{"id":985886,"date":"2026-05-01T04:10:31","date_gmt":"2026-05-01T04:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/985886\/"},"modified":"2026-05-01T04:10:31","modified_gmt":"2026-05-01T04:10:31","slug":"kunsthalle-der-letzte-schrei-von-lassnig-und-munch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/985886\/","title":{"rendered":"Kunsthalle: Der letzte Schrei \u2013 von Lassnig und Munch"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Drei gro\u00dfe Vorbilder hat die \u00f6sterreichische K\u00fcnstlerin Maria Lassnig (1919\u20132014) hinter sich versammelt: Auf ihrem Selbstbildnis mit dem Titel \u201eTraditionskette\u201c pr\u00e4sentiert sie sich zusammen mit B\u00fcsten von Vincent van Gogh, Edvard Munch und Diego Vel\u00e1zquez. Mit diesen Malern, die Lassnig hier zu Wahl-Ahnen macht, teilte sie ein Interesse am eigenen Innenleben. Mit ihrem \u201eLiebling\u201c Munch (1863\u20131944), dem sie pers\u00f6nlich nie begegnet ist, hatte Lassnig au\u00dferdem Experimentierfreude, den Sinn f\u00fcr ausdrucksstarke Farben und die symbolische Bildsprache gemeinsam.<\/p>\n<p>Leihgaben aus dem Munchmuseet Oslo<\/p>\n<p>Weitere \u00fcberraschende Parallelen zwischen der Malerin aus K\u00e4rnten und dem Norweger sind in der rund 200 Werke umfassenden Ausstellung \u201eMaria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss\u201c in der Kunsthalle zu entdecken. Dabei offenbart sich Munchs Einfluss auf Lassnig; gleichzeitig ver\u00e4ndert sich durch den Vergleich mit der \u00fcber ein halbes Jahrhundert j\u00fcngeren K\u00fcnstlerin unser Blick auf sein \u0152uvre. \u201eIm Dialog sieht man die jeweiligen Positionen neu\u201c, sagt Brigitte K\u00f6lle, Kuratorin und Leiterin der Galerie der Gegenwart \u00fcber ihre Blockbuster-Ausstellung der ersten Jahresh\u00e4lfte.<\/p>\n<p>Auf zwei Etagen korrespondieren Leihgaben aus dem Munchmuseet Oslo, dem Kunsthaus Z\u00fcrich, der Maria Lassnig Stiftung, der Albertina Wien und vielen weiteren \u00f6ffentlichen und privaten Sammlungen. Der Rundgang zieht thematisch immer gr\u00f6\u00dfere Kreise, bewegt sich von der f\u00fcr beide K\u00fcnstler wichtigen Gattung des Selbstportr\u00e4ts \u00fcber das Verh\u00e4ltnis der Geschlechter, zur Natur und zum Tod bis hin zu kosmischen Dimensionen.<\/p>\n<p>Verletzte Seele und \u201eK\u00f6rperbewusstseinszeichnungen\u201c<\/p>\n<p>Beide Maler setzten sich in ihren Selbstportr\u00e4ts intensiv mit dem Verh\u00e4ltnis von Innen und Au\u00dfen auseinander, blickten hinter die Fassade. So schabte Munch auf einem Bildnis seiner Selbst von 1886 die dick aufgetragenen Farbschichten stellenweise wieder ab, als habe er dem Portr\u00e4t Wunden zuf\u00fcgen wollen. Der psychisch labile K\u00fcnstler, dessen Mutter und Schwester fr\u00fch an Tuberkulose starben, verwies durch die grobe Behandlung des Materials auf die Verletzungen seiner Seele.<\/p>\n<p>Lassnig hingegen stellte auf ihrem Selbstbildnis \u201eZwei Arten zu sein\u201c einerseits ihre \u00e4u\u00dfere Erscheinung dar, andererseits malte sie eine aufgeklappte Version ihres K\u00f6rpers und legte ein abstraktes Innenleben frei. \u201eDa ist sie einzigartig: Sie zeigt nicht nur den Blick von au\u00dfen, sondern auch das, was sie in dem Moment f\u00fchlt\u201c, erkl\u00e4rt K\u00f6lle. Ihr K\u00f6rperempfinden dr\u00fcckte die Malerin und Grafikerin in \u201eK\u00f6rperbewusstseinszeichnungen\u201c und \u201eBody Awareness Paintings\u201c aus. \u201eWie kann man etwas wahrnehmen und es zugleich in Bilder fassen?\u201c Diese Frage habe sich Lassnig immer wieder gestellt, so die Kuratorin.<\/p>\n<p>Die verf\u00fchrerische Frau als Madonna oder Vampirin<\/p>\n<p>Die K\u00fcnstler gingen jeweils \u00fcber die Malerei hinaus: Munch experimentierte mit der Fotografie und setzte sich in verschiedenen Rollen ins Lichtbild. Lassnig, die nach acht Pariser Jahren seit 1968 in New York lebte, sich dort mit Animationsfilmen besch\u00e4ftigte und in der Frauenbewegung engagierte, inszenierte sich in einem eigenen Film selbstironisch als B\u00e4nkels\u00e4ngerin und beschrieb, passend kost\u00fcmiert, die amerikanische Lebensart. Auf Doppelbildnissen setzten sich Lassnig und Munch, die beide unverheiratet blieben, auf \u00e4hnliche Weise mit Geschlechterrollen und Paarbeziehungen auseinander: Die portr\u00e4tierten Eheleute blicken meist aneinander vorbei, wirken resigniert. <\/p>\n<p>Zugleich lie\u00df Munch, dessen Biografie von schwierigen Liebesverh\u00e4ltnissen gepr\u00e4gt war, die verf\u00fchrerische Frau auch als unnahbare Madonna oder blutsaugende Vampirin erscheinen; auf die Anziehung folgt der Kuss und anschlie\u00dfend die \u201eLosl\u00f6sung\u201c. Lassnig ihrerseits verkn\u00fcpfte auf dem Bild \u201eBe-Ziehungen\u201c verschiedene undefinierbare K\u00f6rperteile durch eine Linie miteinander. Auf einem anderen Gem\u00e4lde lie\u00df die K\u00fcnstlerin, die in Wien lange als Professorin f\u00fcr Gestaltungslehre und experimentelles Gestalten gewirkt hat, Menschen im \u201eMalfluss\u201c schwimmen oder darin versinken.<\/p>\n<p>\u201eVom Tode gezeichnet\u201c<\/p>\n<p>Eine weitere Gemeinsamkeit war die Besch\u00e4ftigung mit Tiermotiven, die als Stellvertreter des Menschen oder gar Partner fungieren. Beide K\u00fcnstler teilten den Tieren Geschlechter zu, bei Munch tritt ein \u201eUntreuer Truthahn auf\u201c und ein Mann verwandelt sich in einen Panther. Derweil lie\u00df Lassnig ihr Selbst einen Gorilla als \u201egeliebten Vorvater\u201c umarmen oder \u201eMit einem Tiger schlafen\u201c. Ureigen menschlich sind indes die H\u00e4nde, die in beiden \u0152uvres oft hervorgehoben werden. <\/p>\n<p>Munch entwarf ein Selbstportr\u00e4t, das von einem Skelettarm begrenzt wird, und Lassnig gab ihren Pinsel an einen Knochenmann ab, das Gem\u00e4lde hei\u00dft \u201eVom Tode gezeichnet\u201c. Um vergleichendes Sehen geht es in der Schau auch bei den Frauenbildnissen: Neben Munchs \u201eLiegendem weiblichen Akt\u201c von 1914 h\u00e4ngt Lassnigs aus abstrakten Formen zusammengesetzter \u201eWei\u00dfer K\u00f6rper\u201c. Durch den Dialog der Bilder verwandelt sich das ungegenst\u00e4ndliche Motiv in unserer Vorstellung ebenfalls in einen Akt, die wei\u00dfe Fl\u00e4che wird nun mit Haut assoziiert.<\/p>\n<p>Lassnigs \u201eSchreiender\u201c steht Munchs \u201eDer Schrei\u201c gegen\u00fcber<\/p>\n<p>Mit der Landschaft, die sich als B\u00fchne f\u00fcr Gem\u00fctsverfassungen eignet, haben sich die \u00d6sterreicherin und der Norweger ebenfalls besch\u00e4ftigt. Bei Munch badet eine Frau im \u201eMeer der Liebe\u201c, Visionen tauchen aus den Fluten auf und eine Insel ist wie ein Mund geformt, w\u00e4hrend Lassnig ihre Protagonistin in der \u201eGro\u00dfen Welle\u201c versinken l\u00e4sst oder unter einem Gebirge begr\u00e4bt: \u201eMensch und Landschaft gehen ineinander \u00fcber, alles ist belebt, alles spricht zu uns\u201c, sagt K\u00f6lle. <\/p>\n<p>Der expressive Ausdruck von Gef\u00fchlen einte die K\u00fcnstler: Lassnigs \u201eSchreiender\u201c, der sich beide Augen zuh\u00e4lt, steht eine Lithografie des ber\u00fchmten Munch-Bildes \u201eDer Schrei\u201c gegen\u00fcber, auf dem ein verzweifelter Mensch sich mit den H\u00e4nden die Ohren verschlie\u00dft. Am Ende tritt Ruhe ein, hier geht es um den Kreislauf des Lebens, um die verschiedenen Alter und Lebensphasen, die bei Munch sowie Lassnig zugleich pr\u00e4sent sind. Eine jenseitige Fortsetzung scheint m\u00f6glich: Der Maler l\u00e4sst Mann und Frau losgel\u00f6st von der Erde auf ein buntes Licht zuschweben, die Malerin befreit einen \u201eUnschuldigen Blick\u201c aus irdischen Schranken, sodass er sich im tiefblauen Raum ausbreiten kann.<\/p>\n<p>Kunsthalle: \u201eMaria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss\u201c, bis 30. August<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Drei gro\u00dfe Vorbilder hat die \u00f6sterreichische K\u00fcnstlerin Maria Lassnig (1919\u20132014) hinter sich versammelt: Auf ihrem Selbstbildnis mit dem&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":985887,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,91971,214,30,28226,1794,83828,213353,30537,29531,147516,45,215],"class_list":{"0":"post-985886","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-edvard","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-hamburger-kunsthalle","14":"tag-kunst-und-design","15":"tag-kunstausstellungen-ks","16":"tag-lassnig","17":"tag-maria","18":"tag-muench","19":"tag-pohle-julika","20":"tag-texttospeech","21":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116497365542737585","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/985886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=985886"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/985886\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/985887"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=985886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=985886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=985886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}