{"id":978755,"date":"2026-04-28T07:48:15","date_gmt":"2026-04-28T07:48:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/978755\/"},"modified":"2026-04-28T07:48:15","modified_gmt":"2026-04-28T07:48:15","slug":"kein-masterplan-putin-setzt-auf-stoerung-und-machterhalt-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/978755\/","title":{"rendered":"Kein Masterplan: Putin setzt auf St\u00f6rung und Machterhalt \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Vier Jahre nach Russlands gro\u00dfangelegter Invasion in der Ukraine verstehen westliche Beobachter die Strategie des Kremls immer noch nicht. Einige glauben, es gebe gar keine; Russlands Verhalten sei v\u00f6llig irrational und daher unvorhersehbar. Andere argumentieren das Gegenteil: Russland setze eine sorgf\u00e4ltig ausgearbeitete, langfristige revanchistische Vision um, bei der die Eroberung ukrainischen Territoriums nur der erste Schritt sei. Beide Erkl\u00e4rungen sind falsch. \u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Dass Russland seinen brutalen Krieg gegen die Ukraine begann und die europ\u00e4ische Sicherheitsarchitektur auf den Kopf gestellt hat, geschah nicht aus einer Laune heraus, und die Darstellung des Krieges durch den russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin als Kampf der Kulturen \u2013 als existenzieller Kampf gegen einen Westen, der darauf aus sei, Russland zu zerst\u00f6ren \u2013 ist kein blo\u00dfes Theater. Doch ist eine derartige Rhetorik auch kein Beweis f\u00fcr eine vollentwickelte imperiale Ideologie oder gar f\u00fcr einen umfassenden Plan zur Umgestaltung der Welt.<\/p>\n<p>Zwar betrachtet Putin Russland als Gro\u00dfmacht und zivilisatorisches Gegengewicht zum westlichen Liberalismus, doch verf\u00fcgt er weder \u00fcber einen koh\u00e4renten Plan zur Neugestaltung der Welt noch gar \u00fcber die F\u00e4higkeit dazu. Diese Schw\u00e4che pr\u00e4gt Russlands Entscheidungen. Da Russland nicht so m\u00e4chtig ist wie die Koalition, der es gegen\u00fcbersteht, konzentriert es sich nicht auf Herrschaft, sondern auf St\u00f6rung.<\/p>\n<p>Die resultierende \u201eStrategie\u201c ist weder zuf\u00e4lliger noch wohl\u00fcberlegter Art, sondern vielmehr unbest\u00e4ndig und eskalierend angelegt. Sie spiegelt zudem eine Hierarchie von Anliegen wider, die der Westen offenbar nicht vollst\u00e4ndig versteht. Putins oberste Priorit\u00e4t \u2013 der Gesichtspunkt, unter dem alle russischen au\u00dfenpolitischen Entscheidungen getroffen werden \u2013 war immer schon die Kontinuit\u00e4t und vor allem die souver\u00e4ne Kontrolle des Regimes, die vom Zusammenhalt der Elite und der inneren Stabilit\u00e4t abh\u00e4ngt.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Es ist kein Zufall, dass Putin die Ukraine angriff, nachdem sie ihre Absicht deutlich gemacht hatte, die Beziehungen zum Westen zu vertiefen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Putins zweite Priorit\u00e4t ist die Aufrechterhaltung der russischen Kontrolle \u00fcber seine Nachbarschaft, nicht zuletzt durch die Verhinderung von Eingriffen der NATO und der Europ\u00e4ischen Union. Zu diesem Zweck ist er bereit, massive Gewalt anzuwenden und au\u00dferordentliche Kosten in Kauf zu nehmen, darunter wirtschaftliche Schrumpfung, internationale Isolation und eine enorme Zahl von Opfern. Es ist kein Zufall, dass Putin die Ukraine angriff, nachdem sie ihre Absicht deutlich gemacht hatte, die Beziehungen zum Westen zu vertiefen. Mehr noch als Territorium will der Kreml die Ausrichtung der L\u00e4nder kontrollieren, die er nach wie vor als Teil seines Einflussbereichs betrachtet.<\/p>\n<p>Die Verhinderung der Konsolidierung einer \u201erusslandfeindlichen\u201c Weltordnung steht an dritter Stelle der Agenda. Es fehlt Russland an wirtschaftlichem Gewicht, an B\u00fcndnissen und ideologischer Attraktivit\u00e4t, um ein alternatives System aufzubauen. Es kann eine neue Ordnung auch nicht mit Gewalt durchsetzen. Was Russland als Atommacht mit enormen Energieressourcen und hoher Risikotoleranz tun kann, ist, als St\u00f6rer zu agieren und hybride Taktiken einzusetzen, die kosteng\u00fcnstiger und skalierbarer sind als die konventionelle Kriegsf\u00fchrung.<\/p>\n<p>In Europa bedeutet dies nicht Eroberung, sondern Angriffe, die auf den inneren Zusammenhalt der europ\u00e4ischen L\u00e4nder zielen. Energiedruck, Cyberoperationen und die Unterst\u00fctzung polarisierender und russlandfreundlicher Politiker in der EU dienen demselben Zweck wie die Bomben in der Ukraine: Sie erschweren eine gemeinsame Ausrichtung, sch\u00fcren Spaltung und behindern koordinierte Reaktionen.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber den USA setzt Russland auf ein kalkuliertes Risikospiel. Nukleare Signale und R\u00fcstungskontrolldiplomatie sind Instrumente, um die Anerkennung Russlands als unverzichtbarer Akteur und als Gro\u00dfmacht zu erzwingen \u2013 nicht um des Prestiges willen, sondern um eine Marginalisierung des Landes zu vermeiden. Das Ziel ist eine ausgehandelte Relevanz, nicht die Integration in eine vom Westen gef\u00fchrte Ordnung.<\/p>\n<p>Im Nahen Osten und in Teilen Afrikas sind Russlands Aktivit\u00e4ten weitgehend von Opportunismus gepr\u00e4gt. Die Intervention in Syrien hat Russlands regionales Profil bei begrenzten Kosten gest\u00e4rkt. Eine transaktionale Partnerschaft mit dem Iran st\u00e4rkt dessen F\u00e4higkeit, die westliche Dominanz herauszufordern \u2013 was Russland indirekt zugutekommt \u2013, ohne den Wettbewerb um regionalen Einfluss auszuschlie\u00dfen. F\u00fcr Putin besteht das Ziel nicht darin, die regionale Ordnung zu gestalten, sondern darin, Russlands Pr\u00e4senz kosteng\u00fcnstig auszubauen und sich dabei Flexibilit\u00e4t zu bewahren.<\/p>\n<p>So betrachtet spiegelt Russlands Verhalten ebenso sehr Zur\u00fcckhaltung wie Ehrgeiz wider. Putin eskaliert, wenn Russlands Kerninteressen auf dem Spiel stehen, und er handelt transaktional, wenn dies nicht der Fall ist. Reputationssch\u00e4den zum Wohle der Kontinuit\u00e4t des Regimes und strategischer Tiefe sind ein Preis, den zu zahlen sich lohnt. Und Investitionen in Fragmentierung schaffen neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine russische Einflussnahme.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Russlands Streben nach Einfluss schafft M\u00f6glichkeiten f\u00fcr transaktionales Engagement.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Vers\u00e4umnis des Westens, die Absichten des Kremls richtig zu deuten, f\u00fchrt zu politischen Fehlern. Hierzu geh\u00f6ren die mangelnde Vorbereitung auf Eskalationen, eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Konzentration auf die Abschreckung territorialer Expansion und das fehlgeleitete Vertrauen in Sanktionen. Wenn das Regime seine Legitimit\u00e4t teilweise auf die Behauptung st\u00fctzt, externe Kr\u00e4fte wollten die russische Zivilisation zerst\u00f6ren, dann st\u00e4rkt die wirtschaftliche N\u00f6tigung durch diese Kr\u00e4fte seine Glaubw\u00fcrdigkeit. In diesem Sinne k\u00f6nnten Sanktionen Putins oberstes Ziel der Konsolidierung des Regimes sogar unterst\u00fctzen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der immer wiederkehrenden Hoffnung auf diplomatische \u201eNeustarts\u201c: Spannungen werden mitunter f\u00e4lschlich als Frage des Tons verstanden, statt als Ausdruck grundlegender strategischer Zielkonflikte.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen reichen \u00fcber Europa und Nordamerika hinaus. F\u00fcr Mittelm\u00e4chte und Schwellenl\u00e4nder ist der Aufbau von Resilienz, auch durch Zusammenarbeit, unerl\u00e4sslich. Russlands Streben nach Einfluss schafft M\u00f6glichkeiten f\u00fcr transaktionales Engagement. Wo seine Interessen eher instrumenteller als existenzieller Art sind, k\u00f6nnen L\u00e4nder seinen Einfluss begrenzen und gelegentlich profitieren.<\/p>\n<p>Doch birgt ein Engagement mit Russland auch Risiken. Fragmentierte Systeme sind leichter zu durchdringen. Polarisierte Gesellschaften lassen sich leichter unter Druck setzen. Fragile Institutionen lassen sich leichter behindern. Russland ist sich dessen sehr wohl bewusst und hat sich als geschickt darin erwiesen, Koordinierung zu st\u00f6ren, Spaltung zu f\u00f6rdern und institutionelle Schw\u00e4chen auszunutzen, um seine Interessen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Russland kann keine koh\u00e4rente alternative Weltordnung aufbauen, aber es kann den Zusammenhalt innerhalb der bestehenden Weltordnung untergraben. Die Staats- und Regierungschefs der Welt sollten sich daher auf fortgesetztes St\u00f6rverhalten vorbereiten, indem sie die Widerstandsf\u00e4higkeit st\u00e4rken, die Zusammenarbeit intensivieren und attackierte Partnerschaften zwischen souver\u00e4nen Staaten verteidigen.<\/p>\n<p>\u00a9 Project Syndicate<\/p>\n<p>Aus dem Englischen von Jan Doolan<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Vier Jahre nach Russlands gro\u00dfangelegter Invasion in der Ukraine verstehen westliche Beobachter die Strategie des Kremls immer noch&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":978756,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":"","_share_on_mastodon":"0"},"categories":[4013],"tags":[331,332,2026,663,13,120150,4046,212135,14,1159,15,111,4043,4044,850,307,12,13113,317,64,82694,12207],"class_list":["post-978755","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-russland","tag-aktuelle-nachrichten","tag-aktuelle-news","tag-eskalation","tag-europa","tag-headlines","tag-invasion","tag-krieg","tag-machterhalt","tag-nachrichten","tag-nato","tag-news","tag-putin","tag-russia","tag-russian-federation","tag-russische-foederation","tag-russland","tag-schlagzeilen","tag-strategie","tag-ukraine","tag-usa","tag-weltordnung","tag-westen"],"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116481235856993223","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/978755","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=978755"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/978755\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/978756"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=978755"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=978755"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=978755"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}