{"id":986467,"date":"2026-05-01T10:09:39","date_gmt":"2026-05-01T10:09:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/986467\/"},"modified":"2026-05-01T10:09:39","modified_gmt":"2026-05-01T10:09:39","slug":"deutschland-kommt-nicht-vom-fleck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/986467\/","title":{"rendered":"Deutschland kommt nicht vom Fleck"},"content":{"rendered":"<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              \u201eGenossen, es wird Zeit, die G\u00fcrtel enger zu schnallen.\u201c \u2013 \u201eKlar, Genosse. Aber wo gibt\u2019s denn G\u00fcrtel?\u201c Der alte Witz aus den Fluren des Breschnewschen Stillstands klingt heute erstaunlich vertraut. Deutschland \u00fcbt sich im Verzichtspathos, w\u00e4hrend selbst die kleinen Fluchten schwieriger werden: Urlaub, Mobilit\u00e4t, Aufstieg, Unternehmertum.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Man h\u00f6rt allenthalben, dass es in der Ferne wom\u00f6glich besser sein k\u00f6nnte. Die Gewissheit, dass hohe Lebensqualit\u00e4t fortbesteht, im Alter, am Lebensabend, aber auch schon morgen und \u00fcbermorgen, weicht hierzulande den Sorgenfalten.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Berlin ist das Symbol einer dahindarbenden Vergangenheitsromantik: eine Stadt, die sich ohne Vision von einem Tag in den n\u00e4chsten schleppt. Die L\u00f6sung mag im therapeutischen Streben in der Ferne liegen. Aber was, wenn diese Ferne unerreichbar wird? Wenn das Geld knapper wird und selbst Deutschland zunehmend ignoriert wird, zumindest als Destination? Wie konnte es dazu kommen?\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Am Beispiel der Hauptstadt der Berliner Republik zeigt der \u201ekranke Mann Europas\u201c, der seit 2019 kaum noch wirtschaftliche Potenz entfaltet, sein Antlitz. Gefangen in den Routinen einer weiteren Regierungskoalition ausbleibender Reformen. Der Kapit\u00e4n, der den Tanker Deutschland auf Kurs bringen soll, ist unterdessen der unbeliebteste Regierungschef der westlichen Welt \u2013 bei rekordhohen Schulden. Die Implosion wirkt unaufhaltbar. Nur: Wohin gehen? Und womit?\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Selbst die kleine Flucht ist inzwischen politisch kontaminiert. In die H\u00e4nde spucken und einmal im Jahr nach Malle? Eher nicht. Matthias Hochst\u00e4tter beschreibt, wie ein perfekter Sturm aus fehlgeleiteter Energiepolitik inzwischen ganz banal den sozialen Vertrag ins Wanken bringt \u2013 bis hinein in Alltag und Urlaubspl\u00e4ne.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Fr\u00fcher ging es mit Geld und Flugticket aus einem Berlin mit internationalen Ambitionen hinaus in die Welt. Heute wird es selbst dann schwieriger, wenn das Geld noch reicht. Der \u201eBig City\u201c-Airport BER steht inzwischen f\u00fcr das Gegenteil seiner Verhei\u00dfung: teuer, unattraktiv, abgeh\u00e4ngt. Anne-Kattrin Palmer und Oliver Weinlein zeigen, wie hohe Standortkosten, Kerosinfragen, Ryanair-R\u00fcckzug und die ewigen Pleiten den Flughafen ausbremsen, w\u00e4hrend an der Spitze weiter \u00fcppig verdient wird. Berlin w\u00e4re gern Weltstadt. Nur fliegt die Welt immer \u00f6fter woanders ab.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Dass dies kein blo\u00dfer Betriebsunfall ist, wird im Gespr\u00e4ch mit Joachim Lang deutlich. Der Chef der deutschen Luftverkehrsbranche geht hart mit der Politik ins Gericht. Die Bedingungen hierzulande seien nicht nur schlechter als in den Nachbarl\u00e4ndern, sie w\u00fcrden politisch auch immer weiter verschlechtert. Steuern, Geb\u00fchren, Regulierung \u2013 Deutschland bremst sich selbst aus und wundert sich anschlie\u00dfend \u00fcber den Stillstand.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Wer angesichts stagnierender Verdienstchancen und wachsender Abgabenlast auf unternehmerische Selbstrettung hofft, d\u00fcrfte ern\u00fcchtert werden. K\u00f6nnen Vision\u00e4re hierzulande auf mehr hoffen als ein Mahnschreiben vom Amt und eine nicht genehmigte Betriebsst\u00e4tte? Der W\u00fcrgegriff einer kostspieligen Funktion\u00e4rskaste vertreibt jene, die noch etwas erschaffen wollen. Wer kann und bei Sinnen ist, denkt nicht \u00fcber den \u201eExit\u201c, sondern den m\u00f6glichen existenzbesicherten Exitus nach.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Bleibt also das selbstgew\u00e4hlte Gef\u00e4ngnis. In alter masochistischer Tradition gilt: wie bestellt, so bekommen. Barbara Russ fragt, wo der sch\u00f6nste Knast (f\u00fcr die m\u00f6gliche Selbstgei\u00dfelung?) steht, vom Panoptikum zum Boutiquehotel. Stoff f\u00fcr neue \u201eErniedrigte und Beleidigte\u201c: Menschen, die sich ihre Zumutungen selbst auferlegen und anschlie\u00dfend die Hausordnung dazu schreiben! Dostojewski h\u00e4tte seine Freude an diesem Zeitgeist.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Ich w\u00fcnsche Ihnen eine anregende Lekt\u00fcre \u2013 und einen G\u00fcrtel, der noch ein Loch \u00fcbrig hat.\n            <\/p>\n<p class=\"text-black text-[17px] leading-7 font-normal font-merriweather\">\n              Ihr<br \/>Alexander Dergay<\/p>\n<p>Dieses Editorial erschien in der Berliner Zeitung am Wochenende\u00a0vom 01. Mai 2026. mit dem Titelthema: \u201eGefangen in Deutschland\u201c\n            <\/p>\n<p>                    <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/images\/blz\/send-mail.svg\" alt=\"Send feedback\"\/><\/p>\n<p>Lesen Sie mehr zum Thema<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eGenossen, es wird Zeit, die G\u00fcrtel enger zu schnallen.\u201c \u2013 \u201eKlar, Genosse. 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