{"id":98638,"date":"2025-05-10T04:10:08","date_gmt":"2025-05-10T04:10:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/98638\/"},"modified":"2025-05-10T04:10:08","modified_gmt":"2025-05-10T04:10:08","slug":"die-kuenstlerin-ute-richter-erinnert-an-eine-pionierin-der-arbeiterbildung-in-leipzig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/98638\/","title":{"rendered":"Die K\u00fcnstlerin Ute Richter erinnert an eine Pionierin der Arbeiterbildung in Leipzig"},"content":{"rendered":"<p class=\"text\">\nMunter blicken die jungen Leute auf dem historischen Schwarzwei\u00dffoto in die Kamera. Manche stehen auf Skiern, andere haben sich auf einem Schlitten drapiert. &#8222;Winterausflug Schule der Arbeit und M\u00e4delsheim Hohe Stra\u00dfe nach Johann-Georgen-Stadt 1928&#8220;, verr\u00e4t die handschriftliche Notiz auf der R\u00fcckseite. Trotz der f\u00fcr unsere heutigen Augen eher unzul\u00e4nglichen Winterbekleidung, aus Strickpullovern, knielangen Hosen oder R\u00f6cken und wollenen Kniestr\u00fcmpfen, scheinen sie den Tag im Schnee sehr zu genie\u00dfen.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nSicher ein seltener Luxus in ihrem Leben, denn die Jugendlichen sind &#8222;einfache&#8220; Arbeiterinnen und Arbeiter. Die Leipziger Medienk\u00fcnstlerin Ute Richter stie\u00df w\u00e4hrend ihrer Recherche zur &#8222;Schule der Arbeit&#8220; im Archiv des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig auf das Foto. Solche gemeinsamen Ausfl\u00fcge waren Teil des Lehrplans, erz\u00e4hlt Richter. Stattdessen verzichtete man auf autorit\u00e4re Strukturen. &#8222;Das war eine Art Empowerment f\u00fcr junge Leute. Die haben im Obergeschoss gewohnt, immer im Turnus von neun bis zw\u00f6lf Monaten. Und die waren alle in Lohn und Brot&#8220;, sagt Richter.\n<\/p>\n<p><a name=\"WG\"><strong>WG<\/strong><\/a><strong>-Leben mit Diskussionen und Kultur statt autorit\u00e4rer Strukturen<\/strong><\/p>\n<p class=\"text\">\nNach der Arbeit wurde miteinander diskutiert, es gab, innerhalb der Fabrik, Vortr\u00e4ge und kulturelle Angebote. &#8222;Das war ein reformerischer Ansatz, die Arbeiter in ihren Strukturen zu bilden&#8220;, sagt Richter. Leipzig war Anfang des 20. Jahrhunderts ein industrielles Zentrum mit einer starken Arbeiterbewegung. Die Stadt habe damals erkannt, dass Demokratie  durch Bildung der Arbeiter zu erreichen ist, so die K\u00fcnstlerin.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDie Medienk\u00fcnstlerin rekonstruiert in ihrem Buch die Geschichte dieser &#8222;Schule der Arbeit&#8220; anhand von Fotos, Dokumenten und Ausz\u00fcgen aus Fachb\u00fcchern der Schulgr\u00fcnderin Gertrud Hermes. Hermes beauftragte damals den Architekten Johannes Niemeyer mit dem Neubau am Rand des Auwaldes in Leipzig-Schleu\u00dfig. Die Abbildungen aus dieser Zeit zeigen einen modernen Kubus, der zur Gartenseite durch eine Glasfront ge\u00f6ffnet ist. <\/p>\n<p>Innaufnahmen und Grundrisse zeugen davon, wie zweckm\u00e4\u00dfig und sch\u00f6n auch das Hausinnere gestaltet war. &#8222;Das Tolle an diesem Geb\u00e4ude&#8220;, schw\u00e4rmt Ute Richter: &#8222;Es hatte nicht nur eine moderne Form, sondern auch eine ganz moderne Haustechnik&#8220;.\n<\/p>\n<p><a name=\"Kuenstlerbuch\"><strong>K\u00fcnstlerbuch<\/strong><\/a><strong> als mobiles Denkmal f\u00fcr Gr\u00fcnderin Gertrud Hermes<\/strong><\/p>\n<p class=\"text\">\nFlie\u00dfend warmes Wasser, Zentralheizungen und moderne sanit\u00e4re Anlagen \u2013 ein Niveau, das zu dieser Zeit eigentlich dem B\u00fcrgertum vorenthalten war. Mit ihrem egalit\u00e4ren Ansatz war die Schulleiterin Gertrud Hermes, die selbst mit in der Wohngemeinschaft der Arbeiter lebte, eine herausragende Akteurin innerhalb der Stadtgesellschaft.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nUmso weniger ist zu verstehen, warum Hermes, ebenso wie ihre &#8222;Schule der Arbeit&#8220;, in Vergessenheit geraten konnte. Die Einrichtung am Rand des Leipziger Auwaldes existierte nur f\u00fcr f\u00fcnf Jahre.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n1933 wurde sie zun\u00e4chst von rechten Schl\u00e4gern \u00fcberfallen, kurz darauf von der Stadtverwaltung geschlossen und das gesamte Kapital konfisziert. In der DDR wurde das Geb\u00e4ude anderweitig genutzt und 2004 von der Stadt verkauft.\n<\/p>\n<p>&#8222;Schule der Arbeit&#8220; ist heute ein Wohnhaus<\/p>\n<p class=\"text\">\nHeute ist das Geb\u00e4ude zu einer Privatwohnung umgebaut. Dabei gebe es in Leipzig nur wenige H\u00e4user aus der Moderne, so Richter.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\n&#8222;Dass die Stadt das Geb\u00e4ude ohne Not verkauft hat und damit das Erbe dieser Geschichte nicht angetreten ist, ist ein Skandal.&#8220;<\/p>\n<p>Auch auf der Liste der Ehrenb\u00fcrgerinnen der Stadt Leipzig sucht man den Namen Gertrud Hermes vergeblich. Ute Richter setzt dem Haus und der Schulgr\u00fcnderin Gertrud Hermes mit ihrem Buch, das den Charakter einer Materialsammlung hat, ein l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lliges Denkmal. Dass deren Konzept auf fruchtbaren Boden fiel, davon zeugen die Zitate von jungen Arbeiterinnen und Arbeitern, die das Buch strukturieren.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuf Frageb\u00f6gen, die Gertrud Hermes entwickelt hatte, geben die jungen Schlosser, Bergarbeiter oder Dreher Auskunft \u00fcber ihre Gedanken, Sorgen und W\u00fcnsche. Vieles von dem, wor\u00fcber in der Schule der Arbeit diskutiert wurde, k\u00f6nnte uns auch heute weiterhelfen, davon ist Ute Richter \u00fcberzeugt.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nUnd sie fragt: &#8222;Wenn man nicht diesen Arbeiter der Vergangenheit sucht, sondern \u00fcberall \u2013 bei den Paketboten, im Gesundheitswesen, vielleicht auch in den Bildungseinrichtungen \u2013 schaut: Was sind das f\u00fcr Strukturen und wie kann man sie \u00e4ndern, damit sich alle wohler f\u00fchlen?&#8220;\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas Buch &#8222;Prototyp 1928\u201333&#8220; ist Teil einer gr\u00f6\u00dferen k\u00fcnstlerischen Arbeit, in der Ute Richter die Schule der Arbeit und das Lebenswerk Gertrud Hermes aus dem Vergessen zur\u00fcckholen will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Munter blicken die jungen Leute auf dem historischen Schwarzwei\u00dffoto in die Kamera. 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