der Unterschicht (Lisa Hagmeister etwa spielt da die Figur des ausgezehrten Stephen Blackpool, Cath\u00e9rine Seifert dessen verzweifelte Geliebte Rachael) verhandelt wird. Es reiben sich mindestens zwei weitere Prinzipien aneinander: Das eine richtet den Blick starr auf Rationales und auf Zahlen, personifiziert vom Fabrikanten und Patriarchen Thomas Gradgrind (\u00e4u\u00dferst akkurat: Tilo Werner), das andere freut sich an zauberhaften Illusionen und wird vertreten vom Zirkuskind Sissy (begeisternd: Lisa-Maria Sommerfeld) und vom Zirkusdirektor Mr. Sleary, den Cino Djavid als lispelnden, l\u00e4ssigen Dasklapptschonirgendwie-Typen spielt. Djavid hat einen schimmernden Anzug (Kost\u00fcme: Lena Sch\u00f6n, Helen Stein) und wildes Pumuckel-Haar. Au\u00dferdem hat er die Erz\u00e4hlerrolle inne. Seine gelegentlichen sp\u00f6ttischen Kommentare zum B\u00fchnengeschehen, verschaffen ihm bald das gro\u00dfe Vergn\u00fcgen, das Publikum komplizenhaft auf seiner Seite zu wissen.<\/p>\n<p>F\u00fcr alles Atmosph\u00e4rische ert\u00f6nt fast dauernd Live-Musik (Arne Bischoff, Laila Nysten, Timon Schempp, Johannes Wennrich), die abwechselnd an Kurt Weill, an gro\u00dfe Oper oder an seichtem Schlager erinnert. Eine\u00a0Menge Nebel kommt ebenfalls dazu, er erz\u00e4hlt ja auch von den industriellen Schornsteinschloten. Und um Regen zu simulieren, trommeln sich die Darsteller*innen minutenlang auf ihre Zylinder, f\u00fcr ein Kaminfeuer schl\u00e4ngeln sie geschickt ihre H\u00e4nde ineinander, lassen durch sie schnipsend und schnalzend die Glut knistern.<\/p>\n<p class=\"text_zwischentitel\">Mit Herz und Kitsch<\/p>\n<p>Es ist ein nahezu requisitenfreies. zug\u00e4ngliches, gewinnendes und oft aber auch unn\u00f6tig ausschweifendes Illusionstheater, das Nunes und sein wirklich grandioses Ensemble an diesem Abend Szene f\u00fcr Szene in den leeren Raum zaubern. Mal ger\u00e4t es absichtlich, mal unabsichtlich kitschig, mal erinnert es an ein verkl\u00e4rtes Weihnachtsspektakel, mal an ein herzzerrei\u00dfendes Musical, mal an ein gef\u00fchliges Pop-Konzert und mal schlicht an spontanes Impro-Theater. Mal geraten die Szenen pointiert, mal g\u00e4hnend lang. Immer aber sind sie gekonnte Darbietungen auf den Tricksatteln, die jener ge\u00fcbte Kunstreiter in die Manege geworfen hat. Aus allen zusammen entsteht ein Theaterabend ohne Missverst\u00e4ndnisse, und fraglos auch einer f\u00fcr vieler Menschen Herz. Doch eben auch einer ohne Zwischent\u00f6ne, Sch\u00e4rfe oder Provokation. Ein K\u00f6nigreich f\u00fcr weniger Tricks!<\/p>\n<p class=\"text_besetzung\"><strong>Hard Times<\/strong><br \/>nach Charles Dickens<br \/>In einer Dramatisierung von Lucien Haug<br \/>Regie: Ant\u00fa Romero Nunes, B\u00fchne: Matthias Koch, Kost\u00fcme: Lena Sch\u00f6n, Helen Stein, Musik und Komposition: Anna Bauer, Lichtdesign: Jan Haas, Dramaturgie: David Heiligers, Dramaturgische Mitarbeit: Mehdi Moradpour. <br \/>Mit: Cino Djavid, Tilo Werner, Denis Grafe, Caroline Junghanns, Julian Greis, Torben Kessler, Lisa Hagmeister, Cath\u00e9rine Seifert, Lisa-Maria Sommerfeld, Jeremy Mockridge, Livemusik: Arne Bischoff, Laila Nysten, Timon Schempp, Johannes Wennrich.<br \/>Premiere am 25. April 2026, eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen<br \/>Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.thalia-theater.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">www.thalia-theater.de<\/a><a href=\"https:\/\/www.ruhrfestspiele.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">www.ruhrfestspiele.de<\/a><\/p>\n<p class=\"text_rundschau\">Kritikenrundschau<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich positiv berichtet <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buehne\/theaterberichte\/hamburg\/hard-times-am-thalia-theater-ueber-weite-strecken-pure-magie,hardtimes-104.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Katja Weise<\/a> im <strong>NDR<\/strong> (26.4.2026): &#8222;Nach der Pause verliert der knapp dreist\u00fcndige Abend an Kraft, aber der Spa\u00df, mit dem das fast durchweg toll spielende Ensemble hier bei der Arbeit ist, steckt an. Und im Theater k\u00f6nnen nur wenige solche Bilder zaubern wie Nunes.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Der Abend ist generell total altmodisch und passt damit auch fabelhaft&#8220;, findet <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/ant-romero-nunes-inszeniert-hard-times-nach-charles-dickens-in-hamburg-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener nofollow\">Michael Laages<\/a> f\u00fcr &#8222;Fazit&#8220; auf <strong>Deutschlandfunk Kultur<\/strong> (25.5.2026). Der Abend erzeuge &#8222;Zauber&#8220; und eine &#8222;enorme Spannung&#8220;, er ist &#8222;so leicht, so verspielt und mischt diese Ebenen \u2013 also das Grauenhafte des wirtschaftlichen Alltags und der Zerst\u00f6rung von Pers\u00f6nlichkeiten, und gleichzeitig ist es immer wie eine traurige Clownsgeschichte, die sich unter alles und \u00fcber alles legt&#8220;.<\/p>\n<p>    <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/459e9cf844ef41739d76bfb2fe21b78d.gif\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"26. April 2026. &#8222;Kunstreiter m\u00fcsste man sein&#8220;, findet Luisa am Schluss. 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